übersetzt von Frank Nārada Ziesing
Als Autor dieses Traktates von 144 Versen gilt Śaṅkaracārya. Doch wer ist damit gemeint? Im Text wird Haṭha-Yoga als Hilfsdisziplin empfohlen, und ein 15-stufiger Yogaweg wird angesprochen, der eine Kombination aus Patañjalis 8-gliedrigem Yoga mit Haṭha-Yoga-Erweiterungen ist. Die Bezeichnung Haṭhayoga als eigene Disziplin kommmt erst ab dem 11. Jhd. n. Chr. auf. Deshalb dürfte unser Text erst danach entstanden sein. Damit kommt der berühmte Philosoph Śaṅkaracārya, der wahrscheinlich im 7. oder 8. Jhd n. Chr. lebte, nicht als Autor in Frage. Da sein Name aber als Titel von den Äbten seiner Klöster benutzt wurde, dürfte ein unbekannter Abt eines Klosters in der Nachfolge von Śaṅkaracārya der Autor gewesen sein.
Der Originaltext beinhaltet keinerlei Gliederung. Zur besseren Übersicht habe ich Zwischenüberschriften hinzugefügt.
Als Sanskrit-Textgrundlage diente die Ausgabe von Swami Vimuktananda: Aparokṣānubhūti of Śrī Śaṅkaracārya. Advaita Ashrama, Calcutta 1938. Druckfehler habe ich verbessert.
śrī-hariṃ paramānandam
upadeṣṭāram īśvaram |
vyāpakaṃ sarvalokānāṃ
kāraṇaṃ taṃ namāmy aham || 1 ||
Vor Gott, der die höchste Seligkeit ist, der der Lehrer und Gebieter ist und die alldurchdringende Ursache aller Welten, vor dem verneige ich mich.
śrī- glückverheißend harim akk m sg den Hari, Vishnu/Krishna paramānandam akk m sg den der die höchste Seligkeit ist upadeṣṭāram akk m sg den Lehrer īśvaram akk m sg den Gebieter vyāpakam akk m sg den alldurchdringenden sarva- alle, jeder lokānāṃ gen pl m der Welten kāraṇam akk m sg Ursache tam akk m sg den namāmi 1 sg präs verneige mich vor aham ich
aparokṣānubhūtir vai
procyate mokṣa-siddhaye |
sadbhir eva prayatnena
vīkṣaṇīyā muhur muhuḥ || 2 ||
Die unmittelbare spirituelle Erfahrung wird zum Gelingen der Befreiung verkündet. Mit Bemühung sollten die Noblen wieder und wieder ihre Aufmerksamkeit darauf richten.
aparokṣānubhūtiḥ nom f sg die unmittelbare Erfahrung vai wahrlich procyate 3 sg pass präs wird verkündet mokṣa- Befreiung siddhaye dat f sg für den Erfolg, das Gelingen sadbhiḥ inst pl m von den Guten/Edlen eva wahrlich prayatnena inst m sg mit Bemühung vīkṣaṇīyā nom f sg worauf die Aufmerksamkeit zu richten ist (bezieht sich auf aparokṣānubhūtiḥ) muhur muhuḥ adv wieder und wieder
svavarṇāśrama-dharmeṇa
tapasā hari-toṣaṇāt |
sādhanaṃ prabhavet puṃsāṃ
vairāgyādi-catuṣṭayam || 3 ||
Durch die Aufgaben der eigenen sozialen Gruppe und des Lebensabschnitts, durch Tapas, durch Erfreuen Gottes können die vier Mittel zum spirituellen Erfolg für Menschen entstehen, die mit Vairāgya beginnen.
sva- eigen varṇa- Farbe, Charakter, Kaste āśrama- Lebensstadium dharmeṇa inst m sg durch Pflicht, gute Werke tapasā inst n sg durch Tapas hari- Vishnu/Krishna toṣaṇāt inst n sg durch Erfreuen sādhanam nom n sg zum Ziel führendes Mittel prabhavet 3 sg opt möge entstehen puṃsām gen m pl für Menschen vairāgya- völlige Gelassenheit ādi- beginnend mit catuṣṭayam nom n sg das aus Vieren bestehende
Der spirituelle Weg wird hier als mehrstufiger Prozess dargelegt. Vier Geisteshaltungen sind die Grundlagen. Man erlangt sie entweder durch Karma-Yoga (svavarṇāśrama-dharmeṇa), durch Rāja-Yoga (tapasā) oder durch Bhakti-Yoga (hari-toṣanāt).
brahmādi-sthāvarānteṣu
vairāgyaṃ viṣayeṣv anu |
yathaiva kāka-viṣṭhāyāṃ
vairāgyaṃ tad dhi nirmalam || 4 ||
Vairāgya, Gelassenheit gegenüber dem Sinnesbereich, angefangen von dem des Schöpfers bis hin zu dem der unbeweglichen Wesen, die wie gegenüber Vogelschiss ist, diese Gelassenheit wahrlich ist makellos.
brahma- Brahmā der Schöpfer, Brahmās Welt, Brahmaloka ādi- angefangen mit sthāvara- immobil, Pflanzenwelt, unbewegliches Gut anteṣu lok pl m bis zu dem was endet mit vairāgyam nom n sg Gelassenheit viṣayeṣu lok pl m in/zu Sinnesobjekten anu adv hin, nach yathā wie eva wahrlich kāka- Krähe viṣṭhāyām lok f sg im/zum Kot vairāgyam nom n sg Gelassenheit tat nom n sg das hi nämlich nirmalam nom n sg makellos
nityam ātma-svarūpaṃ hi
dṛśyaṃ tad-viparītagam |
evaṃ yo niścayaḥ samyag
viveko vastunaḥ sa vai || 5 ||
Beständigkeit ist das Eigenwesen des Selbstes, Sichtbares steht im Gegensatz dazu. Eine solche klare Überzeugung, das ist Viveka, Unterscheidung der Tatsachen.
nityam nom n sg ewig, beständig ātma- Selbst svarūpam nom n sg Eigenwesen hi nämlich dṛśyam nom n sg zu sehendes tat- das, dem viparīta- ppp umgekehrt gam nom n sg gehend, sich befindend evam auf diese Weise yaḥ nom m sg jene niścayaḥ nom m sg Überzeugung samyak adv auf einen Punkt gerichtet, richtig vivekaḥ nom m sg Unterscheidung vastunaḥ gen n sg der Tatsache saḥ nom m sg dieser vai adv wahrlich
sadaiva vāsanā-tyāgaḥ
śamo ‘yam iti śabditaḥ |
nigraho bāhya-vṛttīnāṃ
dama ity abhidhīyate || 6 ||
Innewohnende Eindrücke und Wünsche, Vāsanās, immer loszulassen, dieses heißt Śama, Gemütsruhe.
Das Hemmen der Orientierung nach außen heißt Dama, Selbstbeherrschung.
sadā immer, jedesmal eva wahrlich vāsanā- Wünsche tyāgaḥ nom m sg Entsagen, Verstoßen, Aufgeben śamaḥ nom m sg Gemütsruhe, Seelenruhe ayam nom m sg diese iti also śabditaḥ nom m sg ppp genannt, heisst nigrahaḥ nomm sg das Ergreifen, Hemmen bāhya- draußen, außerhalb befindlich vṛttīnām inst f sg von den Gedanken damaḥ nom m sg Selbstbeherrschung iti also abhidhīyate 4 sg pass präs wird genannt
viṣayebhyaḥ parāvṛttiḥ
paramoparatir hi sā |
sahanaṃ sarvaduḥkhānāṃ
titikṣā sā śubhā matā || 7 ||
Das sich Abwenden von Sinnesdingen ist die beste Uparati, freudige Stille.
Das Ertragen aller Unannehmlichkeiten ist Titikṣā, Geduld, die als Glück bringend angesehen wird.
viṣayebhyaḥ- abl pl m von den Sinnesobjekten parā- weg, fort vṛttiḥ nom f sg Drehen, Verfahren, Benehmen parama-höchte uparatiḥ nom f sg zur ruhe kommen hi nämlich sā nom f sg sie, diese sahanam nom n sg das geduldige Ertragen sarva- all, jeder duḥkhānām gen pl n des Unangenehmens titikṣā nom f sg Geduld sā nom f sg sie śubhā- angenehm, erfreulich, glückverheißend matā nom f sg ppp Meinung, Ansicht, Lehre
nigamācārya-vākyeṣu
bhaktiḥ śraddheti viśrutā |
cittaikāgryaṃ tu sallakṣye
samādhānam iti smṛtam || 8 ||
Hingabe an die Worte der Heiligen und die des Lehrers wird Śraddhā, Vertrauen, genannt.
Das Fokussieren des Geistes auf das was als unveränderliches Sein erkennbar ist, ist bekannt als Samādhānam, tiefe Meditation.
nigama- heiliger Text, heilige Lehre ācārya- Lehrer vākyeṣu lok n pl in/zu den Aussagen bhaktiḥ nom f sg Hingabe śraddhā nom f sg vertrauensvoller Glaube iti also viśrutā nom f sg ppp ist bekannt als citta- denkender Geist ekāgryam nom n sg Einpunktgerichtetheit tu doch, nun sat- das Wahre, Echte lakṣye lok n sg worauf man sein Augenmerk zu richten hat samādhānam nom n sg Andacht iti also smṛtam nom n sg ppp überliefert
saṃsāra-bandha-nirmuktaḥ
kathaṃ me syāt kadā vidhe |
iti yā sudṛḍhā buddhir
vaktavyā sā mumukṣutā || 9 ||
Von den Saṃsāra-Fesseln befreit sein, wie könnte das mein sein und wann, o Schicksal? Eine solche gut gefestigte Einsicht, die ist Wunsch nach Befreiung zu nennen.
saṃsāra- Weltlichkeit bandha- Fessel, Bindung nirmuktaḥ nom m sg ppp befreit, entkommen katham wie me mein, für mich syāt 3 sg opt könnte sein kadā wann vidhe vok m sg o Schicksal, o Schöpfer iti also yā nom f sg jene sudṛḍhā nom f sg ppp gut gefestigt buddhiḥ nom f sg Einsicht vaktavyā nom f sg zu nennen sā nom f sg sie mumukṣutā Wunsch nach Befreiung nom f sg
ukta-sādhana-yuktena
vicāraḥ puruṣeṇa hi |
kartavyo jñāna-siddhy-artham
ātmanaḥ śubham icchatā || 10 ||
Verbunden mit den besprochenen Mitteln zum Erfolg sollte von einem Menschen, der das Heil für sich wünscht, Vicāra durchgeführt werden, damit Erkenntnis zustande kommt.
ukta- ppp besprochen sādhana- Mittel zum Erfolg yuktena inst m sg ppp verbunden mit vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung, Überlegung puruṣeṇa inst m sg von Menschen hi nämlich kartavyaḥ nom m sg durchzuführen, zu tun jñāna- Erkenntnis siddhi- Erfolg, zustande kommen artham nom n sg um zu ātmanaḥ dat m sg für sich selbst śubham nom n sg Erfreuliches, Heil icchatā inst m sg ppräs von dem Wünschenden
notpadyate vinā jñānaṃ
vicāreṇānya-sādhanaiḥ |
yathā padārthabhānaṃ hi
prakāśena vinā kvacit || 11 ||
Erkenntnis entsteht nicht durch andere Mittel außer durch Vicāra, ebenso wie Sichtbarkeit von Dingen [nirgends aufkommt] außer durch Licht.
na nicht utpadyate 3 sg präs entstehen vinā außer jñānam nom n sg Erkenntnis vicāreṇa inst m sg durch genaue Prüfung anya- andere sādhanaiḥ inst, n sg durch Mittel zum Erfolg yathā wie padārtha- Gegenstand der Betrachtung bhānam nom n sg Sichtbarkeit hi nämlich prakāśena inst m sg mit Licht vinā außer kvacit wo auch immer, irgendwo, irgendwohin
ko’haṃ katham idaṃ jātaṃ
ko vai kartāsya vidyate |
upādānaṃ kim astīha
vicāraḥ so’yam īdṛśaḥ || 12 ||
Wer bin ich? Wie ist dieses entstanden? Wer wird als dessen Urheber gefunden? Was ist die Grundlage der Welt? So sieht Vicāra aus.
kaḥ wer aham ich katham wie idam nom n sg dieses jātam nom n sg ppp entstanden, geboren, erzeugt kaḥ wer vai wahrlich kartā nom m sg Täter, Urheber asya gen sg sein, dessen vidyate 3 sg pass wird gefunden upādānam nom n sg das sinnliche Anerkennen, Grundlage kim was asti 3 sg präs ist iha hier vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
Die Vicāra-Frage ist also nicht nur nach meiner eigenen Essenz, sondern auch, wie ich in diese Lage in der Welt gekommen bin, wer dafür verantwortlich ist, und wie diese Lage aufrecht erhalten wird.
nāhaṃ bhūta-gaṇo deho
nāhaṃ cākṣagaṇas tathā |
etad-vilakṣaṇaḥ kaścid
vicāraḥ so ’yam īdṛśaḥ || 13 ||
Ich bin nicht die Schar der Elemente die der Körper ist, ebensowenig bin ich die Schar der Sinne. Irgendetwas anderes als das [bin ich]. So sieht Vicāra aus.
