पातञ्जलयोगसूत्राणि

pātañjala-yoga-sūtrāṇi

Die Yoga-Sūtras des Patañjali

Übersetzt nach dem Urtext 1 von Frank Nārada Ziesing

In den Sūtras wird Yoga aus verschiedenen Aspekten dreimal nacheinander erklärt: Kap. 1 Samādhi-Yoga, Kap. 2 Verse 1-28 Kriyā-Yoga, Kap. 2 ab Vers 28 und Kap. 3 Aṣṭāṅga-Yoga. Vielleicht entprach dies verschiedenen Yoga-Schulen, die, obwohl ähnlich, auf Eigenständigkeit bedacht waren. Kap. 4 ist eine Art Nachtrag.

In den ältesten Handschriften sind die Sūtras immer mit einem anonymen Kommentar versehen, den die Überlieferung Vyāsa zugeschrieben hat. Manche Indologen (z.B. Philipp Maas4) glauben, dass dieser Kommentar von Patañjali selbst stammt. Philipp Maas fand auch heraus, dass Kap. 4 eine Serie von Argumenten gegen die Yogacāra-Philosophie des Buddhisten Vasabandhu (4. Jhd.) darstellt. Dieser besiegte in Ayodhya am Hof des Großkönigs Vikramāditya (wahrscheinlich Candragupta II) die Vertreter der Yoga-Sāṃkhya-Lehre wiederholt und erhielt dafür vom König 300.000 Goldstücke, die er verwendete um Klöster seiner Schule bauen zu lassen. 3

Da auch der dem Vyāsa zugeschriebene Kommentar versucht Vasubandhus Lehre zu widerlegen, erscheint es mir wahrscheinlicher, dass dieser Kommentar und das vierte Kapitel von derselben Person stammen, und dass Patañjali nur die ersten drei Sūtra-Kapitel verfasst hat. Der von der Tradition genannte Namen Vyāsa (wörtl. "ausführliche Darstellung") könnte als Tätigkeitsbezeichnung gedacht sein.

प्रथमः समाधिपादः

prathamaḥ samādhi-pādaḥ

Erstes Viertel: Samādhi

Die ersten vier Sūtras bilden das Grundthema des Textes.

atha yogānuśāsanam || 1.1 ||

Jetzt [beginnt] der Yoga-Unterricht.

atha jetzt yoga- Yoga anu-śāsasanam nom n sg Unterricht

yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ || 1.2 ||

Yoga [ist] das zur Stille bringen der Gedankenwellen im denkenden Geist.

yogaḥ nom m sg Yoga citta- denkender Geist, feinstoffliche Geistsubstanz vṛtti- Strudel, Wellen nirodhaḥ nom m sg Hemmung, Beherrschung, Bezwingung

tadā draṣṭuḥ sva-rūpe 'vasthānam || 1.3 ||

Dann [erfolgt] das Verweilen des Erfahrenden in seiner ursprünglichen Form.

tadā dann draṣṭuḥ gen m sg des Sehers sva- eigen, ursprünglich rūpe lok n sg in der Form, Gestalt, Natur ava-sthānam nom n sg das Verweilen

vṛtti-sārūpyam itaratra || 1.4 ||

Sonst [gibt es] das Annehmen der Form der Gedankenwellen.

vṛtti- Gedankenwellen sārūpyam nom n sg mit der gleichen Form-heit, Übereinstimmung, Identifikation itaratra sonst

Im Folgenden werden die Gedankenwellen klassifiziert und erklärt.

vṛttayaḥ pañcatayyaḥ kliṣṭākliṣṭāḥ || 1.5 ||

Gedankenwellen [sind von] fünferlei Art, [manche] leidvoll, [manche] nicht leidvoll.

vṛttayaḥ nom f pl Gedankenwellen pañcatayyaḥ mon f pl fünffältig kliṣṭa- leidvoll akliṣṭāḥ nom f pl nicht leidvoll

pramāṇa-viparyaya-vikalpa-nidrā-smṛtayaḥ || 1.6 ||

[Es handelt sich um] das Sich-einen-Begriff-machen [von der Umwelt], Missverständnis, gedankliche Beschäftigung, Schlaf und Erinnerung.

