अष्टावक्रगीता

aṣṭāvakra-gītā

Ashṭāvakra-Gītā,
ursprünglich: Avadhūtānubhūti

Frank Nārada Ziesing

Inhalt

Einleitung

Der Titel des vorliegenden Text lautet in alten Manuskripten Avadhūtānubhūti, also "Erfahrung desjenigen, der alles abgeschüttelt hat". Es ist ein Dialog zwischen einem Guru und seinem Schüler. Im Lauf der Manuskriptüberlieferung hat ein Kopist dem Guru den Namen Ashṭāvakra und dem Schüler den Namen Janaka gegeben. Dadurch wurde der Text als Ashṭāvakra-Gītā bekannt.

Unsere Version hat weder diese Namen übernommen, noch die in alten Manuskripten nicht vorhandenen vier Anfangsverse. Unser Vers 1.1 entspricht daher Vers 1.5 in den üblichen gedruckten Ausgaben.

Autor und Entstehungszeit sind unbekannt, der Text könnte aus dem 14. Jahrhundert stammen, wo ähnliche Advaita-Texte entstanden.

Der Text beschreibt die radikale Erfahrung der Nichtzweiheit. Schon Śrī Rāmakrishna (1836-86) forderte seinem Schüler Vivekānanda auf, ihn zu studieren, um sich diese letztendliche Wahrheit zu verinnerlichen.

उपदेशः

upadeśaḥ

1. Gesang: Unterweisung

gurur uvāca |
na tvaṃ viprādiko varṇo
nāśramī nākṣa-gocaraḥ |
asaṅgo 'si nirākāro
viśva-sākṣī sukhī bhava || 1.1 ||

Der Lehrer sprach:

Du bist weder Brahmane noch von anderem Stand, ohne Lebensabschnitt, nicht Objekt sinnlicher Wahrnehmung, an nichts haftend, gestaltlos und Zuschauer von allem. Sei glücklich!

guruḥ nom sg m der Lehrer uvāca 3 sg perfekt sprach na nicht tvam du vipra- Brahmana ādikaḥ nom sg m beginnend mit, der und die folgenden, etc. varṇaḥ nom sg m Farbe, Kaste na nicht āśramī nom sg m sich in irgendeinem Stadium des religiöse Leben befindend na nicht akṣa- Achse, Sinnesorgan go-caraḥ nom m sg Tummelplatz, Bereich viśva- alles sākṣī nom sg m Zuschauer, Zeuge sukhī nom sg m glücklich bhava 2 sg imperativ sei

dharmādharmau sukhaṃ duḥkhaṃ
mānasāni na te vibho |
na kartāsi na bhoktāsi
mukta evāsi sarvadā || 1.2 ||

Richtig und falsch, Freude und Leid, entspringen dem Denken, nicht dir, du Mächtiger. Weder Handelnder noch Genießer bist du, befreit bist du nämlich immer.

dharma- pflichtgemäß adharmau nom dual m Unrecht sukham nom sg n Glück duḥkham nom sg n Unglück mānasāni nom pl n dem Denken angehörend, dem Sinn entsprungen na nicht te sg gen dein vibho vok sg m o Herr, o Tüchtiger, o Mächtiger na nicht kartā nom sg m Handelnder asi 2 sg präs bist na nicht bhoktā nom sg m Genießender muktaḥ ppp nom m sg befreit eva wahlich asi 2 sg präs bist sarvadā allezeit, stets

eko draṣṭāsi sarvasya
mukta-prāyo 'si sarvadā |
ayam eva hi te bandho
draṣṭāraṃ paśyasītaram || 1.3 ||

Der eine Sehende von allem bist du, befreit bist du eigentlich immer. Das allerdings ist deine Fessel, dass du den Sehenden als anderen betrachtest.

ekaḥ nom m sg der eine, einzige draṣṭā nom m sg der Sehende asi 3 sg präs du bist sarvasya gen sg von allem mukta- ppp befreit prāyaḥ nom m sg so zu sagen, im Wesentlichen, beinahe asi du bist sarvadā adv immer, allzeit, stets ayam nom m sg dieser eva wahrlich hi denn, nämlich te gen sg deine bandhaḥ nom m sg Fessel draṣṭāraṃ akk sg m den Sehenden paśyasi 2 sg präs du siehst itaram akk m sg einen anderen

ahaṃ kartety ahaṃ-māna-
-mahā-kṛṣṇāhi-daṃśitaḥ |
nāhaṃ karteti vi-śvāsā-
-mṛtaṃ pītvā sukhī bhava || 1.4 ||

Du bist gebissen von der großen Kobra des Ich-Wahns „Ich bin der Handelnde“. Trinke den Nektar des Vertrauens „Ich bin nicht der Handelnde“ und sei glücklich.

aham ich kartā nom m sg der Handelnde iti also aham- ich māna- Stolz mahā- groß kṛṣṇa-ahi- schwarze Schlange, Kobra daṃśitaḥ ppp nom m sg gebissen na nicht aham ich kartā nom m sg der Handelnde iti also vi-śvāsa- Vertrauen amṛtam nom n sg Nektar pītvā absolutiv getrunken habend sukhī nom m sg glücklich bhava 2 sg imperativ sei

eko viśuddha-bodho 'ham
iti niścaya-vahninā |
prajvālyājñāna-gahanaṃ
vīta-śokaḥ sukhī bhava || 1.5 ||

„Ich bin das eine völlig reine Wachsein“, mit dem Feuer dieser Überzeugung verbrenne das Dickicht der Unwissenheit, und frei von Kummer, sei glücklich!

ekaḥ nom m sg der eine, einzigartige viśuddha- ppp vollkommen geläutert/rein bodhaḥ nom m sg Erwachen, Erkenntnis, Einsicht aham ich iti also niścaya- Überzeugung, Gewissheit vahninā inst m sg mit dem Feuer prajvālya- part fut pass zu verbrennen ajñāna- Unwissenheit gahanam nom n sg Abgrund, Tiefe, Dickicht vīta- ppp verschwunden, gewichen śokaḥ nom m sg Qual, Schmerz, Kummer sukhī nom m sg glücklich bhava 2 sg präs sei

yatra viśvam idaṃ bhāti
kalpitaṃ rajju-sarpavat |
ānanda-paramānandaḥ
sa bodhas tvaṃ sukhaṃ cara || 1.6 ||

Worin dieses All erscheint, von der Phantasie erschaffen wie eine Schlange wo nur ein Seil ist, – Glückseligkeit der höchaten Glückseligkeit, dieses Wachsein bist du. Wandle glücklich dahin.

yatra wo, bei selcher Gelegenheit viśvam nom n sg alles, das All idam nom n sg dieses bhāti 3 sg präs erscheint, zum Vorscheint kommt, glänzt, sich offenbart √bhā kalpitam kaus ppp nom n sg in der Fantasie gebildet rajju- Strick, Seil sarpa- Schlange -vat adv wie, in der Weise von ānanda- Glückseligkeit paramānandaḥ nom m sg hochste Glückseligkeit sah dieser, der nom m sg tat bodhaḥ nom m sg Erwachen, Erkenntnis, Einsicht tvam du sukham adv glücklich cara 2 sg imperativ wandere, verhalte dich

muktābhimānī mukto hi
baddho baddhābhimāny api |
kiṃvadantīha satyeyaṃ
yā matiḥ sā gatir bhavet || 1.7 ||

Wer überzeugt ist, frei zu sein, der ist frei, wer überzeugt ist, gebunden zu sein, ist auch gebunden. Hier stimmt das Sprichwort: „Wie der Gedanke, so wird wohl der Schicksalsgang.“

mukta- ppp befreit abhimānī nom m sg eingebildet, sich haltend für muktaḥ ppp nom m sg befreit hi adv ja, nämlich baddhaḥ ppp nom m sg gebunden baddha- gebunden abhimānī nom m sg eingebildet, sich haltend für api adv auch kiṃvadantī nom f sg Sprichwort iha adv hier, im diesem Fall, auf Erden satyā nom f sg wahr iyam nom f sg diese nom f sg jene, welche matiḥ nom f sg Gedanke, Denkweise, Überzeugung nom f sg diese gatiḥ nom f sg Gang, Fortgang, Verlauf bhavet 3 sg optativ es möge werden

ātmā sākṣī vibhuḥ pūrṇa
eko muktaś cid akriyaḥ |
asaṅgo niḥspṛhaḥ śānto
bhramāt saṃsāravān iva || 1.8 ||

Das Selbst ist der Zuschauer, allgegenwärtig, vollkommen, einzig in seiner Art, befreit, reines Bewusstsein, tatenlos, an nichts haftend, wunschlos, friedvoll, irrtümlich als ob den Armseligkeiten des weltlichen Daseins unterworfen.

ātmā nom m sg das Selbst sākṣī nom m sg Zeuge, Zuschauer vibhuḥ nom m sg alldurchdringend, überall gegenwärtig pūrṇaḥ ppp nom m sg vollkommen ekaḥ nom m sg eins, einzigartig muktaḥ pppnom m sg befreit cit nom f sg reines Bewusstsein akriyaḥ nom m sg tatenlos asaṅgaḥ nom m sg an nichts haftend niḥspṛhaḥ nom m sg wunschlos śāntaḥ nom m sg friedvoll bhramāt abl m sg durch Irrtum/ Verwirrung/ Wahn saṃsāravān nom m sg den Armseligkeiten des weltlichen Daseins unterworfen iva adv als ob, wie, quasi, sozusagen

kūṭasthaṃ bodham advaitam
ātmānaṃ paribhāvaya |
ābhāso 'haṃ bhramaṃ muktvā
bhāvaṃ bāhyam athāntaram || 1.9 ||

Erkenne dein wahres Selbst als die höchste Stelle einnehmend, als Wachsein ohne Zweites. Befreie dich vom Irrtum äußerer und innerer Selbstidentifikation, ein bloßer Schein ist das Ich.

kūṭa- Spitze, das Vornehmste, erste unter stham akk m sg stehend bodham akk m sg Wachheit advaitam akk m sg ohne Zweites ātmānam akk m sg den Ātman, das Selbst paribhāvaya kaus 2 sg imperativ erkenne als, bedenke ābhāsaḥ nom m sg bloßer Schein, Trugbild aham nom sg ich bhramam akk m sg Schwindel, Irrtum, Verwirrung, Wahn muktvā absolutiv nachdem erlöst, befreit habend von bhāvam akk m sg Existenz, Dasein, Zustand, Gemütszustand, Selbstidentifikation bāhyam akk m sg außen befindlich atha adv alsdann, darauf, sodann, ferner antaram akk m sg im Innern befindlich

dehābhimāna-pāśena
ciraṃ baddho 'si putraka |
bodho 'haṃ jñāna-khaḍgena
taṃ niṣkṛtya sukhī bhava || 1.10 ||

Von der Schlinge der Überzeugung, der Körper zu sein, bist du seit langen gefesselt, mein Kind. Nachdem du sie mit dem Erkenntnis-Schwert „Ich bin Wachsein“ vernichtet hast, fühle dich wohl.

deha- Körper abhimāna- Selbstgefühl pāśena inst m sg von der Schlinge ciram adv lange Zeit baddhaḥ ppp nom m sg gefesselt, gebunden asi 2 sg präs du bist putraka Vok Söhnchen bodhaḥ nom m sg Wachsein aham nom sg ich jñāna- Erkenntnis khaḍgena inst m sg mit dem Schwert, Degen tam akk n sg den [bezieht sich auf pāśa, Schlinge] niṣkṛtya absolutiv weg gemacht, vertrieben sukhī nom m sg sich wohl befindend, froh, glücklich bhava 2 sg imperativ sei, werde

niḥsaṅgo niṣkriyo 'si tvaṃ
sva-prakāśo nirañjanaḥ |
ayam eva hi te bandhaḥ
samādhim anutiṣṭhasi || 1.11 ||

Du bist ohne Anhaftung, ohne Taten, aus dir selbst heraus offenbar, ohne Falsch. Das allerdings ist deine Fessel, dass du Samādhi nachgehst.

niḥsaṅgaḥ nom m sg ohne Anhaftung niṣkriyaḥ nom m sg ohne Taten asi 2 sg präs bist tvam nom sg du sva-prakāśaḥ no m sg durch sich selbst offenbar, durch sich selbst klar nirañjanaḥ nom m sg ohne Schminke, ohne Falsch, lauter, unbeflekt ayam nom m sg dieser eva adv in der Tat hi adv wahrlich, ja te gen sg deine bandhaḥ nom m sg Fessel samādhim akk m sg Samādhi anutiṣṭhasi 2 sg präs nachgehst, folgst, dich richtest nach, ausrichtest auf, nachahmst, dich hingibst

tvayā vyāptam idaṃ viśvaṃ
tvayi protaṃ yathārthataḥ |
śuddha-buddha-svarūpas tvaṃ,
mā gamaḥ kṣudra-cittatām || 1.12 ||

Von dir ist dieses All durchdrungen. In dich ist es in Wahrheit eingewebt. Reines Erwachen ist deine eigentliche Natur, verfalle nicht in kleinliche Denkweise.

tvayā inst sg von dir vyāptam ppp nom sg durchdrungen, erfüllt, angefüllt idaṃ nom sg n dieses viśvam nom sg n all, alles tvayi lok sg in dir protam ppp nom shn gereiht auf, steckend an/in, durchzogen von yathārthataḥ adv der Wahrheit gemäß śuddha- rein buddha- Einsicht svarūpaḥ nom m sg Eigenwesen tvam du nicht, auf das nicht gamaḥ 2 sg injunktiv du gehest kṣudra- klein, winzig, gemein, niederträchtig cittatām nom sg f Denkweise

nirapekṣo nirvikāro
nirbharaḥ śītalāśayaḥ |
agādha-buddhir akṣubdho
bhava cin-mātra-vāsanaḥ || 1.13 ||

Ohne auf etwas zu lauern, ohne Veränderung des Gemützustands, frei von aller Last, im Herzen unberührt von dieser Welt, von unergründlich tiefer Einsicht, unaufregbar, so hege nur nach reinem Bewusstsein Verlangen.

nis- ohne apekṣaḥ nom sg m sich umsehen, lauern auf etwas, Berücksichtigung, Erwartung nis ohne vikāraḥ nom sg m Umgestaltung, Veränderng nis ohne bharaḥ nom sg m das Tragen, Gewinnen, Bürde, Kampf śītala- kühl, kühlend, kalt, jmd kalt lassend, frei von Leidenschaft āśayaḥ nom m sg Lagerstätte, Herz, Gemüt, Gesinnung a- un gādha- wo man festen Fuss fassen kann buddhiḥ nom sg f Einsicht a- un kṣubdhaḥ ppp nom sg m in Aufregung geraten bhava 2 sg imperativ sei, werde cid- reines Bewusstsein mātra- nur soviel wie dieses Maß vāsanaḥ nom sg m einer der ein Verlangen nach etw hat, an etw denkt

sākāram anṛtaṃ viddhi
nirākāraṃ tu niścalam |
etat-tattvopadeśena
na punar-bhava-sambhavaḥ || 1.14 ||