na nicht aham ich bhūta- Element gaṇaḥ nom m sg Schar dehaḥ nom m sg Körper na nicht aham ich ca und akṣa- Sinnnesorgan gaṇaḥ nom m sg Schar tathā ebenso etat- von diesem vilakṣaṇaḥ nom m sg verschiedenes kaścit wer auch immer,irgendwer vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
ajñāna-prabhavaṃ sarvaṃ
jñānena pravilīyate |
saṃkalpo vividhaḥ kartā
vicāraḥ so ’yam īdṛśaḥ || 14 ||
Alles was aus Unwissenheit entstanden ist, verschwindet durch Erkenntnis. Aller möglicher Eigenwille, Saṃkalpa, ist der Urheber. So sieht Vicāra aus.
ajñāna- Unwissen prabhavam nom n sg Entstehung, Ursprung, entspringend aus sarvam nom n sg alles jñānena inst sg m durch Erkennntnis pravilīyate 3 sg präs ātm verschwindet saṃkalpaḥ nom m sg Eigenwille vividhaḥ nom m sg mannigfacher, verschiedenartig kartā nom m sg Handelnder vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
Der Durst nach Leben manifestiert sich als Ego, das eine Welt wünscht, in der es in vielerlei Rollen Erfahrungen machen kann und schließlich wieder zur Erkenntnis kommt, und sich auflöst.
etayor yad-upādānam
ekaṃ sūkṣmaṃ sad-avyayam |
yathaiva mṛd-ghaṭādīnāṃ
vicāraḥ so ’yam īdṛśaḥ || 15 ||
Die Grundlage dieser beiden, [also Saṃkalpa und Unwissenheit,] ist das eine unfassbare unveränderliche Sein, ebenso wie Lehm die des Kruges ist usw. So sieht Vicāra aus.
etayoḥ abl dual m dieser beider yat- dessen upādānam nom n sg materielle Uesache ekam nom n sg das eine sūkṣmam nom n sg subtil, unfassbar sat nom n sg ppräs Sein avyayam nom n sg unvergänglich yathā wie eva wahrlich mṛd- Lehm, Tonerde ghaṭa- Krug ādīnām gen pl m bezüglich denen die beginnen mit vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
aham eko ‘pi sūkṣmaś ca
jñātā sākṣī sad-avyayaḥ |
tad ahaṃ nātra saṃdeho
vicāraḥ so ‘yam īdṛśaḥ || 16 ||
Auch ich bin das eine und unfassbare, der Erkennende, der Zeuge, von unvergänglichem Sein. Das bin ich, hier ist kein Zweifel. So sieht Vicāra aus.
aham ich ekaḥ nom m sg der Eine api auch sūkṣmaḥ nom m sg subtil ca und jñātā nom m sg der Erkennende sākṣī nom m sg der Augenzeuge sat- ppräs das Sein avyayaḥ nom m sg unvergänglich tat nom n sg das aham ich na nicht atra hier saṃdehaḥ nom m sg Zweifel vicāraḥ nom m sg genaue Prüfung saḥ nom m sg er, der ayam nom m sg dieser īdṛśaḥ nom m sg derartig
ātmā viniṣkalo hy eko
deho bahubhir āvṛtaḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 17 ||
Das Selbst ist ohne Unterteilung, denn es ist eins. Der Körper ist von Vielem erfüllt. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg das Selbst viniṣkalaḥ nom m sg ohne Teile hi nämlich ekaḥ nom m sg einer dehaḥ nom m sg der Körper bahubhiḥ inst m pl mit viele āvṛtaḥ nom m sg ppp angefüllt tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā niyāmakaś cāntar
deho bāhyo niyamyakaḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 18 ||
Das Selbst ist der innere Halter und der Körper ist das äußere Gehaltene. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg der Ātman niyāmakaḥ nom m sg der Lenker, Bezwinger, Halter ca und antar innen, im Innern dehaḥ nom m sg der Körper bāhyaḥ nom m sg außerhalb, außen niyamyakaḥ nom m sg im Zaum zu halten tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā jñāna-mayaḥ puṇyo
deho māṃsa-mayo ’śuciḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 19 ||
Das Selbst besteht aus Erkenntnis und ist rein. Der Körper besteht aus Fleisch und ist nicht rein. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg das Selbst jñāna- Erkenntnis mayaḥ nom m sg bestehend aus puṇyaḥ nom m sg rein, heilig, glücklich dehaḥ nom m sg der Körper māṃsa- Fleisch mayaḥ nom m sg bestehend, gemacht aus aśuciḥ nom m sg unrein, unlauter, unsauber, dreckig tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā prakāśakaḥ svaccho
dehas tāmasa ucyate |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 20 ||
Das Selbst macht Dinge offenbar und ist leuchtend, der Körper wird als dunkel angesehen. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m dasSelbst prakāśakaḥ nom m sg leuchtend, erhellend, offenbarmachend svacchaḥ nom m sg schön klar, durchsichtig, rein, leuchtend dehaḥ nom m sg der Körper tāmasaḥ nom m sg dunkel ucyate 3 sg pass präs wird genannt tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmā nityo hi sad-rūpo
deho ’nityo hy asan-mayaḥ |
tayor aikyaṃ prapaśyanti
kim ajñānam ataḥ param || 21 ||
Das Selbst ist beständig, denn sein Wesen ist dauerhaftes Sein, der Körper ist unbeständig, denn er ist von vergänglichem Sein. Man hält beides für identisch, – gibt es Unwissenheit darüber hinaus?
ātmā nom m sg das Selbst nityaḥ nom m sg stetig, ununterbrochen, ewig hi denn sat- dauerhaftes Sein rūpaḥ nom m sg Wesen dehaḥ nom m sg der Körper anityaḥ nom m sg vergänglich, unbeständig hi denn asat- vergängliches Sein mayaḥ nom m sg gemacht aus, bestehend aus tayoḥ lok dual n von beiden aikyam nom n sg Einheit prapaśyanti pra√paś sie erkennen, sie sehen kim was ajñānam nom n sg Unwissendheit ataḥ abl sg als das param adv darüber hinaus
ātmanas tat prakāśatvaṃ
yat padārthāvabhāsanam |
nāgny-ādi-dīpti-vad dīptir
bhavaty āndhyaṃ yato niśi || 22 ||
Diese Leuchtkraft des Selbstes ist das, was Dinge sichtbar macht. Sein Leuchten ist nicht wie das Leuchten von Feuer und dergleichen, wo nachts [noch] Dunkelheit bestehen bleibt.
ātmanaḥ gen m sg des Selbstes tat nom n sg dieses prakāśatvam nom n sg Leuchtkraft yat nom n sg welches padārtha- Dinge, Gegenstände avabhāsanam nom n sg Erscheinen, zu Tage treten na nicht agni- Feuer ādi- angefangen mit, usw. dīpti- leuchten, flammen vat nom n sg gekennzeichnet durch dīptiḥ nom f sg Flammen, Glanz bhavati 3 sg präs es wird, entsteht āndhyam nom n sg Blindheit yatas woher, wohin, weil niśi lok f sg in der Nacht
deho ’ham ity ayaṃ mūḍho
dhṛtvā tiṣṭhaty aho janaḥ |
mamāyam ity api jñātvā
ghaṭa-draṣṭeva sarvadā || 23 ||
„Ich bin der Körper“, so wird es von unsereins Verwirrten gehalten, und o Wunder, man bleibt dabei, obwohl man stets erkennt, „das ist mein [Körper]“, wie ein Betrachter eines Kruges.
dehaḥ nom m sg der Körper aham ich iti also ayaṃ janaḥ nom m sg unsereins mūḍhaḥ nom m sg der Verwirrte dhṛtvā absolutiv gehalten habend tiṣṭhati 3 sg präs bleibt stehen aho o Wunder janaḥ nom m sg Leute mama gen sg mein ayam nom m sg dieser, dies hier iti also api sogar jñātvā absolutiv erkannt habend ghaṭa- Krug draṣṭā nom m sg der Betrachter iva wie sarvadā stets
brahmaivāhaṃ samaḥ śāntaḥ
sac-cid-ānanda-lakṣaṇaḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 24 ||
Brahman wahrlich bin ich, unverändert und friedvoll, mit den Merkmalen Sein, Bewusstsein, Glückseligkeit. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
brahma nom n sg das Brahman eva wahrlich aham ich samaḥ nom m sg sich gleich bleibbend śāntaḥ nom m sg ppp in Frieden sat- ppräs dauerhaftes Sein cit- Bewusstsein ānanda- Glückseligkeit lakṣaṇaḥ nom m sg Merkmal, Charakter na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-vikāro nir-ākāro
nir-avadyo ’ham avyayaḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 25 ||
Sich gleich bleibend, gestaltlos, ohne Fehler, unvergänglich bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-vikāraḥ nom m sg ohne Veränderung nir-ākāraḥ nom m sg ohne Form nir-avadyaḥ nom m sg ohne Tadelswertes aham ich avyayaḥ nom m sg unvergänglich na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-āmayo nir-ābhāso
nirvikalpo ’ham ātataḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 26 ||
Jenseits von Krankheit, ohne Anschein von etwas, jenseits von Objekt-Subjekt, alldurchdringend bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-āmayaḥ nom m sg ohne Krankheit nir-ābhāsaḥ nom m sg ohne Gestalt nirvikalpaḥ nom m sg ohne Objekt-Subjekt-Unterscheidung aham ich ātataḥ nom m sg ppp ausgedehnt, durchdringend na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-guṇo niṣ-kriyo nityo
nitya-mukto ’ham acyutaḥ |
nāhaṃ deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 27 ||
Ohne Eigenschaft, ohne Tätigkeit, ewig, immer frei, unerschütterlich bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-guṇaḥ nom m sg ohne Eigenschaft niṣ-kriyaḥ nom m sg ohne Tätigkeit nityaḥ nom m sg ewig, bestämdig nitya- ewig muktaḥ nom m sg ppp befreit aham ich acyutaḥ nom m sg unerschütterlich na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
nir-malo niś-calo ‘nantaḥ
śuddho ‘ham ajaro ‘maraḥ |
nāham deho hy asad-rūpo
jñānam ity ucyate budhaiḥ || 28 ||
Makellos, unbeweglich, unendlich, rein, nicht alternd, unsterblich bin ich. Ich bin nicht der Körper, der ja vergänglicher Natur ist. Das wird Erkenntnis genannt von den Erwachenden.
nir-malaḥ nom m sg ohne Makel niś-calaḥ nom m sg ohne Bewegung, unbeweglich anantaḥ nom msg unendlich śuddhaḥ nom m sg ppp rein, gereinigt aham ich ajaraḥ nom msg nicht alternd amaraḥ nom m sg ohne Tod, unsterblich na nicht aham ich dehaḥ nom m sg der Körper hi denn asat- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Natur, Wesen jñānam nom n sg Erkenntnis iti also ucyate 3 sg pass präs wird genannt budhaiḥ inst pl m von den Verständigen, Weisen
svadehe śobhanaṃ santaṃ
puruṣākhyaṃ ca saṃmatam |
kiṃ mūrkha śūnyam ātmānaṃ
dehātītam karoṣi bhoḥ || 29 ||
In eigenen Körper ist das wunderschöne, dauerhaft Seiende, welches das Beseelende genannt wird und verehrt wird. Warum, o du Dummer, tust du so, als sei das über den Körper hinausgehende Selbst nicht vorhanden?
sva- eigen dehe lok m sg im Körper śobhanam akk m sg schön, vorzüglich santam akk m sg ppräs von dauerhaftem Sein seieind puruṣa- das Beseelende ākhyaṃ akk m sg genannten ca und saṃmatam akk m sg ppp den geehrten kim Ist es so dass? mūrkha vok m sg o Dummkopf, unverständiger śūnyam akk m sg fehlend, nicht vorhanden, nichtig ātmānaṃ akk m sg den Śtman deha- Körper atītam akk m sg ppp darüber hinausgegangen karoṣi 2 sg präs du tust bhoḥ interjektion hallo, ach, du
Purusha wird hier mit Ātman gleichgesetzt.
svātmānaṃ śṛṇu mūrkha tvaṃ
śrutyā yuktyā ca pūruṣam |
dehātītaṃ sad-ākāraṃ
sudur-darśaṃ bhavā-dṛśaiḥ || 30 ||
Von deinem eigenen Selbst höre, du Dummer, durch die Śruti und Argumente, – von dem Beseelenden, das über den Körper hinaus geht, vom Wesen dauerhaften Seins, schwer zu erkennen von Euer Ehren.
sva eigen atmānam akk m sg den Ātman śṛṇu 2 sg imperativ höre mūrkha vok m sg Dummkopf tvam du śrutyā inst f sg durch vedische Texte yuktyā inst f sg durch Argumente ca und pūruṣam den Purusha, das Urwesen, Bewusstseins-Prinzip deha- Körper atītaṃ akk m sg ppp übersteigend sat- dauerhaftes Sein ākāram akk m sg Gestalt sudur-darśam akk m sg sehr schwer sichtbar werdend bhavā-dṛśaiḥ inst m sg von Euer Ehren (Höflichkeitsform)
Als "Śruti" werden die als ewige Wahrheiten angesehenen vedischen Texte bezeichnet. d.h. die vier Veden, dazugehörige Ritualtexte, Texte für Einsiedler sowie die Upanishaden. In diesem und folgenden Versen wird auf Stellen in den Upanishaden verwiesen.
