पातञ्जलयोगसूत्राणि

pātañjala-yoga-sūtrāṇi

Die Yoga-Sūtras des Patañjali

Übersetzt von Frank Nārada Ziesing

Inhalt

Einleitung

Das Sanskritwort Sūtra bedeutet Faden, Schnur, kurzgefasster Lehrsatz. Sūtras sind Texte aus möglichst knappen Sätzen, die eine Weltanschauung systematisch erklären. Sie dienen als Grundlage für weitere Erläuterungen, mündlich durch einen Guru oder schriftlich durch einen Kommentator. In der Zeit zwischen 200 v. Chr und 500 n. Chr. entstanden derartige Lehrsatz-Sammlungen für den meisten indischen Philosophiesysteme.

Die Yoga-Sūtras des Patañjali gelten als grundlegende Autorität des Yoga-Systems. Das Wort "Yoga" geht auf ein protoindoeuropäisches Wort zurück, von dem auch das deutsche Wort "Joch" abstammt. In den ältesten indischen Texten bezeichnet "Yoga" das Anschirren der Pferde an den Wagen. Pferde sind in Indien nicht heimisch, sie waren ein Luxus für Fürsten. Die Kunst mit Pferden umzugehen galt dementsprechend als ehrenvoll. In der Kaṭha-Upaniṣad (ca. 5. Jhd. v.Chr.) wird diese Kunst verglichen mit der Art und Weise, wie man mit den unterschiedlichen Kräften im eigenen Geist umgeht. Das scheint die früheste Nutzung des Wortes "Yoga" im Sinne einer Selbstdisziplin zu sein. In diesem Sinn kommt das Wort dann oft in der Bhagavad-Gītā vor, die sich als Zusammenfassung der Upaniṣaden bezeichnet. Dort wird Yoga dreimal definiert, und zwar als Gleichmut, als glückliches Geschick in Handlungen und als Unterbrechung der Verbindung zum Leid. Aber erst Patañjali erhebt Yoga zu einem weltanschaulichem System, einem "Darśanam". Patañjali hat Yoga also nicht erfunden, sondern bestehendes Wissen gesammelt und auf neue Art zusammengefasst.

In den Yoga-Sūtras wird Yoga aus verschiedenen Blickwinkeln dreimal erklärt. Jedesmal beginnt die Erklärung von neuem, aber mit anderer Ausrichtung: 1:1–1:51 der Weg zum Samādhi, 2:1–2:27 der praktische Yoga, 2:28–3:55 der achtgliedrige Yoga. Vielleicht geben diese Teile unterschiedliche Traditionen wieder?

Sogar in Kapitel 1 gibt es eine Verdoppelung bei der Beschreibung der Samādhi-Erfahrung: Zuerst werden der niedrige Samādhi mit trennender Unterscheidung und der höhere unterscheidungslose beschrieben, später folgt eine neue Einteilung in den niedrigen mit Samen und den höheren samenlosen. Sind nun der unterscheidungslose und der samenlose Samādhi dasselbe? Wahrscheinlich musste Patañjali auch hier verschiedene Schulen berücksichtigen, die auf ihre jeweiligen Bezeichnungen Wert legten. Das zeigt, das zu Patañjalis Zeit Yoga keine einheitliche Strömung war, sondern ein Feld unterschiedlicher Schulen. Mit den Yoga-Sūtras lieferte er einen Text, in dem sich vermutlich viele Schulen wiedererkannten – andernfalls wären die Sūtras wohl nicht zu der Autorität geworden als die sie heute gelten.

Nach Kap. 3 scheint der Text zu enden, nahegelegt durch das letzte Wort iti, ein Wort dass etwa "Ende der Rede" oder "Ende der Argumente" bedeutet. Das Gegenteil von iti ist atha, "hier beginnt". Das ist das erste Wort der Yoga-Sūtras ist. Damit wäre der Text schön eingerahmt. Kap. 4 erscheint wie ein Nachtrag, vielleicht von jemand anderem zusammengestellt, der auch die Kapiteleinteilung vornahm. Diese passt nämlich nicht ganz zum Inhalt, denn Kap. 4 heißt zwar Kaivalya, "Befreiung", das Thema wird aber ebenfalls in Kapitel 3 behandelt.

Auffallend ist die häufige Nutzung buddhistischer Begriffe in den Sūtras, z.B. kleśa, samāpatti, dharmamegha. Yoga hatte auch eine buddhistische Seite. So gab es im 4. Jhd. eine buddhistische Schule namens Yogācāra, "Yoga-Praxis". Dort wurde ein umfangreicher Text erstellt wurde namens Yogacārabhūmī-śāstra, "Lehrbuch der Stufen der Yogapraxis". Typische Begriffe von Patañjalis Yoga-Sūtras finden sich hier, wie citta, savitarka, nirvitarka, bīja. Der wichtigste Vertreter dieser Schule war ein gewisser Vasubandhu (ca. 320-400 n. Chr.).

Die Handschriften der Yoga-Sūtras sind immer mit Kommentaren versehen. Der älteste erhaltene Kommentar wird einem "Vyāsa" zugeschrieben. Doch manche Forscher (vor allem Philipp Maas) glauben, dass dieser Kommentar tatsächlich von Patañjali selbst stamme. Während Kapitel 1-3 der Sūtras eher praxisbezogen sind, argumentieren Kap. 4 und Kommentar gegen die Lehre des Vasubandhu. Deshalb können sie wohl erst zur Zeit von Vasubandhu entstanden sein. Dementsprechend datiert Maas unseren Text auf das 4. Jhd. n. Chr.

Es könnte allerdings auch sein, dass Patañjali nur die ersten 3 Kapitel selbst verfasst hat. Eine einflussreiche Person – beispielweise ein Paṇḍit am Königshof, der Patañjali in Ehren hielt – hätte dann, vielleicht nach dem Tod des Meisters, Kapitel 4, Kommentar und Kapitelüberschriften hinzugefügt, und so den Text bekannt gemacht.

Außer dem Namen Patañjali ist über den Autor der Yoga-Sūtras nichts bekannt. Bei einem so einflussreichen Text, wurde diese Lücke im Lauf der Jahrhunderte mit Legenden gefüllt. So soll Patañjali ein Avatāra der göttlichen Schlange Ananta gewesen sein. In Statuen wird er daher mit menschlichem Oberkörper und schlangenförmigen Unterkörper abgebildet. Der ungewöhnliche Name Patañjali kommt außerdem noch vor als Autor eines Werks über Grammatik und eines über Heilkunst. Ab dem 11. Jhd. findet sich die Auffassung, dass diese drei Autoren ein und dieselbe Person seien. Dazu gibt es einen bekannten Grußvers:

yogena cittasya padena vācāṃ
malaṃ śarīrasya ca vaidyakena |
yo 'pākarot taṃ pravaraṃ munīnāṃ
patañjaliṃ prāñjalir ānato 'smi ||

Welcher den Makel des Geistes durch Yoga,
den der Sprache durch Wortanalyse und
den des Körpers durch Heilkunst beseitigte,
vor diesem Vorzüglichsten der Weisen,
vor Patañjali, bin ich mit
aneinandergelegten Händen verbeugt.

प्रथमः समाधिपादः

prathamaḥ samādhi-pādaḥ

Erstes Kapitel: Samādhi

Grundthema der Yoga-Sūtras

atha yogānuśāsanam || 1.1 ||

Jetzt [beginnt] die Yoga-Unterweisung.

atha jetzt yoga- Yoga anu-śāsanam nom n sg Unterricht

yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ || 1.2 ||

Yoga [ist] das zum Stillstand bringen der Vorgänge im Geist.

yogaḥ nom m sg Yoga citta- denkender Geist, feinstoffliche Geistsubstanz vṛtti- Strudel, Wellen, Verfahren, Benehmen, guter Wandel, Art und Weise des Verhaltens, Gewerbe, tätigkeitGedankenwellen nirodhaḥ nom m sg Einsperrung, Verschluss, Unterdrückung, Beherrschung, Vernichtung

tadā draṣṭuḥ sva-rūpe 'vasthānam || 1.3 ||

Dann verweilt der Erfahrende im eigenen Wesen.

tadā dann draṣṭuḥ gen m sg des Sehers sva- eigen, ursprünglich rūpe lok n sg in der Form, Gestalt, Natur ava-sthānam nom n sg das Verweilen

vṛtti-sārūpyam itaratra || 1.4 ||

Sonst identifiziert [er sich] mit den Vorgängen.

vṛtti- Strudel, Wellen, Gedankenwellen sārūpyam nom n sg mit der gleichen Form-heit, Übereinstimmung, Identifikation itaratra sonst

Klassifizierung der Vorgänge im Geist

vṛttayaḥ pañcatayyaḥ kliṣṭākliṣṭāḥ || 1.5 ||

Die Vorgänge [sind von] fünferlei Art, quälend oder nicht quälend.

Bei den Buddhisten bedeutet kliṣṭa auch "verunreinigt", so dass man die Wahrheit nicht erkennt.

vṛttayaḥ nom f pl Gedankenwellen pañcatayyaḥ mon f pl fünffältig kliṣṭa- verunreinigt, geplagt, gequält, leidgeprüft, leidvoll akliṣṭāḥ nom f pl nicht verunreinigt, nicht leidvoll

pramāṇa-viparyaya-vikalpa-nidrā-smṛtayaḥ || 1.6 ||

[Es sind:] Richtige Einschätzungen der Dinge, Fehleinschätzungen, Hin- und her-Denken, Schlaf und Erinnerung.

Alle vorkommenden Arten geistiger Vorgänge werden hier fünf Gruppen zugeordnet, entsprechend weit sind sie zu fassen.

pramāṇa- Maß, Maßstab, richtiger Begriff viparyaya- im Gegensatz stehend, Verkehrtheit, Irrtum vikalpa- Unschlüssigkeit, das Annehmen, geistige Beschäftigung, Denken, Einbildung nidrā- Schlaf smṛtayaḥ nom pl f Erinnerungen

pratyakṣānumānāgamāḥ pramāṇāni || 1.7 ||

Richtige Einschätzungen der Dinge [beruhen auf] (1) direkter Wahrnehmung, (2) logischer Schlussfolgerung und (3) gelerntem Wissen.

pratyakṣa- vor Augen anumāna- Schlussfolgerung āgama- erlangte Kenntnis, gelernte/ überlieferte Lehre pramāṇāni nom n pl richtige Maßstäbe

viparyayo mithyā-jñānam a-tad-rūpa-pratiṣṭham || 1.8 ||

Fehleinschätzung [ist] eine verkehrte Annahme, deren Wesen ohne Grundlage [ist].

viparyayaḥ im Gegensatz stehend, Verkehrtheit, Irrtum mithyā- verkehrt, falsch, umsonst, vergeblich jñānam nom n Erkenntnis, Annahme a- nicht, ohne tat-rūpa- deren Aussehen/ Form/ Gestalt/ Wesen/ Natur pratiṣṭham nom n sg Halt, Grundlage

śabda-jñānānupātī vastu-śūnyo vikalpaḥ || 1.9 ||

Hin- und her-Denken [ist] das Verfolgen von in Worten [umschreibbaren] Annahmen bei Abwesenheit der Sache.

Das betrifft einen weiten Bereich, etwa von verträumtem Nachsinnen bis angestrengtem Planen, von Unschlüssigkeit, Zweifel bis zu Einbildung.

śabda- Wort, Ausspruch jñāna- Erkenntnis, Wissen, Annahme anupātī nom n sg folgend vastu- Gegenstand śūnyaḥ nom m sg fehlend vikalpaḥ nom m sg Unschlüssigkeit, Annehmen, geistige Beschäftigung, Denken, Einbildung

abhāva-pratyayālambanā vṛttir nidrā || 1.10 ||

Schlaf [ist] ein geistiger Vorgang, der auf Abwesenheit von Überzeugungen beruht.

abhāva- Abwesenheit pratyaya- Überzeugung, Glauben, Vertrauen, Vorstellung ālambanā nom f sg das sich Stützen auf etwas, Grundlage, der eigentliche Grund einer Gefühlserregung vṛttiḥ nom f sg Gedankenwelle nidrā nom f sg Schlaf

anubhūta-viṣayāsaṃpramoṣaḥ smṛtiḥ || 1.11 ||

Erinnerung [ist] das Nichtverlieren erlebter Erfahrungen.

anubhūta- empfunden, erlebt viṣaya- Sinnesgegenstand a-sam-pramoṣaḥ nom m das Nichtverschwinden, Nichtentzug, Nichtverlust smṛtiḥ nom f Erinnerung

Beherrschung der Vorgänge im Geist

abhyāsa-vairāgyābhyāṃ tan-nirodhaḥ || 1.12 ||

Durch Übung und Gelassenheit [gelingt] das zum Stillstand bringen der Vorgänge.

abhyāsa- durch Wiederholung, Übung vairāgyābhyām inst dual n durch Gleichgültigkeit, Leidenschaftslosigkeit, Gelassenheit tat- dieser, deren nirodhaḥ nom m Beherrschung

tatra sthitau yatno 'bhyāsaḥ || 1.13 ||

Übung [ist] Bemühung, die beharrlich dabei bleibt.

tatra dort, da sthitau lok f im Bleiben, in Beharrlichkeit yatnaḥ nom m Bemühung abhyāsaḥ nom m Wiederholung, Übung

sa tu dīrgha-kāla-nairantarya-satkārāsevito dṛḍha-bhūmiḥ || 1.14 ||

Aber eine feste Grundlage [ist] erst das, was lange Zeit ununterbrochen mit ganzer Hingabe praktiziert [wurde].

saḥ nom m diese tu nun, aber dīrgha- lange kāla- Zeit nairantarya- unterbrechungslos sat-kāra- gute Behandlung, Vorzugsbehandlung ā-sevitaḥ ppp nom m bedient, sich hingegeben dṛḍha- ppp gefestig bhūmiḥ nom f sg Boden, Stufe

dṛṣṭānuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya vaśī-kāra-saṃjñā vairāgyam || 1.15 ||

Gelassenheit [ist] das Bewusstsein der [eigenen] Meisterschaft für den, der ohne Durst nach sinnlichem Genuss ist, weder gesehenem, noch von dem er gehört hat.

dṛṣṭa- gesehen anuśravika- berichtet, überliefert viṣaya- Sinnesbereich vitṛṣṇasya gen m für den ohne Durst vaśī-kāra- Beherrschung, Unterwerfung, das in die Gewalt bekommen saṃjñā nom f Einverständnis, klare Vorstellung vairāgyam nom n sg Gleichgültigkeit, Gelassenheit, Leidenschaftslosigkeit

tat-paraṃ puruṣa-khyāter guṇa-vaitṛṣṇyam || 1.16 ||

Am stärksten ist sie für den, der Puruṣa-Bewusstsein hat. [Daraus ergibt sich] Freiheit vom Durst nach den Guṇas, (dem Manifestierten).

tat- das, deren param nom n sg vorzüglichster, bester, höchster Zustand puruṣa- bewusstes Prinzip im Menschen, Wesenskern khyāteḥ gen m des/für den mit Einsicht, den Erkenntnishabenden guṇa- Beschaffenheit, Grundeigenschaften der materiellen Natur vaitṛṣṇyam nom n sg Durstlosigkeit

Höherer Bewusstseinszustand mit und ohne Unterscheidung

vitarka-vicārānandāsmitā-rūpānugamāt saṃprajñātaḥ || 1.17 ||

Durch das Eindringen in das Wesen von Überlegung, Ergründung, Wonne und Ich-bin-Empfindung [entsteht] ein höherer Bewusstseinszustand mit Unterscheidung (Samprajñāta).

Nach Vyāsa handelt es sich um vier Stufen, nämlich Vitarka-Samādhi, Vicāra-Samādhi, Ānanda-Samādhi und Asmitā-Samādhi.

vitarka- Vermutung, Zweifel, Hinundherüberlegen vicāra- Verfahren, Prüfung ānanda- Wonne, Glückseligkeit asmitā- Ich-bin-heit rūpa- Gestalt, Wesen, Form, Eigentümlichkeit anugamāt abl m sg durch das Nachfolgen, sich Hingeben, das Eindringen in etwas, die Erfassung saṃprajñātaḥ nom m sg mit unterscheidender Einsicht versehen

virāma-pratyayābhyāsa-pūrvaḥ saṃskāra-śeṣo 'nyaḥ || 1.18 ||

Der andere [höhere Bewusstseinszustand ohne Unterscheidung] bedarf wiederholter vorheriger Übung, um [alle] Vorstellungen zum Verstummen zu bringen. [Dann] bleiben [nur] Gewohnheiten.

virāma- das zur Ruhe kommen pratyaya- Glaube, Gewissheit, Vorstellung, Idee abhyāsa- Übung, Wiederholung pūrvaḥ nom m vorherig, vorangegangen saṃskāra- Gewohnheiten, Eindrücke durch vergangene Geistestätigkeit śeṣaḥ nom m sg Übriggelassenes, Rest anyaḥ nom m sg der andere

bhava-pratyayo videha-prakṛti-layānām || 1.19 ||

Von Geburt an [gibt es] die Gewissheit [dieser Zustände] bei denjenigen, die im unverkörperten [Zustand vor der Geburt] in Prakṛti, (der schöpferischen Urkraft) aufgegangen [waren].

Zwei Arten von Yogīs werden unterschieden, die Bhava-pratyata-s, welche Zugang zu Samādhi von Geburt an haben, und die Upāya-pratyata-s, die Samādhi durch "geeignetes Vorgehen" (upāya) erreichen.
Bhava-pratyaya-s sind Wesen, die sich im unverkörperten (videha) Dasein vor der jetzigen Geburt in einem Zustand der tiefen Verbindung (laya) mit der schöpferischen Urkraft (prakṛti) befanden. Sie müssen nur noch einmal wiedergeboren werden, um zur Befreiung zu gelangen. In dieser Wiedergeburt haben sie von Kindheit an spontane spirituelle Erfahrungen.

Dieses Sūtram wird von den klassischen Kommentatoren recht unterschiedlich erklärt.

bhava- Entstehung, Geburt, das Dasein pratyayaḥ nom m Vertrauen, Gewissheit videha- körperlos prakṛti- ursprüngliche Natur, Grundform, aus der alles andere hervorgeht layānām gen pl m für die eingegangenen in, klebend an, aufgegangen in, ruhend in

śraddhā-vīrya-smṛti-samādhiprajñā-pūrvaka itareṣām || 1.20 ||

Bei anderen gehen Zuversicht, Tapferkeit, Erinnerung [an das Ziel] und Samādhi-Einsicht, voraus.

śraddhā- Vertrauen, Zuversicht, Glaube, Treue vīrya- Heldenhaftigkeit smṛti- Erinnerung samādhi- Extase, tiefste Andacht prajñā- Einsicht pūrvakaḥ nom m vorangehend itareṣām lok pl m in anderen

tīvra-saṃvegānām āsannaḥ || 1.21 ||

Für diejenigen mit heftigem Verlangen ist [diese Bewusstseinserfahrung] nah.

tīvra- scharf saṃvegānām gen pl m bei denen mit heftiger Gemütsaufregung/ mit Verlangen nach Erlösung āsannaḥ nom sg m nahe

mṛdu-madhyādhimātratvāt tato 'pi viśeṣaḥ || 1.22 ||

Durch schwaches, mittelmäßiges oder übermäßiges [Verlangen gibt es] dann auch Unterschiede.

mṛdu- weich madhya- mittel adhimātratvāt abl sg m durch Übermäßigkeit tataḥ von da her, dann, darum, deshalb api sogar, aber, auch viśeṣaḥ nom sg m Unterschied

Gottergebung

īśvara-praṇidhānād vā || 1.23 ||

[Diese Bewusstseinserfahrungen entstehen] auch durch Gottergebung.