Begreife die äussere Erscheinung als trügerisch, das Unmanifestierte hingegen als keiner Schwankung unterworfen. Durch Unterweisung in dieser Wahrheit entsteht keine Wiedergeburt mehr.

sa- mit ākāram akk sg m Form, Gestalt anṛtam akk sg m unecht, unwahr, Lüge viddhi 2 sg imperativ wisse nis- ohne ākāram akk sg m Form, Gestalt tu aber nis- ohne calam akk sg m sich bewegend, zitternd etat- diese tattva- wahres Wesen/Natur, Wahrheit upadeśena inst sg m mit der Unterweisung na nicht punar- wieder bhava- Dasein, Geburt sambhavaḥ nom sg m Entstehung

yathaivādarśa-madhya-sthe
rūpe 'ntaḥ paritas tu saḥ |
tathaivāsmin śarīre 'ntaḥ
paritaḥ parameśvaraḥ || 1.15 ||

Wie bei einer Gestalt im Spiegel, diese innerhalb aber auch außerhalb ist, so ist in diesem Körper innerhalb und außerhalb der höchste Gebieter.

yathā ebenso eva wahrlich ādarśa- Spiegel madhya- inmitten sthe lok m sg im befindlichen/stehenden rūpe lok sg n in der Form, Gestalt antar adv innerhalb paritas ringsum tu doch, ja, nämlich saḥ nom sg m er, der tathā so eva wahrlich asmin lok sg m in diesem śarīre lok sg m im Körper antar adv innerhalb paritas adv ringsum, von allen Seiten parama- höchster iśvaraḥ nom m sg Gebieter

ekaṃ sarva-gataṃ vyoma
bahir antar yathā ghaṭe |
nityaṃ nirantaraṃ brahma
sarva-bhūta-gaṇe tathā || 1.16 ||

Wie der eine alldurchdringende Raum außerhalb und innerhalb eines Kruges ist, so ist das ewige unterbrechungslose Brahman in der Schar aller Wesen.

ekam nom n sg das eine sarva- alles gatam ppp nom n sg gegangen vyoma nom n sg Himmelsraum, Luftraum bahis adv außerhalb von antar adv innen, innerhalb yathā gleichwie ghaṭe lok m sg in einem Krug (zum Waaserschöpfen) nityam adv stets nis-ohne antaram nom n sg Zwischenraum brahma nom n sg Brahman sarva- alle bhūta- Wesen gaṇe lok m sg in der Schaar tathā adv auf diese Weise

सत्यात्मानुभवोल्लसः

satyātmānubhavollasaḥ

2. Gesang, freudiges Erstrahlen der intuitiven Innewerdung des wahren Selbstes

śiṣya uvāca |
aho nirañjanaḥ śānto
bodho 'haṃ prakṛteḥ paraḥ |
etāvantam ahaṃ kālaṃ
mohenaiva viḍambitaḥ || 2.1 ||

Der Schüler sprach:

Oh, ohne Makel, voller Frieden, reines Wachsein bin ich und jenseits der Materie. So lange Zeit wurde ich durch Verblendung zum Narren gehalten.

śiṣyaḥ nom sg m der Schüler uvāca 3 sg perfekt sprach aho oh nirañjanaḥ nom m sg ohne Schmincke, ohne Falsch, lauter śāntaḥ ppp nom sg m beruhigt, zur innern Ruhe gelangt, frei von aller Leidenschaft bodhaḥ nom m sg Erwachen, Wachsein aham ich prakṛteḥ gen sg f von der Prakṛti paraḥ jenseits etāvantam akk sg m so groß, so viel, von solchem Umfang aham ich kālam die Zeit, der richtige Zeitpunkt mohena inst m sg durch Verblendung eva adv wahrlich viḍambitaḥ ppp nom m sg verspottet, verhöhnt, lächerlich gemacht, zum Narren gehalten, getäuscht, hintergangen

yathā prakāśayāmy eko
deham enaṃ tathā jagat |
ato mama jagat sarvam
athavā na ca kiṃcana || 2.2 ||

Wie ich allein diesen Körper erscheinen lasse, so die Welt. Deshalb gehört mir die ganze Welt oder auch gar nichts.

yathā wie, weil prakāśayāmi 1 sg präs kaus ich mache sichtbar, lasse erscheinen ekaḥ nom m sg als der eine, einzige deham den Körper enaṃ akk sg m den, jenen tathā so, auf diese Weise jagat nom m sg Welt, Menschen ataḥ daher mama mein jagat nom m sg Welt sarvam alles, ganz atha-vā adv oder auch na ca und nicht kiṃ-cana was auch immer

saśarīram aho viśvaṃ
parityajya mayādhunā |
kutaścit kauśalād eva
paramātmā vilokyate || 2.3 ||

Oh, jetzt, da ich die Welt zusammen mit dem Körper losgelassen habe, wird durch irgendein Glück das höchste Selbst sichtbar.

sa-śarīram adv samt des Körpers aho adv oh viśvam akk sg n alles, das All pari-tyajya absolutiv im Stich gelassen/entsagt/abgelegt/losgelassen habend mayā inst sg von mir adhunā adv jetzt kutaścit adv von irgendwo her kauśalāt abl n sg durch glückliches Wohlergehen eva wahrlich parama- höchst ātmā m nom sg Selbst vilokyate 3 sg pass kaus präs wird sichtbar/ offenbar

yathā na toyato bhinnās
taraṃgāḥ phena-budbudāḥ |
ātmano na tathā bhinnaṃ
viśvam ātma-vinirgatam || 2.4 ||

Wie Wellen, Gischt und Wasserblasen nicht von der Art und Weise des Wasser getrennt sind, so ist die aus mir hervorgegangene Welt nicht von mir getrennt.

yathā wie na nicht toyatas adv Art und Weise des Wassers bhinnāḥ ppp nom m pl verschieden von sein, getrennt taraṃgāḥ nom m mpl Wellen phena- Schaum budbudāḥ nom m pl Wasserblasen ātmanaḥ abl m sg aus/ von dem Selbst na nicht tathā so bhinnam ppp nom n sg verschieden viśvam nom n sg das All ātma- selbst vi-nir-gatam ppp nom n sg hervorgegangen aus

tantu-mātro bhaved eva
paṭo yadvad vicāritaḥ |
ātma-tanmātram evedaṃ
tadvad viśvaṃ vicāritam || 2.5 ||

Wie ein Gewebe bei genauer Prüfung eben nichts anderes als Fäden ist, so ist diese Welt bei genauer Prüfung nichts anderes als mein Selbst.

tantu- Faden mātraḥ nom m sg nichts als bhaved 3 sg optativ es sei eva wahrlich paṭaḥ nom m sg Gewebe, Gewand yadvat adv wie vicāritaḥ nom m sg geprüft ātma- Selbst tat dessen das, jenes mātram nom n sg Maß, nicht mehr als eva wahrlich idam nom n sg dieses tadvad adv so viśvam nom sgn das All vicāritam ppp kaus nom n sg gegeneinander abgewägt, in Betracht gezogen, geprüft

yathaivekṣu-rase kḷptā
tena vyāptaiva śarkarā |
tathā viśvaṃ mayi kḷptaṃ
mayā vyāptaṃ nirantaram || 2.6 ||

Wie Zucker, der im Zuckerrohrsaft entstanden ist, von diesem durchdrungen ist, so ist in mir das Weltall entstanden und von mir ganz und gar durchdrungen.

yathā wie eva wahrlich ikṣu- Zuckerrohr rase lok m sg im Saft kḷptā ppp nom mf sg entsprechend, gelungen, hervorgebracht, vorhanden seiend tena inst ag von ihm vyāptā ppp nom f sg durchdrungen, erfüllt eva wahrlich śarkarā nom f sg der Kristallzucker tathā so viśvam nom n sg das All mayi lok sg in mir kḷptam ppp nom n sg hervorgebracht mayā inst sg von mir vyāptam ppp nom n sg durchdrungen, erfüllt nirantaram nom n sg durch keinen Zwischenraum getrennt, nirgends unterbrochen

ātmājñānāj jagad bhāti
ātma-jñānān na bhāsate |
rajjv-ajñānād ahir bhāti
taj-jñānād bhāsate na hi || 2.7 ||

Durch Unkenntnis des Selbstes erscheint die Welt, bei Erkenntnis des Selbstes erscheint sie nicht. Eine Schlange erscheint durch Unwissenheit dass es ein Seil ist. Beim Wissen darvon erscheint sie allerdings nicht.

ātma- das Selbst ajñānāt abl n sg durch Unkenntnis jagat nom m sg die Welt bhāti 3 sg präs erscheint, zum Vorschein kommt, sich zeigt ātma- Selbst jñānāt abl sg n durch Erkenntnis na nicht bhāsate 3 sg präs ātm erscheint rajjv- Seil ajñānāt abl sg n durch Unwissenheit ahiḥ nom sg m die Schlange, Natter bhāti 3 sg präs erscheint tat- dessen jñānāt abl n sg durch Erkenntnis bhāsate 3 sg präs ātm erscheint na nicht hi ja, nämlich

prakāśo me nijaṃ rūpaṃ
nātirikto 'smy ahaṃ tataḥ |
yadā prakāśate viśvaṃ
tadāhaṃ bhāsa eva hi || 2.8 ||

Licht ist mein innewohnendes Wesen. ich bin nicht davon verschieden. Wenn das Weltall erscheint, dann bin ich es, der leuchtet.

prakāśaḥ nom m sg Licht me gen sg mein nijam nom n sg eigen, eingeboren, innewohnend rūpam nom n sg Wesen, Gestalt na nicht ati-riktaḥ ppp nom m sg verschieden von. asmi 1 sg präs bin aham ich tatas adv von da aus, an der Stelle, dort, darauf, dann yadā wenn prakāśate 3 sg ātm präs sich zeigt. sichtbar wird viśvam no n sg alles, das All tadā dann aham ich bhāse/bhāsaḥ (es gibt 2 Möglichkeiten, die Wohlklangregel aufzulösen) nom m sg –oder– 1 sg präs ātm Licht –oder– ich leuchte eva wahrlich hi nämlich, ja

aho vikalpitaṃ viśvam
ajñānān mayi bhāsate |
rūpyaṃ śuktau phaṇī rajjau
vāri sūryakare yathā || 2.9 ||

Oh, das eingebildete Weltall erscheint in mir durch Unwissenheit, wie [scheinbares] Silber im Perlmutt, wie eine Schlange im Seil, wie Wasser in einer Luftspiegelung.

aho das falsch vorgestelle, eingebildete, in der Einbildung geformt oh vikalpitam viśvam nom n sg das All,das Weltall ajñānāt abl, sg n durch Unwissenheit mayi loj sg in mir bhāsate 3 sg präs leuchtet rūpyam nom n sg Silber śuktau lok f sg im Perlmutt phaṇī nom m sg Schlange rajjau lok f sg im Seil vāri nom n sg Wasser sūryakare lok m sg in einem Sonnenstrahl yathā wie

matto vinirgataṃ viśvaṃ
mayy eva layam eṣyati |
mṛdi kumbho jale vīciḥ
kanake kaṭakaṃ yathā || 2.10 ||

Aus mir hervorgegangen ist das All, auflösen wird es sich in mich allein, wie ein Tonkrug in Tonerde, eine Welle im Wasser, ein Armreif im Gold.

mattaḥ abl sg von mir, aus mir vinirgatam ppp nom n sg hervorgegangen viśvam nom n sg das All mayi lok sg in mir eva wahrlich layam akk m sg das Verschwinden, Eingehen eṣyati 33 sg fut es wird gehen, fließen, kommen mṛdi lok f sg in Lehm, Tonerde kumbhaḥ nom m sg Krug jale lok sg n im Wasser vīciḥ nom f sg die Welle kanake lok m sg im Gold kaṭakam nom n sg Armreif yathā adv wie

aho ahaṃ namo mahyaṃ,
vināśo yasya nāsti me |
brahmādi-stamba-paryantaṃ
jagannāśe 'pi tiṣṭhataḥ || 2.11 ||

Oh ich, Verneigung mir, für den es keine Vernichtung gibt, der bleibt, auch wenn das Universum untergeht, angefangen vom Schöpfer bis hin zum Grasbüschel.

aho interj oh aham ich namas nom n sg Verneigung mahyam dat sg vor mir vināśaḥ nom m sg Verschwinden, Vernichtung yasya gen sg dessen, von dem na nicht asti 3 sg präs es ist me gen sg mein, für mich brahma- nom m sg der Schöpfergott Brahmā ādi- angefangen mit, usw. stamba- Grasbüschel paryantam adv bis zum Ende von jagat- die Welt nāśe lok m sg beim Zugrundegehen, Untergang api adv auch, sogar tiṣṭhataḥ gen sg m part präs des bestehen bleibenden (bezieht sich auf "me")

aho ahaṃ namo mahyaṃ
eko 'haṃ dehavān api |
kvacin na gantā nāgantā
vyāpya viśvam avasthitaḥ || 2.12 ||

Oh ich, Verneigung mir, der der einzige ist, der selbst wenn verkörpert nirgendwo hin geht oder herkommt, der besteht, indem er alles durchdrungen hat.

aho ahaṃ namo mahyaṃ
dakṣo nāstīha mat-samaḥ |
asaṃspṛśya śarīreṇa
yena viśvaṃ ciraṃ dhṛtam || 2.13 ||

Oh ich, Verneigung mir, dem an Geschick niemand hier gleicht, da ich seit jeher das Weltall trage, ohne es mit dem Körper zu berühren.

aho ahaṃ namo mahyaṃ
yasya me nāsti kiṃcana |
athavā yasya me sarvaṃ
yad vāṅ-manasa-gocaram || 2.14 ||

Oh ich, Verneigung mir, dem nichts gehört oder alles, das im Bereich von Sprache und Denken liegt.

jñānaṃ jñeyaṃ tathā jñātā
tritayaṃ nāsti vāstavam |
ajñānād bhāti yatredaṃ
so 'ham asmi nirañjanaḥ || 2.15 ||

Wahrnehmung, Wahrgenommenes und dazu der Wahrnehmende, diese Dreiheit ist nicht wirklich. Wo sie durch Unwissenheit erscheint, bin tatsächlich nur ich da, zu dem keine Beimengung gehört.

dvaita-mūlam aho duḥkhaṃ
nānyat tasyāsti bheṣajam |
dṛśyam etan mṛṣā sarvaṃ
eko 'haṃ cid-raso 'malaḥ || 2.16 ||

Zweiheit ist die Wurzel, oh, für Leid, dafür gibt es kein anderes Heilmittel als das: Was sichtbar ist, das ist alles unwahr. Der Alleinige bin ich, makellos und vom Wesen reinen Bewusstseins.

bodha-mātro 'ham ajñānād
upādhiḥ kalpito mayā |
evaṃ vimṛśato nityaṃ
nirvikalpe sthitir mama || 2.17 ||

Nur erleuchtete Einsicht bin ich, aus Unwissenheit habe ich mir Eigenschaften eingebildet. Durch ständig prüfendes Betrachten in dieser Art verweile ich jenseits der Subjekt-Objekt-Trennung.

na me bandho 'sti mokṣo vā
bhrāntiḥ śāntā nirāśrayā |
aho mayi sthitaṃ viśvaṃ
vastuto na mayi sthitam || 2.18 ||

Weder gefesselt bin ich noch frei, der haltlose Irrtum ist erloschen. In mir, oh, existiert alles, und eigentlich existiert es nicht in mir.

sa-śarīram idaṃ viśvaṃ
na kiṃcid iti niścitam |
śuddha-cin-mātra ātmā ca
tat kasmin kalpanādhunā || 2.19 ||

Bei der Gewissheit, dass samt meines Körpers diese Welt ein Nichts ist, und dass mein Selbst ausschließlich reines Bewusstsein ist, woher käme mir jetzt noch der Gedanke an etwas Eingebildetes?