ahaṃ-śabdena vikhyāta
eka eva sthitaḥ paraḥ |
sthūlas tv anekatāṃ prāptaḥ
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 31 ||
Mit dem Wort »Ich« wird das benannt, was nur Eins, beständig und das Höchste ist. Das Grobstoffliche aber ist zu zahllosen Dingen geworden. Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
ahaṃ-=ich śabdena inst sg m mit dem Wort vikhyātaḥ vi√khyā benannt, bekannt gemacht,nom m sg ppp ekaḥ nom m sg er eine eva wahrlich sthitaḥ nom m sg ppp Stand haltend, fest stehend paraḥ nom m sg vorzüglicher, besserer sthūlaḥ nom m sg grobstofflich tu jedoch anekatām akk f sg Vielheit prāptaḥ nom m sg ppp erlangt, sich ergeben habend katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
ahaṃ dṛṣṭṛtayā siddho
deho dṛśyatayā sthitaḥ |
mamāyam iti nirdeśāt
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 32 ||
Das »Ich« wirkt, indem es erkennt. Der Körper besteht, indem er erkannt wird. Das zeigt die Beschreibung: "Er ist meiner". Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
aham ich dṛṣṭṛtayā inst f sg durch das Dasein als Seher/Erfahrender siddhaḥ nom m sg ppp erfolgreich, zu Stande gekommen dehaḥ nom m sg der Körper dṛśyatayā inst f sg durch das Dasein als Gesehenes/Erfahrenes sthitaḥ nom m sg ppp^ steht fest, besteht mama gen sg mein ayam nom m sg dieser iti also nirdeśāt abl sg m durch Anwweisung, Beschreibung, Bezeichnung katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
ahaṃ vikāra-hīnas tu
deho nityaṃ vikāravān |
iti pratīyate sākṣāt
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 33 ||
Das »Ich« ist ohne Veränderungen, doch der Körper zeigt ständig Veränderungen, das passiert vor eigenen Augen. Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
aham ich vikāra- Veränderung hīnaḥ nom m sg ppp verlassen, fehlend, ohne tu aber dehaḥ nom m sg der Körper nityam adv stets vikāravān nom m sg Veränderungen zeigend vikāravat iti also pratīyate 3 sg pass präs wird erkannt, ergibt sich sākṣāt adv mit eigenen Augen katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
yasmāt param iti śrutyā
tayā puruṣa-lakṣaṇam |
vinirṇītaṃ vimūḍhena
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 34 ||
Die Unverwirrten haben die Natur des Beseelenden eindeutig festgestellt aufgrund der Aussage der Śruti: "Höheres als das [gibt es nicht]." (Svetāsvatara Up. 3:9) Wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
yasmāt weil param nom n sg das Höchste iti also śrutyā inst f sg durch den heiligen Text tayā inst f sg durch diese puruṣa- das Beseelende lakṣaṇam nom n sg als Merkmal habend vinirṇītam nom n sg ppp ganz entschieden, feststehend vimūḍhena inst m sg von den Unverwirrten katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
sarvaṃ puruṣa eveti
sūkte puruṣa-saṃjñite |
apy ucyate yataḥ śrutyā
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 35 ||
„Das Beseelende ist wahrlich alles,“ so heißt es im Purusha-Sūktam (Ṛg-Veda X:90:2). Weil es auch von der Śruti verkündet wird, wie könnte der unscheinbare Körper das Beseelende sein?
sarvam alles puruṣaḥ nom m sg der Purusha, das Beseelende eva wahrlich iti also sūkte lok n sg im sūktam puruṣa- das Beseelende saṃjñite lok n sg in der heißenden, den Namen führenden api sogar, auch ucyate 3 sg pass präs wird gesagt yatas adv von wem, woher, wovon, weil śrutyā inst f sg von den heiligen Texten katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
asaṅgaḥ puruṣaḥ prokto
bṛhadāraṇyake ‘pi ca |
ananta-mala-saṃśliṣṭaḥ
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 36 ||
Und auch in der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (IV:3:15-16) wird das Beseelende als verhaftungslos gelehrt. An dem unendliche Makel haften, wie könnte dieser unscheinbare Körper das Beseelende sein?
asaṅgaḥ nom m sg an nichts hängelnd puruṣaḥ nom m sg das Beseelende proktaḥ nom m sg ppp wird verkündet bṛhadāraṇyake lok m sg in der Bṛhadāraṇyaka-Upanishad api desgleichen ca und ananta- unendlich mala- Schmutz, Makel saṃśliṣṭaḥ nom m sg ppp haftend, klebend katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
tatraiva ca samākhyātaḥ
svayaṃ-jyotir hi pūruṣaḥ |
jaḍaḥ para-prakāśyo ‘yaṃ
kathaṃ syād dehakaḥ pumān || 37 ||
Und dort wird deutlich erklärt, dass das Beseelende selbstleuchtend ist (Bṛ.-Up.IV:3:7). Dieser empfindungslose durch etwas anderes offenbar gemacht werdende, wie könnte dieser unscheinbare Körper das Beseelende sein?
tatra dort eva wahrlich ca und samākhyātaḥ nom m sg ppp erklärt svayaṃ-jyotis nom m sg von selbst leuchtend hi nämlich pūruṣaḥ nom m sg das Beseelende jaḍaḥ nom m sg stumpf para-prakāśyaḥ nom m sg offenbar zu machen, ans Licht zu bringen ayam nom m sg dieser katham wie syāt 3 sg opt könnte dehakaḥ nom m sg Körperchen pumān nom m sg der Mensch, die Seele
prokto ‘pi karma-kāṇḍena
hy ātmā dehād vilakṣaṇaḥ |
nityaś ca tat-phalaṃ bhuṅkte
deha-pātād anantaram || 38 ||
Auch im rituellen Abschnitt [der Veden] wird gelehrt, dass das Selbst vom Körper verschieden sei. Es sei ewig, und unmittelbar nach dem Wegfall des Körpers erntet es dessen Handlungsfrüchte.
proktaḥ nom m sg ppp verkündet, gelehrt api auch, sogar karma-kāṇḍena vom rituellen Teil [der Veden) hi nämlich ātmā nom m sg das Selbst dehāt abl m sg vom Körper vilakṣaṇaḥ nom m sg verschieden nityaḥ ewignom m sg ca und tat- dessen phalam akk n sg Frucht, Wirkung bhuṅkte 3 sg ātm präs genießt deha- Körper pātāt abl m sg nach dem Fall anantaram adv unmittelbar danach
liṅgaṃ cāneka-saṃyuktaṃ
calaṃ dṛśyaṃ vikāri ca |
avyāpakam asad-rūpaṃ
tat kathaṃ syād pumān ayam || 39 ||
Der feinstoffliche Körper ist ebenfalls aus Vielerlei zusammengesetzt. Er ist unstet, wahrnehmbar, veränderlich, individuell begrenzt und von vergänglichem Sein. Wie könnte er dieses Beseelende sein?
liṅgam nom n sg der feinstoffliche Körper ca und aneka- viele saṃyuktam nom n sg ppp verbunden mit calam nom n sg schwankend, sich bewegend dṛśyam nom n sg wahrnehmbar vikāri nom n sg veränderlich ca und avyāpakam nom n sg individuell, speziell, eigenartig, begrenzt asat- von vergänglichem Sein rūpam nom n sg Gestalt, Wesen, Natur tat nom n sg das katham wie syāt 3 sg opt könnte sein pumān nom m sg der Mensch, die Seele, das Beseelende ayam nom m sg dieser
evaṃ deha-dvayād anya
ātmā puruṣa īśvaraḥ |
sarvātmā sarvarūpaś ca
sarvātīto ‘ham avyayaḥ || 40 ||
Etwas anderes als diese beiden Körper ist somit das Selbst, das Beseelende, der Gebieter, das Selbst in allen und alle Gestalten, das über alles hinausgegangene, das unvergängliche Ich.
evam auf diese Weise, so deha- Körper dvayāt abl n sg von den Zweierlei anyaḥ nom m sg ein anderer ātmā nom m sg das Selbst puruṣaḥ nom m sg das Beseelende īśvaraḥ nom m sg der Gebieter sarva- alles ātmā nom m sg das Selbst sarva- alles rūpaḥ nom m sg Gestalt ca und sarva- alles atītaḥ nom m sg ppp darüber hinaus gegangen aham ich avyayaḥ nom m sg unvergänglich
ity ātma-deha-bhāgeṇa
prapañcasyaiva satyatā |
yathoktā tarka-śāstreṇa
tataḥ kiṃ puruṣārthatā || 41 ||
Mit diesen Argumenten [bedeutet] die Aufteilung von Selbst und Körper die Wahrheit der Vielheit, wie von der Logiklehre verkündet. Doch was bringt das einem Menschen?
iti also ātma- Selbst deha- Körper bhāgeṇa inst m sg durch die Teilung, Aufteilung prapañcasya gen m sg bezüglich der Vielheit eva wahrlich satyatā nom f sg Wahrheit yathoktā nom f sg wie angegeben, wie besprochen tarka- Logik śāstreṇa inst n sg durch die Lehre tataḥ kim was dann puruṣa- Mensch, Person arthatā nom f sg Zielheit, das Dienen zu
ity ātma-deha-bhedena
dehātmatvaṃ nivāritam |
idānīṃ deha-bhedasya
hy asattvaṃ sphuṭam ucyate || 42 ||
Durch die Unterscheidung von Selbst und Körper wird die Vorstellung abgewendet, der Körper sei das Selbst. Jetzt wird klar gesagt, dass die Abspaltung vom Körper jedoch keine Wirklichkeit hat.
iti also ātma- das Selbst deha- Körper bhedena inst m sg durch Trennung deha- Körper ātmatvam nom n sg Selbstheit nivāritam nom n sg kaus ppp wird entfernt, untersagt idānīm adv in diesem Augenblick deha- Körper bhedasya gen m sg der Trennung hi nämlich asattvam nom n sg das Nichtdasein, Abwesenheit sphuṭam adv offenbar, deutlich ucyate 3 sg pass präs wird gesagt
caitanyasyaika-rūpatvād
bhedo yukto na karhi cit |
jīvatvaṃ ca mṛṣā jñeyaṃ
rajjau sarpa-graho yathā || 43 ||
Aufgrund der Natur des Bewusstseins, ein Eines zu sein, ist es niemals mit Trennung verbunden. Erkenne, dass Individualität ein Irrtum ist – wie die Wahrnehmung einer Schlange in einem Seil.
caitanyasya gen n sg des Bewusstseins eka- eins rūpatvāt abl n sg durch Gestaltetheit bhedaḥ nom m sg Trennung yuktaḥ nom m sg ppp verbunden na nicht karhi cit adv irgendwann jīvatvam nom n sg Lebendigkeit ca und mṛṣā nom f sg, vergebens jñeyam adv zu erkennen rajjau lok f sg im Strick sarpa- Schlange grahaḥ nom m sg wahrnehmend yathā wie
rajjvajñānāt kṣaṇenaiva
yadvad rajjur hi sarpiṇī |
bhāti tadvac citiḥ sākṣād
viśvākāreṇa kevalā || 44 ||
Wie durch Unkenntnis, dass es ein Seil ist, augenblicklich das Seil als Schlange erscheint, so [erscheint] den Sinnen nichts anderes als das reine Bewusstsein in Form des Alls.
rajju- Seil ajñānāt abl n sg durch Unwissenheit kṣaṇena inst n sg in einem Augenblick eva wahrlich yadvat wie rajjuḥ nom f sg das Seil hi nämlich, doch sarpiṇī nom f sg Schlangenweibchen bhāti 3 sg präs scheint, glänzt, erscheint tadvat so citiḥ nom f sg das reine Bewusstsein sākṣāt adv vor Augen, offenbar, leibhaftig viśva- all ākāreṇa inst m sg mit der Form, mit dem äußeren aussehen kevalā nom f sg nur, einzig, nichts anderes als
upādānaṃ prapañcasya
brahmano ‘nyan na vidyate |
tasmāt sarva-prapañco ‘yaṃ
brahmaivāsti na cetarat || 45 ||
Als Ausgangsstoff der Welt der Vielheit findet sich nichts anderes als Brahman. Deshalb ist diese ganze Vielheit nur Brahman und nichts anderes.
upādānam nom n sg materielle Ursache, das Anekennen prapañcasya nom m sg der Vielheit brahmanaḥ abl n sg als Brahman anyat nom n sg etwas anderes na nicht vidyate 3 sg pass präs sich findet tasmāt deshalb sarva- alles prapañcaḥ nom m sg Vielheit ayam nom m sg dieser brahma nom n sg Brahman eva nur asti 3 sg präs ist na nicht ca und itarat nom n sg anderes
vyāpya-vyāpakatā mithyā
sarvam ātmeti śāsanāt |
iti jñāte pare tattve
bhedasyāvasaraḥ kutaḥ || 46 ||
Die Idee dass die Materie (vyāpya) vom Göttlichen (vyāpakatā) durchdrungen wird, ist falsch. Nach der Lehre ist alles der Ātman. Wenn das als höchste Wahrheit erkannt ist, wo gäbe es eine Gelegenheit für Trennung?
vyāpya- das zu Durchdringende vyāpakatā nom f sg die Durchdringung mithyā adv falsch sarvam nom n sg alles ātmā nom m sg das Selbst iti also śāsanātdurch die Unterweisung śāsana abl n sg iti also jñāte lok n sg ppp beim erkannt haben pare lok n sg bei der höchsten tattve lok n sg bei der Wahrheit bhedasya gen m sg von/bezüglich der Trennung avasaraḥ nom m sg Veranlassung, Gelegenheit kutas adv woher?