īśvara- die Gottesperson, Gott als Gebieter des Universums praṇidhānāt abl sg m durch Ergebung, Aufmerksamkeit, Dienstbeflissenheit oder, auch, fakultativ

kleśa-karma-vipākāśayair a-parā-mṛṣṭaḥ puruṣa-viśeṣa īśvaraḥ || 1.24 ||

Gott [ist] ein besonderes Wesen, unberührt von Plagen, Handlungen, Resultaten und Denkweisen.

kleśa- Unreinheit, Qual, Plage, Schmerz, Leiden karma- Handlung, Tun vipāka- Heranreifen der Frucht der Werke, Lohn, Resultat, Verdauung āśayair inst pl m durch die Lagerstätte, durch die Charakteranlage mit der man zur Welt kommt, durch den Sitz der Gefühle und Gedanken, Denkweise a- un parā- weg, ab, fort mṛṣṭaḥ nom sg m aufgestrichen, berührt puruṣa- Wesen, Seele, Urwesen viśeṣaḥ nom sg m besonders īśvaraḥ nom sg m Gottesperson

tatra nir-ati-śayaṃ sarva-jña-bījam || 1.25 ||

In ihm [ist] der unübertroffene, allwissende Anfang.

tatra dort nir-ati-śayam nom sg n unübertroffen, nichts darüber liegend sarva-jña- allwissend bījam nom sg n Keinzelle, Samen, Anfang

sa pūrveṣām api guruḥ kālenānavacchedāt || 1.26 ||

Er [ist] auch der Lehrer der ehrwürdigen Vorfahren, da er der Trennung durch Zeit nicht unterliegt.

saḥ nom sg m er (d.h. Īśvara, die Gottesperson) pūrveśām gen pl m von den Vorfahren, Altvorderen api auch guruḥ nom sg m Lehrer kālena inst sg m durch Zeit an-ava-cchedāt abl sg m wegen keiner Trennung

tasya vācakaḥ praṇavaḥ || 1.27 ||

Das ihn bezeichnende Wort [ist] OM.

tasya gen sg m dessen vācakaḥ nom sg m bezeichnend, ausdrückend praṇavaḥ nom sg m die heilige Silbe OM

taj-japas tadartha-bhāvanam || 1.28 ||

Dessen Wiederholung bringt die dazu gehörende Bedeutung ans Licht.

tat- dessen, seine japaḥ nom m sg meditative Wiederholung tat-artha- dessen/seine Bedeutung/ Nutzen/ Zweck bhāvanam nom n sg das zur Erscheinung bringen, Vergegenwärtigung

tataḥ pratyak-cetanādhigamo 'py antarāyābhāvaś ca || 1.29 ||

Anschließend [kommt es] auch zum Erlangen der inneren Aufmerksamkeit und zum Verschwinden von Hindernissen.

tataḥ dann, darauf pratyak- im Innern cetanā- Bewusstsein, Besinnung adhi-gamaḥ nom m sg Erlangung api auch antar-āya- Hindernis, Dazwischen-Gehung a-bhāvaḥ nom m sg Fehlen, Abwesenheit, Vernichtung ca und

Hindernisse

vyādhi-styāna-saṃśaya-pramādālasyāvirati-bhrānti-darśanālabdha-bhūmikatvānavasthitatvāni citta-vikṣepās te 'ntarāyāḥ || 1.30 ||

Diese Hindernisse [sind:]
(1) Krankheit
(2) Starrheit
(3) Zweifel
(4) Nachlässigkeit
(5) Mangel an freudiger Energie
(6) Nicht-Loslassen von Sinnesgenüssen
(7) irrige Ansichten
(8) Nichterlangen einer [guten] Ausgangsbasis und
(9) Unbeständigkeit.
Sie zerstreuen den Geist.

vyādhi- Krankheit styāna- Verdichtung, Gerinnen, Erstarrung, Apathia saṃśaya- Zweifel pramāda- Rausch, Unaufmerksamkeit ālasya- Trägheit, Mangel an Energie a-vi-rati- Unenthaltsamkeit, Hängen an Sinnesobjekten bhrānti- Umherirren, Wahn darśana- Schau a-labdha- das Nichterreichen bhūmika-tva- Stufe an-ava-sthita-tvāni nom n p Unbeständigkeit citta- Geist, Psyche vi-kṣepās nom pl m Zerstreutheiten te nom pl m diese antarāyāḥ nom pl m Hindernisse

duḥkha-daurmanasyāṅgam-ejayatva-śvāsa-praśvāsā vikṣepa-sahabhuvaḥ || 1.31 ||

Die Zerstreuung [wird] begleitet von Unbehagen, Niedergeschlagenheit, Zittern des Leibes und seufzendem Ein- und Ausatmen.

duḥkha- Unbehagen, Leid daurmanasya- Niedergeschlagenheit,Traurigkeit aṅgam-ejaya-tva- das Zittern des Leibes śvāsa- Gezisch, Geschnauf, Einatmen, Seufzen, Asthma praśvāsā nom pl m Atmung, Einatmen viksepa- Zerstreuung saha-bhuvaḥ nom pl m zusammen erscheinend mit

tat-pratiṣedhārtham eka-tattvābhyāsaḥ || 1.32 ||

Zu ihrer Abwehr [dient] die anhaltende Beschäftigung mit einer einzelnen [göttlichen] Wahrheit.

tat- deren, dessen prati-ṣedha- Abwehr, Vertreibung einer Krankheit artham nom n sg Zweck eka- eins, einzig, einmalig, einzig in seiner Art tat-tva- die Das-heit, das wahre Wesen/Verhältnis, Wahrheit, Realität, Grundprinzip abhyāsaḥ Übung, anhaltende Beschäftigung mit etwas

Heitere Klarheit des Geistes

maitrī-karuṇā-muditopekṣāṇāṃ sukha-duḥkha-puṇyāpuṇya-viṣayāṇāṃ bhāvanātaś citta-prasādanam || 1.33 ||

Durch die stetige Einstellung von Freundschaft gegenüber glücklichen Wesen und Themen, Mitgefühl gegenüber unglücklichen, Freude gegenüber tugenhaften, Nichtbeachtung gegenüber tugendlosen [gelangt] der Geist in heitere Klarheit.

maitrī- Wohlwollen, Freundschaft karuṇā- Mitleid mudita- sich erfreuend upekṣāṇām gen f pl Nichtbeachten sukha- angenehm, glücklich duḥkha- unangenehm, leidvoll puṇya- günstig, gut, richtig, heilig apuṇya- ungünstig, ungut, unrichtig, unheilig viṣayānām gen m pl zu Gebieten, Bereichen, Objekten bhāvanātaḥ adv vergegenwärtigend, stetiges Denken an citta- Geist prasādanam nom n sg Klarheit, Reinheit, Heiterkeit des Gemüts, Gnade

pracchardana-vidhāraṇābhyāṃ vā prāṇasya || 1.34 ||

Oder auch durch Ausstoßen und Anhalten des Atems.

pracchardana- Ausstoßen vidhāraṇābhyām inst dual n durch das Anhalten oder, auch, alternativ prāṇasya gen m sg des Atems

viṣayavatī vā pravṛttir utpannā manasaḥ sthiti-nibandhanī || 1.35 ||

Oder ein mit den Sinnen wahrnehmbares Ereignis ist passiert, das für das Gemüt so fesselnd ist, dass es still wird.

viṣaya-vatī nom f sg auf sinnliche Objekte gerichtet, den Sinnesbereich betreffend oder, auch, alternativ pravṛttiḥ nom f sg Fortgang, das von Statten Gehen, Hervorkommen, Entfaltung, Manifestation utpannā nom f sg hervorgegangen aus, geboren, erzeugt, zur Erscheinung gekommen, eingetroffen manasaḥ gen n sg für das Gemüt, den denkenden Geist sthiti- das Stillstehen, Unbeweglichkeit nibandhanī nom f sg bindend, festhaltend, fesselnd

viśokā vā jyotiṣmatī || 1.36 ||

Oder [etwas] von Kummer befreiendes lichtvoll Himmlisches [ist passiert].

viśokā adj nom f sg das Weichen des Kummers oder, auch, alternativ jyotiṣmatī adj nom f sg lichtvoll, himmlisch

vīta-rāga-viṣayaṃ vā cittam || 1.37 ||

Oder [man ist ausgerichtet auf jemanden von dessen] Geist die Leidenschaft nach Sinnendingen gewichen [ist].

vīta- verschwunden, vergangen, gewichen rāga- Färbung, musikalische Notenfolge, heftiges Verlangen nach etwas, Leidenschaft viṣayam nom n sg Bereich, Gebiet auf dem man sich heimisch fühlt, Wirkungskreis oder cittam nom n sg Geist

svapna-nidrā-jñānālambanaṃ vā || 1.38 ||

Oder aufgrund von Erkenntnis im Traum während des Schlafs.

svapna- Traum nidrā- Schlaf jñāna- Erkenntnis ālambanam nom n sg Grundlage, Stütze oder, alternativ

yathābhimata-dhyānād vā || 1.39 ||

Oder durch Meditation entsprechend dem eigenen [spirituellen] Ziel.

yathā- wie abhimata- beabsichtigt, gewünscht, vorausgesetzt, angenommen, erwünscht, lieb dhyānāt abl n sg durch Meditation oder

paramāṇu-parama-mahattvānto 'sya vaśī-kāraḥ || 1.40 ||

Vom Allerkleinsten bis zum Allergrößten erstreckt sich [dann] seine Meisterschaft.

paramāṇu- kleinstes Teil, Atom parama- höchste mahattva- Größe antaḥ nom m sg Grenze, bis zu asya gen m sg seine vaśī-kāraḥ nom m sg Unterwerfung, Bezwingung

Stufen des Einheitserlebens

kṣīṇa-vṛtter abhijātasyeva maṇer grahītṛ-grahaṇa-grāhyeṣu tat-stha-tad-añjanatā samāpattiḥ || 1.41 ||

Durch das Abnehmen geistiger Vorgänge kommt es zu einer Einswerdung bei Wahrnehmer, Wahrnehmung und Wahrgenommenem mit Annehmen der Färbung dessen, auf das man sich ausgerichtet hat, wie bei einem edlen Kristall, [der die Färbung der Sache annimmt, auf der er liegt}.

"samāpatti" ist schon im Pāli-Kanon ein bei den Buddhisten vielgenutzer Begriff.

kṣīṇa- vermindert, erschöpft, zu Ende gegangen, geschwächt vṛtteḥ abl f sg durch Gedanken abhijātasya gen sg m des von edler Herkunft, lieblichen iva wie. quasi, sozusagen maṇeḥ gen m sg der Perle, des Kleinods, Edelsteins, Juwels grahītṛ- Wahrnehmer grahaṇa- das Wahrnehmen grāhyeṣu lok m pl im Wahrzunehmenden tat-stha-tad-añjanatā nom f sg das Annehmen der Färbung von dem, worauf etwas steht/ womit man sich beschäftigt/ wem man ergeben ist samāpattiḥ nom f sg Zusammenfallen, Zusammentreffen, Erreichen, Zufall, Vollendung, Abschluss

tatra śabdārtha-jñāna-vikalpaiḥ saṃkīrṇā savitarkā samāpattiḥ || 1.42 ||

Dabei [handelt es sich um] ein Einheitserleben, bei dem Überlegung noch nicht ganz ausgeschlossen ist (Savitarka), wenn es mit Wortbedeutungen, Erkenntnissen und Gedanken vermischt ist.

tatra dort śabda-artha- Wortbedeutung jñāna- Erkenntnis vikalpaiḥ inst pl m mit Nachdenken saṃkīrṇā nom f sg gemischt sa-vitarkā nom f sg von Nachdenken begleitet, wobei Nachdenken noch nicht ausgeschlossen ist samāpattiḥ nom f sg Zusammentreffen, Zusammenfallen, Erreichen, Zufall

smṛti-pariśuddhau sva-rūpa-śūnyevārtha-mātra-nirbhāsā nirvitarkā || 1.43 ||

Ist die Bewusstwerdung ganz gereinigt, sozusagen frei von Selbstbezug, [und] nur das bloße Leuchten der Sache selbst, dann [handelt es sich um ein Einheitserleben] ohne Überlegung (Nirvitarka).

smṛti- Erinnerung, das Gedenken an pariśuddhau lok f sg in vollkommenem Reinwerden sva-rūpa- die eigene Gestalt, das eigene Wesen śūnyā nom f sg leer iva wie, sozusagen artha- Sache, Zweck mātra- nur nirbhāsā nom f sg Schein nirvitarkā nom f sg ohne Nachdenken, Abwegung, Zweifel

etayaiva savicārā nirvicārā ca sūkṣma-viṣayā vyākhyātā || 1.44 ||

Auf dieselbe Art wird auch [das Einheitserleben] im nicht-grobstofflichen Bereich beschrieben: mit [Selbst]ergründung (Savicāra) und ohne [Selbst]ergründung (Nirvicāra).

etayā inst f sg hiermit, mit dieser, durch diese eva in der Tat savicārā nom f sg die mit Überlegung, Unterscheidung, prüfender Betrachtung nirvicārā nom f sg die ohne prüfende Betrachtung ca und sūkṣma- fein, dünn, klein, der Wahrnehmung sich entziehend, unfassbar, nur der Idee nach vorhanden viṣayā nom f sg Bereich vyākhyātā ppp nom f sg erklärt, erläutert, benannt

sūkṣma-viṣayatvaṃ cāliṅga-paryavasānam || 1.45 ||

Und der nicht-grobstoffliche Bereich erstreckt sich bis zum merkmallosen [Bereich].

sūkṣma- feinstofflich viṣayatvam nom n sg Bereich ca und, und zwar, auch, sogar, selbst aliṅga- merkmallos pary-ava-sānam nom n sg seinen Abschluss finden, hinaus laufen auf

tā eva sa-bījaḥ samādhiḥ || 1.46 ||

Diese [Einheitserlebnisse sind] allerdings Samādhi mit Samen.

Während der Samādhi-Erfahrung scheint zwar die Persönlichkeit zu verschwinden, aber danach baut sie sich aus den unzerstörten "Samen" wieder auf.

nom f sg diese eva wahrlich sa- mit bījaḥ Samen samādhi Versenkung

nirvicāra-vaiśāradye 'dhyātma-prasādaḥ || 1.47 ||

Ist man mit dem ergründungslosen [Einheitserleben] (Nirvicāra) vertraut, [entsteht] die heitere gnadenvolle Stimmung des höheren Selbstes.

nirvicāra- prüfungslos vaiśāradye lok n sg bei Erfahrenheit adhyātma- höchstes Selbst prasādaḥ nom m sg heitere Klarheit, gnadenvolle Stimmung

ṛtaṃ-bharā tatra prajñā || 1.48 ||

Die Einsicht trägt dort göttliche Ordnung in sich.

ṛtaṃ- akk sg m heilige Ordnung/ Wahrheit in sich enthaltend bharā nom f sg tragend, bringend, verleihend, erhaltend tatra dort prajñā nom f sg Einsicht

śrutānumāna-prajñābhyām anya-viṣayā viśeṣārthatvāt || 1.49 ||

Da [diese Einsicht] dem höheren Ziel dient, ist sie anders ausgerichtet als gelehrte und schlussfolgernde Einsicht.

śruta- Gehörtes anumāna Geschlussfolgertes prajñābhyām inst f dual von der Einsicht anya- anders viṣayā nom f sg Bereich, Wirkungskreis, Erscheinungsgebiet, auf etwas gerichtet viśeṣa- Unterschied zwischen, Besonderheit, Vorzüglichkeit, Superiorität, Vorsprung, etwas Außerordentliches, Ungewöhnliches arthatvāt abl n sg da/als/wegen des Dienens zu

tajjaḥ saṃskāro 'nya-saṃskāra-pratibandhī || 1.50 ||

Die daraus entstandene Gewohnheit (Saṃskāra) hemmt andere Gewohnheiten.

tat- daraus jaḥ nom m sg entstanden saṃskāraḥ nom m sg Gewohnheit anya- anders saṃskāra- Gewohnheit pratibandhī nom m sg hemmend

tasyāpi nirodhe sarva-nirodhān nirbījaḥ samādhiḥ || 1.51 ||

Wenn sogar diese zum Stillstand gebracht wird, [entsteht] durch die Stille von allem der samenlose Samādhi.

tasya dessen, darauf bezüglich api sogar nirodhe lok m sg bei der Niederhaltung sarva- alles nirodhāt abl m sg durch Niederhaltung nirbīja- samenlos samādhiḥ nom m sg Versenkung

iti patañjali-viracite yoga-sūtre prathamaḥ samādhi-pādaḥ

So [lautet] im von Patañjali verfassten Yoga-Leitfaden das erste Kapitel: Samādhi.

द्वितीयः साधनपादः

dvitīyaḥ sādhana-pādaḥ

Zweites Kapitel: zum Ziel führende Mittel

Kriyā-Yoga

tapaḥ-svādhyāyeśvara-praṇidhānāni kriyā-yogaḥ || 2.1 ||

Übungen zum Anfachen innerer Glut, Rezitation heiliger Texte für sich selbst und Gottergebung [sind] das, was im Yoga zu tun ist.

tapaḥ- Glut, Askeseübung svādhyāya- Rezitation heiliger Texte für sich selbst īśvara- die Gottesperson praṇidhānāni nom n pl Dienstbeflissenheit, Aufmerksamkeit gegen, Ergebung in kriyā- Ausführung, Beschäftigung mit etwas, heilige Handlung, Tätigkeit, Anwendung von Mitteln yogaḥ nom m sg Yoga

samādhi-bhāvanārthaḥ kleśa-tanū-karaṇārthaś ca || 2.2 ||

Der Zweck ist, innere Verunreinigung zu verringern und Samādhi zu erreichen.

kleśa ist ein typisch buddhistischer Begriff.

samādhi- Versenkung bhāvana- das Bewirken arthaḥ nom n sg Zweck kleśa- Plage tanū-karaṇa- dünn machen, Verringern arthaḥ nom n sg Zweck ca und

avidyāsmitā-rāga-dveṣābhiniveśāḥ kleśāḥ || 2.3 ||

Die Verunreinigungen [sind:] irrige Ansichten, Ichhaftigkeit, Zuneigung und Abneigung und Klammern am Dasein.

avidyā- Unwissen, irrige Ansicht asmitā- Ichhaftigkeit rāga- Verlangen dveṣa- Abneigung abhiniveśāḥ nom m pl Hängen am Dasein kleśāḥ nom m pl die Plagen

avidyā kṣetram uttareṣāṃ prasupta-tanu-vicchinnodārāṇām || 2.4 ||

Irrige Ansichten [sind] das Feld für daraus folgende schlafende, schwache, unterbrochene und akute [Plagen].

avidyā nom f sg Unwissen, irrige Ansichten kṣetram nom n sg Feld uttareśām gen m pl für folgende prasupta- eingeschlafene tanu- dünn, schwach vicchinna- unterbrochene, nicht mehr vorhandene udārāṇām gen m pl für akute, wirkende

anityāśuci-duḥkhānātmasu nitya-śuci-sukhātma-khyātir avidyā || 2.5 ||

Irrige Ansichten [sind:] Vergängliches für dauerhaft zu halten, Unaufrichtiges für aufrichtig, Unangenehmes für angenehm und das, was man nicht ist, für sich selbst.

a-nitya- vergänglich a-śuci- unrein, unlauter duḥkha- leidvoll an-ātmasu lok m pl bei Nicht-Selbst nitya- ewig śuci- leuchtend, glänzend, blank, rein, ehrlich, redlich sukha- angenehm ātma- Selbst khyātiḥ nom f sg Auffassung avidyā nom f sg irrige Ansicht

dṛg-darśana-śaktyor ekātmatevāsmitā || 2.6 ||

Ichhaftigkeit [entsteht wenn] die Wirkungskraft des Betrachters und die des Betrachtens wie ein einzige Sache [erscheinen].

dṛk- der Seher, Wahrnehmer darśana- das Hinsehen, Wahrnehmen, Erleben, Urteilen, Erkennen, Verstehen śaktyoḥ gen dual f des Könnens von beiden, Vermögen, Kraft, Fähigkeit, Geschick, Wirkung eka- ein, einzig ātmatā nom f sg Wesenheit iva wie asmitā nom f sg Ichhaftigkeit

sukhānuśayī rāgaḥ || 2.7 ||

Zuneigung [ist] das Hängen an der Vorstellung von Angenehmem.

sukha- Angenehmes, Glück anuśayī nom m sg treu anhängend, mit der Vorstellung behaftet rāgaḥ nom m sg Zuneigung, Verlangen

duḥkhānuśayī dveṣaḥ || 2.8 ||

Abneigung [ist] das Hängen an der Vorstellung von Unangenehmem.

duḥkha- Unangenehmes, Leid anuśayī nom m sg treu anhängend, mit der Vorstellung behaftet dveṣaḥ nom m sg Abneigung

svarasa-vāhī viduṣo 'pi tathārūḍho 'bhiniveśaḥ || 2.9 ||

Klammern am Dasein [ist] das Aufrechterhalten der eigenen Art und Weise, was auch im Wissenden gleichermaßen entwickelt ist.