śarīraṃ svarga-narakau
bandha-mokṣau bhayaṃ tathā |
kalpanā-mātram evaitat
kiṃ me kāryaṃ cidātmanaḥ || 2.20 ||

Körper, Himmel und Hölle, Bindung und Befreiung und auch Angst, das alles ist nur falscher Wahn. Was habe ich damit zu tun, dessen Selbst reines Bewusstsein ist?

aho jana-samūhe 'pi
na dvaitaṃ paśyato mama |
araṇyam iva saṃvṛttaṃ
kva ratiṃ karavāṇy aham || 2.21 ||

Oh, sogar in einer Menschenmenge sehe ich keine Zweiheit mehr. Wie in einsamer Wildnis hat sie sich zur Einheit gefügt. Worauf sollte ich noch Lust haben?

nāham deho na me deho
jīvo nāham ahaṃ hi cit |
ayam eva hi me bandha
āsīt yā jīvite spṛhā || 2.22 ||

Nicht bin ich der Körper, noch ist der Körper mein, ich bin keine individuelle Seele, denn ich bin reines Bewusstsein. Das allerdings war meine Fessel: der Durst nach Leben.

aho bhuvana-kallolair
vicitrair drāk samutthitam |
mayy ananta-mahāmbhodhau
citta-vāte samudyate || 2.23 ||

Oh, wenn in mir, dem unendlich großen Ozean, der Wind gedanklicher Aktivität aufkommt, dann entsteht rasch die Welt mit ihren vielfältigen Wellen der Wesen

mayy ananta-mahāmbhodhau
citta-vāte praśāmyati |
abhāgyāj jīva-vaṇijo
jagat-poto vinaśvaraḥ || 2.24 ||

Wenn in mir, dem unendlich großen Ozean, der Wind gedanklicher Aktivität zur Ruhe kommt, dann geht durch dieses Unglück für den Krämer, der die individuelle Seele ist, das Weltenschiff unter.

mayy ananta-mahāmbhodhav
āścaryaṃ jīva-vīcayaḥ |
udyanti ghnanti khelanti
praviśanti svabhāvataḥ || 2.25 ||

In mir, dem unendlich großen Ozean, steigen, oh Wunder, die Wellen der individuellen Seelen auf, brechen sich, spielen miteinander und kommen wieder zur Ruhe, entsprechend ihrer jeweils eigenen Natur.

उपदेशः

upadeśaḥ

3. Gesang: Unterweisung

gurur uvāca |
avināśinam ātmānam
ekaṃ vijñāya tattvataḥ |
tavātma-jñasya dhīrasya
katham arthārjane ratiḥ || 3.1 ||

Der Lehrer:

Nachdem du das unvergängliche eigene Selbst als das einzig Wirkliche erkannt hast, wie könnte dann dir, dem Weisen, dem Kenner des eigenen Selbstes, noch Lust auf das Erlangen von weltlichem Erfolg kommen?

ātmājñānād aho prītir
viṣaya-bhrama-gocare |
śukter ajñānato lobho
yathā rajata-vibhrame || 3.2 ||

Durch Unkenntnis des eigenen Selbstes, oh, entsteht die Freude am Herumlungern auf dem Tummelplatz der Sinnesobjekte, so wie bei Unverstand von Perlmutt in Muscheln, durch den Irrtum das es Silber sei, Gier danach entsteht.

viśvaṃ sphurati yatredaṃ
taraṅgā iva sāgare |
so 'ham asmīti vijñāya,
kiṃ dīna iva dhāvasi || 3.3 ||

Wenn du erkannt hast, dass du es bist, in dem das Weltall hervorbricht wie Wellen im Ozean, warum läufst du dann herum wie ein Betrübter?

śrutvāpi śuddha-caitanyam
ātmānam atisundaram |
upasthetyanta-saṃsakto
mālinyam adhigacchati || 3.4 ||

sarva-bhūteṣu cātmānaṃ
sarva-bhūtāni cātmani |
muner jānata āścaryaṃ
mamatvam anuvartate || 3.5 ||

Selbst an den Weisen, der weiß, das sein Selbst in allen Wesen ist und alle Wesen in seinem Selbst, hängt sich, oh Wunder, die Ichsucht an.

āsthitaḥ paramādvaitaṃ
mokṣārthe 'pi vyavasthitaḥ |
āścaryaṃ kāma-vaśago
vikalaḥ keli-śikṣayā || 3.6 ||

Auch wer seine Zuflucht zum höchsten Advaita genommen hat, fest entschlossen die Befreiung zu erreichen, gerät, oh Wunder, durch die Kunst des Liebesspiels in die Gewalt des Verlangens und in das schlimme Gefühl, das ihm etwas fehle.

udbhūtaṃ jñāna-durmitram
avadhāryātidurbalaḥ |
āścaryaṃ kāmam ākāṅkṣet
kālam antam anuśritaḥ || 3.7 ||

ihāmutra viraktasya
nityānitya-vivekinaḥ |
āścaryaṃ mokṣa-kāmasya
mokṣād eva vibhīṣikā || 3.8 ||

Selbst für den, dem diese Welt und die jenseitige gleichgültig sind, der Ewiges von Vergänglichen unterscheidet und der die Befreiung wünscht, oh Wunder, gibt es Angst vor eben dieser Befreiung.

dhīras tu bhojyamāno 'pi
pīḍyamāno 'pi sarvadā |
ātmānaṃ kevalaṃ paśyan
na tuṣyati na kupyati || 3.9 ||

Der Weise aber, der nichts als das eigene Selbst erblickt, auch wenn er ständig verwöhnt oder gequält wird, freut sich weder darüber noch zürnt er deswegen.

ceṣṭamānaṃ śarīraṃ svaṃ
paśyaty anya-śarīravat |
saṃstave cāpi nindāyāṃ
kathaṃ kṣubhyet mahāśayaḥ || 3.10 ||

Wenn sich sein Körper bewegt, betrachtet er es, als wäre es der Körper eines anderen. In Lob oder auch in Verachtung, wie sollte dieser Edle in Aufregung geraten.

māyā-mātram idaṃ viśvaṃ
paśyan vigata-kautukaḥ |
api saṃnihite mṛtyau
kathaṃ trasyati dhīradhīḥ || 3.11 ||

Als bloße Māyā sieht derjenige, von dem das neugierige Verlangen gewichen ist, diese Welt. Selbst in Anwesenheit des Todes, wie sollte sich dieser von beständiger Andacht noch erschrecken?

niḥspṛhaṃ mānasaṃ yasya
nairāśye 'pi mahātmanaḥ |
tasyātma-jñāna-tṛptasya
tulanā kena jāyate || 3.12 ||

Wer könnte dem Mahātmā, dessen Gemüt selbst in verzweifelter Lage ohne Verlangen ist, der gesättigt ist in der Erkenntnis seines Selbstes, die Waage halten?

svabhāvād eva jānāno
dṛśyam etan na kiṃcana |
idaṃ grāhyam idaṃ tyājyaṃ
sa kiṃ paśyati dhīradhīḥ || 3.13 ||

Wer weiß, dass von Natur aus das hier Sichtbare ein bloßes Nichts ist, was kann dieser von fester Andacht hier noch erblicken, das es sich lohnte, zu gewinnen oder aufzugeben.

antas-tyakta-kaṣāyasya
nirdvandvasya nirāśiṣaḥ |
yadṛcchayāgato bhogo
na duḥkhāya na tuṣṭaye || 3.14 ||

Demjenigen, der im Innern seine Negativität aufgegeben hat, der frei ist von den Gegensatzpaaren, der ohne Erwartungen ist, dem dient eine zufällig gekommene Sinneserfahrung weder dem Unbehagen noch der Befriedigung.

उल्लासः

ullāsaḥ

4. Gesang, freudiges Aufstrahlen

gurur uvāca |
hantātma-jñasya dhīrasya
khelato bhoga-līlayā |
na hi saṃsāra-vāhīkair
mūḍhaiḥ saha samānatā || 4.1 ||

Der Lehrer:

Nun denn, den Gefestigten, den Kenner seines Selbstes, der sich scherzend hin und her bewegt zum bloßen Spiel des Sinnengenusses, den kann man nicht vergleichen mit verwirrten Narren im Elend des weltlichen Daseins.

yat padaṃ prepsavo dīnāḥ
śakrādyāḥ sarva-devatāḥ |
aho tatra sthito yogī
na harṣam upagacchati || 4.2 ||

Jene würdevolle Position, nach der sich Armselige sehnen, angefangen vom starken Indra und allen Göttern, oh, wenn der Yogī dort steht, empfindet er keine freudige Genugtuung.

taj-jñasya puṇya-pāpābhyāṃ
sparśo hy antar na jāyate |
na hy ākāśasya dhūmena
dṛśyamānāpi saṃgatiḥ || 4.3 ||

Denn für den Wissenden kommt es innerlich zu keiner Berührung mit eigenen guten oder schlechten Taten. Für den Äther gibt es auch keine Vereinigung mit Rauch, selbst wenn das so aussieht.

ātmaivedaṃ jagat sarvaṃ
jñātaṃ yena mahātmanā |
yad-ṛcchayā vartamānaṃ
taṃ niṣeddhuṃ kṣameta kaḥ || 4.4 ||

Wer könnte jenem Mahātmā, der erkannt hat, dass dieses ganzes Universum nur er selbst ist, verbieten, sich zu verhalten, wie es ihm gefällt?

ā-brahma-stamba-paryante
bhūta-grāme catur-vidhe |
vijñasyaiva hi sāmarthyam
icchānicchā-vivarjane || 4.5 ||

In der vierfachen Schar der Wesen [, d.h. Götter, Menschen, Tieren und Pflanzen], vom Schöpfer bis hin zum Grasbüschel, hat allerdings nur der Wissende die Fähigkeit zum Aufgeben von Zuneigung und Abneigung.

ātmānam advayaṃ kaścij
jānāti jagad-īśvaraṃ |
yad veti tat sa kurute
na bhayaṃ tasya kutracit || 4.6 ||

Wer auch immer sein Selbst als ohne Zweites und als Gebieter des Universums kennt, der tut wozu er Lust hat und nirgendwo empfindet er Angst.

लयः

layaḥ

5. Gesang, Verschmelzung

gurur uvāca |
na te saṅgo 'sti kenāpi
kiṃ śuddhas tyaktum icchasi |
saṃghāta-vilayaṃ kurvann
evam eva layaṃ vraja || 5.1 ||

Der Lehrer:

Du haftest an nichts, was also, du völlig Reiner, wünscht du aufzugeben? Während du das Verschwinden deiner Körperlichkeit bewirkst, gehe nun so zur Verschmelzung.

udeti bhavato viśvaṃ
vāridher iva budbudaḥ |
iti jñatvaikam ātmānam
evam eva layaṃ vraja || 5.2 ||

In dir ist das All hochgekommen wie Wasserblasen im Meer. Nachdem du das erkannt hat und dich selbst als den einzig Seienden, gehe nun so zur Verschmelzung.

pratyakṣam apy avastutvād
viśvaṃ nāsty amale tvayi |
rajju-sarpa iva vyaktam
evam eva layaṃ vraja || 5.3 ||

Obwohl es vor Augen ist, ist das Universum nicht in dir, dem Fleckenlosen, weil es gar nicht existiert. Es ist erschienen wie die Schlange, wo nur ein Seil ist. So gehe nun zur Verschmelzung.

sama-duḥkha-sukhaḥ pūrṇa
āśā-nairāśyayoḥ samaḥ |
sama-jīvita-mṛtyuḥ sann
evam eva layaṃ vraja || 5.4 ||

Während du gleich bist gegenüber Leid und Freude, in dir vollkommen, gleich gegenüber Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, gleich gegenüber Leben und Tod, so gehe nun zur Verschmelzung.

उपदेशः

upadeśaḥ

6. Gesang: Unterweisung

śiṣya uvāca |
ākāśavad ananto 'haṃ
ghaṭavat prakṛtaṃ jagat |
iti jñānaṃ tathaitasya
na tyāgo na graho layaḥ || 6.1 ||

Der Schüler:

Unendlich wie der Raum bin ich, die materielle Welt ist wie ein Krug. Das ist Erkenntnis. So gibt es weder das Loslassen von jenem noch das Ergreifen von diesem, sondern nur Verschmelzung.

mahodadhir ivāhaṃ sa
prapañco vīci-saṃnibhaḥ |
iti jñānaṃ tathaitasya
na tyāgo na graho layaḥ || 6.2 ||

Wie der große Ozean, so bin ich

ahaṃ sa śukti-saṃkāśo
rūpyavad viśva-kalpanā |
iti jñānaṃ tathaitasya
na tyāgo na graho layaḥ || 6.3 ||

Ich bin wie die Perlmuschel. Die Fiktion des Weltalls ist wie das [in der Perlmuschel illusorisch erscheinende] Silber. Das ist Erkenntnis. So gibt es weder das Loslassen von jenem noch das Ergreifen von diesem, sondern nur Verschmelzung.

ahaṃ vā sarva-bhūteṣu
sarva-bhūtāny atho mayi |
iti jñānaṃ tathaitasya
na tyāgo na graho layaḥ || 6.4 ||

Oder so, ich bin in allen Wesen und alle Wesen sind in mir. Das ist Erkenntnis. So gibt es weder das Loslassen von jenem noch das Ergreifen von diesem, sondern nur Verschmelzung.

अनुभवः

anubhavaḥ

7. Gesang, intuitive Innewerdung

śiṣya uvāca |
mayy ananta-mahāmbhodhau
viśva-pota itas-tataḥ |
bhramati svānta-vātena
na mamāsty asahiṣṇutā || 7.1 ||

Der Schüler

mayy ananta-mahāmbhodhau
jagad-vīciḥ svabhāvataḥ |
udetu vāstam āyātu
na me vṛddhir na ca kṣatiḥ || 7.2 ||

Soll doch in mir, dem unendlich großen Ozean, die Welle des Universum von selbst aufsteigen oder untergehen, für mich gibt es keinen Vorteil oder Nachteil.

mayy ananta-mahāmbhodhau
viśvaṃ nāma vikalpanā |
atiśānto nirākāra
etad evāham āsthitaḥ || 7.3 ||

In mir, dem unendlich großen Ozean ist eine Einbildung namens Universum. Überaus still, ohne Gestalt, das ist die Art und Weise in der ich lebe.

nātmā bhāveṣu no bhāvās
tatrānante niranjane |
ity asakto 'spṛhaḥ śānta
etad evāham āstitaḥ || 7.4 ||

Mein Selbst ist nicht in den Wesen und die Wesen sind nicht in ihm, dem Unendlichen, Unbeflekten. Deshalb ist die Art und Weise, in der ich mich befinde, frei von Anhaftung, wunschlos, friedvoll.

aho cin-mātram evāham
indra-jālopamaṃ jagat |
ato mama kathaṃ kutra
heyopādeya-kalpanā || 7.5 ||

Oh, nur reines Bewusstsein bin ich, einem Zaubertrick vergleichbar ist die Welt. Wie und woher käme mir deshalb der Wahn, etwas aufzugeben oder zu ergreifen?

