übersetzt von Frank Nārada Ziesing
Als Autor dieses Traktates von 144 Versen gilt Śaṅkaracārya. Doch wer ist damit gemeint? Im Text wird Haṭha-Yoga als Hilfsdisziplin empfohlen, und ein 15-stufiger Yogaweg wird angesprochen, der eine Kombination aus Patañjalis 8-gliedrigem Yoga mit Haṭha-Yoga-Erweiterungen ist. Die Bezeichnung Haṭhayoga als eigene Disziplin kommmt erst ab dem 11. Jhd. n. Chr. auf. Deshalb dürfte unser Text erst danach entstanden sein. Damit kommt der berühmte Philosoph Śaṅkaracārya, der wahrscheinlich im 7. oder 8. Jhd n. Chr. lebte, nicht als Autor in Frage. Da sein Name aber als Titel von den Äbten seiner Klöster benutzt wurde, dürfte ein unbekannter Abt eines Klosters in der Nachfolge von Śaṅkaracārya der Autor gewesen sein.
Der Originaltext beinhaltet keinerlei Gliederung. Zur besseren Übersicht habe ich Zwischenüberschriften hinzugefügt.
Als Sanskrit-Textgrundlage diente die Ausgabe von Swami Vimuktananda: Aparokṣānubhūti of Śrī Śaṅkaracārya. Advaita Ashrama, Calcutta 1938
śrī-hariṃ paramānandam
upadeṣṭāram īśvaram |
vyāpakaṃ sarvalokānāṃ
kāraṇaṃ taṃ namāmy aham || 1 ||
Vor Gott, der die höchste Seligkeit ist, der der Lehrer und Gebieter ist und die alldurchdringende Ursache aller Welten, vor dem verneige ich mich.
śrī- glückverheißend harim akk m sg den Hari, Vishnu/Krishna paramānandam akk m sg den der die höchste Seligkeit ist upadeṣṭāram akk m sg den Lehrer īśvaram akk m sg den Gebieter vyāpakam akk m sg den alldurchdringenden sarva- alle, jeder lokānāṃ gen pl m der Welten kāraṇam akk m sg Ursache tam akk m sg den namāmi 1 sg präs verneige mich vor aham ich
aparokṣānubhūtir vai
procyate mokṣa-siddhaye |
sadbhir eva prayatnena
vīkṣaṇīyā muhur muhuḥ || 2 ||
Die unmittelbare spirituelle Erfahrung wird zum Gelingen der Befreiung verkündet. Mit Bemühung sollten die Noblen wieder und wieder ihre Aufmerksamkeit darauf richten.
aparokṣānubhūtiḥ nom f sg die unmittelbare Erfahrung vai wahrlich procyate 3 sg pass präs wird verkündet mokṣa- Befreiung siddhaye dat f sg für den Erfolg, das Gelingen sadbhiḥ inst pl m von den Guten/Edlen eva wahrlich prayatnena inst m sg mit Bemühung vīkṣaṇīyā nom f sg worauf die Aufmerksamkeit zu richten ist (bezieht sich auf aparokṣānubhūtiḥ) muhur muhuḥ adv wieder und wieder
svavarṇāśrama-dharmeṇa
tapasā hari-toṣaṇāt |
sādhanaṃ prabhavet puṃsāṃ
vairāgyādi-catuṣṭayam || 3 ||
Durch die Aufgaben der eigenen sozialen Gruppe und des Lebensabschnitts, durch Tapas, durch Erfreuen Gottes können die vier Mittel zum spirituellen Erfolg für Menschen entstehen, die mit Vairāgya beginnen.
sva- eigen varṇa- Farbe, Charakter, Kaste āśrama- Lebensstadium dharmeṇa inst m sg durch Pflicht, gute Werke tapasā inst n sg durch Tapas hari- Vishnu/Krishna toṣaṇāt inst n sg durch Erfreuen sādhanam nom n sg zum Ziel führendes Mittel prabhavet 3 sg opt möge entstehen puṃsām gen m pl für Menschen vairāgya- völlige Gelassenheit ādi- beginnend mit catuṣṭayam nom n sg das aus Vieren bestehende
Der spirituelle Weg wird hier als mehrstufiger Prozess dargelegt. Vier Geisteshaltungen sind die Grundlagen. Man erlangt sie entweder durch Karma-Yoga (svavarṇāśrama-dharmeṇa), durch Rāja-Yoga (tapasā) oder durch Bhakti-Yoga (hari-toṣanāt).
brahmādi-sthāvarānteṣu
vairāgyaṃ viṣayeṣv anu |
yathaiva kāka-viṣṭhāyāṃ
vairāgyaṃ tad dhi nirmalam || 4 ||
Vairāgya, Gelassenheit gegenüber dem Sinnesbereich, angefangen von dem des Schöpfers bis hin zu dem der unbeweglichen Wesen, die wie gegenüber Vogelschiss ist, diese Gelassenheit wahrlich ist makellos.
brahma- Brahmā der Schöpfer, Brahmās Welt, Brahmaloka ādi- angefangen mit sthāvara- immobil, Pflanzenwelt, unbewegliches Gut anteṣu lok pl m bis zu dem was endet mit vairāgyam nom n sg Gelassenheit viṣayeṣu lok pl m in/zu Sinnesobjekten anu adv hin, nach yathā wie eva wahrlich kāka- Krähe viṣṭhāyām lok f sg im/zum Kot vairāgyam nom n sg Gelassenheit tat nom n sg das hi nämlich nirmalam nom n sg makellos
nityam ātma-svarūpaṃ hi
dṛśyaṃ tad-viparītagam |
evaṃ yo niścayaḥ samyag
viveko vastunaḥ sa vai || 5 ||
Beständigkeit ist das Eigenwesen des Selbstes, Sichtbares steht im Gegensatz dazu. Eine solche klare Überzeugung, das ist Viveka, Unterscheidung der Tatsachen.
nityam nom n sg ewig, beständig ātma- Selbst svarūpam nom n sg Eigenwesen hi nämlich dṛśyam nom n sg zu sehendes tat- das, dem viparīta- ppp umgekehrt gam nom n sg gehend, sich befindend evam auf diese Weise yaḥ nom m sg jene niścayaḥ nom m sg Überzeugung samyak adv auf einen Punkt gerichtet, richtig vivekaḥ nom m sg Unterscheidung vastunaḥ gen n sg der Tatsache saḥ nom m sg dieser vai adv wahrlich
sadaiva vāsanā-tyāgaḥ
śamo ‘yam iti śabditaḥ |
nigraho bāhya-vṛttīnāṃ
dama ity abhidhīyate || 6 ||
Innewohnende Eindrücke und Wünsche, Vāsanās, immer loszulassen, dieses heißt Śama, Gemütsruhe.
Das Hemmen der Orientierung nach außen heißt Dama, Selbstbeherrschung.
sadā immer, jedesmal eva wahrlich vāsanā- Wünsche tyāgaḥ nom m sg Entsagen, Verstoßen, Aufgeben śamaḥ nom m sg Gemütsruhe, Seelenruhe ayam nom m sg diese iti also śabditaḥ nom m sg ppp genannt, heisst nigrahaḥ nomm sg das Ergreifen, Hemmen bāhya- draußen, außerhalb befindlich vṛttīnām inst f sg von den Gedanken damaḥ nom m sg Selbstbeherrschung iti also abhidhīyate 4 sg pass präs wird genannt
viṣayebhyaḥ parāvṛttiḥ
paramoparatir hi sā |
sahanaṃ sarvaduḥkhānāṃ
titikṣā sā śubhā matā || 7 ||
Das sich Abwenden von Sinnesdingen ist die beste Uparati, freudige Stille.
Das Ertragen aller Unannehmlichkeiten ist Titikṣā, Geduld, die als Glück bringend angesehen wird.
viṣayebhyaḥ- abl pl m von den Sinnesobjekten parā- weg, fort vṛttiḥ nom f sg Drehen, Verfahren, Benehmen parama-höchte uparatiḥ nom f sg zur ruhe kommen hi nämlich sā nom f sg sie, diese sahanam nom n sg das geduldige Ertragen sarva- all, jeder duḥkhānām gen pl n des Unangenehmens titikṣā nom f sg Geduld sā nom f sg sie śubhā- angenehm, erfreulich, glückverheißend matā nom f sg ppp Meinung, Ansicht, Lehre
nigamācārya-vākyeṣu
bhaktiḥ śraddheti viśrutā |
cittaikāgryaṃ tu sallakṣye
samādhānam iti smṛtam || 8 ||
Hingabe an die Worte der Heiligen und die des Lehrers wird Śraddhā, Vertrauen, genannt.