sva-rasa- der eigene Saft, eigene Neigung, Gefühl für die Seinigen, das Hängen an der eigenen Person, Selbsterhaltungstrieb vāhī nom m sg mit sich führend viduṣaḥ gen m sg für den Wissenden api sogar tathā so, auf diese Art ārūḍhaḥ nom m sg entwickelt, emporgestiegen, entstanden abhiniveśaḥ nom m sg Klammern am Dasein

te pratiprasava-heyāḥ sūkṣmāḥ || 2.10 ||

Diese [Plagen sind] durch entgegengesetzte Anregung zu verringern, [so werden sie] klein.

te nom m pl diese pratiprasava- Gegenanregung, Rückkehr in den Urzustand heyāḥ nom m pl aufzugeben, zu lassen, zu verwerfen, abzuziehen sūkṣmāḥ nom m pl die feinen, schmalen, kleinen, der Wahrnehmung sich entziehenden, subtilen

dhyāna-heyās tad-vṛttayaḥ || 2.11 ||

Gedanken dazu [sind] durch Meditation zu verwerfen.

dhyāna- Meditation heyāḥ nom m pl die aufzugebenden, die zu verwerfenden, die zu meidenen tat- darüber vṛttayaḥ nom m pl Gedankenwellen

kleśa-mūlaḥ karmāśayo dṛṣṭādṛṣṭa-janma-vedanīyaḥ || 2.12 ||

Die Wurzel der Plagen [ist] die Karma-Ansammlung, [welche den Menschen dazu bringt] das gegenwärtige und [weitere noch] unbekannte Leben zu erfahren.

kleśa- Plagen mūlaḥ nom m sg Wurzel karma- Handlungs, Karma āśayaḥ nom m sg Lagerstätte, Karmakonto, die Anlage, mit der ein Mensch zur Welt kommt und die eine Folge der Werke in einer vorangehenden Existenz ist dṛṣṭa- gesehen, vorliegend adṛṣṭa- ungesehen, unbekannt janma- Leben, Geburt vedanīyaḥ nom m sg ausgedrückt werdend, empfunden werdend, zu erfahren

sati mūle tad-vipāko jāty-āyur-bhogāḥ || 2.13 ||

Beim Bestehen dieser Wurzel [kommt es durch] das Heranreifen des [Karmas] zum Erlangen von Leben einer bestimmten Dauer in [karmisch passenden] Familien.

sati lok n sg wenn besteht mūle lok n sg wenn die Wurzel tat- dessen (bezieht sich auf Karma) vipākaḥ nom m sg Heranreifen jāti- Geburt, Wiedergeburt, durch Geburt bestimmte Stellung m Leben, Familie āyuḥ- Leben, Lebenskraft, Lebensdauer, langes Leben, lebendige Kraft bhogāḥ nom m pl das Genießen, Empfindung, Nutzen, Erleben

te hlāda-paritāpa-phalāḥ puṇyāpuṇya-hetutvāt || 2.14 ||

Diese [Leben beinhalten] als Frucht Frohsinn und Seelenschmerz aufgrund guten und schlechten Karmas.

te nom m pl diese hlāda- Heiterkeit paritāpa- Seelenschmerz phalāḥ nom m pl Früchte puṇya- gutes Karma apuṇya- schlechtes Karma hetutvāt abl n sg durch die Ursache

pariṇāma-tāpa-saṃskāra-duḥkhair guṇa-vṛtti-virodhāc ca duḥkham eva sarvaṃ vivekinaḥ || 2.15 ||

Verfall, Schmerz und Konditionierung [sind] leidvoll. Gedanken [werden] durch Guṇas [erzeugt], die in Konflikt [zueinander stehen]. Dadurch ist für den Unterscheidenden alles nur unangenehm.

pariṇāma- Veränderung, Umwandlung, Entwicklung zu, Verlauf, Alter, Folge, Ende tāpa- Schmerzen, Qualen saṃskāra- Gewohnheiten, Geisteseindrücke duḥkhaiḥ inst n pl durch Unbehagen, Schmerz, Leid, schwerlich, ungern guṇa- Natureigenschaften vṛtti- Geschehen, Handlungsweise, Lebenswandel, Charakter, Gedankenwellen virodhāt abl m sg durch Feindseligkeit, Streit, Widerspruch, Unvereinbarkeit ca und duḥkham nom n sg unangenehm, widerwärtig eva wahrlich, allerdings sarvam nom n sg alles vivekinaḥ gen m sg für den Unterscheidenden

heyaṃ duḥkham anāgatam || 2.16 ||

Leid ist zu vermeiden bevor es eintrifft.

heyam nom n sg zu vermeiden duḥkham nom n sg Leid an-ā-gatam nom n sg noch nicht angekommen

draṣṭṛ-dṛśyayoḥ saṃyogo heya-hetuḥ || 2.17 ||

Die Verbindung des Sehers mit dem Gesehenen [ist] die zu vermeidende Ursache.

draṣṭṛ- Seher, Wahrnehmer dṛśyayoḥ gen n dual von zu sehendem, Wahrgenommenem saṃ-yogaḥ nom m sg Verbindung, Vereinigung heya- zu vermeiden hetuḥ nom m sg Ursache

prakāśa-kriyā-sthiti-śīlaṃ bhūtendriyātmakaṃ bhogāpavargārthaṃ dṛśyam || 2.18 ||

Das Gesehene [hat] den Charakter einleuchtend (sattvisch), aktiv (rajasisch) oder fest (tamasisch) zu sein, sein Wesen besteht aus Materie und [der eigenen] Wahrnehmungsfähigkeit. Es dient dem Genuss [von Freude und Leid] und der Befreiung [vom Verlangen danach].

prakāśa- leuchtend, zu Tage tretend, offenbar kriyā- aktiv sthiti- fest, stillstehend śilam nom n sg Charakter, Gewohnheit, Benehmen, besonderer Neigung, gute Gewohnheiten bhūta- stoffliches Element indriya- Sinnesorgan, Sinneskraft ātmakam nom n sg als Natur der Sache bhoga- Genuss, Empfindung von Freude oder Schmerz apa-varga- Abschluss, Loslösung, letzte Befreiung der Seele artham nom n sg Zweck dṛśyam nom n sg das zu sehende, die sichtbare Welt

viśeṣāviśeṣa-liṅga-mātrāliṅgāni guṇa-parvāṇi || 2.19 ||

Die Manifestationsebenen der Guṇas [sind] grobstofflich, noch nicht grobstofflich, rein feinstofflich und merkmallos.

viśeṣa- Unterschied, Vorsprung, Bezeichnung der Elemente, die Erde als Element a-viśeṣa- ununterschieden, Urstoffe, Tanmātra liṅga- Merkmal, feinstofflich mātra- nur, nichts als a-liṅgāni nom n pl merkmallos guṇa- Grundeigenschaften allen materiellen Seins parvāni nom n pl Knoten an Pflanzenstengeln, Fuge, Absatz, Abteilung, Abschnitt, Zeitabschnitt

draṣṭā dṛśi-mātraḥ śuddho 'pi pratyayānupaśyaḥ || 2.20 ||

Der Sehende [hingegen ist] bloß das Schauvermögen [jenseits der Guṇas], zudem unvermischt rein. [Er ist] der Betrachter der Vorstellungen [die der Geist produziert].

draṣṭā nom m sg der Wahrnehmer dṛśi- das Schauvermögen mātraḥ nom m sg bloß, nur śuddhaḥ ppp nom m sg rein, hell, fleckenlos, fehlerfrei, ungemischt api dazu, auch, ferner, desgleichen, aber, nur, doch pratyaya- Vorstellungen. Überzeugungen anu-paśyaḥ nom m sg betrachtend

tadartha eva dṛśyasyātmā || 2.21 ||

Das Wesen des Gesehenen [ist] nur zu seinem Nutzen da.

tad- zu seinem arthaḥ nom n sg Nutzen eva wahrlich dṛśyasya gen n sg des Sichtbaren, Wahrnehmbaren ātmā nom m sg Wesen

kṛtārthaṃ prati naṣṭam apy anaṣṭaṃ tad-anya-sādhāraṇatvāt || 2.22 ||

Obwohl [das Gesehene] für den Vollendeten unwirklich ist, ist es nicht unwirklich für andere, weil sie gemeinsam daran festhalten.

kṛtārtham akk m sg den, der sein Ziel erreicht hat prati für, gegenüber naṣṭam ppp nom n sg verloren gegangen, verschwunden, abhanden gekommen, aus dem Gesicht verloren, nicht mehr zu sehen api obwohl a-naṣṭam nom n sg nicht untergegangen, nicht verschwunden tat- sie anya- für andere sādhāraṇatvāt abl n sg weil gemeinsam zugehörig, allen gemein, Gemeingut, gemeinsame Sache

sva-svāmi-śaktyoḥ sva-rūpopalabdhi-hetuḥ saṃyogaḥ || 2.23 ||

Die Ursache für die Wahrnehmung der Form des [Gesehenens ist] die Verbindung seiner Wirkungskraft mit der seines Herrn, [also des reinen Bewusstseins,].

sva- eigen, sein (Rückbezug auf vorheriges Subjekt) svāmi- Herr, Eigentümer śaktyoḥ gen dual f die beiden Fähigkeiten svarūpa- ihre Gestalt upa-labdhi- Erfassen, Wahrnehmung hetuḥ nom m sg Grund saṃyogaḥ nom m sg Vereinigung

tasya hetur avidyā || 2.24 ||

Die Ursache dieser [Verbindung] sind irrige Ansichten.

tasya gen m sg dessen hetuḥ nom m sg Ursache avidyā nom f sg Unwissen, irrige Ansichten

tad-abhāvāt saṃyogābhāvo hānaṃ tad-dṛśeḥ kaivalyam || 2.25 ||

Durch Abwesenheit der [irrigen Ansichten] unterbleibt die Verbindung. Aufzuhören, diese [Verbindung] zu sehen, [ist] Kaivalya, [Befreiung].

tat- deren abhāvāt abl m sg durch Abwesenheit saṃyoga- Verbindung abhāvaḥ Abwesenheit hānam nom n sg Aufhören, Aufgeben tat- dessen dṛśeḥ gen f sg des Sehens, Schauen, Anschauungsweise kaivalyam nom n sg vollkommene Erlösung, absolute Einheit

viveka-khyātir aviplavā hānopāyaḥ || 2.26 ||

Die ununterbrochene unterscheidende Bewusstheit [ist] das Mittel zum Aufhören.

viveka- Unterscheidung khyātiḥ nom f sg Auffassung, Einsicht, Bekanntsein, Berühmtheit aviplavā nom f sg ununterbrochen hāna- Aufhören, Aufgeben upāyaḥ nom m sg Mittel

tasya saptadhā prānta-bhūmiḥ prajñā || 2.27 ||

Siebenfach [ist] sein Wissen auf der letzten Stufe.

Sein Wissen, d.h. das des Yogis, entsprechend dem bisher Beschriebenen:

1) Einsicht in Vermeidung zukünftigen Leids (2:16)
2) Einsicht in die Ursachen von Leid (2:17)
3) Fähigkeit Gedanken zur Stille zu bringen (1:3)
4) Einsicht in falsche Identifikationen (1:4)
5) Freiheit vom Wunsch nach Erfahrungen oder Befreiung (1:16)
6) Freiheit von Wirkungen der Guṇas auf seine innere Verfassung (2:15)
7) Erkenntnis des reinen Bewusstseins (2:20)

Hiermit endet die Darlegung des Kriyā-Yoga

tasya gen n sg seine sapta-dhā adv siebenfach pra-anta- Rand, Ende, am Ende von bhūmiḥ nom f sg Erde, Erdboden, Stufe, Grad prajñā nom f sg Urteilskraft, Einsicht, Verstand

Der achtgliedrige Yoga

yogāṅgānuṣṭhānād aśuddhi-kṣaye jñāna-dīptir ā-viveka-khyāteḥ || 2.28 ||

Wenn innere Unreinheiten abgenommen [haben] durch das Befolgen der Yogadisziplinen, [öffnet sich] das Licht der Erkenntnis für die unterscheidende Bewusstheit.

yoga- Yoga aṅga- Glieder anuṣṭhānāt abl n sg durch das Ausführen, Verrichten a-śuddhi- Unreinheit kṣaye lok m sg bei Abnahme, Verminderung, Verlust, Untergang, Ende jñāna- Erkenntnis dīptiḥ nom f sg das Flammen, heller Glanz, glänzende Anmuth ā adv bis zu (+abl) viveka- Unterscheidung khyāteḥ abl f sg Auffassung, Einsicht

yama-niyamāsana-prāṇāyāma-pratyāhāra-dhāraṇā-dhyāna-samādhayo 'ṣṭāv aṅgāni || 2.29 ||

Die acht Disziplinen sind Grundhaltungen, Grundregeln, Sitzhaltung, Atemkontrolle, Zurückziehen, Konzentration, Meditation, Samādhi.

yama- Halten, Haltung, Zügel niyama- Niederhalten, feste Regel, Gelübde āsana- Sitzen prāṇāyāma- Atemkontrolle pratyāhāra- Zurückziehung dhāraṇā- Konzentration dhyāna- Meditation samādhayaḥ nom m pl Versenkung aṣṭau nom pl acht aṅgāni nom n pl Glieder

ahiṃsā-satyāsteya-brahmacaryāparigrahā yamāḥ || 2.30 ||

Die Grundhaltungen [sind] Nichtschädigen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, sexuelle Enthaltsamkeit und Nichtergreifen.

a-hiṃsā- Nichtschädigen satya- Wahrhaftigkeit asteya- Nichtstehlen brahma-carya- sich als Veda-Schüler betragen, sexuell enthaltsam leben a-pari-grahāḥ nom m pl Nichtergreifung, Besitzlosigkeit, das Nichtumfassen, Nichteinschließen yamāḥ nom m pl die Haltungen

jāti-deśa-kāla-samayānavacchinnāḥ sārvabhaumā mahā-vratam || 2.31 ||

[Diese Grundhaltungen] gelten überall, ohne Ausnahme durch Stellung, Ort, Gelegenheit oder Umstände. [Sie sind] das große Gebot.

jāti- Stellung, Kaste, Rang, Familie deśa- Ort, Gegend, Land kāla- Zeit, Gelegenheit samaya- Vereinbarung, Umstände an-avacchinnāḥ nom m pl un-unterbrochen sārvabhaumāḥ nom m pl über die ganze Erde verbreitet/ herrschend mahā- groß vratam nom n sg Gebot, Gehorsam, Ordnung, religiöse Pflicht,Gelübte

śauca-saṃtoṣa-tapaḥ-svādhyāyeśvara-praṇidhānāni niyamāḥ || 2.32 ||

Die Grundregeln [sind] Reinigung, Zufriedensein, Übungen zum Anfachen innerer Glut, Rezitation [heiliger Texte] für sich selbst und Gottergebung.

śauca- Reinigung, Reinheit saṃtoṣa- Zufriedensein mit, Genügsamkeit, Zufriedenheit tapaḥ- Glut, Askeseübung svādhyāya- Rezitation für sich selbst īśvara- Gottesperson praṇidhānāni nom n pl Ergebung niyamāḥ nom m pl die festen Regeln, Gebote, Versprechen

vitarka-bādhane pratipakṣa-bhāvanam || 2.33 ||

Bei Peinigung durch Zweifel [bezüglich der Grundhaltungen und Regeln hilft] Vergegenwärtigung der Gegenseite.

vitarka- Vermutung, Zweifel, Hinundherüberlegen bādhane lok m sg bei Peinigung, Bedrängung prati-pakṣa- die entgegengesetzte Seite, der andere Flügel, Gegensatz, Opposition, Gegner, Nebenbuhler bhāvanam nom n sg Vergegenwärtigung

vitarkā hiṃsādayaḥ kṛta-kāritānumoditā lobha-krodha-moha-pūrvakā mṛdu-madhyādhi-mātrā duḥkhājñānānanta-phalā iti pratipakṣa-bhāvanam || 2.34 ||

Zweifelnde Gedanken [sind] beispielsweise [jemandem] Schaden zufügen [zu wollen], eigenhändig, beauftragt oder ermunternd, wobei Gier, Wut oder Verwirrung vorausgegangen sind, leicht, mittel oder stark, mit Leid und Unwissen als endloser Konsequenz, – in diesen Fällen [hilft] Vergegenwärtigung der Gegenseite.

vitarkāḥ nom m pl Vermutung, Zweifel, Hinundherüberlegen, Erwägung hiṃsā nom f sg Schädigen ādayaḥ nom m pl mit … beginnend, usw. kṛta- getan kārita- bewirkt anu-moditāḥ nom m pl ermutigt lobha- Gier krodha- Wut moha- Verwirrung pūrvakāḥ nom m pl vorangehend mṛdu- sacht madhya- mittel adhi-matrāḥ nom m pl übermäßig duḥkha- Leid ajñāna- Unwissen ananta- endlos phalāḥ nom m pl Früchte iti also, in solchem Fall prati-pakṣa- die entgegengesetzte Seite bhāvanam nom n sg Vergegenwärtigung

Yama-s, Grundhaltungen und ihre Wirkungen

ahiṃsā-pratiṣṭhāyāṃ tat-saṃnidhau vaira-tyāgaḥ || 2.35 ||

Feindschaft verschwindet in Gegenwart dessen, der in Nichtschädigen gefestigt ist.

ahiṃsā- Nichtschädigen pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung tat- dessen saṃnidhau lok m sg in Gegenwart vaira- Feindschaft tyāgaḥ nom m sg Verlassen, Aufgeben

satya-pratiṣṭhāyāṃ kriyā-phalāśrayatvam || 2.36 ||

Handlungen und Ergebnisse schließen sich [den Worten] dessen an, der in Wahrhaftigkeit gefestigt ist.

Wenn jemand 12 Jahre lang nur die Wahrheit gesagt hat, so die Tradition, möchte das Universum nicht, dass seine Worte unwahr werden. Wenn dieser dann einmal unbeabsichtigt etwas über die Zukunft sage, würde das dann auch eintreffen.

satya- Wahrhaftigkeit pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung kriyā- Ausführung, Anwendung, Handlung, heilige Handlung phala- Früchte. Resultate āśrayatvam nom n sg woran sich etwas anschließt, Anlehnung, Abhängigkeit

asteya-pratiṣṭhāyāṃ sarva-ratnopasthānam || 2.37 ||

Alle Gaben kommen zu dem, der im Nichtstehlen gefestigt ist.

asteya- Nichtstehlen pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung sarva- alle ratna- Gabe, Besitz, Juwel, Perle upa-sthānam nom n sg Hinzutreten, Erscheinen

brahmacarya-pratiṣṭhāyāṃ vīrya-lābhaḥ || 2.38 ||

Tatkraft gewinnt derjenige, der in sexueller Enthaltsamkeit gefestigt ist.

brahmacarya- Enthaltsamkeit pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung vīrya- Tatkraft, Männlichkeit lābhaḥ nom m sg das Erlangen

aparigraha-sthairye janma-kathaṃtā-saṃbodhaḥ || 2.39 ||

Das Wie und Warum von Wiedergeburt erwacht in demjenigen, der in Nichtergreifen standhaft ist.

aparigraha- Nichtbesitzergreifung sthairye lok n sg bei Standhaftigkeit janma- Geburt, Leben, Wiedergeburt kathaṃ-tā- das Wie-Sein saṃbodhaḥ nom m sg Verstehen, Einsicht

Niyama-s, Grundregeln und ihre Wirkungen

śaucāt svāṅga-jugupsā parair asaṃsargaḥ || 2.40 ||

Durch [körperliche] Reinigung [entstehen] Unlust gegenüber dem eigenen Körper und Vermeidung von Berührung mit anderen.

Die Kommentare erklären dazu:
Bei der Reinigung nimmt man zunehmend die Unvollkommenheiten des eigenen Körper wahr, daher die Unlust. Erkenntnis der körperlichen Realitäten ist unerotisch. Daher nimmt auch der Wunsch nach körperlichem Kontakt mit anderen ab.