बन्धमोक्षम्

bandha-mokṣam

9. Gesang, Bindung und Befreiung

gurur uvāca |
tadā bandho yadā cittaṃ
kiṃcid vāñchati śocati |
kiṃcin muñcati gṛhṇāti
kiṃcid dhṛṣyati kupyati || 8.1 ||

Der Lehrer

Dann besteht Bindung, wenn der Geist etwas begehrt oder bedauert, sich von etwas befreit oder etwas ergreift, sich über etwas freut oder sich über etwas ärgert.

tadā muktir yadā cittaṃ
na vāñchati na śocati |
na muñcati na gṛhṇāti
na hṛṣyati na kupyati || 8.2 ||

Dann besteht Befreiung, wenn der Geist nicht begehrt, nicht bedauert, sich nicht von etwas befreit, nicht etwas ergreift, sich nicht freut, sich nicht ärgert.

tadā bandho yadā cittaṃ
saktaṃ kāsv api dṛṣṭiṣu |
tadā mokṣo yadā cittam
asaktaṃ sarva-dṛṣṭiṣu || 8.3 ||

Dann besteht Bindung, wenn der Geist an irgendeiner Sinneswahrnehmung hängt, dann besteht Befreiung, wenn der Geist gegenüber allen Sinneswahrnehmungen unverhaftet ist.

yadā nāhaṃ tadā mokṣo
yadāhaṃ bandhanaṃ tadā |
matveti helayā kiṃcit
mā gṛhāṇa vimuñca mā || 8.4 ||

Wenn kein Ich besteht, dann besteht Befreiung, wenn das Ich besteht, dann besteht Bindung. Mit diesem Gedanken, voller Sorglosigkeit, ergreife nichts, befreie dich von nichts.

निर्वेदः

nirvedaḥ

9. Gesang, Weltüberdruss

gurur uvāca |
kṛtākṛte ca dvandvāni
kadā śāntāni kasya vā |
evaṃ jñātveha nirvedād
bhava tyāga-paro 'vratī || 9.1 ||

Der Lehrer

Getan und nicht getan und die anderen Gegensatzpaare, wann kommen sie zur Ruhe und auf wen beziehen sie sich? Nachdem du das hier erkannt hast, sei durch Weltüberdruss ganz der Gelassenheit ergeben, ohne asketischen Vorsätzen anzuhängen.

kasyāpi tāta dhanyasya
loka-ceṣṭāvalokanāt |
jīvitecchā bubhukṣā ca
bubhutsopaśamaṃ gatāḥ || 9.2 ||

Bei manchen Glücklichen, mein Lieber, kommen durch Betrachten des Treibens der Welt das Verlangen nach Leben und Genuss und die Neugierde zum Erlöschen

anityaṃ sarvam evedaṃ
tāpa-tritaya-dūṣitam |
asāraṃ ninditaṃ heyam
iti niścitya śāmyati || 9.3 ||

Hier ist wahrlich alles unbeständig, verdorben durch das dreifache Leid [das man sich selbst zufügt, das andere oder das die Natur einem zufügen], alles ist nichtig, mit Makeln behaftet, vermeidenswert. Nachdem man sich davon überzeugt hat, kommt man zur Ruhe.

ko 'sau kālo vayaḥ kiṃ vā
yatra dvandvāni no nṛṇām |
tāny upekṣya yathā-prāpta-
vartī siddhim avāpnuyāt || 9.4 ||

Gibt se einen Zeitpunkt oder ein Lebensalter, an dem die Gegensatzpaare dieser Welt für einen Menschen nicht gelten? Indem man sie nicht beachtet und die Dinge nimmt, wie sie kommen, kann man Vollendung erlangen.

nānā-mataṃ maharṣīṇāṃ
sādhūnāṃ yogināṃ tathā |
dṛṣṭvā nirvedam āpannaḥ
ko na śāmyati mānavaḥ || 9.5 ||

Welcher Mensch wird nicht still, wenn er sich mit den vielfältigen Lehren der großen Seher, Sādhus wie auch der Yogis vertraut gemacht hat und in die Stimmung der Unlust gegenüber der Welt geraten ist?

kṛtvā mūrti-parijñānaṃ
caitanyasya na kiṃ guruḥ |
nirveda-samatā-yuktyā
yas tārayati saṃsṛteḥ || 9.6 ||

Der ist doch der Guru, der das praktische Erkennen des Bewusstseins bewirkt, und einem mittels Gleichmut und Unlust gegenüber der Welt zum Überwinden der Armseligkeit des weltlichen Daseins verhilft?

paśya bhūta-vikārāṃs tvaṃ
bhūta-mātrān yathārthataḥ |
tat-kṣaṇād bandha-nirmuktaḥ
sva-rūpa-stho bhaviṣyasi || 9.7 ||

Betrachte du die Umgestaltungen der stofflichen Elemente [aus denen das Weltall besteht] als in Wirklichkeit nichts anderes als diese Elemente selbst. Im selben Moment wirst du von Fesseln befreit werden und dich in deiner eigenen Wesensgestalt befinden.

vāsanā eva saṃsāra
iti sarvā vimuñca tāḥ |
tat-tyāgo vāsanā-tyāgāt
sthitir adya yathā tathā || 9.8 ||

Vāsanās, die Im Geist innewohnenden Wünsche und Befürchtungen, wahrlich das ist Saṃsāra, die Armseligkeit des weltlichen Daseins . Mit diesem Gedanken befreie dich von all diesen Wünschen und Befürchtungen. Durch deren Aufgeben entsteht das Verlassen des Saṃsāra. Jetzt kannst du leben, wie immer es sich fügt.

उपशमः

upaśamaḥ

10. Gesang, Erlöschen

gurur uvāca |
vihāya vairiṇaṃ kāmam
arthaṃ cānartha-saṃkulam |
dharmam apy etayor hetuṃ
sarvatrānādaraṃ kuru || 10.1 ||

Der Lehrer

Befreie dich von dem Feind, dem Sinnesverlangen, das reichlich versehen ist mit Gewinn und Verlust. Ebenso von der sozialen Erwartungshaltung, Ursache von Gewinn und Verlust. Praktiziere Gleichgültigkeit in jeder Lage.

svapnendra-jālavat paśya
dināni trīṇi pañca vā |
mitra-kṣetra-dhanāgāra-
dāra-dāyādi-saṃpadaḥ || 10.2 ||

Betrachte dies wie einen Traum oder wie ein Zauberkunststück von drei oder fünf Tagen Dauer, einhergehend mit Freunden, Grundbesitz, Gütern, Haus, Ehepartner, Erbschaften usw.

yatra yatra bhavet tṛṣṇā,
saṃsāraṃ viddhi tatra vai |
prauḍha-vairāgyam āśritya
vīta-tṛṣṇaḥ sukhī bhava || 10.3 ||

Wo auch immer Durst ist, dort wisse auch Samsāra, das Elend des weltlichen Daseins. Nimm Zuflucht zur vollständigen Leidenschaftslosigkeit und, befreit vom Durst, sei glücklich.

tṛṣṇā-mātrātmako bandhas,
tan-nāśo mokṣa ucyate |
bhavāsaṃsakti-mātreṇa
prāpti-tuṣṭir muhur-muhuḥ || 10.4 ||

Das Wesen von Bindung ist allein der Durst. Seine Vernichtung nennt man Befreiung. Nur durch Losgelöstheit von der Welt gibt es glückliche Zufriedenheit wieder und wieder.

tvam ekaś cetanaḥ śuddho
jaḍaṃ viśvam asat tathā |
avidyāpi na kiṃcit sā
kā bubhutsā tathāpi te || 10.5 ||

Du bist der einzigartige reine Wahrnehmende, empfindungslos ist das Weltall und außerdem unwirklich. Selbst das Unwissen, das ist ein Nichts. Welches Verlangen etwas kennen zu lernen könntest du noch haben?

rājyaṃ sutāḥ kalatrāṇi
śarīrāṇi sukhāni ca |
saṃsaktasyāpi naṣṭāni
tava janmani janmani || 10.6 ||

Macht, Kinder, Ehepartner, Körper und Genüsse, auch wenn du daran gehangen hast sind sie dir von Geburt zu Geburt verloren gegangen.,

alam arthena kāmena
sukṛtenāpi karmaṇā |
ebhyaḥ saṃsāra-kāntāre
na viśrāntam abhūn manaḥ || 10.7 ||

Genug des weltlichem Erfolgs, der Sinnesgenüsse und selbst der verdienstvollen Taten. Durch diese ist der denkende Geist im Dschungel des Samsāra nicht zur Ruhe gekommen.

kṛtaṃ na kati janmāni
kāyena manasā girā |
duḥkham āyāsadaṃ karma
tad adyāpy uparamyatām || 10.8 ||

Wie viele Leben hast du nicht mit Körper, Geist und Stimme unangenehme, ermüdende Arbeit verrichtet? Höre doch bitte noch heute damit auf.

ज्ञानम्

jñānam

11. Gesang, Erkenntnis

gurur uvāca |
bhāvābhāva-vikāraś ca
sva-bhāvād iti niścayī |
nirvikāro gata-kleśaḥ
sukhenaivopaśāmyati || 11.1 ||

Wer überzeugt ist, dass Entstehen, Vergehen und Veränderung durch die den Dingen innewohnende Natur geschehen, der bleibt in sich frei von Veränderung, die Plagen sind von ihm gewichen, mit Leichtigkeit kommt er zur Ruhe.

īśvaraḥ sarva-nirmātā
nehānya iti niścayī |
antar-galita-sarvāśaḥ
śāntaḥ kvāpi na sajjate || 11.2 ||

Wer überzeugt ist, dass der göttliche Gebieter Urheber von allem ist und dass hier niemand sonst ist, von dessen Innerem sind alle Hoffnungen abgetropft, er ist still geworden und haftet an gar nichts mehr.

āpadaḥ saṃpadaḥ kāle
daivād eveti niścayī |
tṛptaḥ svasthendriyo nityaṃ
na vāñchati na śocati || 11.3 ||

Wer überzeugt ist, dass Unfälle und Glücksfälle zum jeweiligen Zeitpunkt durch göttliche Fügung entstehen, der ist stets zufrieden, seine Sinne ruhen im eigenen Selbst, er begehrt nichts und bedauert nichts.

sukha-duḥkhe janma-mṛtyū
daivād eveti niścayī |
sādhyādarśī nirāyāsaḥ
kurvann api na lipyate || 11.4 ||

Wer überzeugt ist, dass Freude und Leid, Geburt und Tod, durch göttliche Fügung entstehen, der erblickt nichts, was es zu erreichen gilt, er ist frei von Anstrengung, und selbst wenn er handelt, wird er nicht befleckt.

cintayā jāyate duḥkhaṃ
nānyatheheti niścayī |
tayā hīnaḥ sukhī śāntaḥ
sarvatra galita-spṛhaḥ || 11.5 ||

Wer überzeugt ist, dass nur durch Gedanken Leid entsteht und durch nichts anderes in dieser Welt, der ist, wenn ihn diese verlassen haben, glücklich und friedvoll und überall ohne Verlangen.

nāhaṃ deho na me deho
bodho 'ham iti niścayī |
kaivalyam iva saṃprāpto
na smaraty akṛtaṃ kṛtam || 11.6 ||

„Nicht bin ich der Körper noch ist der Körper mein, erleuchtete Einsicht bin ich.“ Wer davon überzeugt ist, hat gewissermaßen schon die Befreiung erreicht und erinnert sich nicht mehr wehmütig an „Getan und Nichtgetan“.

ā-brahma-stamba-paryantam
aham eveti niścayī |
nirvikalpaḥ śuciḥ śāntaḥ
prāptāprāpta-vinirvṛtaḥ || 11.7 ||

„Vom Weltenschöpfer bis zum Grasbüschel bin alles nur ich,“ wer davon überzeugt ist, der ist frei von allen Zweifeln, geläutert, geistig still und unberührt von erreicht und nicht erreicht.

nānāścaryam idaṃ viśvaṃ
na kiṃcid iti niścayī |
nirvāsanaḥ sphūrti-mātro
na kiṃcid iva śāmyati || 11.8 ||

Wer überzeugt ist, dass dieses Weltall voller Wunder das reine Nichts ist, der kommt zur Ruhe, er ist frei von verborgenen Wünschen, er ist – wie ein Nichts – nur eine vergehende Erscheinung.

ज्ञानम्

jñānam

12. Gesang, Erkenntnis

gurur uvāca |
kāya-kṛtyāsahaḥ pūrvaṃ
tato vāg-vistarāsahaḥ |
atha cintāsahas tasmād
evam evāham āsthitaḥ || 12.1 ||

Der Lehrer

Zuerst verlor ich die Geduld mit dem das körperlich alles zu tun ist, dann mit der Weitschweifigkeit der Sprache, anschließend konnte ich meine Gedanken nicht mehr ertragen, deshalb bin ich in diesen Zustand geraten, in dem ich mich befinde.

prīty-abhāvena śabdāder
adṛśyatvena cātmanaḥ |
vikṣepaikāgra-hṛdaya
evam evāhaṃ āsthitaḥ || 12.2 ||

Da ich keine Befriedigung in Klängen und anderen Sinnesreizen finde und da mein Selbst nicht sinnlich wahrnehmbar ist, ist mein Herz auch bei Unaufmerksamkeit auf einen Punkt gerichtet. So bin ich in diesen Zustand gekommen, in dem ich mich befinde.

samādhyāsādi-vikṣiptau
vyavahāraḥ samādhaye |
evaṃ vilokya niyamam
evam evāham āsthitaḥ || 12.3 ||

Sich gleich zu bleiben bei Unaufmerksamkeit durch gedankliche Überlagerungen auf das wahre Wesen und dergleichen ist das Verfahren für Samādhi. Nachdem ich diesen Zusammenhang erkannte, bin ich in diesen Zustand gelangt, in dem ich mich befinde.

heyopādeya-virahād
evaṃ harṣa-viṣādayoḥ |
abhāvād adya he brahmann
evam evāham āsthitaḥ || 12.4 ||

Weil ohne Idee von ablehnens- oder erlangenswert, und deshalb ohne freudige Erregung oder Verzweiflung, bin ich, oh du Brahmane, in diesen Zustand gelangt, in dem ich mich befinde.