śrutyā nivāritaṃ nūnaṃ
nānātvaṃ svamukhena hia |
kathaṃ bhāso bhaved anyaḥ
sthite cādvayakāraṇe || 47 ||
Von der Śruti wurde die Vielheit mit eigenen Worten gewiss zurückgewiesen (Bṛ.-Up. IV.4.19). Wie könnte beim Bestehen einer Ursache, neben der es sonst nichts gibt, das Erscheinende etwas anderes sein?
śrutyā inst f sg durch die Śrūti, die Veden nivāritam nom n sg ppp kaus zurückgehalten, verboten, unterdrückt nūnam adv jetzt, von nun an nānātvam nom n sg Mannigflatigkeit sva- eigen mukhena inst n sg durch den Mund hi nämlich katham wie?, auf welche Art? bhāsaḥ nom m sg Licht, Glanz bhavet 3 sg opt es sei, könnte sein anyaḥ nom m sg anderer sthite lok m sg ppp beim bestehen ca und advaya- zweitlos kāraṇe lok n sg bei der Ursache
doṣo ‘pi vihitaḥ śrutyā
mṛtyor mṛtyuṃ sa gacchati |
iha paśyati nānātvaṃ
māyayā vañcito naraḥ || 48 ||
Die Śruti (Bṛ.-Up. IV.4.19) zeigt zudem das Übel auf: Der Mensch, der durch Māyā verwirrt in dieser Welt Vielheit sieht, der geht von Tod zu Tod.
doṣaḥ nom m sg Fehler, Übelstand api auch vihitaḥ nom m msg mppp mitgeteilt, verbreitet, angeordnet śrutyā ins f sg von der śruti, von den Veden mṛtyoḥ abl m sg vom Tod mṛtyum akk m sg zum Tod saḥ nom m sg er gacchati 3 sg präs geht iha hier paśyati 3 sg präs sieht nānātvam nom n sg Mannigfaltigkeit māyayā inst f sg durch Māyā vañcitaḥ nom m sg ppp getäuscht naraḥ nom m sg der Mensch
brahmaṇaḥ sarva-bhūtāni
jāyante paramātmanaḥ |
tasmād etāni brahmaiva
bhavantīty avadhārayet || 49 ||
Aus Brahman, dem höchsten Selbst, ist alles Gewordene entstanden (Tait.-Up. III.1). Deshalb sind diese nur Brahman. Das halte man überzeugt fest.
brahmaṇaḥ abl n sg aus Brahman sarva- alle bhūtāni nom n pl ppp Wesen jāyante 3 pl ātm präs e nrtstehen, werden geboren paramātmanaḥ abl m sg aus dem höchsten Selbst asmāt abl sg m daher, von deisem etāni nom n pl diese brahma nom n sg Brahman eva wahrlich bhavanti 3 sg präs sind iti also avadhārayet 3 sg opt kaus möge man es mit Bestimmtheit halten/für gewiss annehmen
brahmaiva sarva-nāmāni
rūpāṇi vividhāni ca |
karmāṇy api samagrāṇi
vibhartīti śrutir jagau || 50 ||
Brahman allein breitet alle Namen aus und die verschiedenen Formen sowie sämtliche Handlungen. So besingt es die Śruti.
brahma nom n sg Brahman eva wahlrich, nur sarva- alle nāmāni nom pl akk Namen rūpāṇi akk n pl Formen vividhāni akk pl n verschiedenartige ca und karmāṇi akk n pl Handlungen api zudem samagrāṇi akk n pl sämtliche vibharti 3 sg präs breitet aus iti also śrutiḥ nom f sg die śruti, die Veden jagau 3 sg perfekt aktiv besingen
suvarṇāj jāyamānasya
suvarṇatvaṃ ca śāśvatam |
brahmaṇo jāyamānasya
brahmatvaṃ ca tathā bhavet || 51 ||
Aus Gold Erzeugtes hat ununterbrochen die Eigenschaft Gold zu sein, ebenso hat aus Brahman Erzeugtes doch die Eigenschaft, Brahman zu sein!
suvarṇāt abl sg n aus Gold jāyamānasya gen n sg ppräs ātm für das erzeugt werdende suvarṇatvam nom n sg Goldheit ca und śāśvatam adv ununterbrochen brahmaṇaḥ abl n sg aus Brahman jāyamānasya gen n sg ppräs ātm für das erzeugt werdende brahmatvam nom n sg Brahmanheit ca und tathā so bhavet 3 sg opt ist doch
svalpam apy antaraṃ kṛtvā
jīvātma-paramātmanoḥ |
yaḥ saṃtiṣṭhati mūḍhātmā
bhayaṃ tasyābhibhāṣitam || 52 ||
Der Verwirrte, der auch nur einen geringen Spalt macht zwischen dem individuellen und dem höchsten Selbst und darin beharrt, dessen Furcht wird angesprochen. (Tait.-Up. II.7)
svalpam akk n sg gering api sogar antaram akk n sg Zwischenraum kṛtvā absolutiv gemacht habend jīvātma- individuelles Selbst paramātmanoḥ abl m sg vom höchsten Selbst yaḥ nom m sg jener saṃtiṣṭhati 3 sg präs verweilt, sich sammelt, abschließt mūḍha- verwirrt ātmā nom m sg Selbst bhayam nom n sg Furcht tasya gen sg m dessen abhibhāṣitam nom n sg ppp angeredet
yatrājñānād bhaved dvaitam
itaras tatra paśyati |
ātmatvena yadā sarvaṃ
netaras tatra cānv api || 53 ||
Wo durch Unwissenheit Zweiheit entsteht, dort sieht man einen anderen. Wenn [man] alles als das Selbst [sieht], dann [sieht man] auch keinen anderen mehr.
yatra wo ajñānāt abl n sg durch Uwissenheit bhavet 3 sg opt sei itaraḥ nom m sg einen anderes tatra paśyati dort ātmatvena inst n sg durch Selbstheit yadā wenn sarvam nom n sg alles na nicht itaraḥ nom m sg ein anderer tatra dort ca und anu adv darauf api adv sogar, auch
yasmin sarvāṇi bhūtāni
hy ātmatvena vijānataḥ |
na vai tasya bhaven moho
na ca śoko ‘dvitīyataḥ || 54 ||
Für denjenigen, der alle Wesen als aus dem Selbst bestehend erkennt, für diesen im Advaita-Zustand Lebenden, gibt es weder Verblendung noch Kummer. (Īśa.-Up. 7)
yasmin worin sarvāṇi nom n pl alle bhūtāni nom n pl Wesen hi nämlich ātmatvena inst n sg durch Selbstheit vijānataḥ gen m sg ppräs für den erkennenden na nicht vai wahrlich tasya gen sg dessen bhavet 3 sg opt sei mohaḥ nom m sg Verblendung na nicht ca und śokaḥ nom m sg Kummer advitīyataḥ gen m sg für den zweitlosen
ayam ātmā hi brahmaiva
sarvātmakatayā sthitaḥ |
iti nirdhāritaṃ śrutyā
bṛhadāraṇya-saṃsthayā || 55 ||
Dieses Selbst ist in der Tat Brahman, und es besteht als Wesen von allen. So wird es von der Śruti in Form der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad hervorgehoben. (Bṛ.-Up. II.5.19)
ayam nom m sg dieser ātmā nom m sg Selbst hi nämlich brahma nom n sg Brahman eva wahrlich sarva- alles ātmakatayā inst f sg durch das zum Wesen eines Dinges gehörende sthitaḥ nom m sg ppp besteht iti also nirdhāritam nom n sg ppp kaus hervorgehoben śrutyā inst f sg durch die Śruti, die Veden bṛhadāraṇya- Bṛhadāraṇya-Upaniṣad saṃsthayā inst f sg durch das sich befindende
anubhūto ‘py ayaṃ loko
vyavahāra-kṣamo ‘pi san |
asad-rūpo yathā svapna
uttara-kṣaṇa-bādhataḥ || 56 ||
Obwohl sich diese wahrgenommene Welt für vielfältiges Treiben eignet, ist sie von vergänglicher Natur wie ein Traum, der im letzten Moment vergeht.
anubhūtaḥ nom m sg ppp wahrgenommene apy sogar, auch ayam nom m sg dieses lokah nom m sg Welt vyavahāra- Treiben, Beschäftigung kṣamaḥ nom m sg Gelegenheit,Phase api auch, sogar san nom m sg ppräs seiend asad- vergängliches Sein rūpaḥ nom m sg Wesen yathā wie svapnaḥ nom m sg Traum uttara- nächsten kṣaṇa- Moment bādhataḥ adv beseitigt, aufgehoben, absurd geworden
svapno jāgaraṇe ‘līkaḥ
svapne ‘pi jāgaro na hi |
dvayam eva laye nāsti
layo ‘pi hy ubhayor na ca || 57 ||
Der Traum ist während des Wachens unwirklich – im Traum dagegen gibt es keinen Wachzustand. Beides gibt es nicht im traumlosen Tiefschlaf. Den traumlosen Tiefschlaf wiederum gibt es nicht in den beiden anderen.
svapnaḥ nom m sg ein Traum jāgaraṇe lok n sg im Wachzustand alīkaḥ nom m sg unwahr svapne lok m sg im Traum api jedoch jāgaraḥ nom m sg das Wachen na nicht hi nämlich, doch dvayam nom n sg die Zweiheit, die Beiden eva wahrlich laye lok m sg im traumlosen Tiefschlaf na nicht asti 3 sg präs sind layaḥ nom m sg der traumlose Tiefschlaf api jedoch hi nämlich ubhayoḥ lok dual m in beiden na nicht ca und
trayam evaṃ bhaven mithyā
guṇa-traya-vinirmitam |
asya draṣṭā guṇātīto
nityo hy ekaś cid-ātmakaḥ || 58 ||
Diese Dreiheit [von Wachzustand, Traum und Tiefschlaf] ist also unwahr, sie wird von den drei Guṇas gebildet. Dessen Wahrnehmer ist jenseits der Guṇas, ewig, einzig und von der Natur reinen Bewusstseins.
trayam nom n sg Dreiheit, diese Drei evam adv auf diese Art bhavet 3 sg opt ist wohl mithyā adv falsch guṇa- Guṇa traya- Dreiheit vinirmitam nom n sg ppp gebildet, gemacht, verfertigt asya gen sg m dessen draṣṭā nom m sg Wahrnehmer, Seher guṇa- Guṇa atītaḥ nom m sg ppp darüber hinausgegangen nityaḥ nom m sg ewig hi nämlich ekaḥ nom m sg einer, einzig cit- reines bewusstsein ātmakaḥ nom m sg vom Wesen des
yadvan mṛdi ghaṭa-bhrāntiṃ
śuktau vā rajata-sthitim |
tadvad brahmaṇi jīvatvaṃ
vīkṣamāne na paśyati || 59 ||
Wie [man] in einem Lehmklumpen das Bild eines Kruges [sieht], oder im Perlmutt das Vorhandensein von Silber, ebenso in Brahman das Vorhandensein von Einzelseelen, [aber] bei genauer Betrachtung sieht man [das] nicht [mehr].
yadvat adv wie mṛdi lok f sg im Lehmklumpen ghaṭa- Krug bhrāntim akk f sg falsche Annahme von, Wahn śuktau lok f sg im Perlmutt vā oder rajata- Silber sthitim akk f sg das sich Befinden tadvat so brahmaṇi lok n sg in Brahman jīvatvam akk n sg Einzelseelenheit vīkṣamāne lok m sg ppräs beim genauen hinsehen na nicht paśyati 3 sg präs sieht
yathā mṛdi ghaṭo nāma
kanake kuṇḍalābhidhā |
śuktau hi rajata-khyātir
jīva-śabdas tathā pare || 60 ||
Wie das, was Krug genannt wird, in Tonerde ist, wie das, was Ohrring genannt wird, im Gold ist, wie das, was Silber genannt wird, in der Perlmuschel ist, so besteht das, was Einzelseele genannt wird, im Höchsten.
yathā wie mṛdi lok f sg im Lehmklumpen ghaṭaḥ nom m sg Krug nāma nom n sg namens, genannt kanake lok n sg im Gold kuṇḍala- Ohrring abhidhā nom f sg Benennung, Bezeichnung śuktau lok j sg im Perlmutt hi nämlich rajata-Silber khyātiḥ nom f sg Name jīva- Einzelseele śabdaḥ nom m sg Wort, Name tathā so pare lok f sg im Höchsten
yathaiva vyomni nīlatvaṃ
yathā nīraṃ maru-sthale |
puruṣatvaṃ yathā sthāṇau
tadvad viśvaṃ cid-ātmani || 61 ||
Wie die blaue Farbe am Himmel, wie eine Wasser[-Fata Morgana] in der Sandwüste, wie eine menschlichen Gestalt in einem Pfosten, so ist das Universum im eigenen Bewusstsein.
yathā wie eva wahrlich vyomni lok n sg im/am Himmel nīlatvam nom n sg Blauheit yathā wie nīram nom n sg Wasser maru- Wüste sthale lok n sg trockenes Land, Ort puruṣatvam nom n sg der Zustand eines Mannes yathā wie sthāṇau lok m sg im Pfosten, Stumpf tadvat so viśvam nom n sg das All cid- reines Bewusstsein ātmani lok m sg im Selbst
yathaiva śūnye vetālo
gandharvāṇāṃ puraṃ yathā |
yathākāśe dvi-candratvaṃ
tadvat satye jagat-sthitiḥ || 62 ||
Wie ein Spuk in der Einöde, wie ein Luftschloss, wie zwei Monde am Himmel, so besteht das Universum im wahren Sein.