Das Fokussieren des Geistes auf das was als unveränderliches Sein erkennbar ist, ist bekannt als Samādhānam, tiefe Meditation.
nigama- heiliger Text, heilige Lehre ācārya- Lehrer vākyeṣu lok n pl in/zu den Aussagen bhaktiḥ nom f sg Hingabe śraddhā nom f sg vertrauensvoller Glaube iti also viśrutā nom f sg ppp ist bekannt als citta- denkender Geist ekāgryam nom n sg Einpunktgerichtetheit tu doch, nun sat- das Wahre, Echte lakṣye lok n sg worauf man sein Augenmerk zu richten hat samādhānam nom n sg Andacht iti also smṛtam nom n sg ppp überliefert
saṃsāra-bandha-nirmuktaḥ
kathaṃ me syāt kadā vidhe |
iti yā sudṛḍhā buddhir
vaktavyā sā mumukṣutā || 9 ||
Von den Saṃsāra-Fesseln befreit sein, wie könnte das mein sein und wann, o Schicksal? Eine solche gut gefestigte Einsicht, die ist Wunsch nach Befreiung zu nennen.
saṃsāra- Weltlichkeit bandha- Fessel, Bindung nirmuktaḥ nom m sg ppp befreit, entkommen katham wie me mein, für mich syāt 3 sg opt könnte sein kadā wann vidhe vok m sg o Schicksal, o Schöpfer iti also yā nom f sg jene sudṛḍhā nom f sg ppp gut gefestigt buddhiḥ nom f sg Einsicht vaktavyā nom f sg zu nennen sā nom f sg sie mumukṣutā Wunsch nach Befreiung nom f sg
ukta-sādhana-yuktena
vicāraḥ puruṣeṇa hi |
kartavyo jñāna-siddhy-artham
ātmanaḥ śubham icchatā || 10 ||
Verbunden mit den besprochenen Mitteln zum Erfolg sollte von einem Menschen, der das Heil für sich wünscht, Vicāra durchgeführt werden, damit Erkenntnis zustande kommt.
ukta- ppp besprochen sādhana- Mittel zum Erfolg yuktena inst m sg ppp verbunden mit vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung, Überlegung puruṣeṇa inst m sg von Menschen hi nämlich kartavyaḥ nom m sg durchzuführen, zu tun jñāna- Erkenntnis siddhi- Erfolg, zustande kommen artham nom n sg um zu ātmanaḥ dat m sg für sich selbst śubham nom n sg Erfreuliches, Heil icchatā inst m sg ppräs von dem Wünschenden
notpadyate vinā jñānaṃ
vicāreṇānya-sādhanaiḥ |
yathā padārthabhānaṃ hi
prakāśena vinā kvacit || 11 ||
Erkenntnis entsteht nicht durch andere Mittel außer durch Vicāra, ebenso wie Sichtbarkeit von Dingen [nirgends aufkommt] außer durch Licht.
na nicht utpadyate 3 sg präs entstehen vinā außer jñānam nom n sg Erkenntnis vicāreṇa inst m sg durch genaue Prüfung anya- andere sādhanaiḥ inst, n sg durch Mittel zum Erfolg yathā wie padārtha- Gegenstand der Betrachtung bhānam nom n sg Sichtbarkeit hi nämlich prakāśena inst m sg mit Licht vinā außer kvacit wo auch immer, irgendwo, irgendwohin
ko’haṃ katham idaṃ jātaṃ
ko vai kartāsya vidyate |
upādānaṃ kim astīha
vicāraḥ so’yam īdṛśaḥ || 12 ||
Wer bin ich? Wie ist dieses entstanden? Wer wird als dessen Urheber gefunden? Was ist die Grundlage der Welt? So sieht Vicāra aus.
kaḥ wer aham ich katham wie idam nom n sg dieses jātam nom n sg ppp entstanden, geboren, erzeugt kaḥ wer vai wahrlich kartā nom m sg Täter, Urheber asya gen sg sein, dessen vidyate 3 sg pass wird gefunden upādānam nom n sg das sinnliche Anerkennen, Grundlage kim was asti 3 sg präs ist iha hier vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
Die Vicāra-Frage ist also nicht nur nach meiner eigenen Essenz, sondern auch, wie ich in diese Lage in der Welt gekommen bin, wer dafür verantwortlich ist, und wie diese Lage aufrecht erhalten wird.
nāhaṃ bhūta-gaṇo deho
nāhaṃ cākṣagaṇas tathā |
etad-vilakṣaṇaḥ kaścid
vicāraḥ so ’yam īdṛśaḥ || 13 ||
Ich bin nicht die Schar der Elemente die der Körper ist, ebensowenig bin ich die Schar der Sinne. Irgendetwas anderes als das [bin ich]. So sieht Vicāra aus.
na nicht aham ich bhūta- Element gaṇaḥ nom m sg Schar dehaḥ nom m sg Körper na nicht aham ich ca und akṣa- Sinnnesorgan gaṇaḥ nom m sg Schar tathā ebenso etat- von diesem vilakṣaṇaḥ nom m sg verschiedenes kaścit wer auch immer,irgendwer vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
ajñāna-prabhavaṃ sarvaṃ
jñānena pravilīyate |
saṃkalpo vividhaḥ kartā
vicāraḥ so ’yam īdṛśaḥ || 14 ||
Alles was aus Unwissenheit entstanden ist, verschwindet durch Erkenntnis. Aller möglicher Eigenwille, Saṃkalpa, ist der Urheber. So sieht Vicāra aus.
ajñāna- Unwissen prabhavam nom n sg Entstehung, Ursprung, entspringend aus sarvam nom n sg alles jñānena inst sg m durch Erkennntnis pravilīyate 3 sg präs ātm verschwindet saṃkalpaḥ nom m sg Eigenwille vividhaḥ nom m sg mannigfacher, verschiedenartig kartā nom m sg Handelnder vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
Der Durst nach Leben manifestiert sich als Ego, das eine Welt wünscht, in der es in vielerlei Rollen Erfahrungen machen kann und schließlich wieder zur Erkenntnis kommt, und sich auflöst.
etayor yad-upādānam
ekaṃ sūkṣmaṃ sad-avyayam |
yathaiva mṛd-ghaṭādīnāṃ
vicāraḥ so ’yam īdṛśaḥ || 15 ||
Die Grundlage dieser beiden, [also Saṃkalpa und Unwissenheit,] ist das eine unfassbare unveränderliche Sein, ebenso wie Lehm die des Kruges ist usw. So sieht Vicāra aus.
etayoḥ abl dual m dieser beider yat- dessen upādānam nom n sg materielle Uesache ekam nom n sg das eine sūkṣmam nom n sg subtil, unfassbar sat nom n sg ppräs Sein avyayam nom n sg unvergänglich yathā wie eva wahrlich mṛd- Lehm, Tonerde ghaṭa- Krug ādīnām gen pl m bezüglich denen die beginnen mit vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
aham eko ‘pi sūkṣmaś ca
jñātā sākṣī sad-avyayaḥ |
tad ahaṃ nātra saṃdeho
vicāraḥ so ‘yam īdṛśaḥ || 16 ||
Auch ich bin das eine und unfassbare, der Erkennende, der Zeuge, von unvergänglichem Sein. Das bin ich, hier ist kein Zweifel. So sieht Vicāra aus.
aham ich ekaḥ nom m sg der Eine api auch sūkṣmaḥ nom m sg subtil ca und jñātā nom m sg der Erkennende sākṣī nom m sg der Augenzeuge sat- ppräs das Sein avyayaḥ nom m sg unvergänglich tat nom n sg das aham ich na nicht atra hier saṃdehaḥ nom m sg Zweifel vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
ātmā viniṣkalo hy eko
deho bahubhir āvṛtaḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 17 ||
Das Selbst ist ohne Unterteilung, denn es ist eins. Der Körper ist von Vielem erfüllt. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg das Selbst viniṣkalaḥ nom m sg ohne Teile hi nämlich ekaḥ nom m sg einer dehaḥ nom m sg der Körper bahubhiḥ inst m pl mit viele āvṛtaḥ nom m sg ppp angefüllt tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā niyāmakaś cāntar
deho bāhyo niyamyakaḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 18 ||
Das Selbst ist der innere Halter und der Körper ist das äußere Gehaltene. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg der Ātman niyāmakaḥ nom m sg der Lenker, Bezwinger, Halter ca und antar innen, im Innern dehaḥ nom m sg der Körper bāhyaḥ nom m sg außerhalb, außen niyamyakaḥ nom m sg im Zaum zu halten tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā jñāna-mayaḥ puṇyo
deho māṃsa-mayo ’śuciḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 19 ||
Das Selbst besteht aus Erkenntnis und ist rein. Der Körper besteht aus Fleisch und ist nicht rein. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg das Selbst jñāna- Erkenntnis mayaḥ nom m sg bestehend aus puṇyaḥ nom m sg rein, heilig, glücklich dehaḥ nom m sg der Körper māṃsa- Fleisch mayaḥ nom m sg bestehend, gemacht aus aśuciḥ nom m sg unrein, unlauter, unsauber, dreckig tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā prakāśakaḥ svaccho
dehas tāmasa ucyate |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 20 ||
Das Selbst macht Dinge offenbar und ist leuchtend, der Körper wird als dunkel angesehen. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m dasSelbst prakāśakaḥ nom m sg leuchtend, erhellend, offenbarmachend svacchaḥ nom m sg schön klar, durchsichtig, rein, leuchtend dehaḥ nom m sg der Körper tāmasaḥ nom m sg dunkel ucyate 3 sg pass präs wird genannt tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā nityo hi sad-rūpo
deho ’nityo hy asan-mayaḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 21 ||
Das Selbst ist beständig, denn sein Wesen ist dauerhaftes Sein, der Körper ist unbeständig, denn er ist von vergänglichem Sein. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg das Selbst nityaḥ nom m sg stetig, ununterbrochen, ewig hi denn sat- dauerhaftes Sein rūpaḥ nom m sg Wesen dehaḥ nom m sg der Körper anityaḥ nom m sg vergänglich, unbeständig hi denn asat- vergängliches Sein mayaḥ nom m sg gemacht aus, bestehend aus tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmanas tat prakāśatvaṃ
yat padārthāvabhāsanam |
nāgny-ādi-dīpti-vad dīptir
bhavaty āndhyaṃ yato niśi || 22 ||
Diese Leuchtkraft des Selbstes ist das, was Dinge sichtbar macht. Sein Leuchten ist nicht wie das Leuchten von Feuer und dergleichen, wo nachts [noch] Dunkelheit bestehen bleibt.