āśramānāśramaṃ dhyānaṃ
citta-svī-kṛta-varjanam |
vikalpaṃ mama vīkṣyaitair
evam evāham āsthitaḥ || 12.5 ||

Lebensstadium oder kein Lebensstadium, Meditation oder das Aufgeben aller Geistestätigkeiten, nachdem ich durch diese Fragen erblickte, das dies meine Einbildung ist, bin ich in diesen Zustand gelangt, in dem ich mich befinde.

karmānuṣṭhānam ajñānād
yathaivoparamas tathā |
buddhvā saṃyag idaṃ tattvam
evam evāham āsthitaḥ || 12.6 ||

Das Verrichten von Tätigkeiten geschieht durch Unwissenheit, ebenso wie deren Unterlassung. Nachdem ich diese Wahrheit richtig verstanden hatte, bin ich in diesen Zustand gelangt, in dem ich mich befinde.

acintyaṃ cintyamāno 'pi
cintā-rūpaṃ bhajaty asau |
tyaktvā tad-bhāvanaṃ tasmād
evam evāham āsthitaḥ || 12.7 ||

Auch wer über das Undenkbare nachsinnt, betreibt eine Form von Denken. Weil ich diese Art von Meditation losgelassen habe, bin ich in den Zustand gelangt, in dem ich mich befinde.

evam eva kṛtaṃ yena
sa kṛtārtho bhaved asau |
evam eva svabhāvo yaḥ
sa kṛtārtho bhaved asau || 12.8 ||

Wer ebenso vorgegangen ist, der hat wohl sein Ziel erreicht. Wer in einem ebensolchen Daseinszustand ist, der hat wohl sein Zeil erreicht.

यथासुखम्

yathā-sukham

13. Gesang, nach Lust

gurur uvāca |
akiṃcana-bhavaṃ svāsthyaṃ
kaupīnatve 'pi durlabham |
tyāgādāne vihāyāsmād
aham āse yathā-sukham || 13.1 ||

Der Lehrer

Das Wohlbehagen, das aus Besitzlosigkeit entsteht, ist selbst für Lendenschurzträger schwer erlangbar. Nachdem ich Loslassen und An-mich-greifen aufgegeben habe, lebe ich angenehm glücklich.

kutrāpi khedaḥ kāyasya
jihvā kutrāpi khidyate |
manaḥ kutrāpi tat tyaktvā
puruṣārthe sthitaḥ sukham || 13.2 ||

Irgendwo gibt es eine Beschwerde im Körper, irgendwo schmerzt die Zunge, irgendwo der Geist. Nachdem ich das losgelassen habe, verweile ich glücklich im Reichtum meines Wesens.

kṛtaṃ kim api naiva syād
iti saṃcintya tattvataḥ |
yadā yat kartum āyāti
tat kṛtvāse yathā-sukham || 13.3 ||

„Überhaupt nichts wird von einem getan“, indem ich so bedenke wie es sich in Wahrheit verhält, wenn etwas zu tun an mich herantritt und ich es erledige, lebe ich angenehm glücklich.

karma-naiṣkarmya-nirbandha-
bhāvā deha-stha-yoginaḥ |
saṅgāt saṃyoga-virahād
aham āse yathā-sukham || 13.4 ||

Die in ihrer Körperlichkeit stehenden Yogis haben die Einstellung, entweder auf Tätigkeiten oder auf Tatenlosigkeit zu beharren. Das ist durch Verhaftung so. Durch Abwesenheit solcher Bindungen lebe ich angenehm glücklich.

arthānarthau na me sthityā
gatyā na śayanena vā |
tiṣṭhan gacchan svapan tasmād
aham āse yathā-sukham || 13.5 ||

Kein Vorteil oder Nachteil kommt mir durch Stehen, Gehen oder Liegen. Deshalb lebe ich stehend, gehend und schlafend angenehm glücklich

svapato nāsti me hāniḥ
siddhir yatnavato na vā |
nāśollāsau vihāyāsmād
aham āse yathā-sukham || 13.6 ||

Durch Schlafen gibt es für mich keinen Verlust, noch gibt es glücklichen Erfolg durch Anstrengung. Weil ich Verlust und Gewinn aufgegeben habe, lebe ich angenehm glücklich

sukhādi-rūpāniyamaṃ
bhāveṣv ālokya bhūriśaḥ |
śubhāśubhe vihāyāsmād
aham āse yathā-sukham || 13.7 ||

Nachdem ich wiederholt die Wankelmütigkeit der Gestalt des Glücks usw. bei den Wesen beobachtet habe, habe ich gut und schlecht verworfen. Deshalb lebe ich angenehm glücklich.

शान्तिः

śāntiḥ

14. Gesang, Seelenruhe

śiṣya uvāca |
prakṛtyā śūnya-citto yaḥ
pramādād bhāva-bhāvanaḥ |
nidrito bodhita iva
kṣīṇa-saṃsmaraṇo hi saḥ || 14.1 ||

Der Schüler

Wer an und für sich schon leeren Geistes ist und nur aus Unachtsamkeit an Geschaffenes denkt, der ist, selbst schlafend, wie erwacht, denn sein Nachsinnen über-Dinge hat sich erschöpft.

kva dhanāni kva mitrāṇi
kva me viṣaya-dasyavaḥ |
kva śāstraṃ kva ca vijñānaṃ
yadā me galitā spṛhā || 14.2 ||

Wo gibt es für mich Besitz, wo Freunde, wo die Aufmerksamkeit raubende Sinneserfahrungen, wo Gelehrsamkeit, wo weltliches Wissen, wenn der Durst von mir gewichen ist,

vijñāte sākṣi-puruṣe
paramātmani ceśvare |
nairāśye bandha-mokṣe ca
na cintā muktaye mama || 14.3 ||

Habe ich den Zeugen meiner Erfahrung, das Eigentliche in mir, erkannt, welches das höchste Selbst und der Herr ist, und bin ich wunschlos gegenüber Bindung und Befreiung, dann betrifft mich die Sorge über die Befreiung nicht mehr.

antar-vikalpa-śūnyasya
bahiḥ sva-cchanda-cāriṇaḥ |
bhrāntasyeva daśās tās tās
tādṛśā eva jānate || 14.4 ||

Den Zustand dessen, der im Innern ohne falsche Vorstellungen ist, nach außen aber entsprechend dem eigenem Gutdünken wie ein im Irrtum Lebender verfährt, diesen Zustand verstehen nur diejenigen, die ihm vergleichbar sind.

तत्त्वोपदेशः

tattvopadeśaḥ

15. Gesang, Unterweisung in der Wahrheit

gurur uvāca |
yathā-tathopadeśena
kṛtārthaḥ sattva-buddhimān |
ājīvam api jijñāsuḥ
paras tatra vimuhyati || 15.1 ||

Der Lehrer

Durch richtige Unterweisung kommt derjenige zum Ziel, der sattvische Einsicht hat. Andere geraten dabei in Verwirrung, selbst wenn sie sich zeitlebens um Erkenntnis bemühen.

mokṣo viṣaya-vairasyaṃ
bandho vaiṣayiko rasaḥ |
etāvad eva vijñānaṃ
yathecchasi tathā kuru || 15.2 ||

Befreiung bedeutet kein Verlangen nach Sinneserfahrungen zu haben, Bindung bedeutet, dass das Verlangen auf die Sinnenwelt gerichtet ist. Um das zu verstehen reicht schon gewöhnliches Verständnis aus. Nun handle wie es dir beliebt.

vāgmi-prājña-mahodyogaṃ
janaṃ mūka-jaḍālasam |
karoti tattva-bodho 'yam
atas tyakto bubhukṣubhiḥ || 15.3 ||

Diese Erkenntnis der Wahrheit macht redegewandte, intelligente, tatkräftige Menschen zu stummen, einfältigen, ohne Tatendrang. Deshalb wird sie verworfen von denjenigen, die nach weltlichem Genuss verlangen.

na tvaṃ deho na te deho
bhoktā kartā na vā bhavān |
cid-rūpo 'si sadā sākṣī
nirapekṣaḥ sukhaṃ cara || 15.4 ||

Du bist nicht der Körper noch ist der Körper dein, noch bist du Genießender oder Handelnder. Reines Bewusstsein ist dein Wesen, du bist der ewige Zeuge, unabhängig von allem. Wandle glücklich dahin.

rāga-dveṣau mano-dharmau
na manas te kadācana |
nirvikalpo 'si bodhātmā
nirvikāraḥ sukhaṃ cara || 15.5 ||

Verlangen und Widerwillen sind Eigenschaften des Gemüts. Das Gemüt ist niemals deins. Frei von Vorstellungen bist du, vom Wesen erleuchteter Einsicht, unveränderlich. Wandle glücklich dahin!

sarva-bhūteṣu cātmānaṃ
sarva-bhūtāni cātmani |
vijñāya nirahaṃkāro
nirmamas tvaṃ sukhī bhava || 15.6 ||

Erkenne dein Selbst in allen Wesen und alle Wesen in deinem Selbst. Sei frei von Ego-Gedanken und Besitzempfinden und so sei glücklich

viṣvaṃ sphurati yatredaṃ
taraṅgā iva sāgare |
tat tvam eva na saṃdehaś
cin-mūrte vijvaro bhava || 15.7 ||

Worin das All aufblinkt wie Wellen im Ozean, das bist tatsächlich du, ohne Zweifel. Oh du Verkörperung reinen Bewusstseins, sei frei vom Fieber.

śraddhatsva tāta śraddhatsva
nātra mohaṃ kuruṣva bhoḥ |
jñāna-svarūpo bhagavān
ātmā tvaṃ prakṛteḥ paraḥ || 15.8 ||

Glaube, mein Lieber, glaube, und bringe dich hier nicht in Verwirrung, Erkenntnis ist deine Eigengestalt, das erhabene göttliche Selbst bist du, jenseits der Natur.

guṇaiḥ saṃveṣṭito dehas
tiṣṭhaty āyāti yāti ca |
ātmā na gantā nāgantā
kim enam anuśocasi || 15.9 ||

Der mit Eigenschaften versehene Körper besteht, entsteht und vergeht. Das Selbst kommt weder noch geht es. Wieso also betrauerst du jenen?

dehas tiṣṭhatu kalpāntaṃ
gacchatv adyaiva vā punaḥ |
kva vṛddhiḥ kva ca vā hānis
tava cin-mātra-rūpiṇaḥ || 15.10 ||

Mag der Körper bis ans Ende der Schöpfung bestehen oder mag er noch heute vergehen, wo gäbe es Gewinn oder wo gäbe es Verlust für dich, dessen Wesensgestalt nichts als reines Bewusstsein ist.

tvayy ananta-mahāmbhodhau
viśva-vīciḥ sva-bhāvataḥ |
udetu vāstam āyātu
na te vṛddhir na vā kṣatiḥ || 15.11 ||

In dir, dem unendlich großen Ozean, lass doch die Welle, die das Universum ist, von selbst aufkommen oder untergehen. Das ist für dich weder ein Gewinn noch Verlust.

tāta cin-mātra-rūpo 'si
na te bhinnam idaṃ jagat |
ataḥ kasya kathaṃ kutra
heyopādeya-kalpanā || 15.12 ||

Mein Lieber, deine Natur ist nichts als reines Bewusstsein, dieses Universum ist nicht getrennt von dir, also für wen, wie und wo gäbe es die Wahnvorstellung etwas ablehnens- oder erlangenswert zu finden?

ekasminn avyaye śānte
cid-ākāśe 'male tvayi |
kuto janma kutaḥ karma
kuto 'haṃkāra eva ca || 15.13 ||

In dir, dem einzigartigen, unvergänglichen, dem Friedvollen, dessen Bewusstsein wie der allumfassende Raum ist, dem Unbeflekten, woher käme Geburt, woher Karma und woher überhaupt ein Ego-Gefühl?

yat tvaṃ paśyasi tatraikas
tvam eva pratibhāsase |
kiṃ pṛthak bhāsate svarṇāt
kaṭakāṅgada-nūpuram || 15.14 ||

Das, was du da siehst, bist einzig nur du, der in seinem eigenen Glanz leuchtet. Glänzt etwa ein Goldarmband, Oberarmschmuck oder Fußreif ohne Gold?

ayaṃ so 'ham ayam nāhaṃ
vibhāgam iti saṃtyaja |
sarvam ātmeti niścitya
niḥsaṃkalpaḥ sukhī bhava || 15.15 ||

Nachdem du die Unterscheidung aufgegeben hast von „dies bin ich, das bin ich nicht“ und die feste Überzeugung gebildet hast, „dies alles ist mein Selbst“, sei – eigenwillenlos – glücklich.

tavaivājñānato viśvaṃ
tvam ekaḥ paramārthataḥ |
tvatto 'nyo nāsti saṃsārī
nāsaṃsārī ca kaś cana || 15.16 ||

Nur durch dein Unwissen besteht das Weltall, in Wirklichkeit bist du der einzige. Nichts gibt es außer dir, weder irgendeinen in Weltlichkeit Verstrickten noch einen Nichtverstrickten.

bhrānti-mātram idaṃ viśvaṃ
na kiṃcid iti niścayī |
nirvāsanaḥ sphūrti-mātro
na kiṃcid iva śāmyati || 15.17 ||

Bloße Verwirrung ist dieses Weltall, es ist ein Nichts. Mit dieser festen Überzeugung, frei von im Geist wohnenden Begierden, ein bloßes Offenbarwerden seiend, wie ein Nichts, gelangt man zum Frieden.

eka eva bhavāmbhodhāv
āsīd asti bhaviṣyati |
na te bandho 'sti mokṣo vā
kṛta-kṛtyaḥ sukhaṃ cara || 15.18 ||

Nur ein einziger war, ist und wird im Weltenozean sein. Weder gebunden bist du noch frei. Du hast getan was zu tun war, wandle glücklich dahin.

mā saṃkalpa-vikalpābhyāṃ
cittaṃ kṣobhaya cin-maya |
upaśāmya sukhaṃ tiṣṭha
svātmany ānanda-vigrahe || 15.19 ||

Oh du aus reinem Bewusstsein bestehender, versetze deinen Geist nicht durch Entschlüsse oder Entschlusslosigkeit in Aufregung. Nachdem du zur Ruhe gekommen bist, verbliebe glücklich in deinem eigenen Selbst in Glückseligkeitsgestalt.

tyajaiva dhyānaṃ sarvatra
mā kiṃcid dhṛdi dhāraya |
ātmā tvaṃ mukta evāsi
kiṃ vimṛśya kariṣyasi || 15.20 ||

Lass die Meditationsbemühung überall los, halte gar nichts im Herzen. Du bist das Selbst, ewig frei, was willst du mit Betrachtungen bewirken?