yathā wie eva wahrlich śūnye lok n sg in der Einöde vetālah nom m sg Leichendämon gandharvāṇām gen mm pl von den Himmels-Musikern puram nom n sg die Stadt yathā wie yathā wie ākāśe lok m sg Luftraum dvi-candratvam nom n sg Zwei-Mondesheit tadvat so satye lok m msg in der Wahrheit jagat- Welt sthitiḥ nom f sg das Bestehen
yathā taraṃga-kallolair
jalam eva sphuraty alam |
pātra-rupeṇa tāmraṃ hi
brahmāṇḍaughais tathātmatā || 63 ||
Wie durch wogende Wellen Wasser schön funkelt, wie Kupfer in Form eines Trinkgefäßes, so der Ātman durch die Fluten von Brahmans Ei.
yathā wie taraṃga- das Wogen, Springen, Welle kallolaiḥ inst m sg durch Wellen jalam nom n sg Wasser eva wahrlich sphurati 3 sg präs funkelt alam adv schön, wie es sich gebührt pātra- Trinkbecher rupeṇa inst n sg mit der Form von tāmram nom n sg kupferrot hi nämlich brahmāṇḍa- das Weltall oghaiḥ inst m pl mit den Fluten, Massen, Schwallen tathā so ātmatā nom f sg die Selbstheit
Brahmans Ei ist das Weltall.
ghaṭa-nāmnā yathā pṛthvī
paṭa-nāmnā hi tantavaḥ |
jagan-nāmnā cid ābhāti
jneyaṃ tat tad-abhāvataḥ || 64 ||
Wie Tonerde unter dem Namen Krug, wie Fäden unter dem Namen Stoff, so erscheint das reine Bewusstsein unter dem Namen Universum. Das gilt es zu erkennen, und die Nichtigkeit des anderen.
ghaṭa- Krug nāmnā inst n sg mit Namen yathā wie pṛthvī nom f sg Erde paṭa- Stoff nāmnā inst n sg mit dem Namen hi nämlich tantavaḥ nom m pl Fäden jagat- Weltall, Universum nāmnā inst n sg mit Namen cit nom f sg reines Bewusstsein ābhāti 3 sg präs leuchtet jneyam nom n sg zu wissen ist tat nom n sg das tat- dessen abhāvataḥ adv Abwesendsein, Nichtigkeit
sarvo ‘pi vyavahāras tu
brahmaṇā kriyate janaiḥ |
ajñānān na vijānanti
mṛd eva hi ghaṭādikam || 65 ||
Alles Treiben wird von den Leuten mit Brahman gemacht. Aus Unwissenheit erkennen sie nicht, dass der Krug doch nur Lehm ist und dergleichen.
sarvaḥ nom m sg alle api sogar, auch vyavahāraḥ nom m sg Treiben, Verfahren tu aber brahmaṇā inst n sg mit Brahman kriyate 3 sg pass präs wird gemacht janaiḥ inst m pl von den Leuten ajñānāt abl n sg durch Unwissenheit na nicht vijānanti 3 pl präs sie erkennen mṛd nom f sg Tonerde eva wahrlich hi nämlich ghaṭa- der Krug ādikam nom n sg angefangen mit, usw.
kārya-kāraṇatā nityam
āste ghaṭa-mṛdor yathā |
tathaiva śruti-yuktibhyām
prapañca-brahmaṇor iha || 66 ||
Wie zwischen Tonerde und Tonkrug stets die Beziehung von Grundursache und Hervorgebrachtem besteht, so auch – entsprechend der Śruti und Argumenten – zwischen Brahman und der Welt der Vielheit. (Chánd.-Up. VI.8.7 und III.14.1)
kārya- das Hervorgebrachte, Wirkung kāraṇatā nom f sg Ursachenheit nityam stets āste 3 sg ātm präs wohnt, festsitzt ghaṭa- Krug mṛdoḥ lok f dual im Lehmklumpern, in Tonerde yathā wie tathā so eva wahrlich śruti- die Śruti, die Veden yuktibhyām inst/abl f dual durch die beiden Verbindungen prapañca- Welt der Vielheit brahmaṇoḥ lok/gen n dual von/in Brahman iha adv hier
gṛhyamāne ghaṭe yadvan
mṛttikāyāti vai balāt |
vīkṣamāṇe prapañce ‘pi
brahmaivābhāti bhāsuram || 67 ||
Wie beim Ergreifen eines Tonkrugs zwangsläufig Tonerde zum Vorschein kommt, so zeigt sich das leuchtende Brahman beim Erblicken der Welt der Vielheit.
gṛhyamāne lok m sg ppräs ātm beim Ergreifen ghaṭe lok m sg beim Krug yadvat wie mṛttikā nom f sg Tonerde āyāti 3 sg präs herbeikommt vai wahrlich balāt abl m sg durch Kraft, zwangsläufig vīkṣamāṇe lok m sg ppräs ātm bei Betrachten prapañce lok m sg bei der Vielheit api auch brahma nom n sg Brahman eva wahrlich ābhāti 3 sg präs glänzt, wird offenbar bhāsuram nom n sg das leuchtende
sadaivātmā viśuddho ‘sti
hy aśuddho bhāti vai sadā |
yathaiva dvividhā rajjur
jñānino ‘jñānino ‘niśam || 68 ||
Der Ātman ist ewig völlig rein, jedoch erscheint er stets als unrein, so wie die zweifache Art eines Seils, nämlich für den Wissenden [als Seil] und für den Unwissenden [als Schlange].
sadā stets, immer, evig eva wahrlich ātmā nom m sg das Selbst viśuddhaḥ nom m sg ppp ganz rein, gereinigt asti 3 sg präs ist hi nämlich aśuddhaḥ nom m sg ppp unrein bhāti 3 sg präs erscheint vai wahrlich sadā stets yathā wie eva wahrlich dvividhā adv zweifach rajjuḥ nom f sg Seil jñāninaḥ gen m sg für den Wissenden ajñāninaḥ gen m sg für den Unwissenden aniśam adv ständig
yathaiva mṛn-mayaḥ kumbhas
tadvad deho ‘pi cin-mayaḥ |
ātmānātma-vibhāgo ‘yaṃ
mudhaiva kriyate ‘budhaiḥ || 69 ||
Wie ein Tonkrug aus Tonerde besteht, so besteht der Körper auch aus reinem Bewusstsein. Jene Einteilung in Selbst und Nicht-Selbst wird irrigerweise von den Unvernünftigen gemacht.
yathā wie eva wahrlich mṛt- Lehm mayaḥ nom m sg gemacht aus kumbhaḥ nom m sg Tonkrug tadvat so dehaḥ nom m sg der Körper api sogar, auch cit- reines Bewusstsein mayaḥ nom m sg gemacht aus ātma- Selbst antma- Nicht-Selbst vibhāgaḥ nom m sg Trennung, Unterscheidung ayam nom m sg dieser mudhā adv umsonst, vergebens eva wahrlich kriyate 3 sg präs pass wird gemacht abudhaiḥ von den Dummen
sarpatvena yathā rajjū
rajatatvena śuktikā |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 70 ||
Wie ein Seil als Schlange angesehen wird, Muschelperlmutt als Silber, so wird vom Verwirrten entschieden, dass die Selbstidentität der Körper ist.
sarpatvena inst n sg durch die Eigenschaft Schlange zu sein yathā wie rajjū nom f sg Seil rajatatvena inst n sg durch die Eigenschaft Silber zu sein śuktikā nom f sg Perlmutt vinirṇītā nom f sg ppp festgestellt vimūḍhena inst m sg ppp vom Verwirrten dehatvena inst n sg durch die Eigenschaft Körper zu sein tathā so ātmatā das eigene Wesen die Selbstheit
ghaṭatvena yathā pṛthvī
paṭatvenaiva tantavaḥ |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 71 ||
Wie Tonerde als Krug angesehen wird, wie Fäden als Tuch, so wird vom Verwirrten entschieden, dass die Selbstidentität der Körper ist.
ghaṭatvena inst n sg durch die Eigenschaft Krug zu sein yathā wie pṛthvī nom f sg Erde paṭatvena inst n sg durch sie Eigenschaft Stoff zu sein eva wahrlich tantavaḥ nom pl m Fäden vinirṇītā nom f sg ppp festgestellt vimūḍhena inst m sg ppp vom Verwirrten dehatvena inst n sg durch die Eigenschaft Körper zu sein tathā so ātmatā das eigene Wesen die Selbstheit
kanakaṃ kuṇḍalatvena
taraṃgatvena vai jalam |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 72 ||
Wie Gold als Ohrring angesehen wird, wie Wasser als Welle, so wird vom Verwirrten entschieden, dass die Selbstidentität der Körper ist.
kanakam nom n sg Gold kuṇḍalatvena inst n sg durch die Eigenschaft Ohrring zu sein taraṃgatvena inst n sg durch die Eigenschaft Welle zu sein vai wahrlich jalam nom n sg Wasser vinirṇītā nom f sg ppp festgestellt vimūḍhena inst m sg ppp vom Verwirrten dehatvena inst n sg durch die Eigenschaft Körper zu sein tathā so ātmatā das eigene Wesen die Selbstheit
puruṣatvena vai sthāṇur
jalatvena marīcikā |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 73 ||
Wie ein Pfosten als Mann angesehen wird, eine Fata Morgana als Wasserfläche, so wird vom Verwirrten entschieden, dass die Selbstidentität der Körper ist.
puruṣatvena inst n sg durch die Eigenschaft Mann zu sein vai wahrlich sthāṇuḥ nom m sg Pfosten jalatvena inst n sg durch die Eigenschaft Wasser zu sein marīcikā nom f sg Fata Morgana vinirṇītā nom f sg ppp festgestellt vimūḍhena inst m sg ppp vom Verwirrten dehatvena inst n sg durch die Eigenschaft Körper zu sein tathā so ātmatā das eigene Wesen die Selbstheit
gṛhatvenaiva kāṣṭhāni
khaḍgatvenaiva lohatā |
vinirṇītā vimūḍhena
dehatvena tathātmatā || 74 ||
Wie Holzbalken als Haus angesehen werden, Eisen als Schwert, so wird vom Verwirrten entschieden, dass Selbstidentität der Körper ist.