ātmanaḥ gen m sg des Selbstes tat nom n sg dieses prakāśatvam nom n sg Leuchtkraft yat nom n sg welches padārtha- Dinge, Gegenstände avabhāsanam nom n sg Erscheinen, zu Tage treten na nicht agni- Feuer ādi- angefangen mit, usw. dīpti- leuchten, flammen vat nom n sg gekennzeichnet durch dīptiḥ nom f sg Flammen, Glanz bhavati 3 sg präs es wird, entsteht āndhyam nom n sg Blindheit yatas woher, wohin, weil niśi lok f sg in der Nacht
deho ’ham ity ayaṃ mūḍho
dhṛtvā tiṣṭhaty aho janaḥ |
mamāyam ity api jñātvā
ghaṭa-draṣṭeva sarvadā || 23 ||
„Ich bin der Körper“, so wird es von unsereins Verwirrten gehalten, und o Wunder, man bleibt dabei, obwohl man stets erkennt, „das ist mein [Körper]“, wie ein Betrachter eines Kruges.
dehaḥ nom m sg der Körper aham ich iti also ayaṃ janaḥ nom m sg unsereins mūḍhaḥ nom m sg der Verwirrte dhṛtvā absolutiv gehalten habend tiṣṭhati 3 sg präs bleibt stehen aho o Wunder janaḥ nom m sg Leute mama gen sg mein ayam nom m sg dieser, dies hier iti also api sogar jñātvā absolutiv erkannt habend ghaṭa- Krug draṣṭā nom m sg der Betrachter iva wie sarvadā stets
brahmaivāhaṃ samaḥ śāntaḥ
sac-cid-ānanda-lakṣaṇaḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 24 ||
Brahman wahrlich bin ich, unverändert und friedvoll, mit den Merkmalen Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
brahma nom n sg das Brahman eva wahrlich aham ich samaḥ nom m sg sich gleich bleibbend śāntaḥ nom m sg ppp in Frieden sat- ppräs dauerhaftes Sein cit- Bewusstsein ānanda- Glückseligkeit lakṣaṇaḥ nom m sg Merkmal, Charakter na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-vikāro nir-ākāro
nir-avadyo ’ham avyayaḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 25 ||
Sich gleich bleibend, gestaltlos, ohne Fehler, unvergänglich bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-vikāraḥ nom m sg ohne Veränderung nir-ākāraḥ nom m sg ohne Form nir-avadyaḥ nom m sg ohne Tadelswertes aham ich avyayaḥ nom m sg unvergänglich na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-āmayo nir-ābhāso
nirvikalpo ’ham ātataḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 26 ||
Jenseits von Krankheit, ohne Anschein von etwas, jenseits von Objekt-Subjekt, alldurchdringend bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-āmayaḥ nom m sg ohne Krankheit nir-ābhāsaḥ nom m sg ohne Gestalt nirvikalpaḥ nom m sg ohne Objekt-Subjekt-Unterscheidung aham ich ātataḥ nom m sg ppp ausgedehnt, durchdringend na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-guṇo niṣ-kriyo nityo
nitya-mukto ’ham acyutaḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 27 ||
Ohne Eigenschaft, ohne Tätigkeit, ewig, immer frei, unerschütterlich bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-guṇaḥ nom m sg ohne Eigenschaft niṣ-kriyaḥ nom m sg ohne Tätigkeit nityaḥ nom m sg ewig, bestämdig nitya- ewig muktaḥ nom m sg ppp befreit aham ich acyutaḥ nom m sg unerschütterlich na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-malo niś-calo ‘nantaḥ
śuddho ‘ham ajaro ‘maraḥ |
nāham deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 28 ||
Makellos, unbeweglich, unendlich, rein, nicht alternd, unsterblich bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-malaḥ nom m sg ohne Makel niś-calaḥ nom m sg ohne Bewegung, unbeweglich anantaḥ nom msg unendlich śuddhaḥ nom m sg ppp rein, gereinigt aham ich ajaraḥ nom msg nicht alternd amaraḥ nom m sg ohne Tod, unsterblich na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
svadehe śobhanaṃ santaṃ
puruṣākhyaṃ ca saṃmatam |
kiṃ mūrkha śūnyam ātmānaṃ
dehātītam karoṣi bhoḥ || 29 ||
In eigenen Körper ist das wunderschöne, dauerhaft Seiende, welches das Beseelende genannt wird und verehrt wird. Warum, o du Dummer, tust du so, als sei das über den Körper hinausgehende Selbst nicht vorhanden?
sva- eigen dehe lok m sg im Körper śobhanam akk m sg schön, vorzüglich santam akk m sg ppräs von dauerhaftem Sein seieind puruṣa- das Beseelende ākhyaṃ akk m sg genannten ca und saṃmatam akk m sg ppp den geehrten kim Ist es so dass? mūrkha vok m sg o Dummkopf, unverständiger śūnyam akk m sg fehlend, nicht vorhanden, nichtig ātmānaṃ akk m sg den Śtman deha- Körper atītam akk m sg ppp darüber hinausgegangen karoṣi 2 sg präs du tust bhoḥ interjektion hallo, ach, du
Purusha wird hier mit Ātman gleichgesetzt.
svātmānaṃ śṛṇu mūrkha tvaṃ
śrutyā yuktyā ca pūruṣam |
dehātītaṃ sad-ākāraṃ
sudur-darśaṃ bhavā-dṛśaiḥ || 30 ||
Von deinem eigenen Selbst höre, du Dummer, durch die Veden und Argumente, – von dem Beseelenden, das über den Körper hinaus geht, vom Wesen dauerhaften Seins, schwer zu erkennen von Euer Ehren.
sva eigen atmānam akk m sg den Ātman śṛṇu 2 sg imperativ höre mūrkha vok m sg Dummkopf tvam du śrutyā inst f sg durch vedische Texte yuktyā inst f sg durch Argumente ca und pūruṣam den Purusha, das Urwesen, Bewusstseins-Prinzip deha- Körper atītaṃ akk m sg ppp übersteigend sat- dauerhaftes Sein ākāram akk m sg Gestalt sudur-darśam akk m sg sehr schwer sichtbar werdend bhavā-dṛśaiḥ inst m sg von Euer Ehren (Höflichkeitsform)
ahaṃ-śabdena vikhyāta
eka eva sthitaḥ paraḥ |
sthūlas tv anekatāṃ prāptaḥ
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 31 ||
Mit dem Wort »Ich« wird das benannt, was nur Eins, beständig und das Höchste ist. Das Grobstoffliche aber ist zu zahllosen Dingen geworden. Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
ahaṃ-=ich śabdena inst sg m mit dem Wort vikhyātaḥ vi√khyā benannt, bekannt gemacht,nom m sg ppp ekaḥ nom m sg er eine eva wahrlich sthitaḥ nom m sg ppp Stand haltend, fest stehend paraḥ nom m sg vorzüglicher, besserer sthūlaḥ nom m sg grobstofflich tu jedoch anekatām akk f sg Vielheit prāptaḥ nom m sg ppp erlangt, sich ergeben habend katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
ahaṃ dṛṣṭṛtayā siddho
deho dṛśyatayā sthitaḥ |
mamāyam iti nirdeśāt
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 32 ||
Das »Ich« wirkt, indem es erkennt. Der Körper besteht, indem er erkannt wird. Das zeigt die Beschreibung: "Er ist meiner". Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
aham ich dṛṣṭṛtayā inst f sg durch das Dasein als Seher/Erfahrender siddhaḥ nom m sg ppp erfolgreich, zu Stande gekommen dehaḥ nom m sg der Körper dṛśyatayā inst f sg durch das Dasein als Gesehenes/Erfahrenes sthitaḥ nom m sg ppp^ steht fest, besteht mama gen sg mein ayam nom m sg dieser iti also nirdeśāt abl sg m durch Anwweisung, Beschreibung, Bezeichnung katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
ahaṃ vikāra-hīnas tu
deho nityaṃ vikāravān |
iti pratīyate sākṣāt
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 33 ||
Das »Ich« ist ohne Veränderungen, doch der Körper zeigt ständig Veränderungen, das passiert vor eigenen Augen. Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
aham ich vikāra- Veränderung hīnaḥ nom m sg ppp verlassen, fehlend, ohne tu aber dehaḥ nom m sg der Körper nityam adv stets vikāravān nom m sg Veränderungen zeigend vikāravat iti also pratīyate 3 sg pass präs wird erkannt, ergibt sich sākṣāt adv mit eigenen Augen katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
yasmāt param iti śrutyā
tayā puruṣa-lakṣaṇam |
vinirṇītaṃ vimūḍhena
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 34 ||
Die Unverwirrten haben die Natur des Beseelenden eindeutig festgestellt aufgrund der Aussage der Veden: "Höheres als das [gibt es nicht]." (Svetāsvatara Up. 3:9) Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
yasmāt weil param nom n sg das Höchste iti also śrutyā inst f sg durch den heiligen Text tayā inst f sg durch diese puruṣa- das Beseelende lakṣaṇam nom n sg als Merkmal habend vinirṇītam nom n sg ppp ganz entschieden, feststehend vimūḍhena inst m sg von den Unverwirrten katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
sarvaṃ puruṣa eveti
sūkte puruṣa-saṃjñite |
apy ucyate yataḥ śrutyā
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 35 ||
„Das Beseelende ist wahrlich alles,“ so heißt es im Purusha-Sūktam (Ṛg-Veda X:90:2). Weil es auch von den Veden verkündet wird, wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
sarvam alles puruṣaḥ nom m sg der Purusha, das Beseelende eva wahrlich iti also sūkte lok n sg im sūktam puruṣa- das Beseelende saṃjñite lok n sg in der heißenden, den Namen führenden api sogar, auch ucyate 3 sg pass präs wird gesagt yatas adv von wem, woher, wovon, weil śrutyā inst f sg von den heiligen Texten katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
asaṅgaḥ puruṣaḥ prokto
bṛhadāraṇyake ‘pi ca |
ananta-mala-saṃśliṣṭaḥ
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 36 ||
Und auch in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (IV:3:15-16) wird das Beseelende als verhaftungslos gelehrt. An dem unendliche Makel haften, wie könnte dieser unscheinbare Körper das Beseelende sein?