śaucāḥ abl m sg durch Reinheit, Reinigung sva-aṅga- eigener Körper jugupsā nom m sg Abneigung, Widerwille, Unlust, Abscheu paraiḥ inst m pl mit anderen a-saṃsargaḥ nom m sg Nichtberührung

sattva-śuddhi-saumanasyaikāgryendriya-jayātma-darśana-yogyatvāni ca || 2.41 ||

Und durch Reinigung des inneren Wesens [entstehen] ein angenehmes Gemüt, Konzentation, Sieg über die Sinne und die Fähigkeit, das eigene Selbst wahrzunehmen.

sattva- Wesen, Seinsheit śuddhi- Reinwerden, Reinigung, Läuterung, Reinheit saumanasya- wohlgesinntes Gemüt, Wohltuendheit, Frohsinn, gute Laune aikāgrya- auf einen Punkt gerichtete Aufmerkwsamkeit indriya- Sinne jaya- Sieg ātma- das Selbst darśana- Sehen, Wahrnehmen, Schau yogyatvāni nom n pl Befähigung ca und

saṃtoṣād anuttamaḥ sukha-lābhaḥ || 2.42 ||

Der beste Gewinn von Wohlbefinden [geschieht] durch [das Üben von] Zufriedensein.

saṃtoṣāt abl m sg durch Zufriedensein anuttamaḥ nom m sg nichts Höheres über sich habend, vorzüglichst, stärkst, heftigst sukha- Wohlbefinden, Behagen, Genuss lābhaḥ nom m sg Finden, Antreffen, Erlangung, Gewinn

kāyendriya-siddhir aśuddhi-kṣayāt tapasaḥ || 2.43 ||

Durch Übungen, die die innere Glut anfachen, [kommt es] wegen der Verminderung von Unreinheit zur heilenden Ordnung von Körper und Sinnesverlangen.

kāya- Körper indriya- Sinne siddhiḥ glücklicher Erfolg, Heilung, das in Ordnung kommen, persönlicher Erfolg, Zaubermacht aśuddhi- Unreinheit kṣayāt abl m sg durch Abnahme, Verminderung, Verlust tapasaḥ abl n sg durch Glut, durch Askeseübung

svādhyāyād iṣṭa-devatā-saṃprayogaḥ || 2.44 ||

Durch Rezitation [entsprechender heiliger Texte] für sich selbst [kommt es zur] Verbindung [des eigenen Geistes] mit der erwählten Gottheit.

svādhyāyāt abl m sg durch Rezitation für sich selbst iṣṭa- erwünscht devatā- Gottheit saṃprayogaḥ nom m sg Befestigung an, Verbindung mit

samādhi-siddhir īśvara-praṇidhānāt || 2.45 ||

Durch Gottergebung [kommt es zum] Gelingen von Samādhi.

samādhi- Versenkung siddhiḥ nom f sg Erfolg īśvara- Gottesperson praṇidhānāt abl n sg durch Ergebung, Dienstbeflissenheit, die Aufmerksamkeit reichten auf

Āsanam und seine Wirkungen

sthira-sukham āsanam || 2.46 ||

Stabile und leichte Sitzhaltung [entsteht] …

sthira- fest sukham nom n sg angenehm āsanam nom n sg das Sitzen

prayatna-śaithilyānanta-samāpattibhyām || 2.47 ||

… durch Lockerung von Anstrengung und Aufgehen im Grenzenlosen.

prayatna- Willenstätigkeit, Bemühung, Eifer, Anstrengung śaithilya Lockerheit, Verringerung ananta Unendlich samāpattibhyām inst f dual durch Zusammenfallen, Zusammentreffen, Aufgehen des Subjekts im Objekt

tato dvandvānabhighātaḥ || 2.48 ||

Dann [gibt es] keine schädliche Einwirkung der Gegensatzpaare mehr.

tataḥ dann dvaṃdva- Gegensatzpaar an-abhighātaḥ nom m sg keine schädliche Einwirkung

Prāṇāyāma und seine Wirkungen

tasmin sati śvāsa-praśvāsayor gati-vicchedaḥ prāṇāyāmaḥ || 2.49 ||

Ist das erreicht, [folgt als nächste Disziplin] Prāṇāyāma, die Unterbrechung des [normalen] Gangs der Aus- und Einatmung.

tasmin lok n sg wenn dies sati ppr lok n sg existiert, gegenwärtig ist, angetroffen wird śvāsa- Atmen praśvāsayoḥ- gen m dual des Einatmens gati- der Gang vicchedaḥ nom m sg Unterbrechung, Hemmung prāṇāyāmaḥ Atemkontrolle, Atemhemmung

bāhyābhyantara-stambha-vṛttir deśa-kāla-saṃkhyābhiḥ paridṛṣṭo dīrgha-sūkṣmaḥ || 2.50 ||

[Dabei wird] die Abfolge von Aus[atmen], Ein[atmen] und Halten unter Beachtung von Körperbereich, Zeitdauer und Bestimmung der [Runden-]Anzahl [geübt, so dass sie] langsam und kaum wahrnehmbar [ist].

bāhya- nach außen abhyantara- innerlich stambha- Pfosten, Unbeweglichkeit, Anfüllung, Aufgeblasenheit vṛttiḥ das Rollen, Verfahren. Tätigkeit, Tempo, Rhythmus deśa- Ort, Land, Körpergegend kāla- geeignete Zeit, passender Zeitpunkt, Zeitmaß saṃkhyābhiḥ inst f pl durch Zählung, Bestimmung der Anzahl, Berechnung pari-dṛṣṭaḥ ppp nom m sg betrachtet, ausfindig gemacht, erkannt dīrgha- weitreichend, lange dauernd sūkṣmaḥ nom m sg subtil, fein, kaum hörbar

bāhyābhyantara-viṣayākṣepī caturthaḥ || 2.51 ||

Ein vierter [Aspekt des Prāṇāyāma] entfernt sich vom Bereich des Aus- und Ein[-Atmens].

bāhya- außerhalb abhyantara- innerlich viṣaya- Bereich ākṣepī nom m sg ablegend, sich entfernend caturthaḥ nom m sg der vierte

tataḥ kṣīyate prakāśāvaraṇam || 2.52 ||

Dann nimmt die Verhüllung des Lichts ab.

tataḥ dann kṣīyate 3p sg präs medium nimmt ab, hört auf prakāśa- Licht āvaraṇam nom n sg Verhüllung

dhāraṇāsu ca yogyatā manasaḥ || 2.53 ||

Und die Befähigung des Gemüts zur Konzentration [entsteht].

dhāraṇāsu lok f pl zu Konzentrationen [auf verschiedene Ziele] ca und yogyatā nom f sg Befähigung manasaḥ gen n sg des Gemüts, des diskursiven Denkens

Pratyāhāra und seine Wirkungen

sva-viṣayāsaṃprayoge citta-sva-rūpānukāra ivendriyāṇāṃ pratyāhāraḥ || 2.54 ||

Pratyāhāra [ist] das Zurückziehen der Sinne. [Sind diese] von ihren Sinnesbereichen getrennt, ahmen sie gleichsam die Art und Weise des [meditierenden] Geistes nach.

Wenn die Sinne mit ihren Sinnesbereichen verbunden sind, folgt der Geist normalerweise den Sinnen. Sind sie nicht mit ihren Sinnesbereichen verbunden, folgen sie dem Geist. Wird der Geist still, werden die Sinne automatisch auch still, ohne dass man sich besonders darum bemühen muss.

sva- eigen viṣaya- Bereich a-samprayoge lok m sg bei Trennung citta- denkender Geist svarūpa- Eigennatur anukāraḥ nom m sg Nachahmung iva wie, gleichsam indriyānām gen n pl der Sinne pratyāhāraḥ nom m sg Zurückziehung

Tataḥ paramā vaśyatendriyāṇām || 2.55 ||

Dann [entwickelt sich] höchste Folgsamkeit der Sinneskräfte.

tataḥ dann paramā nom f sg die höchste vaśyatā nom f sg Unterwürfigkeit, Folgsamkeit indriyānām gen n pl des Sinnesvermögens

iti patañjali-viracite yoga-sūtre dvitīyaḥ sādhana-pādaḥ

So [lautet] im von Patañjali verfassten Yoga-Leitfaden das zweite Kapitel, [genannt] zum Ziel führendes

तृतीयो विभूतिपादः

tṛtīyo vibhūti-pādaḥ

Drittes Kapitel: Manifestation von Kräften

Konzentration, Meditation, Samādhi

deśa-bandhaś cittasya dhāraṇā || 3.1 ||

Konzentration [ist] die Bindung des denkenden Geistes an einen Bereich.

deśa- Ort, Stelle, Platz, Gegend, Land, Raum, Teil, angezeigte Sache bandhaḥ Bindung cittasya gen n sg des denkenden Geistes dhāraṇā nom f sg Konzentration

tatra pratyayaika-tānatā dhyānam || 3.2 ||

Meditation [ist], dabei die Vorstellung nur auf [etwas] Einzelnes auszurichten.

tatra dort pratyaya- Vorstellung, Gewissheit eka-tānatā nom f sg seine Aufmerksamkeit nur auf Eines Gerichtetheit dhyānam nom n sg Meditation

tad evārtha-mātra-nirbhāsaṃ sva-rūpa-śūnyam iva samādhiḥ || 3.3 ||

Samādhi [ist] es, wenn nur das [Meditations-]Ziel im Bewusstsein leuchtet als wäre die eigene Persönlichkeit abwesend.

tat nom n sg das eva eben, in der Tat artha- Ziel, Zweck, Sache mātra nur nirbhāsam nom n sg Schein, Leuchten, zum Bewusstsein bringen svarūpa- Eigentümlichkeit, Wesen, Natur śūnyam nom n sg leer iva wie, gleichsam samādhiḥ nom m sg Versenkung

trayam ekatra saṃyamaḥ || 3.4 ||

Diese drei, bei einer Sache vereinigt, [heißen] Saṃyama, Sammlung.

trayam nom n sg Dreiheit ekatra an einer Stelle, vereinigt saṃyamaḥ nom m sg Bändigung, Selbstbeherrschung, Fesselung, Konzentration des Geistes, Anstrengung

taj-jayāt prajñālokaḥ || 3.5 ||

Durch dessen Bemeisterung [kommt es zur] Weisheitsschau.

tat- dessen jayāt abl m sg durch Besiegung, Gewinn prajñā- Urteilskraft, Einsicht, Weisheit ālokaḥ nom m sg das Sehen, Anblick, Erblicken, Licht, heller Schein, Schimmer

tasya bhūmiṣu viniyogaḥ || 3.6 ||

Die Anwendung dieser [Übung geschieht] in Stufen.

tasya dessen, seine bhūmiṣu lok f pl in Stufen, graduell viniyogaḥ nom m sg Anstellung, Beauftragung, Anwendung, Verwendung, Gebrauch

trayam antar-aṅgaṃ pūrvebhyaḥ || 3.7 ||

Diese Drei sind der innere Teil, verglichen mit den bereits aufgeführten [fünf der acht Disziplinen des Yoga].

trayam nom n sg Dreiheit antar- in Mitten, innen aṅgam nom n sg Glied, Körper, Bestandteil, Hilfsmittel, Thema pūrvebhyaḥ abl m pl von den vorherigen

tad api bahir-aṅgaṃ nirbījasya || 3.8 ||

In Bezug auf den samenlosen [Samādhi] sind sogar sie ein äußerer Teil [der Yogadisziplin].

tat das api sogar bahir- draußen, äußerer aṅgam nom n sg Bestandteil nirbījasya gen m sg für den Samenlosen

Persönlichkeitsentwicklungen durch Saṃyama-Übungen

vyutthāna-nirodha-saṃskārayor abhibhava-prādurbhāvau nirodha-kṣaṇa-cittānvayo nirodha-pariṇāmaḥ || 3.9 ||

Wenn [man] weltliche Gewohnheiten missachtet, treten die auf Stille ausgerichteten hervor. [Dann] verbindet sich der Geist mit Momenten von Stille. [Das ist] die Entwicklung zur Gedankenstille.

vyutthāna- nach außen drängend nirodha- verstillend, bezwingend saṃskārayoḥ lok/gen m dual bezüglich Gewohnheiten abhi-bhava- das Überwältigt-Werden, Unterdrücktwerden, Erniedrigung, Geringachtung prādur-bhāvau nom m dual das in Erscheinung treten nirodha- Verstillung, Bezwingung kṣaṇa- Momente citta- denkender Geist anvayaḥ nom m sg Verbindung, logischer Zusammenhang, Anziehung nirodha- Verstillung pariṇāmaḥ nom m sg Entwicklung

tasya praśānta-vāhitā saṃskārāt || 3.10 ||

Durch Pflege [kommt es zum] ruhigen Fließen dieser [Entwicklung].

tasya deren praśānta- beruhigt, ruhig, still vāhitā nom f sg Fließen saṃskarāt abl m sg durch Pflege, gute Erziehung, Weihe, Gewohnheiten

sarvārthataikāgratayoḥ kṣayodayau cittasya samādhi-pariṇāmaḥ || 3.11 ||

Wenn alle weltlichen Ziele versiegen und die Einsgerichtetheit hervortritt, [ist das] die Entwicklung des Geistes zum Samādhi.

sarva- alle arthatā- Zweckheit, das Dienen zu ekāgratayoḥ lok/gen f dual bei Einsgerichtetheit kṣaya- Abnahme udayau nom m dual das Aufsteigen, Hervortreten cittasya gen n sg des denkenden Geistes samādhi- Versenkung pariṇāmaḥ nom m sg Entwicklung

tataḥ punaḥ śāntoditau tulya-pratyayau cittasyaikāgratā-pariṇāmaḥ || 3.12 ||

Entwicklung der Einsgerichtetheit [bedeutet] dabei, dass gerade beendete und neu aufkommende Vorstellungen im Geist dieselben sind.

tataḥ dort, von da aus, dahin, dann punaḥ zurück, wieder(um), außerdem (weiter ausführend) śānta- still, erloschen, nachgelassen, aufgehört, gewichen, gestorben uditau nom m dual aufgekommen tulya- gleich, gleichbedeutend, gleichartig, entsprechend pratyayau nom m dual Vorstellung, Gewissheit cittasya gen n sg des denkenden Geistes ekāgratā- Einsgerichtetheit pariṇāmaḥ Entwicklung

etena bhūtendriyeṣu dharma-lakṣaṇāvasthā-pariṇāmā vyākhyātāḥ || 3.13 ||

Damit erklären sich Veränderungen von Dharma, subtilen Hinweisen und Lebenslage, – in der materiellen Welt und beim Sinnesverlangen.

etena inst n sg damit bhūta- geworden, geschehen, Vergangenheit, Tatsache, Wirklichkeit, Dasein, Wohlsein, Gedeihen, materielles Grundelement indriyeṣu lok m pl bei Sinneskräften, Sinnlichkeit dharma- Ordnung, Bestimmung, Natur einer Sache, charkteristische Eigenschaft, Eigentümlichkeit, Attribut, Funktion, Aufgabe lakṣaṇa- Andeutung, indirekte Bezeichnung, glückliches Merkmal, günstiges Zeichen, Gelegenheit avasthā nom f sg Zustand, Lebenslage, Stufe pariṇāmāḥ nom m pl Entwicklungen, Veränderungen vyākhyātāḥ ppp nom m pl erklärt

śāntoditāvyapadeśya-dharmānupātī dharmī || 3.14 ||

Der Dharmī folgt dem Ablauf von vergangenem, gegenwärtigem und zukünftigem Dharma.

Was ist mit "Dharma" und "Dharmī" gemeint?

Vyāsa und andere Kommentatoren erklären Dharma als Eigenschaften materieller Dinge, die sich ständig ändern. Die Grundsubstanz dahinter, die Urmaterie, bleibe dieselbe. Mit Dharmī, also dem Träger der Eigenschaft, sei die Urmaterie gemeint. Nach dieser Auffassung bedeute der Satz etwa: "Die Urmaterie liegt dem Ablauf von vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Eigenschaften zugrunde."

Versteht man jedoch unter "Dharmī" den Übenden, – was mir logischer erscheint – ändert sich die Bedeutung des Satzes und wäre dann etwa: "Der Übende folgt den Veränderungen seiner Aufgaben."

śānta ruhig, sanft, verloschen, aufgehört, verstorben udita aufgestiegen, gesteigert, zu Tage getreten a-vy-apa-deśa unbezeichnet, kein Gemeintsein dharma- Bestimmung, Pflicht, Natur eines Dinges, charakteristisches Merkmal anupātī nom m sg der (einer Sache) Nachgehende, Folgende, der etwas hinterher läuft, der einem Ablauf folgt dharmī nom m sg der mit besonderen Eigenschaften versehene, der Fromme, der Tugendhafte, der seiner Pflicht Treue

kramānyatvaṃ pariṇāmānyatve hetuḥ || 3.15 ||

Ursache von Entwicklungsunterschieden [sind] Unterschiede der Schritte.

krama- Schritte, Reihenfolge anyatvam nom n sg andere Beschaffenheit, Verschiedenheit pariṇāma- Entwicklung anyatve lok n sg Verschiedeneheit hetuḥ nom m sg Ursache

Die Saṃyama-Übungen im Einzelnen

pariṇāma-traya-saṃyamād atītānāgata-jñānam || 3.16 ||

Durch Saṃyama über die Veränderungen der Dreiheit [von Dharma, subtilen Hinweisen und Lebenlage entsteht] Erkenntnis über Vergangenes und Kommendes.

pariṇāma Entwicklung traya- Dreiheit saṃyamāt abl m sg durch Sammlung atīta- vergangenes anāgata- zukünftiges jñānam nom n sg Erkenntnis

śabdārtha-pratyayānām itaretarādhyāsāt saṃkaras tat-pravibhāga-saṃyamāt sarva-bhūta-ruta-jñānam || 3.17 ||

Durch gegenseitige Überlagerung vom Klang eines Ausrufs, seiner Bedeutung und der Vorstellung [die dann entsteht, kommt es zu] einer Vermischung. Durch Saṃyama über deren Aufschlüsselung [kommt es] zum Verstehen der Rufe aller Tiere.

śabda- Wort, Laut artha- Zweck. Sache, Gegenstand, Angelegenheit pratyaya Gewissheit, Vorstellung itara-itara gegenseitig adhyāsāt abl m sg durch falsche Übertragung saṃkaraḥ nom m sg Vermischung tat- das, dessen pravibhāga- Einteilung, Sonderung saṃyamāt abl m sg durch Sammlung sarva- alle bhūta- Wesen ruta- Gebrüll, Geschrei jñānam nom n sg Erkenntnis

saṃskāra-sākṣat-karaṇāt pūrva-jāti-jñānam || 3.18 ||

Indem man sich Gewohnheiten [durch Saṃyama] vor Augen führt, [kommt es zur] Erkenntnis früherer Geburten.

saṃskāra- Gewohnheiten sākṣat- vor Augen karaṇāt abl m sg durch Machen, tun pūrva- vorherig jāti- Geburt jñānam nom n sg Erkenntnis

pratyayasya para-citta-jñānam || 3.19 ||

[Durch Saṃyama] über Vorstellungen [entsteht] Verstehen des Geistes anderer.

Um wessen Vorstellungen handelt es sich? Wenn der Yogi seinen Geist leer macht, können Vorstellungen eines Menschen in seiner Nähe in ihm aufkommen. Durch diese Vorstellungen kann er dessen Geist verstehen.

pratyayasya gen m sg bezüglich der Überzeugung, dem Vertrauen, Glauben, der Vorstellung para- fremd citta- denkender Geist jñānam nom n sg das Erkennen, Verstehen, Wissen, Erkenntnis

na ca tat sālambanaṃ tasyāviṣayī-bhūtatvāt || 3.20 ||

Das aber ohne die tieferen Ursachen, weil es nicht der Bereich war [auf den sich der Yogi durch Saṃyama konzentriert hatte].

na nicht ca und, sogar, dagegen, aber tat nom n sg das sa- mit ālambanam nom n sg Stütze, Grundlage tasya gen m sg dessen, darauf bezüglich a-viṣayī bhūtatvāt adv+abl n sg weil es nicht zum Bereich wurde

kāya-rūpa-saṃyamāt tad-grāhya-śakti-stambhe cakṣuḥ-prakāśāsaṃprayoge 'ntar-dhānam || 3.21 ||

Wenn durch Saṃyama auf die Form des [eigenen] Körpers, die Fähigkeit ihn zu erfassen gehemmt wird und keine Verbindung zum Augenlicht besteht, [kommt es zu] Unsichtbarkeit.

kāya- Körper rūpa- Form, Gestalt saṃyamāt abl sg m durch Sammlung auf tat- das, ihn grāhya- zu erfassen śakti- Fähigkeit stambhe lok sg m bei der Hemmung, Bannung cakṣuḥ- cakṣus Sehkraft, Anblick, das Helle, der Schein, das Auge prakāśa- Licht a-saṃprayoge lok n sg bei Trennung der Verbindung antardhānam nom n sg das Bedecken, Verschwinden

etena śabdādy-antardhānam uktam || 3.22 ||

Damit [wird auch] das Verschwinden von Lauten usw. erklärt.