gṛhatvena inst n sg durch die Eigenschaft Haus zu sein eva wahrlich kāṣṭhāni nom n pl Holzstücke khaḍgatvena inst n sg durch die Eigenschaft Schwert zu sein eva wahrlich lohatā Metall-Eigneschaft vinirṇītā nom f sg ppp festgestellt vimūḍhena inst m sg ppp vom Verwirrten dehatvena inst n sg durch die Eigenschaft Körper zu sein tathā so ātmatā das eigene Wesen die Selbstheit
yathā vṛkṣa-viparyāso
jalād bhavati kasya cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 75 ||
Wie sich durch (Spiegelung im) Wasser für jemanden ein auf dem Kopf stehender Baum zeigt, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
yathā wie vṛkṣa- Baum viparyāsaḥ nom m sg verkehrte Ansicht jalāt nom n sg durch Wasser bhavati 3 sg präs wird kasya wessen cit was auch immer tadvat so ātmani lok m sg im Ātman dehatvam nom n sg die Eigenschaft Körper zu sein paśyati 3 sg präs sieht √paś ajñāna- Unwissenheit yogatas adv in Folge von
potena gacchataḥ puṃsaḥ
sarvaṃ bhātīva cañcalam |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 76 ||
Wie für einen Menschen, der mit einem Boot losfährt, alles wie in Bewegung erscheint, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
potena inst sg m mit einem Boot gacchataḥ gen sg m ppräs für den gehenden puṃsaḥ gen m sg für den Menschen sarvam nom n sg alles bhāti 3 sg präs erscheint iva wie cañcalam nom n sg sich bewegend tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
pītatvaṃ hi yathā śubhre
doṣād bhavati kasya-cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 77 ||
Wie für irgendwen durch Krankheit Weißes als Gelb erscheint, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
pītatvam nom n sg Gelbheit hi nämlich yathā wie śubhre lok n sg in weißem doṣāt abl m sg durch Fehler, Krankheit bhavati 3 sg präs wird kasya-cit für irgendwen tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
cakṣurbhyāṃ bhrama-śīlābhyāṃ
sarvaṃ bhāti bhramātmakam |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 78 ||
Wie durch wirre Gewohnheiten des Blicks alles von wirrer Natur erscheint, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
cakṣurbhyām inst dual n durch zwei Augen bhrama- Wahn, Verwirrung śīlābhyām inst dual f -durch die beiden Gewohnheiten sarvam alles bhāti 3 sg präs erscheint bhrama- Wahn,Verirrung ātmakam nom n sg zum Wesen habend tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
alātaṃ bhramaṇenaiva
vartulaṃ bhāti sūryavat |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 79 ||
Wie eine Fackel durch Herumwirbeln wie ein sonnenstrahlender Ring erscheint, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
alātam nom sg n eine Fackel bhramaṇena inst sg n durch Herumwirbeln eva wahrlich vartulam nom n sg rund, Kreis bhāti 3 sg präs erscheint sūryavat nom sg n sonnengleich tadvad so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
mahattve sarva-vastūnām
aṇutvaṃ hy ati-dūrataḥ |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 80 ||
Wie alle großen Gegenstände, wenn sie weit weg sind, klein erscheinen, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
mahattve lok n sg bei Größe sarva- alle vastūnām gen pl n von den Gegenständen aṇutvam nom n sg Kleinheit hi nämlich ati- überaus dūrataḥ adv in der Ferne tadvad so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
sūkṣmatve sarva-bhāvānāṃ
sthūlatvaṃ copanetrataḥ |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 81 ||
Wie alle kleinen Dinge, indem sie nahe vor Augen sind, groß erscheinen, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
sūkṣmatve lok n sg bei Kleinheit sarva- alle bhāvānām gen pl m von den Dingen sthūlatvam nom n sg Größe ca und upanetrataḥ adv nah an den Augen ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
kāca-bhūmau jalatvaṃ vā
jala-bhūmau hi kācatā |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 82 ||
Wie eine Glasoberfläche für Wasser gehalten wird oder eine Wasseroberfläche für Glas, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
kāca- Glasoberfläche bhūmau lok f sg auf der Erde, Ebene, dem Platz der Stelle, Boden jalatvam vā jala- Wasser bhūmau lok f sg auf der Erde, Ebene hi nämlich kācatā nom f sg Glasheit tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
yadvad agnau maṇitvaṃ hi
maṇau vā vahnitā pumān |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 83 ||
Wie für jemanden im Feuer das Leuchten eines Edelsteins erscheint oder im Edelstein ein Feuer, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
yadvat wie agnau lok m sg im Feuer maṇitvam nom n sg Juwelenheit hi nämlich maṇau lok m sg im Juwel vā oder vahnitā nom f sg Feuer, Götterbotenschaft pumān nom m sg ein Mensch tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
abhreṣu satsu dhāvatsu
somo dhāvati bhāti vai |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 84 ||
Wie der Mond sich zu bewegen scheint, wenn die Wolken dahineilen, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
abhreṣu lok n sg in den Wolken satsu lok n pl in den Seienden dhāvatsu lok n sg ppräs in den laufenden somaḥ nom m sg der Mond dhāvati 3 sg präs läuft bhāti 3 sg präs erscheint vai wahrlich tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
yathaiva dig-viparyāso
mohād bhavati kasya cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 85 ||
Wie man durch Verwirrung die Himmelsrichtungen verwechselt, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
yathā wie eva wahrlich dik- Himmelsrichtung viparyāsaḥ nom m sg Vertauschung mohāt abl m sg durch verblendung bhavati 3 sg präs wird kasya-cit für irgendwen tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
yathā śaśī jale bhāti
cañcalatvena kasya cit |
tadvad ātmani dehatvaṃ
paśyaty ajñāna-yogataḥ || 86 ||
Wie man den Mond, der sich im Wasser spiegelt, als sich hin und her bewegend sieht, so sieht man durch die Wirkung der Unwissenheit das Selbst als Körper.
yathā wie śaśī nom m sg der Mond, der mit dem Hasen jale lok n sg im Wasser bhāti 3 sg präs scheint cañcalatvena inst n sg durch Unstetigkeit kasya-cit für irgendwen tadvat so ātmani lok m sg im Selbst dehatvam nom n sg Körperlichkeit paśyati 3 sg präs sieht ajñāna- Unwissenheit yogataḥ adv durch die Wirkung, Verbindung mit
evam ātmany avidyāto
dehādhyāso hi jāyate |
sa evātma-parijñānāl
līyate ca parātmani || 87 ||
Auf diese Art entsteht im Selbst durch Unwissenheit die Körperüberlagerung. Diese löst sich durch volle Erkenntnis des Ātmans im höchsten Selbst auf.
evam wie also ātmani lok m sg im Selbst avidyātaḥ adv durch Unwissenheit deha- körper adhyāsaḥ nom m sg falsche Übertragung hi nämlich jāyate 3 sg ātm präs entsteht saḥ nom m sg er eva wahrlich ātma- Selbst parijñānāt abl m sg durch tiefe Erkenntnis līyate 3 sg ātm präs löst sich auf ca und parātmani lok m sg im höchsten Selbst
sarvam ātmatayā jñātaṃ
jagat sthāvara-jaṅgamam |
abhāvāt sarva-bhāvānāṃ
dehasya cātmatā kutaḥ || 88 ||
Wenn die ganze sich bewegende und nicht bewegende Welt als das Selbst erkannt wird und alle Daseinsformen als substanzlos, wo bleibt dann die Idee, dass der Körper das Selbst ist?
sarvam nom n sg alles ātmatayā inst sg f durch die Selbstheit jñātam nom n sg ppp erkannt jagat nom n sg das Universum sthāvara- das Stationäre, die Pflanzenwelt jaṅgamam nom n sg das sich Bewegende abhāvāt abl m sg durch Abwesenheit sarva- alle bhāvānām gen pl m von den Wesen, Dingen dehasya gen m sg des Körpers ca und ātmatā nom f sg Selbstheit, Wesenheit kutaḥ woher?
ātmānaṃ satataṃ jānan
kālaṃ naya mahādyute |
prārabdham akhilaṃ bhuñjan
nodvegaṃ kartum arhasi || 89 ||
O Leuchtender, verbringe die Zeit damit, fortwährend dein Selbst zu erkennen. Während du dein Prārabdha-Karma restlos erlebst, hast du kein Recht darauf, innere Unruhe zu erzeugen.
ātmānam akk sg m den Ātman satatam fortwährend jānan nom sg m ppräs erkennend kālam akk m sg Zeit naya 2 sg imperativ führe, verbringe √nī mahādyute vok m/f sg Oh du Groß-Würde/Schönheit, glanzvoll prārabdham akk n sg angefangenes Karma akhilam akk sg akk restlos bhuñjan nom m sg ppräs genießend, erfahrend na nicht udvegam akk sg m Aufregung, Beunruhigung kartum infinitiv zu tun arhasi 2 sg imperativ es ziehmt dir
Prārabhda-Karma ist Karma, das schon angefangen hat zu wirken.
utpanne ’py ātma-vijñāne
prārabdhaṃ naiva muñcati |
iti yac chrūyate śāstre
tan nirākriyate ’dhunā || 90 ||
„Auch beim Aufkommen der Selbsterkenntnis löst sich das Prārabdha-Karma nicht auf.“ Jene Lehrmeinung, die man hort, die wird jetzt widerlegt.
utpanne lok m sg ppp beim Eintreffen api auch ātma- Selbst vijñāne lok sg n bei der unfangreichen Erkenntnis prārabdham nom n sg angefangenes Karma na nicht eva wahrlich muñcati 3 sg präs löst sich iti also yat nom n sg welches śrūyate 3 sg pass präs man hört śāstre lok n sg in der Lehre tat nom n sg das nirākriyate 3 sg pass präs wird widerlegt adhunā adv jetzt
tattva-jñānodayād ūrdhvaṃ
prārabdhaṃ naiva vidyate |
dehādīnām asattvāt tu
yathā svapno vibodhataḥ || 91 ||
Nach dem Hervortreten der Erkenntnis der Wahrheit gibt es kein Prārabdha-Karma mehr. Denn für den Erwachten sind der Körper und alles andere substanzlos wie ein Traum.
tattva- Wahrheit jñāna- Erkenntnis udayāt abl m sg durch das Hervorbrechen, Aufgehen ūrdhvam adv danach prārabdham nom n sg angefangenes Karma na nicht eva wahrlich vidyate 3 sg pass präs findet sich deha- Körper ādīnām gen pl m von denen die beginnen mit asattvāt abl n sg durch substanzlosigkeit tu aber yathā wie svapnaḥ nom m sg ein Traum vibodhataḥ adv erwachend, für Erwachte
karma janmāntarīyaṃ yat
prārabdham iti kīrtitam |
tat tu janmāntarābhāvāt
puṃso naivāsti karhi cit || 92 ||
Jene Handlungen aus früheren Leben, die wirken jetzt als Prārabdha-Karma, also wird es verkündet. Weil aber andere Leben substanzlos sind, gibt es das für einen Menschen nie und nimmer.
karma nom n sg das Karma janma- Geburt, Leben antarīyam nom n sg früheres, unteres yat nom n sg welches prārabdham nom n sg wirkendes Karma iti also kīrtitam nom n sg ppp verkündet wird, mitgeteilt, gerühmt tat nom n sg das tu aber janma- Geburt, Leben antara- anderes abhāvāt abl m sg durch Abwesenheit puṃsaḥ gen m sg für einen Menschen na nicht eva wahrlich asti 3 sg präs ist, existiert karhi cit adv irgendwann
svapna-deho yathādhyastas
tathaivāyaṃ hi dehakaḥ |
adhyastasya kuto janma
janmābhāve hi tat kutaḥ || 93 ||
Wie der Traumkörper übergestülpt ist, so auch dieser Körper. Wo ist die Existenz des Übergestülpten? Bei Abwesenheit dieser Existenz, wo ist das [Prārabha-Karma]?
svapna- Traum dehaḥ nom m sg Körper yathā wie adhyastaḥ nom m sg überlagert tathā so eva wahrlich ayam dieser hi nämlich dehakaḥ nom m sg Körper adhyastasya gen m sg bezüglich der Überlagerung kutaḥ wo? janma Geburt, Leben janma- Geburt, Leben abhāve lok m sg bei Abwesenheit hi nämlich tat nom n sg das kutaḥ wo?
upādānaṃ prapañcasya
mṛd bhāṇḍasyeva kathyate |
ajñānaṃ caiva vedāntais
tasmin naṣṭe kva viśvatā || 94 ||
Als Ausgangsstoff der Welt der Vielheit, wie Lehm als Ausgangsstoff eines Kruges, gilt Unwissenheit. Wenn durch die Vedānta-Lehren diese [Unwissenheit] aufgelöst ist, wo ist Vielheit?
upādānam nom n sg Grundlage, Ausgangsstoff prapañcasya der Vielheit mṛd nom f sg Tonerde bhāṇḍasya gen n sg des Gefäßes iva wie kathyate 3 sg pass präs gilt, wird genannt ajñānam nom n sg Unwissenheit ca und eva wahrlich vedāntaiḥ inst pl m von den Upanishaden, Vedāntalehren tasmin lok m sg darin naṣṭe lok m sg ppp wenn zu nichts geworden kva wo viśvatā nom f sg Vielheit
yathā rajjuṃ parityajya
sarpaṃ gṛhṇāti vai bhramāt |
tadvat satyam avijñāya
jagat paśyati mūḍhadhīḥ || 95 ||
Wie man, nachdem man das Seil außer Acht gelassen hat, durch Verwirrung eine Schlange wahrnimmt, ebenso, nachdem er die Wahrheit nicht erkannt hat, erblickt der verwirrte Geist das Universum.
yathā wie rajjum akk f sg das Seil parityajya absolutiv losgelassen habend sarpam akk m sg Schlange gṛhṇāti 3 sg präs ergreift vai wahrlich bhramāt abl m sg durch Verwirrung tadvat satyam so avijñāya absolutiv nicht erkannt habend jagat akk n sg das Universum paśyati 3 sg präs sieht mūḍha- betört dhīḥ nom m sg Einsicht, Verstand
rajju-rūpe parijñāte
sarpa-khaṇḍaṃ na tiṣṭhati |
adhiṣṭhāne tathā jñāte
prapañcaḥ śūnyatāṃ gataḥ || 96 ||
Beim tiefen Erkennen der Natur des Seils, bleibt sein Schlangenanteil nicht bestehen. Ebenso wird, beim Erkennen der Grundlage, die Welt der Vielheit eine Nichtigkeit.
rajju- Seil rūpe lok n sg bei der Natur parijñāte lok m sg ppp wenn erkannt sarpa- Schlange khaṇḍam nom nm sg Abschnitt na nicht tiṣṭhati 3 sg präs besteht adhiṣṭhāne lok n sg bei der Grundlage tathā so jñāte lok n sg ppp wenn erkannt prapañcaḥ nom m sg die Vielheit śūnyatām akk f sg zur Leerheit gataḥ nom m sg gegangen
dehasyāpi prapañcatvāt
prārabdhāvasthitiḥ kutaḥ |
ajñāni-jana-bodhārthaṃ
prārabdhaṃ vakti vai śrutiḥ || 97 ||
Durch die Zugehörigkeit auch des Körpers zur Vielheit, wo verbleibt da Prārabdha-Karma? Nur zum Verständnis der Unwissenden spricht die Śruti vom Prārabdha.
dehasya gen m sg des Körpers api auch prapañcatvāt abl n sg durch Vielheit prārabdha- angefangenes Karma avasthitiḥ nom f sg das Verbleiben kutaḥ wo, woher, von wem? ajñāni- Unwissend jana- Leute bodha- Erwachen artham nom n sg Zweck prārabdham nom n sg angefangenes Karma vakti 3 sg präs spricht vai wahrlich śrutiḥ nom f sg die Lehre
kṣīyante cāsya karmāṇi
tasmin dṛṣte parāvare |
bahutvaṃ tan niṣedhārthaṃ
śrutyā gītaṃ ca yat sphuṭam || 98 ||
„Wenn von ihm gesehen wird, was das Höhere und Niedere umfasst, nehmen seine Karmas ein Ende.“ (Muṇḍaka-Upanishad 2.2.9)
Da hier von der Śruti zum Zweck der Widerlegung [das Wort Karma] in der Mehrzahl verkündet wird, ist es offensichtlich, [dass alle drei Karmas gemeint sind],.