asaṅgaḥ nom m sg an nichts hängelnd puruṣaḥ nom m sg das Beseelende proktaḥ nom m sg ppp wird verkündet bṛhadāraṇyake lok m sg in der Bṛhadāraṇyaka-Upanishad api desgleichen ca und ananta- unendlich mala- Schmutz, Makel saṃśliṣṭaḥ nom m sg ppp haftend, klebend katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
tatraiva ca samākhyātaḥ
svayaṃ-jyotir hi pūruṣaḥ |
jaḍaḥ para-prakāśyo ‘yaṃ
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 37 ||
Und dort wird deutlich erklärt, dass das Beseelende selbstleuchtend ist (Bṛ.-Up.IV:3:7). Dieser empfindungslose durch etwas anderes offenbar gemacht werdende, wie könnte dieser unscheinbare Körper das Beseelende sein?
tatra dort eva wahrlich ca und samākhyātaḥ nom m sg ppp erklärt svayaṃ-jyotis nom m sg von selbst leuchtend hi nämlich pūruṣaḥ nom m sg das Beseelende jaḍaḥ nom m sg stumpf para-prakāśyaḥ nom m sg offenbar zu machen, ans Licht zu bringen ayam nom m sg dieser katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
prokto ‘pi karma-kāṇḍena
hy ātmā dehād vilakṣaṇaḥ |
nityaś ca tat-phalaṃ bhuṅkte
deha-pātād anantaram || 38 ||
Auch im rituellen Abschnitt [der Veden] wird gelehrt, dass das Selbst vom Körper verschieden sei. Es sei ewig, und unmittelbar nach dem Wegfall des Körpers erntet es dessen Handlungsfrüchte.
proktaḥ nom m sg ppp verkündet, gelehrt api auch, sogar karma-kāṇḍena vom rituellen Teil [der Veden) hi nämlich ātmā nom m sg das Selbst dehāt abl m sg vom Körper vilakṣaṇaḥ nom m sg verschieden nityaḥ ewignom m sg ca und tat- dessen phalam akk n sg Frucht, Wirkung bhuṅkte 3 sg ātm präs genießt deha- Körper pātāt abl m sg nach dem Fall anantaram adv unmittelbar danach
liṅgaṃ cāneka-saṃyuktaṃ
calaṃ dṛśyaṃ vikāri ca |
avyāpakam asad-rūpaṃ
tat kathaṃ syād pumān ayam || 39 ||
Der feinstoffliche Körper ist ebenfalls aus Vielerlei zusammengesetzt. Er ist unstet, wahrnehmbar, veränderlich, individuell begrenzt und von vergänglichem Sein. Wie könnte er dieses Beseelende sein?
liṅgam nom n sg der feinstoffliche Körper ca und aneka- viele saṃyuktam nom n sg ppp verbunden mit calam nom n sg schwankend, sich bewegend dṛśyam nom n sg wahrnehmbar vikāri nom n sg veränderlich ca und avyāpakam nom n sg individuell, speziell, eigenartig, begrenzt asat- von vergänglichem Sein rūpam nom n sg Gestalt, Wesen, Natur tat nom n sg das katham wie syāt 3 sg opt könnte sein pumān nom m sg der Mensch, die Seele, das Beseelende ayam nom m sg dieser
evaṃ deha-dvayād anya
ātmā puruṣa īśvaraḥ |
sarvātmā sarvarūpaś ca
sarvātīto ‘ham avyayaḥ || 40 ||
Etwas anderes als diese beiden Körper ist somit das Selbst, das Beseelende, der Gebieter, das Selbst in allen und alle Gestalten, das über alles hinausgegangene, das unvergängliche Ich.
evam auf diese Weise, so deha- Körper dvayāt abl n sg von den Zweierlei anyaḥ nom m sg ein anderer ātmā nom m sg das Selbst puruṣaḥ nom m sg das Beseelende īśvaraḥ nom m sg der Gebieter sarva- alles ātmā nom m sg das Selbst sarva- alles rūpaḥ nom m sg Gestalt ca und sarva- alles atītaḥ nom m sg ppp darüber hinaus gegangen aham ich avyayaḥ nom m sg unvergänglich
ity ātma-deha-bhāgeṇa
prapañcasyaiva satyatā |
yathoktā tarka-śāstreṇa
tataḥ kiṃ puruṣārthatā || 41 ||
Mit diesen Argumenten [bedeutet] die Aufteilung von Selbst und Körper die Wahrheit der Vielheit, wie von der Logiklehre verkündet. Doch was bringt das einem Menschen?
iti also ātma- Selbst deha- Körper bhāgeṇa inst m sg durch die Teilung, Aufteilung prapañcasya gen m sg bezüglich der Vielheit eva wahrlich satyatā nom f sg Wahrheit yathoktā nom f sg wie angegeben, wie besprochen tarka- Logik śāstreṇa inst n sg durch die Lehre tataḥ kim was dann puruṣa- Mensch, Person arthatā nom f sg Zielheit, das Dienen zu
ity ātma-deha-bhedena
dehātmatvaṃ nivāritam |
idānīṃ deha-bhedasya
hy asattvaṃ sphuṭam ucyate || 42 ||
Durch die Unterscheidung von Selbst und Körper wird die Vorstellung abgewendet, der Körper sei das Selbst. Jetzt wird klar gesagt, dass die Abspaltung vom Körper jedoch keine Wirklichkeit hat.
iti also ātma- das Selbst deha- Körper bhedena inst m sg durch Trennung deha- Körper ātmatvam nom n sg Selbstheit nivāritam nom n sg kaus ppp wird entfernt, untersagt idānīm adv in diesem Augenblick deha- Körper bhedasya gen m sg der Trennung hi nämlich asattvam nom n sg das Nichtdasein, Abwesenheit sphuṭam adv offenbar, deutlich ucyate 3 sg pass präs wird gesagt
caitanyasyaika-rūpatvād
bhedo yukto na karhi cit |
jīvatvaṃ ca mṛṣā jñeyaṃ
rajjau sarpa-graho yathā || 43 ||
Aufgrund der Natur des Bewusstseins, ein Eines zu sein, ist es niemals mit Trennung verbunden. Erkenne, dass Individualität ein Irrtum ist – wie die Wahrnehmung einer Schlange in einem Seil.
caitanyasya gen n sg des Bewusstseins eka- eins rūpatvāt abl n sg durch Gestaltetheit bhedaḥ nom m sg Trennung yuktaḥ nom m sg ppp verbunden na nicht karhi cit adv irgendwann jīvatvam nom n sg Lebendigkeit ca und mṛṣā nom f sg, vergebens jñeyam adv zu erkennen rajjau lok f sg im Strick sarpa- Schlange grahaḥ nom m sg wahrnehmend yathā wie
rajjvajñānāt kṣaṇenaiva
yadvad rajjur hi sarpiṇī |
bhāti tadvac citiḥ sākṣād
viśvākāreṇa kevalā || 44 ||
Wie durch Unkenntnis, dass es ein Seil ist, augenblicklich das Seil als Schlange erscheint, so [erscheint] den Sinnen nichts anderes als das reine Bewusstsein in Form des Alls.
rajju- Seil ajñānāt abl n sg durch Unwissenheit kṣaṇena inst n sg in einem Augenblick eva wahrlich yadvat wie rajjuḥ nom f sg das Seil hi nämlich, doch sarpiṇī nom f sg Schlangenweibchen bhāti 3 sg präs scheint, glänzt, erscheint tadvat so citiḥ nom f sg das reine Bewusstsein sākṣāt adv vor Augen, offenbar, leibhaftig viśva- all ākāreṇa inst m sg mit der Form, mit dem äußeren aussehen kevalā nom f sg nur, einzig, nichts anderes als
upādānaṃ prapañcasya
brahmano ‘nyan na vidyate |
tasmāt sarva-prapañco ‘yaṃ
brahmaivāsti na cetarat || 45 ||
Als Ausgangsstoff der Welt der Vielheit findet sich nichts anderes als Brahman. Deshalb ist diese ganze Vielheit nur Brahman und nichts anderes.
upādānam nom n sg materielle Ursache, das Anekennen prapañcasya nom m sg der Vielheit brahmanaḥ abl n sg als Brahman anyat nom n sg etwas anderes na nicht vidyate 3 sg pass präs sich findet tasmāt deshalb sarva- alles prapañcaḥ nom m sg Vielheit ayam nom m sg dieser brahma nom n sg Brahman eva nur asti 3 sg präs ist na nicht ca und itarat nom n sg anderes
vyāpya-vyāpakatā mithyā
sarvam ātmeti śāsanāt |
iti jñāte pare tattve
bhedasyāvasaraḥ kutaḥ || 46 ||
Es ist nicht so, dass [die materielle Welt] von etwas [Spirituellem] durchdrungen wird. Die Lehre ist, dass der Ātman alles ist. Wenn die höchste Wahrheit erkannt ist, wo könnte da eine Gelegenheit für Trennung sein?
vyāpya- das zu Durchdringende vyāpakatā nom f sg die Durchdringung mithyā adv falsch sarvam nom n sg alles ātmā nom m sg das Selbst iti also śāsanātdurch die Unterweisung śāsana abl n sg iti also jñāte lok n sg ppp beim erkannt haben pare lok n sg bei der höchsten tattve lok n sg bei der Wahrheit bhedasya gen m sg von/bezüglich der Trennung avasaraḥ nom m sg Veranlassung, Gelegenheit kutas adv woher?