In manchen Ausgaben gehört diese Zeile zu Vyāsa-s Kommentar und nicht zo den Sūtras, wodurch sich die Zählung ab hier um eine Stelle verringert.

etena inst n sg damit śabda- Laut ādi- als Anfang habend, usw. antardhānam nom n sg das Bedecken, Verschwinden uktam nom n sg gesagt, gesprochen, erwähnt, angegeben, gelernt, gemeint

sopakramaṃ nirupakramaṃ ca karma tat-saṃyamād aparānta-jñānam ariṣṭebhyo vā || 3.23 ||

Karma nähert sich [einem] rasch oder langsam. Durch Saṃyama darüber [erlangt man] das Wissen über den [eignen] Todeszeitpunkt. Oder [man erlangt dieses Wissen] durch [Saṃyama über] ungünstige Vorzeichen.

sa- mit upakramam nom n sg Antritt, Beginn, Herbeikunft niḥ- ohne, Gegenteil von upakramam nom n sg Antritt ca und karma nom sg n Karma tat- darüber saṃyamāt abl m sg durch Saṃyama, Sammlung aparānta Ende, Schluss, Tod jñānam nom n sg Erkenntnis ariṣṭebhyaḥ abl m pl durch Unglück verheißender Vorzeichen, Omen oder

maitryādiṣu balāni || 3.24 ||

[Durch Saṃyama] auf Freundschaft und Ähnliches [entwickelt man] die [entsprechenden] Kräfte.

maitrya- Freundschaft ādiṣu lok pl m mit x als Anfang und weitere, usw balāni nomn pl Kräfte, Stärke, Gewalt

baleṣu hasti-balādīni || 3.25 ||

[Durch Saṃyama] auf Kräfte [entstehen] Elefantenkräfte und dergleichen.

baleṣu lok n pl auf Kräften hasti- Elefant, Rüsseltier bala- Kräfte ādīni nom n pl mit x als Anfang und weitere, usw.

pravṛtty-āloka-nyāsāt sūkṣma-vyavahita-viprakṛṣṭa-jñānam || 3.26 ||

Durch das Eindringen der Aufmerksamkeit in die Entfaltung der Dinge [entsteht] Wissen von Subtilem, Verborgenem und weit Entferntem.

pravṛtti- Entfaltung, Auftreten, Erscheinen, Tätigkeit āloka- das Hinsehen, Erblicken, Anblick, Licht nyāsāt abl m sg durch Hineinstecken, Hineinsetzen, heften an, Niederlegen, Ablegen, Niederschreiben, zur Sprache bringen sūkṣma- subtil vyavahita- der Wahrnehmung entzogen viprakṛṣṭa- entfernt jñānam nom n sg Erkenntnis, Wissen

bhuvana-jñānaṃ sūrye saṃyamāt || 3.27 ||

Durch Saṃyama über die Sonne [entsteht] Wissen über die Welt.

bhuvana- Welt jñānam nom n sg Wissen sūrye nok m sg über die Sonne saṃyamāt abl m sg durch Saṃyama, Sammlung

candre tārā-vyūha-jñānam || 3.28 ||

[Durch Saṃyama] über den Mond [entsteht] Wissen über die Anordnung der Sterne.

candre lok m sg über den Mond tārā- Sterne vyūha- Anordnung jñānam nom n sg Wissen

dhruve tad-gati-jñānam || 3.29 ||

Wissen über deren Bewegung [entsteht durch Saṃyama] über den Polarstern.

dhruve lok m sg über den Polarstern tat- deren gati- Gang, Bewegung, Art zu gehen jñānam nom n sg Wissen

nābhi-cakre kāya-vyūha-jñānam || 3.30 ||

[Durch Saṃyama] über das Nabel-Chakram das Wissen über die Anordnung der Teile des Körpers.

nābhi- Nabel cakre lok sg n bei Chakra kāya- Körper vyūha- Anordnung der Teile, Disposition, Gesamtheit, ausführliche Beschreibung jñānam nom sg n Wissen

kaṇṭha-kūpe kṣut-pipāsā-nivṛttiḥ || 3.31 ||

[Durch Saṃyama] über die Grube unter der Kehle das Aufhören von Hunger und Durst.

kaṇṭha- Kehl kūpe lok m sg über die Grube kṣut=kṣudh- Hunger pipāsā- Durst nivṛttiḥ nom f sg das Aufhören, Verschwinden

kūrma-nāḍyāṃ sthairyam || 3.32 ||

[Durch Saṃyama] über den Schildkröten-Energiekanal (unterhalb der Kehlgrube), [entsteht] Ausdauer.

kūrma- Schildkröte nāḍyām lok f sg über den Energiekanal sthairyam nom n sg Festigkeit, Ausdauer

mūrdha-jyotiṣi siddha-darśanam || 3.33 ||

[Durch Saṃyama] über das Licht im Stirnbereich [gelangt man zur] Wahrnehmung vollendeter Yogīs.

mūrdha- Stirn, Schädel jyotiṣi lok n sg über das Licht siddha- Vollendeter, Seliger darśanam nom n sg das Sehen, Schau, Anblick, Wahrnehmung

prātibhād vā sarvam || 3.34 ||

Oder alles durch Intuition.

prātibhāt abl n sg durch Intuition oder sarvam nom n sg alle, alles

hṛdaye citta-saṃvit || 3.35 ||

[Durch Saṃyama] über das Herz [entsteht] Verständnis für den denkenden Geist.

hṛdaye lok n sg über das Herz citta- denkender Geist saṃvit nom f sg Erkenntnis, Empfindung, Einverständnis, Übereinkunft

sattva-puruṣayor atyantāsaṃkīrṇayoḥ pratyayāviśeṣo bhogaḥ parārthatvāt svārtha-saṃyamāt puruṣa-jñānam || 3.36 ||

Weltlicher Genuss [kommt zustande bei der] Überzeugung, dass kein Unterschied besteht zwischen dem innersten Bewusstsein im Menschen (puruṣa) und dem verstehenden Element im Geist (sattva), [obwohl] beide ganz unvermischt sind. Weil dieser [weltliche Genuss] kein Selbstzweck [ist, sondern dem innersten Menschen zur Erfahrung dient], kommt man durch Saṃyama über das, was nur sich selbst dient, zur Erkenntnis des innerstern Menschen.

sattva- Seinsheit, reinste materielle Eigenschaft puruṣayoḥ gen dual m und Purusha atyanta- vollständig, übermäßig a-saṃ-kīrṇayoḥ gen dual m von den beiden nicht verunreinigten, unvermischten pratyaya- Vorstellung, Gewissheit aviśeṣaḥ nom m sg kein Unterschied bhogaḥ nom m sg Erfahrung, Genuss parārthatvāt abl n sg weil um eines anderen willen geschehend svārtha- seiner selbst wegen saṃyamāt abl m sg durch Saṃyama, Sammlung puruṣa-jñānam nom n sg Erkenntnis des Purushas

tataḥ prātibha-śrāvaṇa-vedanādarśāsvāda-vārtā jāyante || 3.37 ||

Dann kommt es zu übersinnlichem Hören, Fühlen, Sehen, Schmecken und Riechen.

tataḥ dann prātibha intuitiv, Intuition, Inspiration śrāvaṇa Hören vedanā Empfindung ādarśa Abbild, Spiegel āsvāda Schmecken vārtāḥ/vārttāḥ nom f pl Lebensunterhalt, Neuigkeit, Gerücht, Geruchsempfindung jāyante 3p pl präs ātm werden geboren, werden hervorgebracht, entstehen, eintreten, stattfinden

te samādhāv upasargā vyutthāne siddhayaḥ || 3.38 ||

Diese sind im Samādhi Ablenkungen, bei der Rückkehr zur weltlichen Ebene sind es paranormale Kräfte.

ta nom m pl diese samādhau lok sg m im, für Samādhi upasargāḥ nom m pl Ablenkungen, Neben-Entlassung vyutthāne lok n sg beim Zurückkehren zur Welt der Wahrnehmungen, beim sich abwenden, entfernen siddhayaḥ nom f pl glückliche Erfolge, Zaubermacht

bandha-kāraṇa-śaithilyāt pracāra-saṃvedanāc ca cittasya para-śarīrāveśaḥ || 3.39 ||

Indem man sich die Hinausgehens[fähigkeit] des Geistes bewusst mancht und den Bindungsgrund [an den eigenen Körper] löst [entsteht die Fähigkeit des Geistes zum] Eindringen in andere Körper.

bandha- Bindung kāraṇa- Veranlassung, Ursache, Grund, Mittel, Werkzeug, Sinnesorgan śaithilyāt abl n sg durch Lösung, Lockerung pracāra- Hinausgehen saṃvedanāt abl n sg durch Erkennen, Bewusstwerden ca und cittasya gen n sg des denkenden Geistes para- fremd, andere śarīra- Körper āveśaḥ nom m sg Eintreten

udāna-jayāj jala-paṅka-kaṇṭakādiṣv asaṅga utkrāntiś ca || 3.40 ||

Durch Meisterschaft über den Udāna-Prāṇa, [die aufsteigende Energie, erlangt man] das Nichthaften an Wasser, Matsch, Dornen und dergleichen und das [willentliche] Aufsteigen [durch die Luft sowie aus dieser Welt ins Jenseits].

udāna- die sich von unten nach oben bewegende Lebenskraft im Körper jayāt abl m sg durch Sieg jala- Wasser paṅka- Matsch kaṇṭaka- Dornen ādiṣu lok m pl und dergleichen asaṅgaḥ nom m sg das Nichthaften utkrāntiḥ das Hinaufschreiten

samāna-jayāj jvalanam || 3.41 ||

Durch Meisterschaft über den Samāna-Prāṇa, [der im Nabel wohnenden Energie, die die Nahrung im ganzen Köroper verteilt, entsteht] feurige Leuchtkraft.

samāna- Lebenskraft, die in Magen und Darm das Verdauungsfeuer bewirkt jayāt abl m sg durch Sieg jvalanam nom n sg das Flammen, das Brennen, das in Flammen stehen

śrotrākāśayoḥ saṃbandha-saṃyamād divyaṃ śrotram || 3.42 ||

Durch Saṃyama über den Zusammenhang von Gehör und Raum [entsteht] himmlisches Gehör.

śrotra- Gehör ākāśayoḥ gen dual m und freiem Raum saṃbandha- Verbindung saṃyamāt abl m sg durch Saṃyama, Sammlung divyam- nom n sg himmlisch śrotram nom n sg Gehör

kāyākāśayoḥ saṃbandha-saṃyamāl laghu-tūla-samāpatteś cākāśa-gamanam || 3.43 ||

Durch Saṃyama über den Zusammenhang von Körper und Raum, und durch die Einswerdung mit einer leichten Baumwollrispe [entsteht die Fähigkeit] durch den Raum zu fliegen.

kāya- Körper ākāśayoḥ gen dual m und Raum saṃbandha- Verbindung saṃyamāt abl sg m durch Saṃyama, Sammlung laghu- leicht tūla- Baumwollrispe samāpatteḥ abl f sg durch Zusammenfallen, durch Aufgehen des Subjekts im Objekt ca und ākāśa- freier Raum, Luftraum gamanam nom n sg Gehen, das sich Bewegen

bahir akalpitā vṛttir mahā-videhā tataḥ prakāśāvaraṇa-kṣayaḥ || 3.44 ||

[Durch Saṃyama über] die außerhalb [des Körpers tatsächlich befindliche und] nicht [nur] vorgestellte Gedankenaktivität [entsteht] die „große Außerkörperlichkeit“. Danach nimmt die Verschleierung des Lichts ab.

bahiḥ außerhalb akalpitā nom f sg nicht nur vorgestellte vṛttiḥ nom f sg Gedankenwelle mahā- große videhā nom f sg Körperlosigkeit tataḥ dann prakāśa- Licht āvaraṇa- Verschleierung kṣayaḥ nom m sg Verminderung

sthūla-svarūpa-sūkṣmānvayārthavattva-saṃyamād bhūta-jayaḥ || 3.45 ||

Meisterschaft über materielle Sachen [erlangt man] durch Samyama über (1) ihr wahrnehmbare Aussehen, (2) ihre Natur, (3) ihre feinstoffliche Beschaffenheit, (4) ihr Zusammenhang und (5) ihre Bedeutung.

sthūla- grob, dick, dumm, grobstofflich, materiell, für die Sinne wahrnehmbar svarūpa- ursprüngliche Form, Eigennatur sūkṣma- feinstofflich anvaya- Nachkommenschaft, Geschlecht, Familie, Verbindung, logischer Zusammenhang arthavattva- Bedeutsamkeit, Zweckmäßigkeit saṃyamāt abl m sg durch Saṃyama, Sammlung bhūta- gewordenes, stoffliches Element jayaḥ nom m sg Sieg

tato 'ṇimādi-prādurbhāvaḥ kāya-saṃpat tad-dharmānabhighātaś ca || 3.46 ||

Dann kommen Aṇimā, [die Fähigkeit sich winzig zu machen] und die anderen [Wunderkräfte] zum Vorschein sowie die glückliche Beschaffenheit des Körpers [da] dessen natürliche Eigenschaften nicht mehr gehemmt werden.

tataḥ dann aṇima- Fähigkeit, sich unendlich klein zu machen ādi- usw. prādurbhāvaḥ nom m sg das zum Vorschein Kommen kāya- Körper saṃpat nom f sg glückliche Beschaffenheit tat- dessen dharma- Eigenschaften an-abhi-ghātaḥ nom m sg Nichthemmung ca und

rūpa-lāvaṇya-bala-vajra-saṃhananatvāni kāya-saṃpat || 3.47 ||

Glückliche Beschaffenheit des Körpers [sind] schöne Gestalt, Anmut, Kraft und diamantene Festigkeit.

rūpa- äußere Erscheinung, Gestalt, schöne Gestalt lāvaṇya- Anmut bala- Kraft, Stärke, Gewalt vajra- Blitzstrahl, Diamant saṃhananatvāni nom n pl Festigkeit, fester, kräftiger Körperbau kāya- Körper saṃpat nom f sg glückliche Beschaffenheit

grahaṇa-svarūpāsmitānvayārthavattva-saṃyamād indriya-jayaḥ || 3.48 ||

Meisterschaft über die Sinneskräfte [erlangt man] durch Saṃyama über (1) sinnliche Wahrnehmung, (2) das Wesen der Sinneskräfte, (3) den Ego-Bezug, (4) den Zusammenhang und (5) die Bedeutung [der Sinneswahrnehmung für die Erfahrung und Befreiung des innersten Menschen].

grahaṇa- das Ergreifen, Erfassen, Wahrnehmen, Begreifen svarūpa- die eigene Gestalt/Form, die eigne Beschaffenheit, Eigentümlichkeit, Wesen, Natur, Charakter asmitā- Ichhaftigkeit anvaya- Verbindung, logischer Zusammenhang arthavattva- Bedeutsamkeit, Zweckmäßigkeit saṃyamāt abl m sg durch Saṃyama indriya- Sinne, Sinneskräfte, Sinnesverlangen jayaḥ nom m sg Sieg

tato mano-javitvaṃ vikaraṇa-bhāvaḥ pradhāna-jayaś ca || 3.49 ||

Dann [entstehen] gedankenschnelle Geschwindigkeit, Wirken ohne Handlungsorgane, und Meisterschaft über das Unmanifestierte.

tataḥ dann manaḥ- Gemüt, diskursives Denken javitvam nom n sg Schnelligkeit vikaraṇa- organlos bhāvaḥ nom m sg Daseins-Gefühl pradhāna- Urmaterie, Ausgangsmaterie, Grundmaterie, Basismaterie jayaḥ nom m sg Sieg ca und

Der Weg zu Kaivalya

sattva-puruṣānyatā-khyāti-mātrasya sarva-bhāvādhiṣṭhātṛtvaṃ sarva-jñātṛtvaṃ ca || 3.50 ||

Herrschaft über alle Daseinszustände und Allwissentheit [entsteht] allein für den, der erkennt, dass das der Puruṣa, [das innerste Bewusstsein im Menschen,] etwas anderes ist als das verstehende Element im Geist.

sattva- Wesen, Klarheit, Reinheit als Eigenschaft der Natur puruṣa- innerster Mensch, eigentliches Wesen anyatā- Andersartigkeit khyāti- Erkenntnis, Einsicht mātrasya- gen m sg für den der nichts als, nur sarva- all bhāva- das Werden, Art und Weise zu sein, Gemütszustand adhi-ṣṭhātṛ-tvam nom n sg Vorsteherschaft, Regierungsamt, Leitung, Schutzgottheit sarva- all jñātṛ-tvam nom n sg Erkennerschaft ca und

tad-vairāgyād api doṣa-bīja-kṣaye kaivalyam || 3.51 ||

Durch Gleichgültigkeit sogar dem gegenüber, [erlangt der Yogi], beim Versiegen der Keime ungünstiger Eigenschaften, Kaivalya, [Befreiung].

tat- davon, dessen vairāgyāt abl n sg durch Gleichgültigkeit, Widerwille, Abneigung, Leidenschaftslosigkeit api sogar, aber doṣa- schlechte schädliche Eigenschaft, Fehlerhaftigkeit bīja- Keim, Samen kṣaye lok m sg bei Abnahme, Schwund, Verlust kaivalyam Befreiung, vollkommene Erlösung, Alleinheit

sthāny-upanimantraṇe saṅga-smayākaraṇaṃ punar-aniṣṭa-prasaṅgāt || 3.52 ||

Bei Einladung durch Hochgestellte [entwickle der Yogi] keine Anhänglichkeit an Hochmut wegen [der Gefahr] erneuter Neigung zu unerwünschten [Eigenschaften].

sthāni- eine hohe Stellung einnehmend upa-ni-mantraṇe lok n sg bei Einladung saṅga- Hängenbleiben an, Anhaftung, Berührung, Anhänglichkeit, Lust smaya- Staunen, Hochmut akaraṇam nom n sg das Nichttun, Unterlassen punar- wieder, erneut an-iṣṭa- unerwünscht pra-saṅgāt abl m sg durch Hängen an, sich Beschäftigen mit, durch Neigung

kṣaṇa-tat-kramayoḥ saṃyamād vivekajaṃ jñānam || 3.53 ||

Durch Saṃyama auf den Moment und den ihm folgenden, [entsteht] aus Unterscheidung geborene Erkenntnis.

kṣaṇa- Augenblick tat- den kramayoḥ lok dual m bei den beiden Schritten, Reihenfolge saṃyamāt durch Saṃyama viveka- Unterscheidungsfähigkeit -jam nom n sg geboren aus jñānam nom n sg Erkenntnis

jāti-lakṣaṇa-deśair anyatānavacchedāt tulyayos tataḥ pratipattiḥ || 3.54 ||

Dann [kann man] zwei [Objekte, die] durch Herkunft, Art und Ort ununterscheidbar [sind], unterscheiden.

Diese Fähigkeit ist wichtig, um den Unterschied zwischen dem verstehenden Element des Geistes und dem innersten Menschen zu erkennen.

jāti- Herkunft, Familie, Art, Gattung lakṣaṇa Markmal, Charakter deśaiḥ inst m pl Ort] anyatā- Verschiedenheit anavacchedāt abl m sg durch Unbestimmtheit tulyayoḥ lok dual m auf zwei gleichartige, entsprechende, gleichbedeutende, gleiche tataḥ dann pratipattiḥ nom f sg Teilhaftigwerden, Innewerdung, Wahrnehmung, Erkenntnis, Einsicht

tārakaṃ sarva-viṣayaṃ sarvathā-viṣayam akramaṃ ceti vivekajaṃ jñānam || 3.55 ||

Die aus Unterscheidung geborene Erkenntnis bringt einen auf allen Ebenen und in jeglicher Hinsicht zum anderen Ufer, [und zwar] nicht schrittweise [sondern in einem Mal].

tārakam nom n sg übersetzend, hinüberbringend, erlösend, rettend sarva- alle, jede viṣayam nom n sg Bereich, Gebiet sarvathā- auf jegliche Weise, vollständig viṣayam nom n sg Bereich, Gebiet akramam nom n sg nicht allmählich erfolgend, mit einem Mal erfolgend ca und iti also, steht am Ende einer Rede oder eines Gedankengangs viveka- Unterscheidungsfähigkeit jam nom n sg geboren aus, entstanden aus jñānam nom n sg Erkenntnis

sattva-puruṣayoḥ śuddhi-sāmye kaivalyam iti || 3.56 ||

Wenn die Reinheit des verstehenden Elements im Geist (sattva) der Reinheit des innersten Bewusstseins im Menschen (puruṣa) gleicht [kommt es zu] Kaivalya, [Erlösung]. So ist es also.