kṣīyante 3 pl ātm präs sie gehen zu Grunde, hören auf ca und asya gen sg sein karmāṇi nom pl n Karmas tasmin lok sg in dem dṛṣte lok m sg ppp im gesehenen parāvare lok n sg im Höhere und Niedrigeren bahutvam nom n pl Vielheit tat nom n sg das niṣedha- Abwehr artham nom n sg Zweck śrutyā inst, f sg von der Śruti gītam nom n sg ppp gesungen ca und yat nom n sg jenes sphuṭam adv offensichtlich
Mehrzahl bedeutet im Sanskrit mindestens drei, da bei zwei Dingen der Dual genutzt wird. Drei verschiedene Karma-Arten werden unterschieden:
Zur Illustration werden gerne Pfeil und Bogen genommen: Sañcita Karma entspricht den Pfeilen, die noch im Köcher sind. Kriyamāna Karma dem Pfeil, den im gespannten Bogen kurz vorm Abschuss ist, Prārabdha Karma entspricht dem abgeschossenen Pfeil, dessen Flugbahn nicht mehr beeinflusst werden kann.
ucyate ’jñair balāc caitat
tadānartha-dvayāgamaḥ |
vedānta-mata-hānaṃ ca
yato jñānam iti śrutiḥ || 99 ||
Was von den Unwissenden behauptet wird, ergibt zwangsläufig einen doppelten Nachteil: Die vedāntische Sichtweise wird verworfen, und wo bleibt die Erkenntnis, von der die Śruti spricht.
ucyate 3 sg pass präs es wird gesagt ajñair inst m pl von den Unwissenden balāt abl m sg durch Kraft, zwangsläufig ca und etat nom n sg dieses tadā dann anartha- unnütz dvaya- zweierlei āgamaḥ nom m sg Eintreffen vedānta- Vedanta mata- Ansicht, Lehre hānam nom n sg Aufgeben ca und yatas von wem, woher jñānam nom n sg Erkenntnis iti also śrutiḥ nom f sg die Lehre
tripañcāṅgāny ato vakṣye
pūrvoktasya hi labdhaye |
taiś ca sarvaiḥ sadā kāryaṃ
nididhyāsanam eva tu || 100 ||
Nun werde ich drei mal fünf Glieder zum Erlangen des vorher gesagten beschreiben. Mit all diesen sollte man stets tiefgründige Meditation praktizieren.
tripañca dreimalfünf aṅgāni nom n pl Glieder atas adv in Folge vakṣye 1 sg fut werde ich beschreiben pūrva- vorher uktasya gen sg n des Gesagten hi nomlich labdhaye dat f sg für das Erlangen taiḥ inst pl mit denen ca und sarvaiḥ inst pl m von allen sadā stets kāryam nom n sg ist zu tun nididhyāsanam nom n sg geistige Betrachtung eva wahrlich tu nun
nityābhyāsād ṛte prāptir
na bhavet sac-cid-ātmanaḥ |
tasmād brahma nididhyāsej
jijñāsuḥ śreyase ciram || 101 ||
Ohne stetige Übung gibt es kein Erlangen des Selbstes, das ewiges Sein und Bewusstsein ist. Deshalb sollte der Befreiungssuchende für sein eigenes Wohleregehen lange über Brahman meditieren.
nitya- ständig, ewig abhyāsāt abl m sg durch Übung ṛte adv ohne prāptiḥ nom f sg die Erlangung na nicht bhavet 3 sg opt entsteht wohl sat- absolutes Sein cit- reines Bewusstsein ātmanaḥ gen sg m des Ātmans tasmāt deshalb brahma akk n sg über Brahman nididhyāset 3 sg opt möge meditieren jijñāsuḥ nom m sg der Befreiungssuchende śreyase dat n sg für das Heil ciram adv langwährend
yamo hi niyamas tyāgo
maunaṃ deśaś ca kālatā |
āsanaṃ mūlabandhaś ca
deha-sāmyaṃ ca dṛk-sthitiḥ || 102 ||
yamaḥ nom m sg Lebenseinstellung hi nämlich, ja, denn niyamaḥ nom m sg Selbstverpflichtung tyāgaḥ nom m sg Entsagung, Loslassen maunam nom n sg Schweigen deśaḥ nom m sg Ort ca und kālatā nom f sg Zeitgemäßheit āsanam nom n sg Sitz mūlabandhaḥ nom m sg Wurzelverschluss ca und deha- Körper sāmyam nom n sg Geradheit ca und dṛk- Schauen, Erkennen, Anschauungsweise sthitiḥ nom f sg Stetigkeit
prāṇa-saṃyamanaṃ caiva
pratyāhāraś ca dhāraṇā |
ātma-dhyānaṃ samādhiś ca
proktāny aṅgāni vai kramāt || 103 ||
Sowie
Das sind die besagten Glieder der Reihe nach.
prāṇa- Atem saṃyamanam nom n sg Zügelung ca und eva wahrlich pratyāhāraḥ nom m sg Zurückziehen der Sinne nach innen und dhāraṇā nom f sg Konzentration ātma- Selbst dhyānam nom n sg Meditation samādhiḥ nom m sg Ekstase ca und proktāni nom pl n ppp die verkündeten aṅgāni nom n pl Glieder vai wahrlich kramāt durch die Reihenfolge
sarvaṃ brahmeti vijñānād
indriya-grāma-saṃyamaḥ |
yamo ’yam iti saṃprokto
’bhyasanīyo muhur muhuḥ || 104 ||
(1) "Alles ist Brahman", durch diese tiefe Erkenntnis geschieht die Zügelung der Schaar der Sinne. Dies wird Yama genannt. Es ist wieder und wieder zu üben.
sarvam nom n sg alles brahma nom n sg brahman iti also vijñānāt abl sg n durch tiefe Erkenntnis indriya- Sinne grāma- Schaar saṃyamaḥ nom m sg das Zügeln yamaḥ äußere Haltung nom m sg ayam nom m sg dieser iti also saṃproktaḥ nom m sg ppp wird genannt abhyasanīyaḥ zu wiederholen zu üben muhur wieder muhur wieder
sajātīya-pravāhaś ca
vijātīya-tiraskṛtiḥ |
niyamo hi parānando
niyamāt kriyate budhaiḥ || 105 ||
(2) Der gleichartige Strom [des Gedanken "alles ist Brahman"] und das Abweisen anderartiger [Gedanken] ist Niyama, welches das höhere Glück ist, das mit Bestimmtheit von den Weisen geübt wird.
sajātīya- gleichartig pravāhaḥ nom m sg Strom, Kontinuität ca und vijātīya- von anderer Art tiraskṛtiḥ nom f sg das Abweisen niyamaḥ nom m sg innere Haltung hi nämlich para- höhere ānandaḥ nom m sg Glückseligkeit niyamāt abl m sg mit Bestimmtheit kriyate 3 sg pass präs wird getan, bewirkt budhaiḥ budha von den Weisen
tyāgaḥ prapañca-rūpasya
cid-ātmatvāvalokanāt |
tyāgo hi mahatāṃ pūjyaḥ
sadyo mokṣamayo yataḥ || 106 ||
(3) Das Loslassen der Gestalt der Vielheit durch das Gewahrwerden des Selbstes aus reinem Bewusstsein, das ist Tyāga. Von den Großen ist es zu verehren, da es sofort befreiend ist.
tyāgaḥ nom m sg Loslassen, Entsagung prapañca- Vielheit rūpasya gen n sg des Wesens, der Natur cid- reines bewusstsein ātmatva- Selbstheit avalokanāt abl n sg durch das Erblicken tyāgaḥ nom m sg Loslassen hi nämlich mahatām gen m pl der Großen pūjyaḥ nom m sg ehrenswert sadyaḥ sogleich mokṣa- Befreiung mayaḥ nom m sg gemacht aus yataḥ seitdem, weil
yasmād vāco nivartante
aprāpya manasā saha |
yan maunaṃ yogibhir gamyaṃ
tad bhavet sarvadā budhaḥ || 107 ||
(4) Wovon Worte zusammen mit dem Denken umkehren ohne es erreicht zu haben, dieses Schweigen, das von den Yogis zu erreichen ist, mit dem sollte der Weise immer eins sein.
yasmāt lok sg worin vācaḥ nom f pl Worte nivartante 3 pl ātm präs umkehren aprāpya absolutiv nicht erreicht habend manasā inst n sg mit dem Gemüt saha zusammen yat nom n sg jenes maunam nom n sg Schweigen yogibhiḥ inst m pl von den Yogis gamyam nom n sg wohin man zu gehen hat tat nom n sg das bhavet 3 sg opt möge sein sarvadā stets budhaḥ nom m sg der Weise
vāco yasyān nivartante
tad vaktuṃ kena śakyate |
prapañco yadi vaktavyaḥ
so ’pi śabda-vivarjitaḥ || 108 ||
Wovon Worte unverrichteter Dinge umkehren, wer könnte das beschreiben? Wenn es selbst für die Beschreibung der Welt der Vielheit an Worten mangelt,
vācaḥ nom f pl Worte yasyāt abl sg von wem. wovon nivartante 3 pl ātm präs umkehren tat nom n sg das vaktum infinitiv zu beschreiben kena inst sg von wem śakyate 3 sg pass wird gekonnt, für jemanden möglich sein prapañcaḥ nom m sg die Vielheit yadi wenn vaktavyaḥ nom m sg auszusprechen, zu benennen saḥ nom m sg er, derjenige api auch, sogar śabda- Wort, Stimme vivarjitaḥ nom m sg ppp kaus dem es an etw gebricht
iti vā tad bhaven maunaṃ
satāṃ sahaja-saṃjñitam |
girā maunaṃ tu bālānāṃ
prayuktaṁ brahma-vādibhiḥ || 109 ||
Oder alternativ: Das sei Schweigen, was unter den Edlen bekannt ist als natürlicher Zustand. Das Schweigen der Worte wird von den Brahmanlehrern aber für Unreife angewiesen.
iti also mvā oder tat nom n sg das bhavet 3 sg opt sei maunam nom n sg Schweigen satām gen pl m der Guten, der spirituellen sahaja- angeboren, natürlich saṃjñitam nom n sg genannt, zur Kenntnis gebracht girā inst f sg durch Sprache maunam nom n sg Schweigen tu aber bālānām inst pl m für die Kinder prayuktam nom n sg ppp angewiesen brahma- Brahman vādibhiḥ inst pl m von den Verkündern
ādāv ante ca madhye ca
jano yasmin na vidyate |
yenedaṃ satataṃ vyāptaṃ
sa deśo vijanaḥ smṛtaḥ || 110 ||
(5) Wo sich am Anfang, am Ende und in der Mitte keine Menschen finden, von wem dies alles ständig durchdrungen wird, dieser [Übungs-]Ort wird als menschenleer erinnert.
ādau lok sg m am Anfang ante lok sg m am Ende ca und madhye lok sg m in der Mitte ca und janaḥ nom n sg Menschen, Leute yasmin lok sg worin na nicht vidyate 3 sg pass präs sich findet √vid yena inst sg von wem idam nom n sg dieses satatam ständig vyāptam nom n sg ppp durchdrungen, angefüllt saḥ nom m sg dieser deśaḥ nom m sg Ort vijanaḥ nom m sg menschenleer smṛtaḥ nom m sg ppp erinnert, überliefert, erwähnt, gelehrt
kalanāt sarvabhūtānāṃ
brahmādīnāṃ nimeṣataḥ |
kālaśabdena nirdiṣṭo
hy akhaṇḍānandako ’dvayaḥ || 111 ||
(6) Wodurch das Hervorbringen aller Wesen, angefangen mit dem Weltenschöpfer, in einem Augenblick geschieht, was mit dem Wort "Zeit" bezeichnet wird, das nämlich ist das ungeteilte Erfreuende, neben dem es kein Zweites gibt.
kalanāt abl n sg durch das Hervorbringen sarva- alle bhūtānām gen pl m der Wesen brahma- Brahmā, der Schöpfer ādīnām nimeṣataḥ augenbicklich kāla- Zeit śabdena inst m sg mit dem Wort nirdiṣṭaḥ nom m sg ppp bezeichnet hi nämlich akhaṇḍa- ungeteilt, ganz ānandakaḥ nom m sg erfreuend advayaḥ nom m sg zweitlos
sukhenaiva bhaved yasminn
ajasraṃ brahma-cintanam |
āsanaṃ tad vijānīyān
netarat sukha-nāśanam || 112 ||
(7) Als Āsanam, Sitzhaltung, sollte man das erkennen, worin das ununterbrochene Nachsinnen über Brahman leicht ist, und nicht etwas anderes, was die Leichtigkeit vertreibt.
sukhena inst n sg durch Leichtigkeit eva wahrlich bhavet 3 sg opt sei yasmin lok sg worin ajasram adv ewig frisch, ununterbrochen brahma- Brahman cintanam nom n sg Betrachtung, Meditation āsanam nom n sg Sitzhaltung tat nom n sg das vijānīyāt 3 sg opt möge mank erkennen na nicht itarat nom n sg anderes sukha- Leichtigkeit nāśanam nom n sg das Vernichten
siddhaṃ yat sarvabhūtādi
viśvādhiṣṭhānam avyayam |
yasmin siddhāḥ samāviṣṭās
tad vai siddhāsanaṃ viduḥ || 113 ||
Als Siddhāsanam, als die vollendete Sitzhaltung, ist jenes Vollendete zu begreifen, das die unvergängliche Grundlage des Alls ist und der Ursprung aller Wesen, und in dem sich die Vollendeten niedergelassen haben.