śrutyā nivāritaṃ nūnaṃ
nānātvaṃ svamukhena hi |
kathaṃ bhāso bhaved anyaḥ
sthite cādvayakāraṇe || 47 ||
Die Veden weisen gerade die Vielheit mit deutlichen Aussagen zurück. Wie könnte beim Bestehen einer einzigen Ursache ohne Zweites, das Sichtbare etwas anderes sein?
śrutyā inst f sg durch die Śrūti, die Veden nivāritam nom n sg ppp kaus zurückgehalten, verboten, unterdrückt nūnam adv jetzt, von nun an nānātvam nom n sg Mannigflatigkeit sva- eigen mukhena inst n sg durch den Mund hi nämlich katham wie?, auf welche Art? bhāsaḥ nom m sg Licht, Glanz bhavet 3 sg opt es sei, könnte sein anyaḥ nom m sg anderer sthite lok m sg ppp beim bestehen ca und advaya- zweitlos kāraṇe lok n sg bei der Ursache
doṣo ‘pi vihitaḥ śrutyā
mṛtyor mṛtyum sa gacchati |
iha paśyati nānātvaṃ
māyayā vañcito naraḥ || 48 ||
Die Veden zeigen folgendes Übel auf: Wer, durch Māyā verwirrt, in dieser Welt Vielheit sieht, der geht von Tod zu Tod.
brahmaṇaḥ sarva-bhūtāni
jāyante paramātmanaḥ |
tasmād etāni brahmaiva
bhavantīty avadhārayet || 49 ||
Aus Brahman, dem höchsten Selbst, entstehen alle Wesen. Deshalb sind sie nur Brahman. So verstehe man es.
brahmaiva sarva-nāmāni
rūpāṇi vividhāni ca |
karmāṇy api samagrāṇi
vibhartīti śrutir jagau || 50 ||
Brahman allein trägt in sich alle verschiedenen Namen und Formen, sowie sämtliche Handlungen. So besingen es die Veden.
suvarṇāj jāyamānasya
suvarṇatvaṃ ca śāśvatam |
brahmaṇo jāyamānasya
brahmatvaṃ ca tathā bhavet || 51 ||
Wie etwas aus Gold Gemachtes dem Wesen nach ununterbrochen Gold bleibt, genauso ist das aus Brahman Entstandene dem Wesen nach Brahman.
svalpam apy antaraṃ kṛtvā
jīvātma-paramātmanoḥ |
yaḥ saṃtiṣṭhati mūḍhātmā
bhayaṃ tasyābhibhāṣitam || 52 ||
Wer auch nur einen kleinen Unterschied zwischen seinem individuellen Selbst und dem höchsten Selbst macht und darin beharrt, zu diesem Verwirrten kommt die Angst, so wird es verkündet.
yatrājñānād bhaved dvaitam
itaras tatra paśyati |
ātmatvena yadā sarvaṃ
netaras tatra cānv api || 53 ||
Wenn durch Unwissenheit Zweiheit entsteht, dann sieht man einen anderen. Wenn man alles als das Selbst sieht, dann sieht man keinen anderen mehr.
yasmin sarvāṇi bhūtāni
hy ātmatvena vijānataḥ |
na vai tasya bhaven moho
na ca śoko ‘dvitīyataḥ || 54 ||
Für denjenigen, der alle Wesen als aus dem Selbst bestehend erkennt, für diesen im Advaita-Zustand Lebenden, gibt es weder Verwirrung noch Kummer.
ayam ātmā hi brahmaiva
sarvātmakatayā sthitaḥ |
iti nirdhāritaṃ śrutyā
bṛhadāraṇya-saṃsthayā || 55 ||
Dieses Selbst ist in der Tat Brahman, und es besteht als Wesen von allen. So wird es von der vedischen Überlieferung in Form der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad hervorgehoben.
anubhūto ‘py ayaṃ loko
vyavahāra-kṣamo ‘pi san |
asad-rūpo yathā svapna
uttara-kṣaṇa-bādhataḥ || 56 ||
Obwohl sich diese wahrgenommene Welt für vielfältiges Treiben eignet, ist sie doch unwirklich wie ein Traum, der im letzten Moment vergeht.
svapno jāgaraṇe ‘līkaḥ
svapne ‘pi jāgaro na hi |
dvayam eva laye nāsti
layo ‘pi hy ubhayor na ca || 57 ||
Der Traum ist während des Wachens unwirklich – im Traum dagegen gibt es keinen Wachzustand. Beide Zustände gibt es nicht im traumlosen Tiefschlaf. Den traumlosen Tiefschlaf wiederum gibt es nicht in den beiden anderen Zuständen.
trayam evaṃ bhaven mithyā
guṇa-traya-vinirmitam |
asya draṣṭā guṇātīto
nityo hy ekaś cid-ātmakaḥ || 58 ||
Diese Dreiheit [von Wachzustand, Traum und Tiefschlaf] ist also substanzlos, sie wird von den drei Guṇas aufgebaut. Derjenige, der sie wahrnimmt, ist jenseits der Guṇas, ewig, eins und von der Natur reinen Bewusstseins.
yadvan mṛdi ghaṭa-bhrāntiṃ
śuktau vā rajata-sthitim |
tadvad brahmaṇi jīvatvaṃ
vīkṣamāne na paśyati || 59 ||
Wie man bei genauer Betrachtung in einem Stück Tonerde nicht mehr das Trugbild eines Kruges sieht, oder in einer Perlmuschel nicht mehr Silber, so sieht man bei genauer Betrachtung in Brahman auch keine Einzelseelen mehr.
yathā mṛdi ghaṭo nāma
kanake kuṇḍalābhidhā |
śuktau hi rajata-khyātir
jīva-śabdas tathā pare || 60 ||
Wie das, was Krug genannt wird, Tonerde ist, wie das, was Ohrring genannt wird, Gold ist, wie das, was Silber genannt wird, ein Glanz der Perlmuschel ist, so besteht das, was Einzelseele genannt wird, im Höchsten.
yathaiva vyomni nīlatvaṃ
yathā nīraṃ maru-sthale |
puruṣatvaṃ yathā sthāṇau
tadvad viśvaṃ cid-ātmani || 61 ||
Wie die blaue Farbe am Himmel, wie die Vorspiegelung von Wasser in der Sandwüste, wie der Anschein einer menschlichen Gestalt, wo nur ein Pfosten ist, so erscheint das Universum im eigenen Bewusstsein.
yathaiva śūnye vetālo
gandharvāṇāṃ puraṃ yathā |
yathākāśe dvi-candratvaṃ
tadvat satye jagat-sthitiḥ || 62 ||
Wie ein Phantom in der Einöde, wie eine Stadt in den Wolken, wie zwei Monde am Himmel, so besteht das Universum in der höchsten Wirklichkeit.
yathā taraṃga-kallolair
jalam eva sphuraty alam |
pātra-rupeṇa tāmraṃ hi
brahmāṇḍaughais tathātmatā || 63 ||
So wie Wasser durch Wellen und Wogen funkelt, wie Kupfer durch die Form eines Trinkgefäßes glänzt, so leuchtet der Ātman durch die Vielheit, die das Weltall ist.
ghaṭa-nāmnā yathā pṛthvī
paṭa-nāmnā hi tantavaḥ |
jagan-nāmnā cid ābhāti
jneyaṃ tat tad-abhāvataḥ || 64 ||
Wie Tonerde unter dem Namen Krug erscheint, wie Fäden unter dem Namen Stoff, so erscheint das reine Bewusstsein unter dem Namen Universum. Ersteres gilt es zu erkennen, und die Nichtigkeit des Zweiten.
sarvo ‘pi vyavahāras tu
brahmaṇā kriyate janaiḥ |
ajñānān na vijānanti
mṛd eva hi ghaṭādika || 65 ||
Alle Handlungen vollziehen Menschen gegenüber Brahman. Aus Unwissenheit erkennen sie es nicht, wie sie nicht erkennen, dass zum Beispiel ein Krug nur Tonerde ist.
kārya-kāraṇatā nityam
āste ghaṭa-mṛdor yathā |
tathaiva śruti-yuktibhyām
prapañca-brahmaṇor iha || 66 ||
Wie zwischen Tonerde und einem Tonkrug immer die Beziehung von Ursache und Wirkung besteht, so ist auch die Beziehung zwischen Brahman und der Welt der Vielheit. So bekräftigen es Argumente und die vedische Überlieferung.
gṛhyamāne ghaṭe yadvan
mṛttikāyāti vai balāt |
vīkṣamāṇe prapañce ‘pi
brahmaivābhāti bhāsuram || 67 ||
So wie man beim Greifen eines Tonkrugs zwangsläufig auf Tonerde trifft, so sieht man zwangsläufig das leuchtende Brahman beim Erblicken der Welt der Vielheit.
sadaivātmā viśuddho ‘sti
hy aśuddho bhāti vai sadā |
yathaiva dvividhā rajjur
jñānino ‘jñānino ‘niśam || 68 ||
Der Ātman ist immer überaus rein, jedoch erscheint er gleichzeitig auch als unrein, wie ein Seil auf zweifache Art erscheint, nämlich dem Wissenden [als Seil] und dem Unwissenden [als Schlange].
yathaiva mṛn-mayaḥ kumbhas
tadvad deho ‘pi cin-mayaḥ |
ātmānātma-vibhāgo ‘yaṃ
mudhaiva kriyate ‘budhaiḥ || 69 ||
Wie ein Tonkrug aus Tonerde besteht, so besteht der Körper aus reinem Bewusstsein.