Das Wort "iti" am Ende des Satzes, das nicht wirklich zum Satz gehört, deutet darauf hin, dass die Yoga-Sūtras hier abgeschlossen waren.

sattva- Sattva, das Element im Geist, welches das Licht des Puruṣa reflektiert und deshalb Verstand zu haben scheint puruṣayoḥ lok dual m und beim innersten Menschen, bewussten Prinzip śuddhi- Reinheits sāmye lok m sg Gleichheit kaivalyam nom n sg Alleinheit, vollkommene Erlösung iti also, am Ende von Gesprochenem oder Gedachtem stehend, gesprochenes Ausführungszeichen

iti patañjali-viracite yoga-sūtre tṛtīyo vibhūti-pādaḥ

So [lautet] im von Patañjali verfassten Yogaleitfaden das dritte, Machtenfaltung [genannte,] Kapitel

चतुर्थः कैवल्यपादः

caturthaḥ kaivalya-pādaḥ

Viertes Kapitel: Befreiung

Psychologisch-philosophisches Menschenbild

janmauṣadhi-mantra-tapaḥ-samādhijāḥ siddhayaḥ || 4.1 ||

Durch Geburt, Heilkräuter, Mantras, Erzeugen innerer Glut und Samādhi kommt es zu paranormalen Kräften (Siddhis).

Dieselbe Liste findet sich auch bei Vasubandhu. Sie gehört thematisch eher zu Kapitel 3. Ein Indiz, dass Kapitel 4 später hinzugefügt wurde.

janma- Geburt oṣadhi- Kraut, Planze, Heilkraut mantra- Mantras tapaḥ- Glut, Askeseübung samādhi- Extase jāḥ nom f pl entstanden aus siddhayaḥ nom f pl paranormale Kräfte

jāty-antara-pariṇāmaḥ prakṛtyāpūrāt || 4.2 ||

Die Entwicklung von Geburt zu Geburt [geschieht] aus dem Überfluss der schöpferischen Lebenskraft (Prakṛti).

jāti- Geburt, Wiedergeburt, Familie, Geschlecht, Gattung, durch Geburt bestimmte Daseinsform, ~ Stellung im Leben antara- andere pariṇāmaḥ nom m sg Umwandlung, Entwicklung prakṛti- schöpferische Urnatur āpūrāt abl m sg aus der Fülle, Überfluss, Übermaß

nimittam aprayojakaṃ prakṛtīnāṃ varaṇa-bhedas tu tataḥ kṣetrikavat || 4.3 ||

Der Auslöser von Geschaffenem ist nicht deren schöpferische Ursache, sondern [nur] das Durchstechen eines Damms, wie bei einem Bauer, [der den Damm eines Wasserreservoirs durchsticht um sein Feld zu bewässern].

nimittam nom n sg Veranlassung a-prayojakam nom n sg nicht bewirkend prakṛtīnām gen f pl von den natürlichen, von den Umständen, von den natürlichen Formen. natürliches Temperament varaṇa- Damm bhedaḥ nom m sg Durchbrechen, Durchbohren, Teilung, Aufbrechen, Öffnung tu jedoch tataḥ dann kṣetrika- Bauer, Landwirt -vat adv in der Art und Weise von

nirmāṇa-cittāny asmitā-mātrāt || 4.4 ||

Geschaffene Persönlichkeiten [bestehen] aus bloßem "Ich-bin"-Gefühl.

Die klassischen Kommentatoren gehen davon aus, dass es hier um "Bilokation" geht, also die Fähigkeit des Yogis, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein.

Man könnte den Satz auch so verstehen, dass es um verschiedene Persönlichkeiten geht, die man im eigenen Geist erzeugen kann, und die für unterschiedliche Rollen im Leben zuständig sind. Etwa, die unterschiedlichen Persönlichkeiten die eine Frau als Mutter, Ehefrau und Chefin eines Betreibs haben kann, oder die Persönlichkeiten, die ein guter Puppenspieler seinen Puppen gibt.

nirmāṇa- Messung, Maaß, das Schaffen, Schöpfung, Werk cittāni nom n pl denkende Geister, Persönlichkeiten asmitā- Ichheit mātrāt abl n sg nur durch, allein durch

pravṛtti-bhede prayojakaṃ cittam ekam anekeṣām || 4.5 ||

Bei unterschiedlichen Tätigkeiten [ist] eine einzelne Persönlichkeit der Leiter der anderen.

pravṛtti- Vonstattengehen, Hervortreten, Ursprung, Tätigkeit, Wirksamkeit, Benehmen bhede lok m sg bei Verschiedenheit, Trennung prayojakam nom n sg Veranlasser, Auftragerteiler, Urheber, Verfasser cittam nom n sg denkender Geist ekam nom n sg einer anekeṣām lok n pl unter zahlreichen

tatra dhyānajam anāśayam || 4.6 ||

Dort ist aus Meditation Geborenes ohne die innere Ansammlung [begrenzender Gewohnheiten, Wünsche und Karma].

Āśaya ist die Bezeichnung für den Behälter von Samskāras, Vāsanas und Karma, den man von Geburt zu Geburt mitnimmt. Es ist sozusagen der Rucksack, das Päckchen, mit dem man auf die Welt kommt.

Das letzte Hemd hat zwar keine materiellen Taschen, aber eine große immaterielle, nämlich Āśaya. Unsere Gedanken und Tätigkeiten werden durch Āśaya gefärbt. Aber Impulse, die man während der Meditation bekommt, sind entsprechend der Meditationstiefe frei von diesen Begrenzungen.

tatra dort, dhyāna Meditation -jam nom n sg geboren aus an-āśayam nom n sg frei von Gesinnungs und Denkweise und Absichten, ohne die Anlage von Wünschen, Tendenzen und Karma, mit der ein Mensch zur Welt kommt

Karma und Gewohnheiten

karmāśuklākṛṣṇaṃ yoginas trividham itareṣām || 4.7 ||

Handlungen eines Yogis sind weder lauter noch dunkel, die von anderen sind von dreierlei Art (d.h. gut, gemischt und schlecht).

Vier Arten von Handlungen werden unterschieden.

  1. Handlungen die gutes Karma erzeugen
  2. die schlechtes Karma erzeugen
  3. die gemischtes Karma erzeugen
  4. Handlungen von Yogis, der allen Selbstbezug aufgegeben haben

Dementsprechend bewertet ein Yogi alles, was ihm karmisch zustößt, als Hilfe auf dem Weg zum Ziel, statt als gutes oder schlechtes Karma.

karma- Karma a-śukla nicht hell a-kṛṣṇam nom n sg nicht dunkel yoginaḥ gen m sg des Yogīs trividham nom n sg dreiartig itareṣām lok m pl in anderen

tatas tad-vipākānuguṇānām evābhivyaktir vāsanānām || 4.8 ||

Davon folgt die Aktivierung schlummernder Gewohnheiten, wenn entsprechendes [Karma] herangereift ist.

Das Konzept von Karma beinhaltet die Vorstellung, dass Handlungskonsequenzen nicht unmittelbar nach einer Tat zu einem zurückkehren, sondern dass es einen zeitliche Dauer gibt, in der die Frucht der Taten heranreift.

Erst wenn das Karma "reif" ist, kommt es zu einem zurück. Dieser Prozess kann sich über mehrere Leben erstrecken.

tataḥ dann, von da her, von da aus, dort daher, darum tat- dessen vipāka- Reifung, das Heranreifen der Frucht der Werke, das Resultat, die Folgen, in Folge von, anuguṇānām gen f pl der entsprechenden, von entsprechenden Eigenschaften, gleichartig, je nach den Verdiensten eva in der Tat abhi-vyaktiḥ nom f sg Offenbarwerdung vāsanānām nom f sg schlummernder Eindruck, Wunsch

jāti-deśa-kāla-vyavahitānām apy ānantaryaṃ smṛti-saṃskārayor eka-rūpatvāt || 4.9 ||

Obwohl sie von Ursprung, Ort und Zeit getrennt sind, folgen Erinnerung und Gewohnheit (Saṃskāra) unmittelbar aufeinander, weil sie ein und dieselbe Form haben.

jāti- Geburt, Ursprung, Stellung im Leben, Familie, Daseinsform, Art, Beschaffenheit deśa- Ort kāla- Zeitpunkt vyavahitānām gen pl für die unterbrochenen, getrennten api obwohl ānantaryam nom n sg unmittelbares Aufeinanderfolgen smṛti- Erinnerung saṃskārayoḥ gen dual m und für Gewohnheit ekarūpatvāt abl n sg durch eine einzige Form

tāsām anāditvaṃ cāśiṣo nityatvāt || 4.10 ||

Und von ihnen gibt es keinen Anfang, weil der Wunsch [zu existieren] immer da ist.

tāsām gen f pl von ihnen anāditvam nom n sg Anfanglos ca und, auch, sogar āśiṣaḥ gen f sg des Wunsches, Bitte, Bittgebets, Segenswunsch nityatvāt abl n sg wegen der Beständigkeit, stetem Verharren, Sichgleichbleiben, der ewigen Dauer, Notwendigkeit, Unumgänglichkeit

hetu-phalāśrayālambanaiḥ saṃgṛhītatvād eṣām abhāve tad-abhāvaḥ || 4.11 ||

Weil [bei Gewohnheiten] Ursache (hetu) und Wirkung (phalam), Gefühle (āśraya) und äußerer Anlass (ālambanam) zusammenwirken, ist bei deren Abwesenheit die [Gewohnheit] abwesend.

hetu- Ursache, Grundursache, Hauptursache, Veranlassung phala- Frucht āśraya- das Sichanheften, Anschluss, Abhängigkeit, Bezug auf, Stütze, Halt, Unterlage, Subjekt ālambanaiḥ inst n pl von wahrgenommenen Objekten, Sichstützen auf, Stütze, Fundament, eigentlicher Grund der Gefühlserregung saṃgṛhītatvāt abl n sg durch Zusammenfassung, ~wirkung eṣām gen m pl von denen abhāve lok m sg bei Abwesenheit tat- das abhāvaḥ nom m sg Abwesenheit

Zeit und Realität der Außenwelt –
Auseinandersetzung mit der Yogācāra-Schule

Die beiden folgenden Abschnitte bestehen aus Gegenargumenten zur buddhistischen Yogācāra-Schule, einer damals einflussreichen Bewegung.

  1. Yogācāra hält die äußere Welt für citta-mātra, bloßen denkenden Geist. Wahrgenommene Objekte seien vijñapti-mātra, reine gedankliche Konzepte. Wenn mehrere Personen dasselbe sehen, hätten sie nur dasselbe Konzept im Geist. Äußere Objekte gäbe es gar nicht.
  2. Das Speicherbewusstsein, ālaya-vijñāna, sei der Teil des Geistes, in dem sich Eindrücke, Karma, Wünsche und Verhaftungen sammeln würden. Von hier würde sich Bewusstsein ausbreiten auf Gemüt (manas) Geist (citta) und die 5 Sinne. Eine höhere dauerhafte Instanz wie den Puruṣa oder Ātman als Quelle des Bewusstseins gäbe es nicht.
  3. Alles sei ein Strom von Augenblicken (kṣaṇika) und der gegenwärtige Augenblick sei weder mit vergangenen noch zukünftigen Augenblicken verbunden, da diese nicht mehr oder noch nicht existieren würden.

Gegen diese Auffassungen wendet sich unser Text.

atītānāgataṃ sva-rūpato 'sty adhva-bhedād dharmāṇām || 4.12 ||

Vergangenes und Zukünftiges existieren auf ihre eigene Art. Form und Ausdruck unterscheiden sich durch den Zeitverlauf.

Die Idee ist, dass Vergangenes und Zukünftiges auch in der Gegenwart auf subtile Art bestehen. In der Meditation kann darauf zugegriffen werden.

atīta- Vergangenes anāgatam nom n sg noch nicht gekommenes, Zukünftiges sva-rūpataḥ adv von Natur aus, von Haus aus, in Wirklichkeit, von selbst asti 3 sg präs es ist, existiert adhva- Weg, Reise, Entfernung, Zeit bhedāt abl m sg durch den Unterschied dharmāṇām gen m pl der Eigenschaften, der Art und Weise der Dinge

te vyakta-sūkṣmā guṇātmānaḥ || 4.13 ||

[Form und Ausdruck sind entweder] sichtbar manifestiert oder latent. Die Guṇas sind ihre Bestandteile.

Die Gegenwart ist sichtbar manifestiert, Vergangenheit und Zukunft sind latent.

te nom m pl diese vyakta- sichtbar entfaltet sūkṣmāḥ nom m pl subtil guṇa- Guṇa ātmānaḥ nom m pl als ihre Essenz habend, Natur, Wesen, Selbst

pariṇāmaikatvād vastu-tattvam || 4.14 ||

Die Realität von Gegenständen [besteht] aufgrund der Einheit hinter den Umwandlungen [der Guṇas].

Es ist so zu verstehen, wie wenn man aus Modelliermasse nacheinander verschiedene Figuren macht. Dann ist es die Modelliermasse, die bestehen bleibt und den Figuren die Existenz gibt.

pariṇāma- Veränderungen, Umwandlungen ekatvāt abl n sg durch Einheit vastu- Gegenstand tattvam nom n sg Realität

vastu-sāmye citta-bhedāt tayor vibhaktaḥ panthāḥ || 4.15 ||

Wenn der gleiche Gegenstand durch verschiedene Personen [wahrgenommen wird, müssen] bei beiden (d.h. Gegenstand und denkendem Geist der Person) verschiedene Vorgänge [vorliegen, d.h. der Gegenstand existiert unabhängig vom denkenden Geist einer Person].

vastu- Gegenstand sāmye lok n sg bei Gleichheit citta- denkender Geist bhedāt abl m sg durch den Unterschied tayor gen m dual für beide vibhaktaḥ Trennung, Absonderung panthāḥ nom m sg Weg, Weise

na caika-citta-tantraṃ vastu tad-apramāṇakaṃ tadā kiṃ syāt || 4.16 ||

Ein Gegenstand ist auch nicht von denkenden Geist eines einzelnen [Menschen] abhängig, was wäre sonst bei Nichtwahrnehmung dieses [Gegenstands]?

na nicht ca und, auch eka- ein, einzeln citta- denkender Geist tantram nom n sg Webstuhl, das sich hindurchziehende, das wovon etwas anderes abhängt vastu nom n sg Gegenstand tat- diesen a-pramāṇa-kam nom n sg nicht erfassen, nicht verstehen tadā dann, in dem Fall kim was syāt 3 sg opt wäre

Ablauf von Wahrnehmung

tad-uparāgāpekṣatvāt cittasya vastu jñātājñātam || 4.17 ||

Wenn durch Betrachtung eines Gegenstands eine Veränderung im denkenden Geist [entsteht, wird der Gegenstand] wahrgenommen. [Gibt es keine Veränderung wird er] nicht wahrgenommen.

tat- durch das, von dem upa-rāga- Färbung, Einfluss apa-īkṣatvāt abl sg durch Betrachtung, Beachtung cittasya gen n sg des denkenden Geistes vastu nom n sg Gegenstand jñāta- erkannt, in Erfahrung gebracht, bemerkt ajñātam nom n sg nicht erkannt. nicht bemerkt

sadā jñātāś citta-vṛttayas tat-prabhoḥ puruṣasyāpariṇāmitvāt || 4.18 ||

Veränderungen im denkenden Geist werden stets erkannt von dessen Herrn, dem innersten Bewusstsein im Menschen, da dieses ohne Veränderung ist.

sadā immer jñātāḥ nom f pl erkannt citta- denkender Geist vṛttayaḥ nom f pl Gedankenwellen tat- von dessen prabhoḥ gen m sg vom Herrn, Gebieter, der Macht hat über puruṣasya gen m sg des Purusha a-pari-ṇāmitvāt abl n sg durch Veränderungslosigkeit

na tat svābhāsaṃ dṛśyatvāt || 4.19 ||

Der [denkende Geist] ist nicht aus sich selbst heraus bewusst, da er ein Objekt der Wahrnehmung [durch das innerste Bewusstsein im Menschen] ist.

na nicht tat nom n sg er sva- selbst ābhāsam leuchtend dṛśyatvāt abl n sg wegen Wahrnehmbarkeit

eka-samaye cobhayānavadhāraṇam || 4.20 ||

Und zum selben Zeitpunkt [gibt es] keine klare Feststellung von beiden, [d.h. dem denkenden Geist und den wahrgenommenen Objekten].

Wenn man etwas wahrnimmt, ist man sich oft nicht nur des wahrgenommenen Objekts bewusst, sondern ebenfalls der eigenen Person. Diese beiden Bewusstwerdungen geschehen in der Regel nicht gleichzeitig, sondern kurz nacheinander.

Im Yogācāra mit seiner Theorie unverbundener Augenblicke wird es schwierig, diesen Vorgang zu erklären.

eka- ein, einzig samaye lok m sg beim Ort, Gelegenheit, zur Zeit des Zusammentreffenans ca und, auch ubhaya- beide an-ava-dhāraṇam nom n sg keine genaue Bestimmung, Bestätigung, Bejahung

Bewusstsein und denkender Geist

cittāntara-dṛśye buddhi-buddher atiprasaṅgaḥ smṛti-saṃkaraś ca || 4.21 ||

Wenn [Bewusstsein entstehen würde, indem Gedanken] von anderen Gedanken bemerkt werden, [also] Einsicht durch Einsicht, [wäre das] eine Endlosschleife und Vergegenwärtigungsvermischung.

Veränderung im denkenden Geist werden durch Vergleich mit einer anderen inneren Ebene bemerkt und dadurch bewusst wahrgenommen. Wenn diese innere Ebene sich aber ebenfalls verändert, muss deren Veränderung von einer noch innerern Ebene wahrgenommen werden, und diese von einer noch inneren, usw., da Yogācāra eine unveränderliche Ebene ablehnt.

citta- denkender Geist antara- verschiedener dṛśye lok sg wenn sichtbar, wahrzunehmen buddhi- Einsicht buddheḥ abl f sg durch die Einsicht atiprasaṅgaḥ nom m sg endlose Regression smṛti- Erinnerung, Vergegenwärtigung, Tradition saṃkaraḥ nom m sg Vermischung ca und, auch

citer aprati-saṃkramāyās tad-ākārāpattau sva-buddhi-saṃvedanam || 4.22 ||

Die Gewahrwerdung einer eigenen Einsicht in den Ereignisbildern des denkenden Geistes [ist die Wirkung] des reinen unbeeindruckten Bewusstseins.

Das reine Bewusstsein des Purusha spiegelt sich im denkenden Geist, Citta, etwa wie sich der Mond im Wasser spiegelt. Gibt es Wellen im Wasser, sieht es im Spiegelbild aus, als würde sich der Mond bewegen.

Ebenso scheint sich das Bewusstsein zu bewegen, wenn es Gedankenwellen im Citta gibt. Der Purusha betrachtet sich im Spiegel des denkenden Geistes und wird sich der Erlebnisse des denkenden Geistes bewusst.

citeḥ gen f sg des reinen Bewusstseins a-prati-saṃkramāyāḥ gen f sg des unbeeindruckten tat- dessen ākāra- Aussehen āpattau lok f sg bei Ereignis, Umwandlung sva- eigen, selbst buddhi- Einsicht, Verständnis, Wahrnehmung saṃvedanam nom n sg Erkennen, Bewusstwerden

draṣṭṛ-dṛśyoparaktaṃ cittaṃ sarvārtham || 4.23 ||

Gefärbt vom Wahrnehmer (d.h. dem innersten Bewusstsein im Menschen) und dem Wahrgenommenen (d.h. der inneren und äußeren Welt) ist der denkende Geist zu allem anwendbar.

Der denkende Geist ist die Schnittstelle zwischen der geschaffenen Welt und dem unveränderlichen innersten Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist so verschieden von der Welt, dass es keine Beziehungen zueinander gibt. Erst durch die Vermittlung des denkenden Geistes kann das Bewusstsein die Welt erfahren.