ज्ञानोपदेशकः

jñānopadeśakaḥ

16. Gesang, Unterweisung in der Erkenntnis

gurur uvāca |
ācakṣva śṛṇu vā tāta
nānā-śāstrāṇy-anekaśaḥ |
tathāpi na tava svāsthyaṃ
sarva-vismaraṇād ṛte || 16.1 ||

Rezitiere oder höre, mein Lieber, die verschiedenen Lehrwerke zahllose Male, trotzdem wirst du kein Wohlbefinden erlagen ohne alles zu vergessen.

bhogaṃ karma samādhiṃ vā
kuru vijña tathāpi te |
cittaṃ nirasta-sarvāśam
atyarthaṃ rocayiṣyati || 16.2 ||

Richte dich auf Genuss, Aktivitäten oder Samādhi aus, du Kluger, trotzdem wird dein Geist erst dann über alle Maßen leuchten, wenn du alle Hoffnungen verstoßen hast.

āyāsāt sakalo duḥkhī
nainaṃ jānāti kaścana |
anenaivopadeśena
dhanyaḥ prāpnoti nirvṛtim || 16.3 ||

Jeder ist unglücklich durch Stress, den niemand durchschaut. Schon durch diese Unterweisung erreicht der Glückliche innere Zufriedenheit.

vyāpāre khidyate yas tu
nimeṣonmeṣayor api |
tasyālasya-dhurīṇasya
sukhaṃ nānyasya kasya cit || 16.4 ||

Wer aber schon bei der Tätigkeit, die Augen zu schließen und aufzuschlagen, Mühe empfindet, diesem Anführer der Tatendranglosen gehört das Glück und niemandem sonst.

idaṃ kṛtam idaṃ neti
dvandvair muktaṃ yadā manaḥ |
dharmārtha-kāma-mokṣeṣu
nirapekṣaṃ tadā bhavet || 16.5 ||

Wenn das Gemüt sich befreit hat vom Gegensatzpaar des „dies ist getan und das nicht“, dann wird es auch gleichgültig gegenüber Pflicht, Gewinn, Genuss, Befreiung.

virakto viṣaya-dveṣṭā
rāgī viṣaya-lolupaḥ |
graha-mokṣa-vihīnas tu
na virakto na rāgavān || 16.6 ||

Der Entsager empfindet Widerwillen gegenüber der Sinnenwelt, der von Leidenschaft ergriffene ist gierig nach ihr, wer aber frei davon ist, etwas zu ergreifen oder sich von etwas zu befreien, der ist weder Entsager noch der Leidenschaft unterworfen.

heyopādeyatā tāvat
saṃsāra-viṭapāṅkuraḥ |
spṛhā jīvati yāvad vai
nirvicāra-daśāspadam || 16.7 ||

Solange das Verlangen lebt und man über den eigenen Zustand nicht prüfend nachdenkt, so lange gibt es Ranken und Sprösslinge des weltlichen Daseins, nämlich etwas ablehnenswert oder begehrenswert zu finden.

pravṛttau jāyate rāgo
nivṛttau dveṣa eva hi |
nirdvandvo bālavad dhīmān
evam eva vyavasthitaḥ || 16.8 ||

Verlangen nach etwas entsteht wenn man sich nach außen richtet, Abneigung entsteht wenn man Enthaltsamkeit wählt. Der Weise ist frei von diesen Gegensatzpaaren, wie ein Kind, auf diese Art und Weise verbleibt er.

hātum icchati saṃsāraṃ
rāgī duḥkha-jihāsayā |
vīta-rāgo hi nirduḥkhas
tasminn api na khidyati || 16.9 ||

Um das Leid loszuwerden möchte der in Verlangen Gefangene das weltliche Dasein verlassen. Derjenige aber, von dem das Verlangen gegangen ist, ist frei von Leid, und selbst wenn er sich darin befindet, verspürt er keine Qual.

yasyābhimāno mokṣe 'pi
dehe 'pi mamatā tathā |
na ca jñānī na vā yogī
kevalaṃ duḥkhabhāg asau || 16.10 ||

Wer auf seine Befreiung stolz ist, oder auf seinen Körper oder seinen Besitz, der ist weder ein Jñāni noch ein Yogi. Er ist einzig einer der Anteil am Leid hat.

तत्त्वस्वरूपम्

tattva-svarūpam

17. Gesang, das Wesen der Wahrheit

gurur uvāca |
tena jñāna-phalaṃ prāptaṃ
yogābhyāsa-phalaṃ tathā |
tṛptaḥ svacchendriyo nityam
ekākī ramate tu yaḥ || 17.1 ||

Derjenige hat die Frucht der Erkenntnis und die Frucht der Yogapraxis erlangt, der mit geläuterten Sinnen stets zufrieden und gern in seiner Alleinzigkeit verweilt.

na kadā cij jagaty asmiṃs
tattva-jño hanta khidyati |
yata ekena tenedaṃ
pūrṇaṃ brahmāṇḍa-maṇḍalam || 17.2 ||

Nie fühlt sich der Wahrheitskenner in dieser Welt bedrückt, denn die ganze Welt um ihn herum ist von ihm allein erfüllt.

na jātu viṣayāḥ ke 'pi
svārāmaṃ harṣayanty amī |
sallakī-pallava-prītam
ivebhaṃ nimba-pallavāḥ || 17.3 ||

Diejenigen, die im eigenen Selbst zufrieden sind, sind nie freudig erregt über welche Sinnesobjekte auch immer, so wie die bitteren Schösslingen des Nimba-Baumes den Elefanten nicht reizen, der die jungen Zweige des Weihrauchbaumes liebt.

yas tu bhogeṣu bhukteṣu
na bhavaty adhivāsitaḥ |
abhukteṣu nirākāṅkṣī
tādṛśo bhava durlabhaḥ || 17.4 ||

Wer nun von genossenen Sinnesfreuden nicht geistig gefärbt ist und kein Verlangen nach noch nicht Genossenem hat, der ist schwer zu finden. Sei ein solcher!

bubhukṣur iha saṃsāre
mumukṣur api dṛśyate |
bhoga-mokṣa-nirākāṅkṣī
viralo hi mahāśayaḥ || 17.5 ||

Hier im Elend des weltlichen Daseins sieht man den Genuss Suchenden als auch den Befreiung Suchenden. Wer aber weder nach Genuss noch nach Befreiung verlangt, ein solch Edler ist wahrlich selten.

dharmārtha-kāma-mokṣeṣu
jīvite maraṇe tathā |
kasyāpy udāra-cittasya
heyopādeyatā na hi || 17.6 ||

In Pflichterfüllung, Gewinn, Vergnügen, Befreiung, im Leben sowie im Sterben gibt es für jemanden, der einen erhabenem Geist hat, keine Vorstellung von ergreifens- und ablehnenswert.

vāñchā na viśva-vilaye
na dveṣas tasya ca sthitau |
yathā jīvikayā tasmād
dhanya āste yathā-sukham || 17.7 ||

Ohne Wunsch nach dem Verschwinden des Universums und ohne Abneigung gegen sein Bestehen, so lebt der Gesegnete glücklich vom Lebensunterhalt wie der gerade kommt.

kṛtārtho 'nena jñānenety
evaṃ galita-dhīḥ kṛtī |
paśyan śṛṇvan spṛśañ jighrann
aśnann āste yathā-sukham || 17.8 ||

Im Wissen, dass er durch diese Erkenntnis sein Ziel erreicht hat, lebt der Vollendete, von dem das Denken abgefallen ist, sehend, hörend, spürend, riechend, schmeckend, im Glück.

śūnyā dṛṣṭir vṛthā ceṣṭā
vikalānīndriyāṇi ca |
na spṛhā na viraktir vā
kṣīṇa-saṃsāra-sāgare || 17.9 ||

Mit leerem Blick, tätig seiend wie es sich zufällig fügt, mit mangelhaftem sinnlichen Verlangen, weder Begehren noch Gleichgültigkeit habend, in einem solchen ist der Ozean des Elends der Welt versiegt.

na jagarti na nidrāti
nonmīlati na mīlati |
aho para-daśā kvāpi
vartate mukta-cetasaḥ || 17.10 ||

Nicht wacht er, nicht schläft er, er öffnet nicht die Augen noch schließt er sie. Oh, wo auch immer er sich befindet, lebt derjenige mit befreitem Bewusstsein im höchsten Zustand.

sarvatra dṛśyate sva-sthaḥ
sarvatra vimalāśayaḥ |
samasta-vāsanā-mukto
muktaḥ sarvatra rājate || 17.11 ||

Überall erweist er sich als in seinem natürlichem Zustand befindlich, überall ist sein Harz rein, von allen schlafenden Wünschen hat sich sein Geist gelöst, so glänzt der Befreite überall wie ein König.

paśyan śṛṇvan spṛśan jighrann
aśnan gṛhṇan vadan vrajan |
īhitānīhitair mukto
mukta eva mahāśayaḥ || 17.12 ||

Beim Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken, Greifen, Reden, Gehen ist er ohne Idee von erstrebens- und nicht erstrebenswert, wahrlich der Befreite ist überaus edel.

na nindati na ca stauti
na hṛṣyati na kupyati |
na dadāti na gṛhṇāti
muktaḥ sarvatra nīrasaḥ || 17.13 ||

Er kritisiert nicht, er lobt nicht, er ist nicht freudig erregt, er ärgert sich nicht, er gibt nicht, er nimmt nicht, der Befreite ist überall ohne Geschmack an den Dingen.

sānurāgāṃ striyaṃ dṛṣṭvā
mṛtyuṃ vā samupasthitam |
avihvala-manāḥ sva-stho
mukta eva mahāśayaḥ || 17.14 ||

Sieht er eine in ihn verliebte Frau oder ist der Tod zu ihm herangekommen, bleibt der Befreite in seinem natürlichen Zustand, unverwirrten Gemüts, wahrlich überaus edel.

sukhe duḥkhe nare nāryāṃ
saṃpatsu ca vipatsu ca |
viśeṣo naiva dhīrasya
sarvatra sama-darśinaḥ || 17.15 ||

Zwischen Angenehmem und Unangenehmen, zwischen Mann und Frau, zwischen Gelingen und Misslingen gibt es für den Gefestigten keinen Unterschied, überall erblickt er dasselbe.

na hiṃsā naiva kāruṇyaṃ
nauddhatyaṃ na ca dīnatā |
nāścaryaṃ naiva ca kṣobhaḥ
kṣīṇa-saṃsaraṇe nare || 17.16 ||

In dem Menschen, für den das Elend des weltlichen Daseins verschwunden ist, in dem ist keine Schädigung, keine KIäglichkeit, keine Eingebildetheit, keine Kleinlichkeit, keine Verwunderung, und keine Unruhe.

na mukto viṣaya-dveṣṭā
na vā viṣaya-lolupaḥ |
asaṃsakta-manā nityaṃ
prāptāprāptam upāśnute || 17.17 ||

Der Befreite ist den Sinnendingen weder abgeneigt noch begehrt er nach Sinnendingen. Während er manches erlangt und manches nicht erlangt, ist sein Gemüt stets unverhaftet.

samādhānāsamādhāna- |
hitāhita-vikalpanāḥ
śūnya-citto na jānāti || 17.18 ||

Die Unterscheidung von meditativer Andacht und Andachtslosigkeit, von günstig und nachteilig kennt er nicht, er, dessen Geist leer ist. In der Alleinheit verweilt er nämlich.

nirmamo nirahaṃkāro
na kiṃcid iti niścitaḥ |
antar-galita-sarvāśaḥ
kurvann api na lipyate || 17.19 ||

Ohne Besitzgefühl, frei von Egoismus, überzeugt dass nichts existiert, von wessen Inneren alle Hoffnungen abgetropft sind, der wird er nicht befleckt, selbst wenn er handelt.

manaḥ-prakāśa-sammoha-
svapna-jāḍya-vivarjitaḥ |
daśāṃ kām api saṃprāpto
bhaved galita-mānasaḥ || 17.20 ||

Wessen Gemüt frei ist von Erleuchtung, Verblendung, Traumschlaf, Lethargie, dieser, dessen Denken verschwunden ist, der dürfte eine ganz ungewöhnliche Lebenslage erlangt haben.

शमः

śamaḥ

18. Gesang, Seelenruhe

gurur uvāca |
yasya bodhodaye tāvat
svapnavad bhavati bhramaḥ |
tasmai sukhaika-rūpāya
namaḥ śāntāya tejase || 18.1 ||

Verneigung dem, für den beim Hervorbrechen des Erwachens sein bisheriger Irrtum wie ein Traum vorkommt , der einzig das Glück als Natur hat, dem zum Frieden gelangten, dem Strahlenden.

arjayitvākhilān arthān
bhogān āpnoti puṣkalān |
na hi sarva-parityāgam
antareṇa sukhī bhavet || 18.2 ||

Nachdem man sich lückenlose Vorteile verschafft hat, erlangt man beachtliche Genüsse. Allerdings wird man nicht glücklich ohne sie alle aufzugeben,.

kartavya-duḥkha-mārtaṇḍa-
jvālā-dagdhāntarātmanaḥ |
kutaḥ praśama-pīyūṣa-
dhārā-sāram ṛte sukham || 18.3 ||

Für denjenigen, dessen inneres Wesen verbrannt ist von den Sonnenflammen der Qual seiner Aufgaben, woher könnte für ihn das Glück kommen, ohne einen heftigen Guss von der Sahne der Gemütsruhe?

bhavo 'yaṃ bhāvanā-mātro
na kiṃ cit paramārthataḥ |
nāsty abhāvaḥ sva-bhāvānāṃ
bhāvābhāva-vibhāvinām || 18.4 ||

Diese Welt ist nur Einbildung, in letzter Wirklichkeit ist sie ein Nichts. Das Nichtdasein gilt nicht für dein eigenes Wesen, welches Entstehen und Vergehen hervorruft.

na dūraṃ na ca saṃkocāl
labdham evātmanaḥ padam |
nirvikalpaṃ nirāyāsaṃ
nirvikāraṃ nirañjanam || 18.5 ||

Weder in der Ferne noch indem man sich in sich zusammenzieht wird die Stätte des Ātmans erlangt, die jenseits der Objekt-Subjet-Unterscheidung ist, anstregungslos, veränderungslos, unbefleckt.

vyāmoha-mātra-viratau
svarūpādāna-mātrataḥ |
vītaśokā virājante
nirāvaraṇa-dṛṣṭayaḥ || 18.6 ||

Unmittelbar beim Ende der Verblendung, allein durch das bloße Erfassen des eigenen Wesens, erstrahlen diejenigen, deren Blick ungetrübt ist. Sie sind befreit vom Kummer.

samastaṃ kalpanā-mātram
ātmā muktaḥ sanātanaḥ |
iti vijñāya dhīro hi
kim abhyasyati bālavat || 18.7 ||

Der Weise, der verwirklicht hat, dass das ganze All nur Einbildung ist und sein Selbst ewig befreit ist, studiert er denn noch wie ein Törichter?