Die Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-Selbst machen die Dummen vergebens.
sarpatvena yathā rajjū
rajatatvena śuktikā |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 70 ||
Wie ein Seil als Schlange angesehen wird, Muschelperlmutt als Silber, so wird vom Verwirrten das eigene Wesen als Körper festgestellt.
ghaṭatvena yathā pṛthvī
paṭatvenaiva tantavaḥ |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 71 ||
Wie Tonerde durch die Eigenschaft Krug zu sein, Fäden durch die Eigenschaft Stoff zu sein, so wird vom Verwirrten das eigene Wesen als Körper festgestellt.
kanakaṃ kuṇḍalatvena
taraṃgatvena vai jalam |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 72 ||
Wie Gold durch die Eigenschaft Ohrring zu sein, Wasser durch die Eigenschaft Welle zu sein, so wird vom Verwirrten das eigene Wesen als Körper festgestellt.
gṛhatvenaiva kāṣṭhāni
khaḍgatvenaiva lohatā |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 73 ||
Wie Holzstücke als Haus angesehen werden, Eisen als Schwert, so wird vom Verwirrten das eigene Wesen als Körper festgestellt.
yathā vṛkṣa-viparyāso
jalād bhavati kasya cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 75 ||
Wie sich (durch Spiegelung im) Wasser für jemanden ein umgekehrter Baum zeigt, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
potena gacchataḥ puṃsaḥ
sarvaṃ bhātīva cañcalam |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 76 ||
Wie für einen Menschen, der in einem Boot fährt, alles wie in Bewegung erscheint, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
pītatvaṃ hi yathā śubhre
doṣād bhavati kasya-cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 77 ||
Wie für jemanden durch Krankheit Weißes als Gelb erscheint, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
cakṣubhyāṃ bhrama-śīlābhyāṃ
sarvaṃ bhāti bhramātmakam |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 78 ||
Wie durch einen wirren Blick alles wirr erscheint, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
alātaṃ bhramaṇenaiva
vartulaṃ bhāti sūryavat |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 79 ||
Wie eine Fakel durch Herumwirbeln wie ein sonnenheller Ring erscheint, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
mahattve sarva-vastūnām
aṇutvaṃ hy ati-dūrataḥ |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 80 ||
Wie alle großen Gegenstände, wenn sie weit weg sind, klein erscheinen, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
sūkṣmatve sarva-bhāvānāṃ
sthūlatvaṃ copanetrataḥ |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 81 ||
Wie alle kleinen Dinge, indem sie nahe vor Augen sind, groß erscheinen, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
kāca-bhūmau jalatvaṃ vā
jala-bhūmau hi kācatā |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 82 ||
Wie eine Glasoberfläche für Wasser gehalten wird oder eine Wasseroberfläche für Glas, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
yadvad agnau maṇitvaṃ hi
maṇau vā vahnitā pumān |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 83 ||
Wie ein Mensch im Feuer einen Edelstein sieht oder im Edelstein ein Feuer, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
abhreṣu satsu dhāvatsu
somo dhāvati bhāti vai |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 84 ||
Wie der Mond sich zu bewegen scheint, wenn die Wolken dahineilen, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
yathaiva dig-viparyāso
mohād bhavati kasya cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 85 ||
Wie man durch Verwirrung die Himmelsrichtungen verwechselt, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
yathā śaśī jale bhāti
cañcalatvena kasya cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 86 ||
Wie man den Mond, der sich im Wasser spiegelt, als sich hin und her bewegend sieht, so sieht man durch Unwissenheit die Eigenschaft, Körper zu sein, in sich selbst.
evam ātmany avidyāto
dehādhyāso hi jāyate |
sa evātma-parijñānāl
līyate ca parātmani || 87 ||
Wie im Selbst durch Unwissenheit die falsche Übertragung, der Körper zu sein, entsteht, so löst sich diese durch tiefe Erkenntnis wieder im höchsten Selbst auf.
sarvam ātmatayā jñātaṃ
jagat sthāvara-jaṅgamam |
abhāvāt sarva-bhāvānāṃ
dehasya cātmatā kutaḥ || 88 ||
Wenn durch die Erkenntnis, dass alle Daseinsformen substanzlos sind, das ganze belebte und unbelebte Universum als das Selbst erkannt wird, wo bleibt dann des Körpers Eigenschaft, das Selbst zu sein?
ātmānaṃ satataṃ jānan
kālaṃ naya mahādyute |
prārabdham akhilaṃ bhuñjan
nodvegaṃ kartum arhasi || 89 ||
O Leuchtender, verbringe die Zeit damit, ständig dich selbst zu erkennen. Während du all dein angefangenes Karma erlebst, ziemt es dir nicht, innere Unruhe zu erzeugen.
utpanne ’py ātma-vijñāne
prārabdhaṃ naiva muñcati |
iti yac chrūyate śāstre
tan nirākriyate ’dhunā || 90 ||
Folgende Lehrmeinung hört man: „Auch beim Aufkommen der Selbsterkenntnis löst man sich nicht vom angefangenen Karma.“ Diese Aussage wird jetzt widerlegt.
tattva-jñānodayād ūrdhvaṃ
prārabdhaṃ naiva vidyate |
dehādīnām asattvāt tu
yathā svapno vibodhataḥ || 91 ||
Nach dem Hervortreten der Erkenntnis der Wahrheit gibt es kein angefangenes Karma mehr. Denn für den Erwachten sind der Körper und was dazugehört substanzlos wie ein Traum.
karma janmāntarīyaṃ yat
prārabdham iti kīrtitam |
tat tu janmāntarābhāvāt
puṃso naivāsti karhi cit || 92 ||
Das aus früheren Leben stammende Karma, welches das gegenwärtig angefangene Karma genannt wird, kann es nie für denjenigen geben, für den es keine anderen Leben gibt.
svapnadeho yathādhyastas
tathaivāyaṃ hi dehakaḥ |
adhyastasya kuto janma
janmābhāve hi tat kutaḥ || 93 ||
Wie man sich im Traum mit einem Körper identifiziert, so identifiziert man sich auch mit dem physischen Körper. Doch wo ist die Lebensexistenz dieses Missverständnisses? Und wenn es diese Existenz nicht gibt, wo sollte dann das angefangene Karma sein?
upādānaṃ prapañcasya
mṛd bhāṇḍasyeva kathyate |
ajñānaṃ caiva vedāntais
tasmin naṣṭe kva viśvatā || 94 ||
Als Baustoff der Welt der Vielheit gilt Unwissenheit, so wie Tonerde der Baustoff eines Krugs ist. Wenn die vedāntische Erkenntnis diese Unwissenheit aufgelöst hat, wo bleibt dann diese ganze Welt?
yathā rajjuṃ parityajya
sarpaṃ gṛhṇāti vai bhramāt |
tadvat satyam avijñāya
jagat paśyati mūḍhadhīḥ || 95 ||
Wie man das Seil außer Acht lässt und es durch Verwirrung als Schlange ansieht, so sieht der Törichte das Universum und erkennt die Wahrheit nicht.
rajju-rūpe parijñāte
sarpa-khaṇḍaṃ na tiṣṭhati |
adhiṣṭhāne tathā jñāte
prapañcaḥ śūnyatāṃ gataḥ || 96 ||
Wenn das Wesen des Seils erkannt ist, besteht nicht mehr die Ansicht, dass es eine Schlange sei. Ebenso verschwindet die Welt der Vielheit, wenn deren Grundlage erkannt ist.
dehasyāpi prapañcatvāt
prārabdhāvasthitiḥ kutaḥ |
ajñāni-jana-bodhārthaṁ
prārabdhaṃ vakti vai śrutiḥ || 97 ||
Da auch der physische Körper zur Welt der Vielheit gehört, wo könnte da angefangenes Karma bestehen? Nur für das Verständnis von Unwissenden spricht die vedische Überlieferung von angefangenem Karma.
kṣīyante cāsya karmāṇi
tasmin dṛṣte parāvare |
bahutvaṃ tan niṣedhārthaṃ
śrutyā gītaṃ ca yat sphutam || 98 ||
In der vedischen Überlieferung wird beim Wort Karma die Mehrzahl benutzt als Widerlegung, [dass das angefangene Karma bestehen bliebt]. „Wenn das gesehen wird, was das Höhere und das Niedere ist, nehmen seine Karmas ein Ende.“ (Muṇḍaka-Upanishad 2.2.9).
ucyate ’jñair balāc caitat
tadānartha-dvayāgamaḥ |
vedānta-mata-hānaṃ ca
yato jñānam iti śrutiḥ || 99 ||
Indem die Unwissenden behaupten [dass angefangenes Karma bestehen bleibt], gibt es den zweifachen Nachteil: Die vedāntische Sichtweise wird verworfen, und wo bleibt die Erkenntnis, von der die vedischen Überlieferung spricht.