Der denkende Geist ist ein Werkzeug, das man für unterschiedliche Zwecke nutzen kann, für weltliche oder spirituelle.

draṣṭṛ- Seher, Wahrnehmer dṛśya- das zu Sehende, Wahrzunehmende uparaktam nom n sg gefärbt, reötet, unter dem Einfluss stehend von cittam nom n sg denkender Geist sarvārtham nom n sg zu allem dienlich, für alles anwendbar

tad-asaṃkhyeya-vāsanā-citram api parārthaṃ saṃhatya-kāritvāt || 4.24 ||

Obwohl er eine bunte Palette schlafender Wünsche enthält, [existiert er] zum Nutzen des höheren [innersten Bewustseins] durch sein Zusammenwirken [mit diesem].

tat- dessen a-saṃ-khyeya- unzählbar, zahllos vāsanā- schlafende Gewohnheiten, Wünsche citram nom n sg ausgezeichnet, hell, verschiedenfarbig, mannigfaltig, allerlei, wunderbar api obwohl para- jenseitig, vorzüglicher, anderer, Fremder artham nom n sg Zweck, Nutzen saṃ-hatya-kāritvāt abl sg n durch das Zusammenwirkens

Unterscheidung

viśeṣa-darśina ātma-bhāva-bhāvanā-vinivṛttiḥ || 4.25 ||

Bei dem, der den Unterschied [zwischen dem denkenden Geist und dem innersten Bewusstsein im Menschen] erkennt, hört die ständige Beschäftigung mit der eigenen Geschichte auf.

viśeṣa- Unterschied darśinaḥ gen sg m für den Einsicht habenden, Sehenden ātma-bhāva- das eigene Werden, die eigene Geschichte bhāvanā- Vergegenwärtigung, stetiges Denken an vinivṛttiḥ nom f sg das Aufhören, Unterbleiben

tadā viveka-nimnaṃ kaivalya-prāgbhāraṃ cittam || 4.26 ||

Dann ist der denkende Geist, der von Unterscheidung gekennzeichnet ist, nicht [mehr] fern von Kaivalya.

tadā dann viveka- Unterscheidungsfähigkeit nimnam Vertiefung kaivalya- All-Einheit prāg-bhāram nom n sg Neigung, Hang, nicht fern sein von cittam nom n sg denkender Geist

tac-chidreṣu pratyayāntarāṇi saṃskārebhyaḥ || 4.27 ||

Bei Unterbrechungen dieser [spirituellen Sichtweise] durch [alte] Gewohnheiten [kommt es zu] anderen Überzeugungen.

tat- das, dessen chidreṣu lok n pl bei Unterbrechungen pratyaya- Gewissheiten antarāni nom n pl andere saṃskārebhyaḥ abl m pl durch Gewohnheiten

hānam eṣāṃ kleśavad uktam || 4.28 ||

Deren Beseitigung [ist zu handhaben] wie bei den Plagen besprochen.

hānam nom n sg das Verlassen, Aufgeben eṣām gen m pl dieser kleśa- Plagen -vat adv in der Art wie uktam ppp nom n sg gesagt, besprochen

prasaṃkhyāne 'py akusīdasya sarvathā viveka-khyāter dharma-meghaḥ samādhiḥ || 4.29 ||

Für den, der bei der Praxis der yogischen Erkenntnis nicht nach seinem persönlichen Vorteil fragt und überall die Einsicht der Unterscheidung hat, [entsteht] die erfrischende Regenwolke spiritueller Tugend, Dharma-megha, die Samādhi ist.

"Dharma-megha" bezeichnet im Yogācāra die höchste Entwicklungsstufe eines Bodhisattvas. Das Wort ist typisch buddhistisch und wird außerhalb des Buddhismus eigentlich nicht genutzt. Warum steht es also hier? Die Yoga-sūtras nehmen damit das Ziel des Yogācāra für sich in Anspruch.

Die Idee hinter der Bezeichnung "Dharma-megha" ist, dass ein derartiger Yogi – wie eine Regenwolke in einem tropisch heißen Land – allen ohne Unterschied Erfrischung und Labung bringt und das Leben von allen Wesen fördert.

Während sonst Samādhi als Höhepunkt der Meditation in der Meditationshaltung angesehen wird, wird mit Dharma-megha-Samādhi ein fortgeschrittener Zustand im Alltag gemeint sein, in dem Samādhi dauerhaft erlebt wird.

pra-saṃkhyāne lok n sg beim Zusammenzählen, Überlegen, nur für den augenblicklichen Bedarf einsammelnd, das Aufzählen, das Überlegen, Nachdenken, Praxis der yogischen Erkenntnis api sogar a-kusīdasya gen m sg für den der keine Zinsen nimmt, fordert, der nicht nach seinem Vorteil verlangt sarvathā überall viveka- Unterscheidungskraft khyāteḥ gen m sg für den Einsichtigen dharma- Tugend meghaḥ nom m sg Wolke samādhiḥ nom m sg Versenkung, Andacht

tataḥ kleśa-karma-nivṛttiḥ || 4.30 ||

Danach verschwinden Plagen und Karma.

tataḥ dann kleśa- Plagen karma- Karma nivṛttiḥ nom f sg Verschwinden, Aufhören

tadā sarvāvaraṇa-malāpetasya jñānasyānantyāj jñeyam alpam || 4.31 ||

Dann ist das, was [noch] erkannt werden muss, gering, wegen der Unendlichkeit der [jetzt zur Verfügung stehenden] Erkenntnis, von der jeder verhüllender Makel gewichen ist.

tadā dann sarva- alles, jedes āvaraṇa- verhüllend mala- Makel apa-itasya ppp gen m sg dessen, von dem weggegangen, gewichen ist jñānasya gen n sg von der Erkenntnis ānantyāt abl sg n wegen, durch Unendlichkeit jñeyam nom n sg was erkannt werden muss alpam nom n sg klein, gering

tataḥ kṛtārthānāṃ pariṇāma-krama-parisamāptir guṇānām || 4.32 ||

Anschließend [sind] für die Gunas, [aus denen der denkende Geist besteht], die Schritte für die [spirituelle] Entwicklung abgeschlossen und sie haben ihren Zweck erfüllt, [nämlich dem Puruṣa, dem innersten Bewusstsein im Menschen, Erfahrungen in dieser Welt zu ermöglichen].

Der ewige unveränderliche Puruṣa ist wie ein König, der sich verkleidet in die Welt seiner Untertanen begibt. Hat er dort genug gesehen, kehrt er wieder in seinen Palast zurück.

Ebenso begibt sich der Puruṣa mit Hilfe des denkenden Geistes in die materielle Welt, identifiziert sich mit den Gedanken des Geistes und glaubt über viele Leben hinweg ein Mensch zu sein – mit allen Schwierigkeiten und Schmerzen.

Nachdem der Puruṣa genug erlebt hat, entwickelt sich der denkende Geist spirituell und löst die falschen Identifikationen auf. Der Puruṣa wird sich seines eigenen Wesens wieder bewusst und seine Reise durch die feinstoffliche und grobstoffliche materielle Welt geht zu Ende.

tataḥ dann, dort kṛtārthānām gen n pl für die ihren Zweck erreicht habenden pariṇāma- Umwandlung, Entwicklung krama- Schritte pari-sam-āptiḥ nom h sg Abschluss guṇānām gen n pl der Gunas, der Eigenschaften der materiellen Natur

kṣaṇa-pratiyogī pariṇāmāparānta-nirgrāhyaḥ kramaḥ || 4.33 ||

Der Verlauf [der Veränderungen über viele Leben] entspricht [einer Serie von] Momenten. Beim Abschluss der Entwicklung werden diese verständlich.

kṣaṇa- Augenblick, Moment prati-yogī nom m sg Korrelation, Gegenüberstellung pariṇāma- Umwandlung, Entwicklung apara-anta Schluss, letzten Grenze nirgrāhyaḥ nom m sg herauszufinden, zu erkennen kramaḥ nom m sg Schritt, Verlauf

puruṣārtha-śūnyānāṃ guṇānāṃ pratiprasavaḥ kaivalyaṃ sva-rūpa-pratiṣṭhā vā citi-śaktir iti || 4.34 ||

Kaivalya, [das ganz in-sich-selbst-Sein des Puruṣa] ist das Zurückkehren der Guṇas, [die den denkenden Geist gebildet haben,] in den unmanifestierten Urzustand. [Sie sind nun] nutzlos für den Puruṣa. In anderen Worten, [Kaivalya] ist die Kraft des ursprünglichen Bewusstseins, die in ihrem eigenen Wesen fest gegründet ist.

Puruṣa steht für das zeitlose Element im Menschen, das innerste Bewusstsein. Es verändert sich nicht, da es nicht der Zeit unterworfen ist. Am Ende der Reise durch die Welt als verkörpertes Wesen steht es genauso da wie am Anfang.

Während der Reise entsteht durch den denkenden Geist für den Puruṣa der Effekt, als wäre er ein verkörpertes Wesen. Am Ende der Reise beendet der denkende Geist diesen Effekt und der Puruṣa ruht wieder in seiner eigenen Kraft.

puruṣa- das eigentliche Wesen artha- Nutzen, Zweck śūnyānām gen n pl leer, nicht, Null guṇānām gen n pl für die Gunas, die Eigenschaften der Materie pratiprasavaḥ nom m sg Gegenbefehl, Rückkehr in den Urzustand kaivalyam nom n sg Alleinheit, vollkommene Erlösung svarūpa- die eigene Gestalt, die eigene Beschaffenheit pratiṣṭhā nom f sg das Feststehen, Beharren, Fundament, Heimat oder citi- reines Bewusstsein śaktiḥ nom f sg Kraft, Fähigkeit iti also

iti patañjali-viracite yoga-sūtre caturthaḥ kaivalya-pādaḥ

So [lautet] im von Patañjali verfassten Yoga-Leitfaden das vierte, Kaivalya [genannte,] Kapitel.

iti śrī-pātañjala-yoga-sūtrāṇi

Also [enden] die Yoga-Leitfäden nach Patañjali

Referenzen

Vokabeln:

588 Vokabeln erfasst

a (1.8, 1.24)

präf nicht, ohne, un

akaraṇa (3.52)

[a+√kṛ+°na] n das Nichttun, Unterlassen

akalpita (3.44)

[a+kalpita] ppp nicht nur vorgestellte

akusīda (4.29)

[a+kusīda] adj keine Zinsen nehmend/fordernd, nicht nach Vorteil verlangend, ohne Gewinn

akṛṣṇa (4.7)

[a+kṛṣṇa] adj nicht schwarz, nicht dunkel, unschuldig

akrama (3.55)

[a+krama] adj nicht allmählich erfolgend, mit einem Mal erfolgend

aṅga (2.28, 2.29, 3.7, 3.8)

n Glied, Körper, Bestandteil, Hilfsmittel, Thema

aṅgamejayatva (1.31)

[aṅga+ejaya+°tva] n Zittern des Leibes

ajñāta (4.17)

ppp nicht erkannt, nicht bemerkt

ajñāna (2.34)

[a+jñāna] n Unwissen

aṇiman (3.46)

m Zauberkraft sich unendlich klein zu machen

atiprasaṅga (4.21)

[ati+prasaṅga] m übermäßige Anhänglichkeit, Missbrauch einer Regel, endlose Regression

atīta (3.16, 4.12)

[ati+ita] ppp vergangen, Vergangenes

atyanta (3.36)

[ati+anta] adj bis zu Ende während, fortwährend, ununterbrochen, vollständig, übermäßig

atha (1.1)

adv jetzt

adṛṣṭa (2.12)

[a+dṛṣṭa] ppp bis dahin nicht gesehen, unbekannt, unsichtbar, unvorhergesehen, erst nach dem Tod sich zeigend

adhigama (1.29)

[adhi+gama] m Auffindung, Erlangung, Antreffen,

adhimātra (1.22, 2.34)

[adhi+mātra] adj übermäßig

adhiṣṭhātṛtva (3.50)

[adhi+√sthā+°tṛ+°tva] n Vorsteherschaft, Regierungsamt, Leitung, Schutzgottheit

adhyātma (1.47)

[adhi+ātman] n höchstes Selbst

adhyāsa (3.17)

[adhi+āsa] m falsche Übertragung

adhvan (4.12)

m Weg, Reise, das Reisen, Wandern, Entfernung, Länge, Reise ins Jenseits, Zeit

ananta (2.34, 2.47)

[a+anta] adj endlos, unendlich

anabhighāta (2.48, 3.46)

[a+abhighāta] m keine schädliche Einwirkung, Nichthemmung

anavaccheda (1.26, 3.54)

[a+avaccheda] m ohne Trennung, ohne Absonderung, ohne genaue Bestimmung, Unbestimmtheit

anavadhāraṇa (4.20)

[a+avadhāraṇa] n ohne genaue Bestimmung, ohne Bestätigung, ohne Bejahung

anavasthitatva (1.30)

[a+avasthita+°tva] n Unbeständigkeit

anaṣṭa (2.22)

[a+naṣṭa] ppp nicht untergegangen, nicht verschwunden

anāgata (2.16, 3.16, 4.12)

[a+āgata] ppp noch nicht angekommen, zukünftiges

anātman (2.5)

[a+ātman] m Nicht-Selbst

anāditva (4.10)

[a+ādi+°tva] n Anfangslosigkeit

anāśaya (4.6)

[a+āśaya] adj frei von Gesinnungs- und Denkweisen, ohne Absichten, ohne die Anlage von Wünschen, Tendenzen und Karma, mit der ein Mensch zur Welt kommt

anitya (2.5)

[a+nitya] adj vergänglich

aniṣṭa (3.52)

[a+iṣṭa] ppp unerwünscht

anukāra (2.54)

[anu+kāra] m Nachahmung

anugama (1.17)

[anu+gama] m das Nachfolgen, sich Hingeben, das Eindringen in etwas, die Erfassung

anuguṇa (4.8)

[anu+guṇa] adj von entsprechenden Eigenschaften, entsprechend, gleichartig, je nach Verdiensten

anuttama (2.42)

[a+uttama] adj nichts Höheres über sich habend, der höchste, vorzüglichste, stärkste, heftigste

anupaśya (2.20)

[anu+paśya] adj betrachtend, erschauend

anupātin (1.9, 3.14)

[anu+pātin] adj folgend, der (einer Sache) Nachgehende, Folgende, der etwas hinterher läuft, der einem Ablauf folgt

anubhūta (1.11)

[anu+bhūta] ppp empfunden, erlebt, an sich erfahren, sich erfreut an, erlitten, innegeworden

anumāna (1.7, 1.49)

[anu+māna] n Schlussfolgerung, Beweismittel einer Schlussfolgerung, Geschlussfolgertes

anumodita (2.34)

[anu+modita] ppp erfreut, jmds Zustimmung habend, jmds Einwilligung habend, mit Beifall aufgenommen, mit Freuden begrüßt, gutgeheißen, ermutigt

anuśayin (2.7, 2.8)

[anu+śayin] adj treu anhängend, mit der Vorstellung von etw behaftet

anuśāsana (1.1)

[anu+śāsa+°na] n Unterweisung, Lehre, Unterricht

anuśravika (1.15)

[anu+śravika] adj berichtet, überliefert

anuṣṭhāna (2.28)

[anu+sthā+°na] n das Ausführen, Verrichten

aneka (4.5)

[a+eka] adj mehr als einer, vielfach, zahlreiche, verschiedene, viele

anta (1.40)

m Rand, Grenze, Endpunkt, Ende, Saum, Schluss, Höhepunkt
adv bis zu

antar (3.7)

adv innen, innerhalb, zwischendurch, hinein
präf innerhalb, in, zwischen, inmitten

antara (4.2, 4.21, 4.27)

adj ein anderer, verschiedener
n das Innere, Zwischenraum, Öffnung

antarāya (1.29, 1.30)

[antar+āya] m Hindernis, was dazwischen kommt, Zwischenzeit

antardhāna (3.21, 3.22)

n das Bedecken, Verschwinden, Unsichtbarwerden, ein versteckter abgelegener Raum

anya (1.18, 1.49, 1.50, 2.22)

adj ein anderer, der andere, ein anderer als, verschieden von

anyatā (3.50, 3.54)

f Andersartigkeit, Verschiedenheit

anyatva (3.15, 3.15)

n das Anderssein, Verschiedenheit

anvaya (3.9, 3.45, 3.48)

[anu+aya] m Nachkommenschaft, Familie, Geschlecht, Verbindung, logischer Zusammenhang, Anziehungsmittel

aparānta (3.23, 4.33)

[apara+anta] m Ende, Schluss, Tod, letzten Grenze

aparigraha (2.30, 2.39)

[a+pari+graha] m Nichtumfassen, Nichtergreifung, Besitzlosigkeit

apariṇāmitva (4.18)

[a+pariṇāmin+°tva] n Veränderungslosigkeit, keiner Umwandlung unterworfen, sich nicht entwickelnd

apavarga (2.18)

[apa+varga] m Abschluss, Ende, Loslösung, letzte Befreiung der Seele

api (1.22, 1.26, 1.29, 1.51, 2.9, 2.20, 2.22, 3.8, 3.51, 4.9, 4.24, 4.29)

adv dazu, auch, ferner, desgleichen, sogar, aber, nur, wenigstens, doch

apuṇya (1.33, 2.14)

[a+puṇya] adj ungünstig, ungut, unrichtig, unheilig, schlechtes Karma bewirkend

apekṣatva (4.17)

[apa+īkṣa+°tva] n Beachtung, Berücksichtigung, Rücksicht | Erwartung, Erforderniss

apeta (4.31)

[apa+ita] ppp weggegangen, gewichen

apratisaṃkrama (4.22)

[a+prati+sam+krama]

apramāṇaka (4.16)

[a+pramāṇa+°ka]

aprayojaka (4.3)

abhāva (1.10, 1.29, 2.25, 2.25, 4.11, 4.11)

abhijāta (1.41)

abhiniveśa (2.3, 2.9)

abhibhava (3.9)

abhimata (1.39)

abhivyakti (4.8)

abhyantara (2.50, 2.51)

abhyāsa (1.12, 1.13, 1.18, 1.32)

ariṣṭa (3.23)

artha (1.32, 1.43, 2.2, 2.2, 2.18, 2.21, 3.3, 3.17, 4.24, 4.34)

arthatā (3.11)

arthatva (1.49)

arthavattva (3.45, 3.48)

alabdha (1.30)

aliṅga (1.45, 2.19)

alpa (4.31)

avacchinna (2.31)

avasthā (3.13)

avasthāna (1.3)

avidyā (2.3, 2.4, 2.5, 2.24)

aviplava (2.26)

avirati (1.30)

aviśeṣa (2.19, 3.36)

aviṣayī bhūtatva (3.20)

avyapadeśa (3.14)

aśukla (4.7)

aśuci (2.5)

aśuddhi (2.28, 2.43)

aṣṭa (2.29)

asaṃkīrṇa (3.36)

asaṃkhyeya (4.24)

asaṃprayoga (3.21)

asaṃsarga (2.40)

asaṅga (3.40)

asampramoṣa (1.11)

asamprayoga (2.54)

asti (4.12)

asteya (2.30, 2.37)

asmitā (1.17, 2.3, 2.6, 3.48, 4.4)

asya (1.40)

ahiṃsā (2.30, 2.35)

ā (2.28)

ākāra (4.22)

ākāśa (3.42, 3.43, 3.43)

ākṣepin (2.51)

āgama (1.7)

ātma (2.5)

ātmaka (2.18)

ātmatā (2.6)

ātman (2.21, 2.41, 4.13)

ātmabhāva (4.25)

ādarśa (3.37)

ādi (2.34, 3.22, 3.24, 3.25, 3.40, 3.46)

ānantarya (4.9)

ānantya (4.31)

ānanda (1.17)

āpatti (4.22)

āpūra (4.2)

ābhāsa (4.19)

āyus (2.13)

ārūḍha (2.9)

ālambana (1.10, 1.38, 3.20, 4.11)

ālasya (1.30)

āloka (3.5, 3.26)

āvaraṇa (2.52, 3.44, 4.31)

āveśa (3.39)

āśaya (1.24, 2.12)

āśis (4.10)

āśraya (4.11)

āśrayatva (2.36)

āsana (2.29, 2.46)

āsanna (1.21)

āsevita (1.14)

āsvāda (3.37)

itara (1.20, 4.7)

itaratra (1.4)

itaretara (3.17)

iti (2.34, 3.55, 3.56, 4.34)

indriya (2.18, 2.41, 2.43, 2.54, 2.55, 3.13, 3.48)

iva (1.41, 1.43, 2.6, 2.54, 3.3)

iṣṭa (2.44)