ātmā brahmeti niścitya
bhāvābhāvau ca kalpitau |
niṣkāmaḥ kiṃ vijānāti
kiṃ brūte ca karoti kiṃ || 18.8 ||

Überzeugt, dass sein Selbst Brahman ist und dass Werden und Vergehen in der Einbildung geschehen, was nimmt dieser Wunschlose wahr, was sagt er, was tut er?

ayaṃ so 'ham ayaṃ nāham
iti kṣīṇā vikalpanāḥ |
sarvam ātmeti niścitya
tūṣṇīṃ-bhūtasya yoginaḥ || 18.9 ||

„Dieser hier, der bin ich, jener bin ich nicht,“ zerstört sind solche Wahnvorstellungen für den schweigend gewordenen Yogi, der überzeugt ist, dass alles sein Selbst ist.

na vikṣepo na caikāgryaṃ
nātibodho na mūḍhatā |
na sukhaṃ na ca vā duḥkham
upaśāntasya yoginaḥ || 18.10 ||

Nicht Zerstreutheit, nicht auf einen Punkt Gerichtetheit, nicht übersinnliche Einsicht, nicht Verblendung, nicht Glück, nicht Leid gelten für den Yogī, der zur inneren Stille gelangt ist.

svārājye bhaikṣa-vṛttau ca
lābhālābhe jane vane |
nirvikalpa-svabhāvasya
na viśeṣo 'sti yoginaḥ || 18.11 ||

Unabhängige Königsherrschaft oder Bettlerdasein, Gewinn oder Verlust, unter Menschen sein oder in Waldeinsamkeit, für den Yogī, dessen Eigenwesen ohne Objekt-Subjekt-Trennung ist, gibt es da keinen Unterschied.

kva dharmaḥ kva ca vā kāmaḥ
kva cārthaḥ kva vivekitā |
idaṃ kṛtam idaṃ neti
dvandvair muktasya yoginaḥ || 18.12 ||

Wo ist Dharma und wo ist Sinnenlust, wo ist geschäftlicher Vorteil, wo ist richtige Unterscheidung für den Yogī, der befreit ist vom Gegensatzpaar des „dies ist getan und das noch nicht“.

kṛtyaṃ kim api naivāsti
na kāpi hṛdi rañjanā |
yathā-jīvanam eveha
jīvan-muktasya yoginaḥ || 18.13 ||

Für den zu Lebzeiten befreiten Yogi gibt es gar nichts zu tun, keinerlei Färbung ist in seinem Herzen während er hier lebt wie es sich ergibt.

kva mohaḥ kva ca vā viśvaṃ
kva tad-dhyānaṃ kva muktatā |
sarva-saṃkalpa-sīmāyāṃ
viśrāntasya mahātmanaḥ || 18.14 ||

Wo ist Verblendung, und wo das Universum, wo spirituelles Nachsinnen, wo Befreiung für den Mahātma, der jenseits allen Eigenwillens zur Ruhe gekommen ist?

yena viśvam idaṃ dṛṣṭaṃ
sa nāstīti karotu vai |
nirvāsanaḥ kiṃ kurute
paśyann api na paśyati || 18.15 ||

Wer dieses Universum sieht, der sollte den Geist darauf richten, dass es gar nicht existiert. Wer aber frei von Vorstellungen ist, was tut der? Obwohl sehend sieht er nicht.

yena dṛṣṭaṃ paraṃ brahma
so 'haṃ brahmeti cintayet |
kiṃ cintayati niścinto
dvitīyaṃ yo na paśyati || 18.16 ||

Wer das höchste Brahman erblickt hat, der sollte über „Ich bin Brahman“ nachdenken. Doch worüber denkt der nach, der frei von Gedanken ist und keinen Anderen mehr erblickt?

dṛṣṭo yenātma-vikṣepo
nirodhaṃ kurute tv asau |
udāras tu na vikṣiptaḥ
sādhyābhāvāt karoti kim || 18.17 ||

Bemerkt man die eigene Unaufmerksamkeit, dann übt man doch Beherrschung. Der Edle aber ist nicht unaufmerksam. Wenn nichts da ist, das es zu erreichen gilt, was soll er tun?

dhīro loka-viparyasto
varttamāno 'pi lokavat |
na samādhiṃ na vikṣepaṃ
na lepaṃ svasya paśyati || 18.18 ||

Der Weise ist der weltlichen Gesellschaft entgegengesetzt, auch wenn er sich wie ein Weltling verhält. Weder die Versenkung, noch Verblendung noch Unreinheit der eigenen Person nimmt er wahr.

bhāvābhāva-vihīno yas
tṛpto nirvāsano budhaḥ |
naiva kiṃcit kṛtaṃ tena
loka-dṛṣṭyā vikurvatā || 18.19 ||

Der Weise, der frei ist von Werden und Vergehen, zufrieden, ohne schlafende Wünsche, von dem wird wahrlich nichts getan, auch wenn er in den Augen der Welt in vielfältiger Weise handelt.

pravṛttau vā nirvṛttau vā
naiva dhīrasya durgrahaḥ |
yadā yat kartum āyāti
tatkṛtvā tiṣṭhataḥ sukham || 18.20 ||

In nach außen gerichteter Aktivität oder beim sich nach innen Richten gibt es keinerlei Unbehagen für den Gefestigten, der im Glück lebt, auch wenn er erledigt was zu Tun an ihn herantritt.

nirvāsano nirālambaḥ
svacchando mukta-bandhanaḥ |
kṣiptaḥ saṃskāra-vātena
ceṣṭate śuṣka-parṇavat || 18.21 ||

Wessen Geist von latenten Wünschen frei ist, der sich auf nichts stützt, der befreit von allen Fesseln seiner Herzenslust folgt, der bewegt sich wie ein trockenes Blatt vom Wind vergangener Eindrücke angestoßen.

asaṃsārasya tu kvāpi
na harṣo na viṣāditā |
sa śītala-manā nityaṃ
videha iva rājate || 18.22 ||

Für den nicht dem Elend des weltlichen Daseins unterliegendem gibt es nirgends freudige Erwartung oder Bestürzendes. Er ist ständig im Geist unaufgeregt, leuchtend wie ein Unverkörperter.

kutrāpi na jihāsāsti
nāśo vāpi na kutracit |
ātmārāmasya dhīrasya
śītalācchatarātmanaḥ || 18.23 ||

Nirgendwo gibt es das Verlangen sich von etwas zu befreien noch irgendwo einen Verlust für den Gefestigten, der in sich selbst Freude findet, dessen Natur frei von Leidenschaft und ganz gereinigt ist.

prakṛtyā śūnya-cittasya
kurvato 'sya yad-ṛcchayā |
prākṛtasyeva dhīrasya
na māno nāvamānatā || 18.24 ||

Für den von Natur aus leeren Geistes, für den, der handelt wie es sich von selbst ergibt, für diesen Gefestigten gibt es anders als für gewöhnliche Menschen weder Ehre noch Schande.

kṛtaṃ dehena karmedaṃ
na mayā śuddha-rūpiṇā |
iti cintānurodhī yaḥ
kurvann api karoti na || 18.25 ||

Wer sich nach dem Gedanken richtet: „Diese Handlung ist vom Körper getan, nicht von mir mit meinem reinen Wesen“, der handelt nicht auch wenn er handelt.

atad-vādīva kurute
na bhaved api bāliśaḥ |
jīvan-muktaḥ sukhī śrīmān
saṃsarann api śobhate || 18.26 ||

Der Befreite handelt wie einer der nicht darüber spricht, doch er ist überhaupt kein Dummkopf. Glücklich und prächtig glänzt er auch während er das Elend des weltlichen Lebens durchläuft.

nānā-vicāra-suśrānto
dhīro viśrāntim āgataḥ |
na kalpate na jānāti
na śṛṇoti na paśyati || 18.27 ||

Der vielfältigen Überlegungen überdrüssig ist der Gefestigte zur Ruhe gekommen. Er denkt nicht, er weiß nicht, er hört nicht, er sieht nicht.

asamādher avikṣepān
na mumukṣur na cetaraḥ |
niścitya kalpitaṃ paśyan
brahmaivāste mahāśayaḥ || 18.28 ||

Da ohne Andacht und ohne Zerstreuung ist er weder ein Befreiungssucher noch etwas anderes. Überzeugt dass das, was er sieht, Phantasiegebilde sind, verweilt dieser Hochgesinnte wahrlich als das Brahman.

yasyāntaḥ syād ahaṅkāro
na karoti karoti saḥ |
nirahaṅkāra-dhīreṇa
na kiṃcid akṛtaṃ kṛtam || 18.29 ||

In wessen Inneren die Ichsucht wohnen darf, der handelt, selbst wenn er nichts tut. Von dem Gefestigten hingegen, der frei von Ichsucht ist, wird nichts getan, auch wenn er handelt.

nodvignaṃ na ca saṃtuṣṭam
akartṛ spanda-varjitam |
nirāśaṃ gata-saṃdehaṃ
cittaṃ muktasya rājate || 18.30 ||

Weder aufgeregt noch sich freuend, untätig, ohne zu Zittern, ohne Erwartungen, frei vom Zweifel, so glänzt der Geist des Befreiten königlich.

nirdhyātuṃ ceṣṭituṃ vāpi
yac-cittaṃ na pravartate |
nirnimittam idaṃ kiṃ tu
nirdhyāyati viceṣṭate || 18.31 ||

So wie sein Geist nicht anfängt zu überlegen oder sich anzustrengen, so überlegt er ohne Motiv dann doch und beginnt zu handeln.

tattvaṃ yathārtham ākarṇya
mandaḥ prāpnoti mūḍhatām |
atha vāyāti saṃkocam
amūḍhaḥ ko 'pi mūḍhavat || 18.32 ||

Der Einfältige gerät in Verwirrung, wenn er hört, wie es sich mit dem wahren Wesen der Dinge verhält. Allerdings zieht sich auch manch Unverwirrter in sich zurück wie ein Verwirrter.

ekāgratā nirodho vā
mūḍhair abhyasyate bhṛśam |
dhīrāḥ kṛtyaṃ na paśyanti
suptavat sva-pade sthitāḥ || 18.33 ||

Verwirrte üben fleißig Einpunktgerichtetheit oder auch Gedankenunterdrückung, die Gefestigten aber finden nicht, dass es etwas zu tun gibt

aprayatnāt prayatnād vā
mūḍho nāpnoti nirvṛtim |
tattva-niścaya-mātreṇa
prājño bhavati nirvṛtaḥ || 18.34 ||

Weder durch Anstrengung noch durch Gleichgültigkeit erreicht der Verwirrte innere Zufriedenheit. Der Einsichtige ist in innerer Zufriedenheit allein schon durch seine Überzeugung vom wahren Wesen der Dinge.

śuddhaṃ buddhaṃ priyaṃ pūrṇaṃ
niṣprapañcaṃ nirāmayam |
ātmānaṃ taṃ na jānanti
tatrābhyāsa-parā janāḥ || 18.35 ||

Dieses reine, erwachte, geliebte, vollkommene, keiner Vielheit unterworfene, makellose Selbst erkennen die Leute nicht, auch wenn sie sich eifrig bedacht damit beschäftigen.

nāpnoti karmaṇā mokṣaṃ
vimūḍho 'bhyāsa-rūpiṇā |
dhanyo vijñāna-mātreṇa
muktas tiṣṭhaty avikriyaḥ || 18.36 ||

Durch Tätigkeit, selbst wenn sie in Anstrengung ausartet, erlangt der Verwirrte nicht die Befreiung. Der Gesegnete hingegen verbleibt tatenlos ohne eine Miene zu verziehen und ist schon durch Erkenntnis befreit.

mūḍho nāpnoti tad brahma
yato bhavitum icchati |
anicchann api dhīro hi
para-brahma-svarūpa-bhāk || 18.37 ||

Der Verwirrte erlangt dieses Brahman nicht, zu dem er werden möchte. Der Gefestigte jedoch, auch ohne es zu wünschen, hat Teil am Wesen des höchsten Brahman.

nirādhārā grahavyagrā
mūḍhāḥ saṃsāra-poṣakāḥ |
etasyānartha-mūlasya
mūla-cchedaḥ kṛto budhaiḥ || 18.38 ||

Haltlos, mit nichts anderem beschäftigt als dem Ergreifen von Dingen, füttern die Verwirrten nur das Elend des Daseins. Die Weisen haben diese Unheilswurzel von der Basis an getilgt.

na śāntiṃ labhate mūḍho
yataḥ śamitum icchati |
dhīras tattvaṃ viniścitya
sarvadā śānta-mānasaḥ || 18.39 ||

Der Verwirrte erlangt keinen Freiden, weil er sich wünscht, zum Frieden zu gelangen. Der Gefestigte, der sich der spirituellen Wahrheit gewiss ist, ist immer von friedvollem Geist.

kvātmano darśanaṃ tasya
yad dṛṣṭam avalambate |
dhīrās taṃ taṃ na paśyanti
paśyanty ātmānam avyayam || 18.40 ||

Wo ist die Vision des Ātmans für den, der sich ans Sichtbare klammert? Die Gefestigten sehen nicht diesen oder jenes, sie sehen den unvergänglichen Ātman

kva nirodho vimūḍhasya
yo nirbandhaṃ karoti vai |
svārāmasyaiva dhīrasya
sarvadāsāv akṛtrimaḥ || 18.41 ||

Wo gibt es Geistesstille für den Verwirrten auch wenn er danach drängt? Für den in sich selbst zufriedenen Gefestigten besteht diese überall ganz natürlich.

bhāvasya bhāvakaḥ kaścin
na kiṃcid bhāvako 'paraḥ |
ubhayābhāvakaḥ kaścid
evam eva nirākulaḥ || 18.42 ||

Mancher bildet sich ein, das Dinge bestehen, ein anderer bildet sich ein, dass nichts besteht. Wer auch immer sich keins von beiden einbildet, der kommt zur inneren Klarheit.