tripañcāṅgāny ato vakṣye
pūrvoktasya hi labdhaye |
taiś ca sarvaiḥ sadā kāryaṃ
nididhyāsanam eva tu || 100 ||
Nun werde ich fünfzehn Punkte zum Erlangen des vorher gesagten beschreiben. All diese sind stets in geistiger Betrachtung zu praktizieren.
nityābhyāsād ṛte prāptir
na bhavet sac-cid-ātmanaḥ |
tasmād brahma nididhyāsej
jijñāsuḥ śreyase ciram || 101 ||
Ohne stetige Übung könnte das Erfassen des Wesens des ewigen Seins und Bewusstseins nicht zu Stande kommen. Deshalb sollte der Strebende für sein Heil lange über Brahman meditieren.
yamo hi niyamas tyāgo
maunaṃ deśaśca kālatā |
āsanaṃ mūlabandhaś ca
dehasāmyaṃ ca dṛksthitiḥ || 102 ||
Die fünfzehn Punkte der Reihe nach sind: (1) richtige Einstellung, (2) Selbstverpflichtung, (3) Loslassen, (4) Stille, (5) [geeigneter] Übungsort und (6) [geeignete] Übungszeiten, (7) Āsana und (8) Wurzel-Energieverschluss, (9) gerade Körperhaltung und (10) gefestigter Blick …
prāṇa-saṃyamanaṃ caiva
pratyāhāraś ca dhāraṇā |
ātma-dhyānaṃ samādhiś ca
proktāny aṅgāni vai kramāt || 103 ||
… sowie (11) Atembeherrschung und (12) Rückzug nach Innen und (13) Sammlung, und (14) Meditation über den Ātman und (15) Samādhi.
(1) sarvaṁ brahmeti vijñānād
indriya-grāma-saṃyamaḥ |
yamo ’yam iti saṃprokto
’bhyasanīyo muhur muhuḥ || 104 ||
(1) Yama, [die rechte Einstellung] wird die Kontrolle der Sinnesschar genannt durch die Erkenntnis, das alles Brahman ist. Das ist wieder und wieder zu üben.
(2) sajātīya-pravāhaś ca
vijātīya-tiraskṛtiḥ |
niyamo hi parānando
niyamāt kriyate budhaiḥ || 105 ||
(2) Niyama, [die Selbstverpflichtung,] ist der ununterbrochen gleichmäßige Strom der Aufmerksamkeit während man alle anderen Gedanken verschmäht. Durch dieses Niyama richten die Weisen ihren Geist auf die höchste Glückseligkeit.
(3) tyāgaḥ prapañca-rūpasya
cid-ātmatvāvalokanāt |
tyāgo hi mahatāṃ pūjyaḥ
sadyo mokṣamayo yataḥ || 106 ||
(3) Tyāga ist das Loslassen des Wesens der Vielheit durch das Erblicken reinen Bewusstseins. Dieses Loslassen ist von den Großen zu ehren, denn es ist sofort von der Natur der Befreiung.
yasmād vāco nivartante
aprāpya manasā saha |
yan maunaṃ yogibhir gamyaṃ
tad bhavet sarvadā budhaḥ || 107 ||
(4) Maunam, die Stille, ist das, wovon Worte zusammen mit dem Denken umkehren ohne es erreicht zu haben. Zu dieser Stille sollten die Yogis gehen und darin möge der Weise allzeit sein.
vāco yasyān nivartante
tad vaktuṃ kena śakyate |
prapañco yadi vaktavyaḥ
so ’pi śabda-vivarjitaḥ || 108 ||
Wenn es doch selbst für die Beschreibung der Welt der Vielheit an Worten mangelt, wer könnte dann das beschreiben, wovon Worte unverrichteter Dinge umkehren?
iti vā tad bhaven maunaṃ
satāṃ sahaja-saṃjñitam |
girā maunaṃ tu bālānāṃ
prayuktaṁ brahma-vādibhiḥ || 109 ||
Oder so: Die Stille ist das, von dem die spirituell Strebenden sagen, dass es von Anfang an existiert. Die Brahmankenner haben nur für Kinder gesagt, dass Stille das Schweigen der Worte sei.
(5) ādāv ante ca madhye ca
jano yasmin na vidyate |
yenedaṃ satataṃ vyāptaṃ
sa deśo vijanaḥ smṛtaḥ || 110 ||
(5) Deśa, der [zur Meditation] geeignete einsame Ort ist das, von wem dieses All ständig erfüllt wird und in dem sich am Anfang, Ende und in der Mitte keine Leute befinden.
(6) kalanāt sarvabhūtānāṃ
brahmādīnāṃ nimeṣataḥ |
kālaśabdena nirdiṣṭo
hy akhaṇḍānandako ’dvayaḥ || 111 ||
(6) Kāla, die [zur Meditation] geeignete Zeit, ist die ungeteilte Glückseligkeit ohne Zweites, die in einem Augenblick alle Wesen erschaffen hat, angefangen mit Brahmā dem Weltenschöpfer.
(7) sukhenaiva bhaved yasminn
ajasraṃ brahma-cintanam |
āsanaṃ tad vijānīyān
netarat sukha-nāśanam || 112 ||
(7) Als Āsanam, Sitzhaltung, sollte man das erkennen, worin das ununterbrochene Nachsinnen über Brahman leicht ist, und nicht etwas anderes, was die Leichtigkeit vertreibt.
siddhaṃ yat sarvabhūtādi
viśvādhiṣṭhānam avyayam |
yasmin siddhāḥ samāviṣṭās
tad vai siddhāsanaṃ viduḥ || 113 ||
Als Siddhāsanam, als die vollendete Sitzhaltung, ist jenes Vollendete zu begreifen, das die unvergängliche Grundlage des Alls ist und der Ursprung aller Wesen, und in dem sich die Vollendeten niedergelassen haben.
(8) yan mūlaṃ sarva-bhūtānāṃ
yan mūlaṃ citta-bandhanam |
mūla-bandhaḥ sadā sevyo
yogyo ’sau rāja-yoginām || 114 ||
(8) Als Mūla-bandha, Wurzelverbindung, sollte man stets die Verbindung zu jener Wurzel üben, die die Wurzel aller Wesen ist und die Wurzel zum Binden der Aufmerksamkeit. Diese Wurzelverbindung ist angemessen für Rāja-Yogīs.
(9) aṅgānāṃ samatāṃ vidyāt
same brahmaṇi līnatām |
no cen naiva samānatvam
ṛjutvaṃ śuṣka-vṛkṣavat || 115 ||
(9) Als Deha-sāmyam, gerade Körperhaltung, sollte man das Anschmiegen verstehen an das in sich unverändert gerade Brahman. Sich einfach nur gerade zu strecken wie ein dürrer Baum ist noch keine gerade Haltung.
(10) dṛṣṭiṃ jñāna-mayīṃ kṛtvā
paśyed brahma-mayaṃ jagat |
sā dṛṣṭiḥ paramodārā
na nāsāgrāvalokinī || 116 ||
(10) Dṛk-sthiti, der edelste Blick, ist nicht der auf die Nasenspitze gerichtete, sondern der erkenntnisreiche Blick, der sieht, dass das Universum aus Brahman gemacht ist.
draṣṭṛ-darśana-dṛśyānāṃ
virāmo yatra vā bhavet |
dṛṣṭis tatraiva kartavyā
na nāsāgrāvalokinī || 117 ||
Oder so: Der Blick ist dorthin zu richten, wo die Dreiheit Seher-Sicht-Gesehenes aufhört, und nicht auf die Nasenspitze.
(11) cittādi-sarvabhāveṣu
brahmatvenaiva bhāvanāt |
nirodhaḥ sarva-vṛttīnāṃ
prāṇāyāmaḥ sa ucyate || 118 ||
(11) Prāṇāyāma, die Bemeisterung des Lebensatems, nennt man das Stillwerden aller Gedanken durch die stetige Vorstellung, dass das Denkorgan bis hin zu allen Gemütszuständen nur Brahman ist.
niṣedhanaṃ prapañcasya
recakākhyaḥ samīraṇaḥ |
brahmaivāsmīti yā vṛttiḥ
pūrako vāyur īritaḥ || 119 ||
Als Recaka, das Entleeren der Lunge, gilt der Atem, der die Vielheit verscheucht. Als Pūraka, das Füllen der Lunge, gilt der Atem, der der Gedanke ist „Ich bin Brahman“.
tatas tad-vṛtti-naiścalyaṃ
kumbhakaḥ prāṇa-saṃyamaḥ |
ayaṃ cāpi prabuddhānām
ajñānāṃ ghrāṇa-pīḍanam || 120 ||
Kumbhaka, das Atemhalten, ist das anschließende unveränderte Halten dieses Gedankens. Das gilt aber nur für die Aufmerksamen, für die Dummen ist Prāṇāyāma Nasen-Drücken.
(12) viṣayeṣv ātmatāṃ dṛṣṭvā
manasaś citi majjanam |
pratyāhāraḥ sa vijñeyo
’bhyasanīyo mumukṣubhiḥ || 121 ||
(12) Pratyāhāra, der Rückzug nach Innen, ist zu verstehen als das Erblicken des eigenen Selbstes in den Sinnesobjekten und das anschließende Eintauchen des Gemüts ins reine Bewusstsein. Das ist von Befreiungssuchenden wiederholt zu üben.