(8) yan mūlaṃ sarva-bhūtānāṃ
yan mūlaṃ citta-bandhanam |
mūla-bandhaḥ sadā sevyo
yogyo ’sau rāja-yoginām || 114 ||
(8) Als Mūla-bandha, Wurzelverbindung, sollte man stets die Verbindung zu jener Wurzel üben, die die Wurzel aller Wesen ist und die Wurzel zum Binden der Aufmerksamkeit. Diese Wurzelverbindung ist angemessen für Rāja-Yogīs.
(9) aṅgānāṃ samatāṃ vidyāt
same brahmaṇi līnatām |
no cen naiva samānatvam
ṛjutvaṃ śuṣka-vṛkṣavat || 115 ||
(9) Als Deha-sāmyam, gerade Körperhaltung, sollte man das Anschmiegen verstehen an das in sich unverändert gerade Brahman. Sich einfach nur gerade zu strecken wie ein dürrer Baum ist noch keine gerade Haltung.
(10) dṛṣṭiṃ jñāna-mayīṃ kṛtvā
paśyed brahma-mayaṃ jagat |
sā dṛṣṭiḥ paramodārā
na nāsāgrāvalokinī || 116 ||
(10) Dṛk-sthiti, der edelste Blick, ist nicht der auf die Nasenspitze gerichtete, sondern der erkenntnisreiche Blick, der sieht, dass das Universum aus Brahman gemacht ist.
draṣṭṛ-darśana-dṛśyānāṃ
virāmo yatra vā bhavet |
dṛṣṭis tatraiva kartavyā
na nāsāgrāvalokinī || 117 ||
Oder so: Der Blick ist dorthin zu richten, wo die Dreiheit Seher-Sicht-Gesehenes aufhört, und nicht auf die Nasenspitze.
(11) cittādi-sarvabhāveṣu
brahmatvenaiva bhāvanāt |
nirodhaḥ sarva-vṛttīnāṃ
prāṇāyāmaḥ sa ucyate || 118 ||
(11) Prāṇāyāma, die Bemeisterung des Lebensatems, nennt man das Stillwerden aller Gedanken durch die stetige Vorstellung, dass das Denkorgan bis hin zu allen Gemütszuständen nur Brahman ist.
niṣedhanaṃ prapañcasya
recakākhyaḥ samīraṇaḥ |
brahmaivāsmīti yā vṛttiḥ
pūrako vāyur īritaḥ || 119 ||
Als Recaka, das Entleeren der Lunge, gilt der Atem, der die Vielheit verscheucht. Als Pūraka, das Füllen der Lunge, gilt der Atem, der der Gedanke ist „Ich bin Brahman“.
tatas tad-vṛtti-naiścalyaṃ
kumbhakaḥ prāṇa-saṃyamaḥ |
ayaṃ cāpi prabuddhānām
ajñānāṃ ghrāṇa-pīḍanam || 120 ||
Kumbhaka, das Atemhalten, ist das anschließende unveränderte Halten dieses Gedankens. Das gilt aber nur für die Aufmerksamen, für die Dummen ist Prāṇāyāma Nasen-Drücken.
(12) viṣayeṣv ātmatāṃ dṛṣṭvā
manasaś citi majjanam |
pratyāhāraḥ sa vijñeyo
’bhyasanīyo mumukṣubhiḥ || 121 ||
(12) Pratyāhāra, der Rückzug nach Innen, ist zu verstehen als das Erblicken des eigenen Selbstes in den Sinnesobjekten und das anschließende Eintauchen des Gemüts ins reine Bewusstsein. Das ist von Befreiungssuchenden wiederholt zu üben.
(13) yatra yatra mano yāti
brahmaṇas tatra darśanāt |
manaso dhāraṇaṃ caiva
dhāraṇā sā parā matā || 122 ||
(13) Als beste geistige Sammlung, Dhāraṇā gilt das Innehalten des Gemüts, wohin auch immer es geht, weil es überall dort Brahman erblickt.
(14) brahmaivāsmīti sad-vṛttyā
nirālambatayā sthitiḥ |
dhyāna-śabdena vikhyātā
paramānanda-dāyinī || 123 ||
(14) Mit Dhyānam, Meditation, bezeichnet man das Verharren in dem heiligen Gedanken „Brahman wahrlich bin ich“, ohne sich auf irgendetwas zu stützen. Das schenkt höchste Glückseligkeit.
(15) nirvikāratayā vṛttyā
brahmākāratayā punaḥ |
vṛtti-vismaraṇaṃ samyak
samādhir jñāna-saṃjñakaḥ || 124 ||
(15) Als Samādhi ist die spirituelle Erkenntnis bekannt, zu der es beim vollständigen Vergessen von Gedanken kommt, indem bei Gedankenwellen keine Veränderung mehr wahrnehmbar ist, was wiederum dem Wesen Brahmans entspricht.
imaṃ cākṛtim ānandaṃ
tāvat sādhu sam-abhyaset |
vaśyo yāvat kṣaṇāt puṃsaḥ
prayuktaḥ san bhavet svayam || 125 ||
Diese ungeschaffene Glückseligkeit sollte so lange gut geübt werden, bis sie folgsam und von selbst aufkommt, sobald sie von der Person aufgerufen wird.
tataḥ sādhana-nirmuktaḥ
siddho bhavati yogirāṭ |
tat-svarūpaṃ na caitasya
viṣayo manaso girām || 126 ||
Dann, von spirituellen Übungen befreit, wird dieser König der Yogis vollendet. Das innere Wesen eines solchen liegt nicht im Bereich von Denken oder Sprache.
samādhau kriyamāṇe tu
vighnāny āyānti vai balāt |
anusaṃdhāna-rāhityam
ālasyaṃ bhoga-lālasam || 127 ||
Beim Praktizieren von Samādhi jedoch kommen zwangsläufig Hindernisse auf, wie das Fehlen von Aufmerksamkeit, Mangel an Energie, Verlangen nach Sinnesgenüssen, …
layas tamaś ca vikṣepo
rasāsvādaśca śūnyatā |
evaṃ yad vighna-bāhulyaṃ
tyājyaṃ brahmavidā śanaiḥ || 128 ||
… geistige Trägheit, Dunkelheit, Zerstreuung, Lustempfindung, Öde. Derart ist die Hindernisvielfalt, welche vom Brahmankenner nach und nach loszulassen ist.
bhāva-vṛttyā hi bhāvatvaṃ
śūnya-vṛttyā hi śūnyatā |
brahma-vṛttyā hi pūrṇatvaṃ
tathā pūrṇatvam abhyaset || 129 ||
Durch Denken an einen Zustand entsteht die Art dieses Zustands, durch Denken an Mangel entsteht Mangel. Durch Denken an Brahman entsteht Fülle. So sollte man Fülle einüben.
ye hi vṛttiṃ jahaty enāṃ
brahmākhyāṃ pāvanīṃ parām |
vṛthaiva te tu jīvanti
paśubhiś ca samā narāḥ || 130 ||
Diejenigen aber, die diese höchste reinigende Geisteshaltung, die Brahman genannt wird, zurückweisen, diese Menschen leben vergeblich und auf gleicher Stufe wie Tiere.
ye hi vṛttiṃ vijānanti
jñātvāpi vardhayanti ye |
te vai satpuruṣā dhanyā
vandyās te bhuvana-traye || 131 ||
Diejenigen aber, die diese Geisteshaltung tief verstehen, und danach in sich zum Wachsen bringen, das sind spirituelle Menschen die Glück bringen. Sie sind verehrenswert im ganzen Universum.
yeṣāṃ vṛttiḥ samā vṛddhā
paripakvā ca sā punaḥ |
te vai sad-brahmatāṃ prāptā
netare śabda-vādinaḥ || 132 ||
Bei welchen diese Geisteshaltung unter verschiedenen Umständen gleichbleibend gefestigt ist und vollständig verinnerlicht, diese haben wahrlich den heiligen Brahman-Zustand erlangt, aber nicht die anderen, die nur Worte daherreden.
kuśalā brahma-vārttāyāṃ
vṛtti-hīnāḥ su-rāgiṇaḥ |
te ’py ajñānatayā nūnaṃ
punar āyānti yānti ca || 133 ||
Diejenigen, die geschickt über Brahman reden ohne entsprechende Geisteshaltung und die voll weltlicher Verhaftung sind, die jedoch kommen und gehen bald wieder durch ihren Zustand von Unwissenheit.
nimeṣārdhaṃ na tiṣṭhanti
vṛttiṃ brahma-mayīṃ vinā |
yathā tiṣṭhanti brahmādyāḥ
sanakādyāḥ śukādayaḥ || 134 ||
Diejenigen die ständig an Brahman denken ohne auch nur einen halben Augenblick davon abzuweichen, die stehen so da wie der Weltenschöpfer, seine weisen Söhne, und Heilige wie Śuka und dergleichen.
kārye kāraṇatāyātā
kāraṇe na hi kāryatā |
kāraṇatvaṃ tato gacchet
kāryābhāve vicārataḥ || 135 ||
Die Wirkungskraft der Ursache zeigt sich im Hervorgebrachten, auch wenn die Ursache nicht die Eigenschaft des Hervorgebrachten hat. Die Wirkungskraft der Ursache vergeht, wenn man bei genauer Prüfung erkennt, dass das Hervorgebrachte gar keine richtige Existenz hat.
atha śuddhaṃ bhaved vastu
yad vā vācām agocaram |
draṣṭavyaṃ mṛd-ghaṭenaiva
dṛṣṭāntena punaḥ punaḥ || 136 ||
Dann bleibt jenes reine Sein, welches für Sprache unerreichbar ist. Das ist wiederholt zu betrachten am Beispiel Tonerde-Tonkrug.
anenaiva prakāreṇa
vṛtti-brahmātmakā bhavet |
udeti śuddha-cittānāṃ
vṛtti-jñānaṃ tataḥ param || 137 ||
Auf diese Art und Weise entsteht die Geisteshaltung vom Wesen Brahmans. Dann bricht für die, deren Aufmerksamkeit unvermischt ist, die Welle der Erkenntnis an.
kāraṇaṃ vyatirekeṇa
pumān ādau vilokayet |
anvayena punas tad dhi
kārye nityaṃ prapaśyati || 138 ||
Zuerst sollte man die Ursache mit der negativen Methode studieren. Anschließend erkennt man sie mittels der positiven Methode stets im Hervorgebrachten.
kārye hi kāraṇaṃ paśyet
paścāt kāryaṃ visarjayet |
kāraṇatvaṃ tato gacched
avaśiṣṭaṃ bhaven muniḥ || 139 ||
Man sollte im Hervorgebrachten die Ursache sehen, und danach das Hervorgebrachte loslassen. Dann verschwindet die Wirkungskraft [der Ursache] und das, was bleibt wird der Weise selbst.
bhāvitaṃ tīvra-vegena
yad vastu niścayātmanā |
pumāṃs tad dhi bhavec chīghraṃ
jñeyaṃ bhramara-kīṭavat || 140 ||
Die Sache, über die ein Mensch mit Überzeugung und intensivem Drang meditiert, zu der wird er bald. Das ist zu verstehen, wie bei der Larve, die [während der Verpuppung durch Meditation über das Bienendasein] zur Biene wird.
adṛśyaṃ bhāva-rūpaṃ ca
sarvam eva cid-ātmakam |
sāvadhānatayā nityaṃ
svātmānaṃ bhāvayed budhaḥ || 141 ||
Das Unsichtbare und das sichtbar Bestehende, das alles ist von der Natur reinen Bewusstseins. Der Weise sollte darüber stets voll Aufmerksamkeit als sein eigenes Selbst meditieren.
dṛśyaṃ hy adṛśyatāṃ nītvā
brahmākāreṇa cintayet |
vidvān nitya-sukhe tiṣṭhed
dhiyā cid-rasa-pūrṇayā || 142 ||
Nachdem man das Sichtbare [, also das Weltall als Hervorgebrachtes,] zum Unsichtbaren [, also Brahman als Ursache,] geführt hat, denke man es sich als eine Erscheinungsform Brahmans. Der Wissende möge so in ständigem Glück leben mit seinem Geist erfüllt vom Genuss reinen Bewusstseins.
ebhir aṅgaiḥ samāyukto
rājayoga udāhṛtaḥ |
kiṃ cit pakva-kaṣāyāṇāṃ
haṭha-yogena saṃyutaḥ || 143 ||
Mit den dargelegten Punkten ist hiermit Rāja-Yoga erklärt. Für diejenigen, die ihre Unreinheiten erst teilweise abgearbeitet haben, ist er in Verbindung mit Haṭha-Yoga [zu praktizieren].
paripakvaṃ mano yeṣāṃ
kevalo ’yaṃ ca siddhi-daḥ |
guru-daivata-bhaktānāṃ
sarveṣāṃ sulabho javāt || 144 ||
Für diejenigen hingegen, deren Geist vollständig bereit ist, schenkt dieser [Rāja-Yoga schon] alleine Erfolg. Für alle, die dem göttlichen Lehrer ergeben sind, [ist dieser Yoga] rasch und leicht zugänglich.