śuddham advayam ātmānaṃ
bhāvayanti ku-buddhayaḥ |
na tu jānanti saṃmohād
yāvaj-jīvam anirvṛtāḥ || 18.43 ||

Als rein und ohne zweiten stellen sich die unverständigen den Ātman vor, und doch erkennen sie ihn wegen ihrer Verwirrung nicht und bleiben solange sie leben unglücklich.

mumukṣor buddhir ālambam
antareṇa na vidyate |
nirālambaiva niṣkāmā
buddhir muktasya sarvadā || 18.44 ||

Die Einsicht des nach Befreiung Strebenden ist nicht frei davon, sich an etwas festzuhalten. Doch die Einsicht des Befreiten ist wunschlos und hält sich nirgends an etwas fest.

viṣaya-dvīpino vīkṣya
cakitāḥ śaraṇārthinaḥ |
viśanti jhaṭiti kroḍaṃ
nirodhaikāgrya-siddhaye || 18.45 ||

Die Erschrockenen nehmen sogleich Zuflucht in eine Höhle, nachdem sie den Tiger der Sinnesobjekte erblickt haben, um dort Geistesbeherrschung und Einpunktgerichtetheit zu erreichen.

nirvāsanaṃ hariṃ dṛṣṭvā
tūṣṇīṃ viṣaya-dantinaḥ |
palāyante na śaktās te
sevante kṛta-cāṭavaḥ || 18.46 ||

Wenn aber die Elefanten der Sinnesobjekte den begierdefreien Löwen erblickt haben, fliehen sie still fort oder, wenn sie es nicht können, dienen sie ihm mit Gefälligkeiten.

na mukti-kārikāṃ dhatte
niḥśaṅko yukta-mānasaḥ |
paśyañ chṛṇvan spṛśañ jighrann
aśnann āste yathā-sukham || 18.47 ||

Nicht unterzieht sich der furchtlose, dessen Geist aufmerksam ist, befreiungsbewirkenden Übungen. Sehend, hörend, tastend, riechend, schmeckend lebt er nach Lust und Laune.

vastu-śravaṇa-mātreṇa
śuddha-buddhir nirākulaḥ |
naivācāram-anācāram
audāsyaṃ vā prapaśyati || 18.48 ||

yadā yat kartum āyāti
tadā tat-kurute ṛjuḥ |
śubhaṃ vāpy aśubhaṃ vāpi
tasya ceṣṭā hi bālavat || 18.49 ||

svā-tantryāt sukham āpnoti
svā-tantryāl labhate param |
svā-tantryān nirvṛtiṃ gacchet
svā-tantryāt paramaṃ padam || 18.50 ||

akartṛtvam abhoktṛtvaṃ
svātmano manyate yadā |
tadā kṣīṇā bhavanty eva
samastāś citta-vṛttayaḥ || 18.51 ||

ucchṛṅkhalāpy akṛtikā
sthitir dhīrasya rājate |
na tu saspṛha-cittasya
śāntir mūḍhasya kṛtrimā || 18.52 ||

vilasanti mahābhogair
viśanti giri-gahvarān |
nirasta-kalpanā dhīrā
abaddhā mukta-buddhayaḥ || 18.53 ||

śrotriyaṃ devatāṃ tīrtham
aṅganāṃ bhūpatiṃ priyam |
dṛṣṭvā sampūjya dhīrasya
na kāpi hṛdi vāsanā || 18.54 ||

bhṛtyaiḥ putraiḥ kalatraiś ca
dauhitraiś cāpi gotrajaiḥ |
vihasya dhik-kṛto yogī
na yāti vikṛtiṃ manāk || 18.55 ||

santuṣṭo 'pi na santuṣṭaḥ
khinno 'pi na ca khidyate |
tasyāścarya-daśāṃ tāṃ tāṃ
tādṛśā eva jānate || 18.56 ||

kartavyataiva saṃsāro
na tāṃ paśyanti sūrayaḥ |
śūnyākārā nirākārā
nirvikārā nirāmayāḥ || 18.57 ||

akurvann api saṃkṣobhād
vyagraḥ sarvatra mūḍhadhīḥ |
kurvann api tu kṛtyāni
kuśalo hi nirākulaḥ || 18.58 ||

sukham āste sukhaṃ śete
sukham āyāti yāti ca |
sukhaṃ vakti sukhaṃ bhuṅkte
vyavahāre 'pi śāntadhīḥ || 18.59 ||

svabhāvād yasya naivārtir
lokavad vyavahāriṇaḥ |
mahā-hrada ivākṣobhyo
gata-kleśaḥ suśobhate || 18.60 ||

nivṛttir api mūḍhasya
pravṛttir upajāyate |
pravṛttir api dhīrasya
nivṛtti-phalabhāginī || 18.61 ||

parigraheṣu vairāgyaṃ
prāyo mūḍhasya dṛśyate |
dehe vigalitāśasya
kva rāgaḥ kva virāgatā || 18.62 ||

bhāvanābhāvanā-saktā
dṛṣṭir mūḍhasya sarvadā |
bhāvya-bhāvanayā sā tu
svasthasyādṛṣṭi-rūpiṇī || 18.63 ||

sarvārambheṣu niṣkāmo
yaś cared bālavan muniḥ |
na lepas tasya śuddhasya
kriyamāṇe 'pi karmaṇi || 18.64 ||

sa eva dhanya ātma-jñaḥ
sarva-bhāveṣu yaḥ samaḥ |
paśyan śṛṇvan spṛśan jighrann
aśnan nistarṣa-mānasaḥ || 18.65 ||

kva saṃsāraḥ kva cābhāsaḥ
kva sādhyaṃ kva ca sādhanam |
ākāśasyeva dhīrasya
nirvikalpasya sarvadā || 18.66 ||

sa jayaty artha-saṃnyāsī
pūrṇa-svarasa-vigrahaḥ |
akṛtrimo 'navacchinne
samādhir yasya vartate || 18.67 ||

bahunātra kim uktena
jñāta-tattvo mahāśayaḥ |
bhoga-mokṣa-nirākāṅkṣī
sadā sarvatra nīrasaḥ || 18.68 ||

mahad-ādi jagad-dvaitaṃ
nāma-mātra-vijṛmbhitam |
vihāya śuddha-bodhasya
kiṃ kṛtyam avaśiṣyate || 18.69 ||

bhrama-bhūtam idaṃ sarvaṃ
kiṃcin nāstīti niścayī |
alakṣya-sphuraṇaḥ śuddhaḥ
svabhāvenaiva śāmyati || 18.70 ||

śuddha-sphuraṇa-rūpasya
dṛśya-bhāvam apaśyataḥ |
kva vidhiḥ kva ca vairāgyaṃ
kva tyāgaḥ kva śamo 'pi vā || 18.71 ||

sphurato 'nanta-rūpeṇa
prakṛtiṃ ca na paśyataḥ |
kva bandhaḥ kva ca vā mokṣaḥ
kva harṣaḥ kva viṣāditā || 18.72 ||

buddhi-paryanta-saṃsāre
māyā-mātraṃ vivartate |
nirmamo nirahaṅkāro
niṣkāmaḥ śobhate budhaḥ || 18.73 ||

akṣayaṃ gata-santāpam
ātmānaṃ paśyato muneḥ |
kva vidyā ca kva vā viśvaṃ
kva deho 'haṃ mameti vā || 18.74 ||

nirodhādīni karmāṇi
jahāti jaḍadhīr yadi |
mano-rathān pralāpāṃś ca
kartum āpnoty atatkṣaṇāt || 18.75 ||

mandaḥ śrutvāpi tad-vastu
na jahāti vimūḍhatām |
nirvikalpo bahir-yatnād
antar-viṣaya-lālasaḥ || 18.76 ||

jñānād galita-karmā yo
loka-dṛṣṭyāpi karma-kṛt |
nāpnoty avasaraṃ kartuṃ
vaktum eva na kiṃcana || 18.77 ||

kva tamaḥ kva prakāśo vā
hānaṃ kva ca na kiṃcana |
nirvikārasya dhīrasya
nirātaṅkasya sarvadā || 18.78 ||

kva dhairyaṃ kva vivekitvaṃ
kva nirātaṅkatāpi vā |
anirvācya-svabhāvasya
niḥsvabhāvasya yoginaḥ || 18.79 ||

na svargo naiva narako
jīvan-muktir na caiva hi |
bahunātra kim uktena
yoga-dṛṣṭyā na kiṃcana || 18.80 ||

naiva prārthayate lābhaṃ
nālābhenānuśocati |
dhīrasya śītalaṃ cittam
amṛtenaiva pūritam || 18.81 ||

na śāntaṃ stauti niṣkāmo
na duṣṭam api nindati |
sama-duḥkha-sukhas tṛptaḥ
kiṃcit kṛtyaṃ na paśyati || 18.82 ||

dhīro na dveṣṭi saṃsāram
ātmānaṃ na didṛkṣati |
harṣāmarṣa-vinirmukto
na mṛto na ca jīvati || 18.83 ||

niḥsnehaḥ putra-dārādau
niṣkāmo viṣayeṣu ca |
niścintaḥ svaśarīre 'pi
nirāśaḥ śobhate budhaḥ || 18.84 ||

tuṣṭiḥ sarvatra dhīrasya
yathā-patita-vartinaḥ |
svacchandaṃ carato deśān
yatrāstamita-śāyinaḥ || 18.85 ||

patatūdetu vā deho
nāsya cintā mahātmanaḥ |
svabhāva-bhūmi-viśrānti-
vismṛtāśeṣa-saṃsṛteḥ || 18.86 ||

akiṃcanaḥ kāma-cāro
nirdvandvaś chinna-saṃśayaḥ |
asaktaḥ sarva-bhāveṣu
kevalo ramate budhaḥ || 18.87 ||

nirmamaḥ śobhate dhīraḥ
sama-loṣṭāśma-kāñcanaḥ |
subhinna-hṛdaya-granthir
vinirdhūta-rajas-tamaḥ || 18.88 ||

sarvatrānavadhānasya
na kiṃcid vāsanā hṛdi |
muktātmano vitṛptasya
tulanā kena jāyate || 18.89 ||

jānann api na jānāti
paśyann api na paśyati |
bruvann api na ca brūte
ko 'nyo nirvāsanād ṛte || 18.90 ||

bhikṣur vā bhūpatir vāpi
yo niṣkāmaḥ sa śobhate |
bhāveṣu galitā yasya
śobhanāśobhanā matiḥ || 18.91 ||

kva svācchandyaṃ kva saṅkocaḥ
kva vā tattva-viniścayaḥ |
nirvyājārjava-bhūtasya
caritārthasya yoginaḥ || 18.92 ||

ātma-viśrānti-tṛptena
nirāśena gatārtinā |
antar yad anubhūyeta
tat kathaṃ kasya kathyate || 18.93 ||

supto 'pi na suṣuptau ca
svapne 'pi śayito na ca |
jāgare 'pi na jāgarti
dhīras tṛptaḥ pade pade || 18.94 ||

jñaḥ sacinto 'pi niścintaḥ
sendriyo 'pi nirindriyaḥ |
sabuddhir api nirbuddhiḥ
sāhaṅkāro 'nahaṃkṛtiḥ || 18.95 ||

na sukhī na ca vā duḥkhī
na virakto na saṅgavān |
na mumukṣur na vā mukto
na kiṃcin na ca kiṃcana || 18.96 ||

vikṣepe 'pi na vikṣiptaḥ
samādhau na samādhimān |
jāḍye 'pi na jaḍo dhanyaḥ
pāṇḍitye 'pi na paṇḍitaḥ || 18.97 ||

mukto yathā-sthiti-svasthaḥ
kṛta-kartavya-nirvṛtaḥ |
samaḥ sarvatra vaitṛṣṇyān
na smaraty akṛtaṃ kṛtam || 18.98 ||

na prīyate vandyamāno
nindyamāno na kupyati |
naivodvijati maraṇe
jīvane nābhinandati || 18.99 ||

na dhāvati janākīrṇaṃ
nāraṇyam upaśānta-dhīḥ |
yathā-tathā yatra-tatra
sama evāvatiṣṭhate || 18.100 ||

आत्मविश्रान्तिः

ātma-viśrāntiḥ

19. Gesang, Ruhe im Selbst

śiṣya uvāca |
tattva-vijñāna-sandaṃśam
ādāya hṛdayodarāt |
nānā-vidha-parāmarśa-
śalyoddhāraḥ kṛto mayā || 19.1 ||

va dharmaḥ kva ca vā kāmaḥ
kva cārthaḥ kva vivekitā |
kva dvaitaṃ kva ca vādvaitaṃ
svamahimni sthitasya me || 19.2 ||

kva bhūtaṃ kva bhaviṣyad vā
vartamānam api kva vā |
kva deśaḥ kva ca vā nityaṃ
svamahimni sthitasya me || 19.3 ||

kva cātmā kva ca vānātmā
kva śubhaṃ kvāsubhaṃ yathā |
kva cintā kva ca vācintā
svamahimni sthitasya me || 19.4 ||

kva svapnaḥ kva suṣuptir vā
kva ca jāgaraṇaṃ tathā |
kva turiyaṃ bhayaṃ vāpi
svamahimni sthitasya me || 19.5 ||

kva dūraṃ kva samīpaṃ vā
bahyaṃ kvābhyantaraṃ kva vā |
kva sthūlaṃ kva ca vā sūkṣmaṃ
svamahimni sthitasya me || 19.6 ||

kva mṛtyur-jīvitaṃ vā kva
lokāḥ kvāsya kva laukikam |
kva layaḥ kva samādhir vā
svamahimni sthitasya me || 19.7 ||

alaṃ tri-varga-kathayā
yogasya kathayāpy alam |
alaṃ vijñāna-kathayā
viśrāntasya mamātmani || 19.8 ||

जिवन्मुक्तिः

jivan-muktiḥ

20. Gesang, Befreiung zu Lebzeiten

gurur uvāca |
kva bhūtāni kva deho vā
kvendriyāṇi kva vā manaḥ |
kva śūnyaṃ kva ca nairāśyaṃ
mat-svarūpe nirañjane || 20.1 ||

kva śāstraṃ kvātma-vijñānaṃ
kva vā nirviṣayaṃ manaḥ |
kva tṛptiḥ kva vitṛṣṇatvaṃ
gata-dvandvasya me sadā || 20.2 ||

kva vidyā kva ca vāvidyā
kvāhaṃ kvedaṃ mama kva vā |
kva bandhaḥ kva ca vā mokṣaḥ
svarūpasya kva rūpitā || 20.3 ||

kva prārabdhāni karmāṇi
jīvan-muktir api kva vā |
kva tad videha-kaivalyaṃ
nirviśeṣasya sarvadā || 20.4 ||

kva kartā kva ca vā bhoktā
niṣkriyaṃ sphuraṇaṃ kva vā |
kvāparokṣaṃ phalaṃ vā kva
niḥsvabhāvasya me sadā || 20.5 ||

kva lokaḥ kva mumukṣur vā
kva yogī jñānavān kva vā |
kva baddhaḥ kva ca vā muktaḥ
sva-svarūpe 'ham advaye || 20.6 ||

kva sṛṣṭiḥ kva ca saṃhāraḥ
kva sādhyaṃ kva ca sādhanam |
kva sādhakaḥ kva siddhir vā
svasvarūpe 'ham advaye || 20.7 ||

kva pramātā pramāṇaṃ vā
kva prameyaṃ kva ca pramā |
kva kiṃcit kva na kiṃcid vā
sarvadā vimalasya me || 20.8 ||

kva vikṣepaḥ kva caikagryaṃ
kva nirbodhaḥ kva mūḍhatā |
kva harṣaḥ kva viṣādo vā
sarvadā niṣkriyasya me || 20.9 ||

kva caiṣa vyavahāro vā
kva ca sā paramārthatā |
kva sukhaṃ kva ca vā dukhaṃ
nirvimarśasya me sadā || 20.10 ||

kva māyā kva ca saṃsāraḥ
kva prītir viratiḥ kva vā |
kva jīvaḥ kva ca tad-brahma
sarvadā vimalasya me || 20.11 ||

kva pravṛttir nirvṛttir vā
kva muktiḥ kva ca bandhanam |
kūṭastha-nirvibhāgasya
svasthasya mama sarvadā || 20.12 ||

kvopadeśaḥ kva vā śāstraṃ
kva śiṣyaḥ kva ca vā guruḥ |
kva cāsti puruṣārtho vā
nirupādheḥ śivasya me || 20.13 ||

kva cāsti kva ca vā nāsti
kvāsti caikaṃ kva ca dvayam |
bahunātra kim uktena
kiṃcin nottiṣṭhate mama || 20.14 ||