(13) yatra yatra mano yāti
brahmaṇas tatra darśanāt |
manaso dhāraṇaṃ caiva
dhāraṇā sā parā matā || 122 ||
(13) Als beste geistige Sammlung, Dhāraṇā gilt das Innehalten des Gemüts, wohin auch immer es geht, weil es überall dort Brahman erblickt.
(14) brahmaivāsmīti sad-vṛttyā
nirālambatayā sthitiḥ |
dhyāna-śabdena vikhyātā
paramānanda-dāyinī || 123 ||
(14) Mit Dhyānam, Meditation, bezeichnet man das Verharren in dem heiligen Gedanken „Brahman wahrlich bin ich“, ohne sich auf irgendetwas zu stützen. Das schenkt höchste Glückseligkeit.
(15) nirvikāratayā vṛttyā
brahmākāratayā punaḥ |
vṛtti-vismaraṇaṃ samyak
samādhir jñāna-saṃjñakaḥ || 124 ||
(15) Als Samādhi ist die spirituelle Erkenntnis bekannt, zu der es beim vollständigen Vergessen von Gedanken kommt, indem bei Gedankenwellen keine Veränderung mehr wahrnehmbar ist, was wiederum dem Wesen Brahmans entspricht.
imaṃ cākṛtim ānandaṃ
tāvat sādhu sam-abhyaset |
vaśyo yāvat kṣaṇāt puṃsaḥ
prayuktaḥ san bhavet svayam || 125 ||
Diese ungeschaffene Glückseligkeit sollte so lange gut geübt werden, bis sie folgsam und von selbst aufkommt, sobald sie von der Person aufgerufen wird.
tataḥ sādhana-nirmuktaḥ
siddho bhavati yogirāṭ |
tat-svarūpaṃ na caitasya
viṣayo manaso girām || 126 ||
Dann, von spirituellen Übungen befreit, wird dieser König der Yogis vollendet. Das innere Wesen eines solchen liegt nicht im Bereich von Denken oder Sprache.
samādhau kriyamāṇe tu
vighnāny āyānti vai balāt |
anusaṃdhāna-rāhityam
ālasyaṃ bhoga-lālasam || 127 ||
Beim Praktizieren von Samādhi jedoch kommen zwangsläufig Hindernisse auf, wie das Fehlen von Aufmerksamkeit, Mangel an Energie, Verlangen nach Sinnesgenüssen, …
layas tamaś ca vikṣepo
rasāsvādaśca śūnyatā |
evaṃ yad vighna-bāhulyaṃ
tyājyaṃ brahmavidā śanaiḥ || 128 ||
… geistige Trägheit, Dunkelheit, Zerstreuung, Lustempfindung, Öde. Derart ist die Hindernisvielfalt, welche vom Brahmankenner nach und nach loszulassen ist.
bhāva-vṛttyā hi bhāvatvaṃ
śūnya-vṛttyā hi śūnyatā |
brahma-vṛttyā hi pūrṇatvaṃ
tathā pūrṇatvam abhyaset || 129 ||
Durch Denken an einen Zustand entsteht die Art dieses Zustands, durch Denken an Mangel entsteht Mangel. Durch Denken an Brahman entsteht Fülle. So sollte man Fülle einüben.
ye hi vṛttiṃ jahaty enāṃ
brahmākhyāṃ pāvanīṃ parām |
vṛthaiva te tu jīvanti
paśubhiś ca samā narāḥ || 130 ||
Diejenigen aber, die diese höchste reinigende Geisteshaltung, die Brahman genannt wird, zurückweisen, diese Menschen leben vergeblich und auf gleicher Stufe wie Tiere.
ye hi vṛttiṃ vijānanti
jñātvāpi vardhayanti ye |
te vai satpuruṣā dhanyā
vandyās te bhuvana-traye || 131 ||
Diejenigen aber, die diese Geisteshaltung tief verstehen, und danach in sich zum Wachsen bringen, das sind spirituelle Menschen die Glück bringen. Sie sind verehrenswert im ganzen Universum.
yeṣāṃ vṛttiḥ samā vṛddhā
paripakvā ca sā punaḥ |
te vai sad-brahmatāṃ prāptā
netare śabda-vādinaḥ || 132 ||
Bei welchen diese Geisteshaltung unter verschiedenen Umständen gleichbleibend gefestigt ist und vollständig verinnerlicht, diese haben wahrlich den heiligen Brahman-Zustand erlangt, aber nicht die anderen, die nur Worte daherreden.
kuśalā brahma-vārttāyāṃ
vṛtti-hīnāḥ su-rāgiṇaḥ |
te ’py ajñānatayā nūnaṃ
punar āyānti yānti ca || 133 ||
Diejenigen, die geschickt über Brahman reden ohne entsprechende Geisteshaltung und die voll weltlicher Verhaftung sind, die jedoch kommen und gehen bald wieder durch ihren Zustand von Unwissenheit.
nimeṣārdhaṃ na tiṣṭhanti
vṛttiṃ brahma-mayīṃ vinā |
yathā tiṣṭhanti brahmādyāḥ
sanakādyāḥ śukādayaḥ || 134 ||
Diejenigen die ständig an Brahman denken ohne auch nur einen halben Augenblick davon abzuweichen, die stehen so da wie der Weltenschöpfer, seine weisen Söhne, und Heilige wie Śuka und dergleichen.
kārye kāraṇatāyātā
kāraṇe na hi kāryatā |
kāraṇatvaṃ tato gacchet
kāryābhāve vicārataḥ || 135 ||
Die Wirkungskraft der Ursache zeigt sich im Hervorgebrachten, auch wenn die Ursache nicht die Eigenschaft des Hervorgebrachten hat. Die Wirkungskraft der Ursache vergeht, wenn man bei genauer Prüfung erkennt, dass das Hervorgebrachte gar keine richtige Existenz hat.
atha śuddhaṃ bhaved vastu
yad vā vācām agocaram |
draṣṭavyaṃ mṛd-ghaṭenaiva
dṛṣṭāntena punaḥ punaḥ || 136 ||
Dann bleibt jenes reine Sein, welches für Sprache unerreichbar ist. Das ist wiederholt zu betrachten am Beispiel Tonerde-Tonkrug.
anenaiva prakāreṇa
vṛtti-brahmātmakā bhavet |
udeti śuddha-cittānāṃ
vṛtti-jñānaṃ tataḥ param || 137 ||
Auf diese Art und Weise entsteht die Geisteshaltung vom Wesen Brahmans. Dann bricht für die, deren Aufmerksamkeit unvermischt ist, die Welle der Erkenntnis an.
kāraṇaṃ vyatirekeṇa
pumān ādau vilokayet |
anvayena punas tad dhi
kārye nityaṃ prapaśyati || 138 ||
Zuerst sollte man die Ursache mit der negativen Methode studieren. Anschließend erkennt man sie mittels der positiven Methode stets im Hervorgebrachten.
kārye hi kāraṇaṃ paśyet
paścāt kāryaṃ visarjayet |
kāraṇatvaṃ tato gacched
avaśiṣṭaṃ bhaven muniḥ || 139 ||
Man sollte im Hervorgebrachten die Ursache sehen, und danach das Hervorgebrachte loslassen. Dann verschwindet die Wirkungskraft [der Ursache] und das, was bleibt wird der Weise selbst.
bhāvitaṃ tīvra-vegena
yad vastu niścayātmanā |
pumāṃs tad dhi bhavec chīghraṃ
jñeyaṃ bhramara-kīṭavat || 140 ||
Die Sache, über die ein Mensch mit Überzeugung und intensivem Drang meditiert, zu der wird er bald. Das ist zu verstehen, wie bei der Larve, die [während der Verpuppung durch Meditation über das Bienendasein] zur Biene wird.
adṛśyaṃ bhāva-rūpaṃ ca
sarvam eva cid-ātmakam |
sāvadhānatayā nityaṃ
svātmānaṃ bhāvayed budhaḥ || 141 ||
Das Unsichtbare und das sichtbar Bestehende, das alles ist von der Natur reinen Bewusstseins. Der Weise sollte darüber stets voll Aufmerksamkeit als sein eigenes Selbst meditieren.
dṛśyaṃ hy adṛśyatāṃ nītvā
brahmākāreṇa cintayet |
vidvān nitya-sukhe tiṣṭhed
dhiyā cid-rasa-pūrṇayā || 142 ||
Nachdem man das Sichtbare [, also das Weltall als Hervorgebrachtes,] zum Unsichtbaren [, also Brahman als Ursache,] geführt hat, denke man es sich als eine Erscheinungsform Brahmans. Der Wissende möge so in ständigem Glück leben mit seinem Geist erfüllt vom Genuss reinen Bewusstseins.
ebhir aṅgaiḥ samāyukto
rājayoga udāhṛtaḥ |
kiṃ cit pakva-kaṣāyāṇāṃ
haṭha-yogena saṃyutaḥ || 143 ||
Mit den dargelegten Punkten ist hiermit Rāja-Yoga erklärt. Für diejenigen, die ihre Unreinheiten erst teilweise abgearbeitet haben, ist er in Verbindung mit Haṭha-Yoga [zu praktizieren].
paripakvaṃ mano yeṣāṃ
kevalo ’yaṃ ca siddhi-daḥ |
guru-daivata-bhaktānāṃ
sarveṣāṃ sulabho javāt || 144 ||
Für diejenigen hingegen, deren Geist vollständig bereit ist, schenkt dieser [Rāja-Yoga schon] alleine Erfolg. Für alle, die dem göttlichen Lehrer ergeben sind, [ist dieser Yoga] rasch und leicht zugänglich.