īśvara (1.23, 1.24, 2.1, 2.32, 2.45)

ukta (3.22, 4.28)

utkrānti (3.40)

uttara (2.4)

utpanna (1.35)

udaya (3.11)

udāna (3.40)

udāra (2.4)

udita (3.12, 3.14)

upakrama (3.23, 3.23)

upanimantraṇa (3.52)

uparakta (4.23)

uparāga (4.17)

upalabdhi (2.23)

upasarga (3.38)

upasthāna (2.37)

n das zur Seite Stehen, Dasein, Gegenwart, das Hinzutreten, Nahen, Erscheinen, Aufwartung, Verehrung

upāya (2.26)

m Mittel, Weg zu, fein angelegtes Mittel, Kunstgriff

upekṣā (1.33)

f Nichtbeachtung, das Nichtbeachten, Gleichgültigkeit, Vernachlässigung

ubhaya (4.20)

adj beides, beide, beiderseitig, von beiderlei Art

ṛta (1.48)

n heilige Ordnung, heiliger Brauch, göttliches Gesetz

eka (1.32, 2.6, 4.5, 4.16, 4.20)

adj eins, einer, ein, einzeln, einzig, einmalig, einzig in seiner Art

ekatānatā (3.2)

ekatra (3.4)

ekatva (4.14)

ekarūpatva (4.9)

ekāgratā (3.11, 3.12)

etat (1.44, 3.13, 3.22, 4.11, 4.28)

eva (1.44, 1.46, 2.15, 2.21, 3.3, 4.8)

aikāgrya (2.41)

[ekāgra] n auf einen Punkt gerichtete Aufmerkwsamkeit

oṣadhi (4.1)

f Kraut, Planze, Heilkraut

kaṇṭaka (3.40)

[kaṇṭa] m Dorn, Stachel, Spitze, Gräte

kaṇṭha (3.31)

m Hals, Kehle | Stimme | unmittelbare Nähe

kathaṃtā (2.39)

[katham+°tā] f das Wie-Sein, das Wie einer Sache, die Art und Weise einer Sache

karaṇa (3.18)

n das Machen, Anfertigen, Hervorbringen, Bewirken, Tun, Vollziehen | Haltung | Werkzeug, Sinnesorgan, Zaubermittel

karuṇā (1.33)

f Mitleid

karman (1.24, 2.12, 3.23, 4.7, 4.30)

n Handlung, Tätigkeit, Arbeit, Tun | Opferhandlung, heiliges Werk, Ritus | ärztliche Behandlung | Schicksal als Folge der Handlungen in einem früheren Leben

kāya (2.43, 3.21, 3.30, 3.43, 3.46, 3.47)

m Leib, Körper, Körper, Masse, Umfang, Menge, Gruppe, Kapital

kāraṇa (3.39)

[kāra+°na] n Veranlassung, Ursache, Grund, Mittel | Werkzeug | Sinnesorgan

kārita (2.34)

[√kṛ] ppp_kaus veranlasst durch, hervorgerufen durch, bewirkt

kāla (1.14, 1.26, 2.31, 2.50, 4.9)

m ein bestimmter oder richtiger Zeitpunkt, die zu etw bestimmte oder geeignete Zeit, Zeit überh., Gelegenheit, geeignete Zeit, passender Zeitpunkt, Zeitmaß, Weltordnung, Schicksal

kim (4.16)

interr_pron was
adv woher? warum? weshalb? wozu?

kūpa (3.31)

m Grube, Höhle

kūrma (3.32)

m Schildkröte

kṛta (2.34)

[√kṛ] ppp getan

kṛtārtha (2.22, 4.32)

[kṛta+artha] adj der sein Ziel erreicht hat, seine Absicht erreicht hat

kaivalya (2.25, 3.51, 3.56, 4.26, 4.34)

[kevala] n vollkommene Erlösung, Alleinheit, absolute Einheit, Befreiung

krama (3.15, 3.53, 4.32, 4.33)

m Schritt, Gang, Art und weiese des Gehens, Weg, zum Angriff angenommene Stellung, Verlauf, Ordnung, Reihenfolge, Rangordnung, Verfahrensweise, Brauch, Etiquette

kriyā (2.1, 2.18, 2.36)

[√kṛ] f Ausführung, Verrichtung, Beschäftigung mit etwas, Handlung, Tätigkeit, Anwendung von Mitteln, heilige Handlung

krodha (2.34)

[√krudh] m Zorn, Wut

kliṣṭa (1.5, 1.5)

kleśa (1.24, 2.2, 2.3, 2.12, 4.28, 4.30)

kṣaṇa (3.9, 3.53, 4.33)

kṣaya (2.28, 2.43, 3.11, 3.44, 3.51)

kṣī (2.52)

kṣīṇa (1.41)

kṣudh (3.31)

kṣetra (2.4)

kṣetrika (4.3)

khyāti (1.16, 2.5, 2.26, 2.28, 3.50, 4.29)

gati (2.49, 3.29)

gamana (3.43)

guṇa (1.16, 2.15, 2.19, 4.13, 4.32, 4.34)

guru (1.26)

grahaṇa (1.41, 3.48)

grahītṛ (1.41)

grāhya (1.41, 3.21)

ca (1.29, 1.44, 1.45, 2.2, 2.15, 2.41, 2.53, 3.20, 3.23, 3.39, 3.43, 3.46, 3.49, 3.50, 3.55, 4.10, 4.16, 4.20, 4.21)

cakra (3.30)

cakṣu (3.21)

caturtha (2.51)

candra (3.28)

citi (4.22, 4.34)

citta (1.2, 1.30, 1.33, 1.37, 2.54, 3.1, 3.9, 3.11, 3.12, 3.19, 3.35, 3.39, 4.4, 4.5, 4.15, 4.16, 4.17, 4.18, 4.21, 4.23, 4.26)

citra (4.24)

cetanā (1.29)

chidra (4.27)

ja (1.50, 3.53, 3.55, 4.1, 4.6)

jan (3.37)

janman (2.12, 2.39, 4.1)

japa (1.28)

jaya (2.41, 3.5, 3.40, 3.41, 3.45, 3.48, 3.49)

jala (3.40)

javitva (3.49)

jāti (2.13, 2.31, 3.18, 3.54, 4.2, 4.9)

jugupsā (2.40)

jñāta (4.17, 4.18)

jñātṛtva (3.50)

jñāna (1.8, 1.9, 1.38, 1.42, 2.28, 3.16, 3.17, 3.18, 3.19, 3.23, 3.26, 3.27, 3.28, 3.29, 3.30, 3.53, 3.55, 4.31)

jñeya (4.31)

jyotiṣmat (1.36)

jyotis (3.33)

jvalana (3.41)

ta (1.30, 1.46, 2.10, 2.14, 2.24, 2.27, 2.49, 3.6, 3.10, 3.20, 3.38, 4.10)

tat (1.12, 1.16, 1.28, 1.32, 1.50, 2.11, 2.13, 2.21, 2.22, 2.25, 2.25, 2.35, 3.3, 3.5, 3.8, 3.17, 3.20, 3.21, 3.23, 3.29, 3.46, 3.51, 3.53, 4.8, 4.11, 4.13, 4.15, 4.16, 4.17, 4.18, 4.19, 4.22, 4.24, 4.27)

tatartha (1.28)

tatas (1.22, 1.29, 2.48, 2.52, 2.55, 3.12, 3.37, 3.44, 3.46, 3.49, 3.54, 4.3, 4.8, 4.30, 4.32)

tattva (1.32, 4.14)

tatra (1.13, 1.25, 1.42, 1.48, 3.2, 4.6)

tatrūpa (1.8)

tatsthatadañjanatā (1.41)

tathā (2.9)

tadā (1.3, 4.16, 4.26, 4.31)

tanu (2.4)

tanūkaraṇa (2.2)

tantra (4.16)

tapas (2.1, 2.32, 2.43, 4.1)

tasya (1.27, 1.51)

tāpa (2.15)

tāraka (3.55)

tārā (3.28)

tīvra (1.21)

tu (1.14, 4.3)

tulya (3.12, 3.54)

tūla (3.43)

tyāga (2.35)

traya (3.4, 3.7, 3.16)

trividha (4.7)

darśana (1.30, 2.6, 2.41, 3.33)

darśin (4.25)

divya (3.42)

dīpti (2.28)

dīrgha (1.14, 2.50)

duḥkha (1.31, 1.33, 2.5, 2.8, 2.15, 2.15, 2.16, 2.34)

dṛḍha (1.14)

dṛś (2.6, 2.25)

dṛśi (2.20)

dṛśya (2.17, 2.18, 2.21, 4.21, 4.23)

dṛśyatva (4.19)

dṛṣṭa (1.15, 2.12)

devatā (2.44)

deśa (2.31, 2.50, 3.1, 3.54, 4.9)

doṣa (3.51)

daurmanasya (1.31)

draṣṭṛ (1.3, 2.17, 2.20, 4.23)

dvaṃdva (2.48)

dveṣa (2.3, 2.8)

dharma (3.13, 3.14, 3.46, 4.12, 4.29)

dharmin (3.14)

dhāraṇā (2.29, 2.53, 3.1)

dhyāna (1.39, 2.11, 2.29, 3.2, 4.6)

dhruva (3.29)

na (3.20, 4.16, 4.19)

naṣṭa (2.22)

nāḍi (3.32)

nābhi (3.30)

ni (3.23)

nitya (2.5)

nityatva (4.10)

nidrā (1.6, 1.10, 1.38)

nibandhana (1.35)

nimitta (4.3)

nimna (4.26)

niyama (2.29, 2.32)

niratiśaya (1.25)

nirodha (1.2, 1.12, 1.51, 1.51, 3.9, 3.9, 3.9)

nirgrāhya (4.33)

nirbīja (1.51, 3.8)

nirbhāsa (1.43, 3.3)

nirmāṇa (4.4)

nirvicāra (1.44, 1.47)

nirvitarka (1.43)

nivṛtti (3.31, 4.30)

nairantarya (1.14)

nyāsa (3.26)

paṅka (3.40)

pañcataya (1.5)

panthān (4.15)

para (1.16, 2.40, 3.19, 3.39, 4.24)

parama (1.40, 2.55)

paramāṇu (1.40)

parā (1.24)

parārthatva (3.36)

pariṇāma (2.15, 3.9, 3.11, 3.12, 3.13, 3.15, 3.16, 4.2, 4.14, 4.32, 4.33)

paritāpa (2.14)

paridṛṣṭa (2.50)

pariśuddha (1.43)

parisamāpti (4.32)

paryavasāna (1.45)

parvan (2.19)

pipāsā (3.31)

puṇya (1.33, 2.14)

punar (3.12, 3.52)

puruṣa (1.16, 1.24, 3.36, 3.50, 3.56, 4.18, 4.34)

puruṣajñāna (3.36)

pūrva (1.18, 1.26, 3.7, 3.18)

pūrvaka (1.20, 2.34)

prakāśa (2.18, 2.52, 3.21, 3.44)

prakṛti (1.19, 4.2, 4.3)

pracāra (3.39)

pracchardana (1.34)

prajñā (1.20, 1.48, 1.49, 2.27, 3.5)

praṇava (1.27)

praṇidhāna (1.23, 2.1, 2.32, 2.45)

prati (2.22)

pratipakṣa (2.33, 2.34)

pratipatti (3.54)

pratiprasava (2.10, 4.34)

pratibandhin (1.50)

pratiyogin (4.33)

pratiṣedha (1.32)

pratiṣṭha (1.8)

pratiṣṭhā (2.35, 2.36, 2.37, 2.38, 4.34)

pratyak (1.29)

pratyakṣa (1.7)

pratyaya (1.10, 1.18, 1.19, 2.20, 3.2, 3.12, 3.17, 3.19, 3.36, 4.27)

pratyāhāra (2.29, 2.54)

pradhāna (3.49)

prabhu (4.18)

pramāṇa (1.6, 1.7)

pramāda (1.30)

prayatna (2.47)

prayojaka (4.5)

pravibhāga (3.17)

pravṛtti (1.35, 3.26, 4.5)

praśānta (3.10)

praśvāsa (1.31, 2.49)

prasaṃkhyāna (4.29)

prasaṅga (3.52)

prasāda (1.47)

prasādana (1.33)

prasupta (2.4)

prāgbhāra (4.26)

prāṇa (1.34)

prāṇāyāma (2.29, 2.49)

prātibha (3.34, 3.37)

prādurbhāva (3.9, 3.46)

prānta (2.27)

phala (2.14, 2.34, 2.36, 4.11)

bandha (3.1, 3.39)

bala (3.24, 3.25, 3.25, 3.47)

bahir (3.8, 3.44)

bādhana (2.33)

bāhya (2.50, 2.51)

bīja (1.25, 1.46, 3.51)

buddhi (4.21, 4.21, 4.22)

brahmacarya (2.30, 2.38)

bhara (1.48)

bhava (1.19)

bhāva (3.49, 3.50)

bhāvana (1.28, 2.2, 2.33, 2.34)

bhāvanā (4.25)

bhāvanātas (1.33)

bhuvana (3.27)

bhūta (2.18, 3.13, 3.17, 3.45)

bhūmi (1.14, 2.27, 3.6)

bhūmikatva (1.30)

bheda (4.3, 4.5, 4.12, 4.15)

bhoga (2.13, 2.18, 3.36)

bhrānti (1.30)

maṇi (1.41)

madhya (1.22, 2.34)

manas (1.35, 2.53, 3.49)

mantra (4.1)

mala (4.31)

mahat (2.31, 3.44)

mahattva (1.40)

mātra (1.43, 2.19, 2.20, 3.3, 3.50, 4.4)

mithyā (1.8)

mudita (1.33)

mūrdha (3.33)

mūla (2.12, 2.13)

mṛdu (1.22, 2.34)

mṛṣṭa (1.24)

megha (4.29)

maitrī (1.33)

maitrya (3.24)

moha (2.34)

yatna (1.13)

yathā (1.39)

yama (2.29, 2.30)

yoga (1.1, 1.2, 2.1, 2.28)

yogin (4.7)

yogyatā (2.53)

yogyatva (2.41)

ratna (2.37)

rāga (1.37, 2.3, 2.7)

ruta (3.17)

rūpa (1.3, 1.17, 3.21, 3.47)

lakṣaṇa (3.13, 3.54)

laghu (3.43)

laya (1.19)

lābha (2.38, 2.42)

lāvaṇya (3.47)

liṅga (2.19)

lobha (2.34)

vajra (3.47)

vat (4.3, 4.28)

varaṇa (4.3)

vaśīkāra (1.15, 1.40)

vaśyatā (2.55)

vastu (1.9, 4.14, 4.15, 4.16, 4.17)

(1.23, 1.34, 1.35, 1.36, 1.37, 1.38, 1.39, 3.23, 3.34, 4.34)

vācaka (1.27)

vārta (3.37)

vāsanā (4.8, 4.24)

vāhitā (3.10)

vāhin (2.9)

vāhī (2.9)

vikaraṇa (3.49)

vikalpa (1.6, 1.9, 1.42)

vikṣepās (1.30)

viksepa (1.31)

vicāra (1.17)

vicchinna (2.4)

viccheda (2.49)

vitarka (1.17, 2.33, 2.34)

vitṛṣṇa (1.15)

videha (1.19)

videhā (3.44)

vidhāraṇa (1.34)

viniyoga (3.6)

vinivṛtti (4.25)

viparyaya (1.6, 1.8)

vipāka (1.24, 2.13, 4.8)

viprakṛṣṭa (3.26)

vibhakta (4.15)

virāma (1.18)

virodha (2.15)

viveka (2.26, 2.28, 3.53, 3.55, 4.26, 4.29)

vivekin (2.15)

viśeṣa (1.22, 1.24, 1.49, 2.19, 4.25)

viśoka (1.36)

viṣaya (1.11, 1.15, 1.33, 1.37, 1.49, 2.51, 2.54, 3.55, 3.55)

viṣayatva (1.45)

viṣayavat (1.35)

viṣayā (1.44)

vīta (1.37)

vīrya (1.20, 2.38)

vṛtti (1.2, 1.4, 1.5, 1.10, 1.41, 2.11, 2.15, 2.50, 3.44, 4.18)

vedanā (3.37)

vedanīya (2.12)

vaitṛṣṇya (1.16)

vaira (2.35)

vairāgya (1.12, 1.15, 3.51)

vaiśāradya (1.47)

vyakta (4.13)

vyavahita (3.26, 4.9)

vyākhyāta (1.44, 3.13)

vyādhi (1.30)

vyutthāna (3.9, 3.38)

vyūha (3.28, 3.30)

vrata (2.31)

śakti (2.6, 2.23, 3.21, 4.34)

śabda (1.9, 3.17, 3.22)

śabdārtha (1.42)

śarīra (3.39)

śānta (3.12, 3.14)

śila (2.18)

śuci (2.5)

śuddha (2.20)

śuddhi (2.41, 3.56)

śūnya (1.9, 1.43, 3.3, 4.34)

śeṣa (1.18)

śaithilya (2.47, 3.39)

śauca (2.32, 2.40)

śraddhā (1.20)

śrāvaṇa (3.37)

śruta (1.49)

śrotra (3.42, 3.42)

śvāsa (1.31, 2.49)

sa (1.14, 1.26, 1.46, 3.20, 3.23)

saṃkara (3.17, 4.21)

saṃkīrṇa (1.42)

saṃkhyā (2.50)

saṃgṛhītatva (4.11)

saṃjñā (1.15)

saṃtoṣa (2.32, 2.42)

saṃnidhi (2.35)

saṃpad (3.46, 3.47)

saṃprajñāta (1.17)

saṃprayoga (2.44)

saṃbandha (3.42, 3.43)

saṃbodha (2.39)

saṃyama (3.4, 3.16, 3.17, 3.21, 3.23, 3.27, 3.36, 3.42, 3.43, 3.45, 3.48, 3.53)

saṃyoga (2.17, 2.23, 2.25)

saṃvid (3.35)

saṃvega (1.21)

saṃvedana (3.39, 4.22)

saṃśaya (1.30)

saṃskāra (1.18, 1.50, 1.50, 2.15, 3.9, 3.10, 3.18, 4.9, 4.27)

saṃhatyakāritva (4.24)

saṃhananatva (3.47)

saṅga (3.52)

sat (2.13, 2.49)

satkāra (1.14)

sattva (2.41, 3.36, 3.50, 3.56)

satya (2.30, 2.36)

sadā (4.18)

saptadhā (2.27)

samaya (2.31, 4.20)

samādhi (1.20, 1.46, 1.51, 2.2, 2.29, 2.45, 3.3, 3.11, 3.38, 4.1, 4.29)

samāna (3.41)

samāpatti (1.41, 1.42, 2.47, 3.43)

sarva (1.51, 2.15, 2.37, 3.11, 3.17, 3.34, 3.50, 3.50, 3.55, 4.31)

sarvajña (1.25)

sarvathā (3.55, 4.29)

sarvārtha (4.23)

savicāra (1.44)

savitarka (1.42)

sahabhū (1.31)

sākṣat (3.18)

sādhāraṇatva (2.22)

sāmya (3.56, 4.15)

sārūpya (1.4)

sārvabhauma (2.31)

siddha (3.33)

siddhi (2.43, 2.45, 3.38, 4.1)

sukha (1.33, 2.5, 2.7, 2.42, 2.46)

sūkṣma (1.44, 1.45, 2.10, 2.50, 3.26, 3.45, 4.13)

sūrya (3.27)

saumanasya (2.41)

stambha (2.50, 3.21)

styāna (1.30)

sthāni (3.52)

sthita (1.13)

sthiti (1.35, 2.18)

sthira (2.46)

sthūla (3.45)

sthairya (2.39, 3.32)

smaya (3.52)

smṛti (1.6, 1.11, 1.20, 1.43, 4.9, 4.21)

syāt (4.16)

sva (1.3, 2.23, 2.54, 4.19, 4.22)

svapna (1.38)

svarasa (2.9)

svarūpa (1.43, 2.23, 2.54, 3.3, 3.45, 3.48, 4.34)

svarūpatas (4.12)

svāṅga (2.40)

svādhyāya (2.1, 2.32, 2.44)

svāmin (2.23)

svārtha (3.36)

hasti (3.25)

hāna (2.25, 2.26, 4.28)

hiṃsā (2.34)

hṛdaya (3.35)

hetu (2.17, 2.23, 2.24, 3.15, 4.11)

hetutva (2.14)

heya (2.10, 2.11, 2.16, 2.17)

hlāda (2.14)