Alle vorkommenden Arten von Gedanken werden hier fünf Gruppen zugeordnet, die entsprechend weit zu verstehen sind.

pramāṇa- Maß, Maßstab, richtiger Begriff viparyaya- im Gegensatz stehend vikalpa- Unschlüssigkeit, das Annehmen, geistige Beschäftigung, Denken, Einbildung nidrā- Schlaf smṛtayaḥ nom pl f Erinnerungen

pratyakṣānumānāgamāḥ pramāṇāni || 1.7 ||

Direkte Wahrnehmung, Schlussfolgerung und Überlieferung [führen dazu dass man sich] Begriffe [der Umwelt macht].

pratyakṣa- vor Augen anumāna- Schlussfolgerung āgama- überlieferte Lehre pramâṇāni nom n pl richtige Maßstäbe

viparyayo mithyā-jñānam a-tad-rūpa-pratiṣṭham || 1.8 ||

Missverständnis [ist] verkehrte Erkenntnis, deren Wesen ohne Grundlage [ist].

viparyayaḥ im Gegensatz stehen mithyā- verkehrt, falsch, umsonst, vergeblich jñānam nom n Erkenntnis a- nicht, ohne tat-rūpa- deren Aussehen/ Form/ Gestalt/ Wesen/ Natur pratiṣṭham nom m sg Halt, Grundlage

śabda-jñānānupātī vastu-śūnyo vikalpaḥ || 1.9 ||

Beschreibbarem Wissen zu folgen währen die Sache nicht da ist [ist] gedankliche Beschäftigung.

śabda- Wort, Ausspruch jñāna- Erkenntnis anupātī nom n sg folgend vastu- Gegenstand śūnyaḥ nom m sg fehlend vikalpaḥ nom m sg Unschlüssigkeit, Annehmen, geistige Beschäftigung, Denken, Einbildung

abhāva-pratyayālambanā vṛttir nidrā || 1.10 ||

Die Gedankenwelle, deren Grundlage eine Gewissheit ohne Inhalt ist, [ist traumloser] Schlaf.

abhāva- Abwesenheit pratyaya- Glauben, Vertrauen, Vorstellung, Überzeugung ālambanā nom f sg als Stütze, Grundlage vṛtti- Gedankenwelle nidrā nom f sg Schlaf

anubhūta-viṣayāsaṃpramoṣaḥ smṛtiḥ || 1.11 ||

Das Nichtverschwinden erlebter Sinneserfahrung [ist] Erinnerung.

Das Wort "asaṃpramoṣa" war in buddhistischen Kreisen üblich, im brahmanischen Sanskrit unüblich wurde es von einigen Kommentatoren nicht mehr verstanden. 2

anubhūta- empfunden, erlebt viṣaya- Sinnesgegenstand a-sam-pramoṣaḥ nom m das Nichtvergessen, das Nichtschwinden smṛtiḥ nom f Erinnerung

Jetzt ein Abschnitt zum Thema Übung

abhyāsa-vairāgyābhyāṃ tan-nirodhaḥ || 1.12 ||

Durch Übung und Leidenschaftslosigkeit [gelingt] die Bezwingung dieser [fünf Arten von Gedankenwellen].

abhyāsa- durch Wiederholung, Übung vairāgyābhyām inst dual n durch Leidenschaftslosigkeit tat- dieser, deren nirodhaḥ nom m Beherrschung

tatra sthitau yatno 'bhyāsaḥ || 1.13 ||

Bemühung, die dort in Beharrlichkeit [bleibt, ist] Übung.

tatra dort, da sthitau lok f im Bleiben, in Beharrlichkeit yatnaḥ nom m Bemühung abhyāsaḥ nom m Wiederholung, Übung

sa tu dīrgha-kāla-nairantarya-satkārāsevito dṛḍha-bhūmiḥ || 1.14 ||

Diese [Übung] nun, [wenn sie] lange Zeit ununterbrochen mit Vorzugsbehandlung praktiziert [wird, bildet] eine feste Grundlage.

saḥ nom m diese tu nun, aber dīrgha- lange kāla- Zeit nairantarya- unterbrechungslos sat-kāra- gute Behandlung, Vorzugsbehandlung ā-sevitaḥ ppp nom m bedient, sich hingegeben dṛḍha- ppp gefestig bhūmiḥ nom f Boden, Stufe

dṛṣṭānuśravika-viṣaya-vitṛṣṇasya vaśīkāra-saṃjñā vairāgyam || 1.15 ||

Leidenschaftslosigkeit [ist] die klare Vorstellung der [Selbst-]Bemeisterung für denjenigen, der ohne Durst nach gesehenen und berichteten Sinnesdingen ist.

dṛṣṭa- gesehen anuśravika- berichtet, überliefert viṣaya- Sinnesbereich vitṛṣṇasya gen m für den ohne Durst vaśīkāra- Unterwerfung, das in die Gewalt bekommen saṃjñā nom f Einverständnis, klare Vorstellung vairāgyam nom n Leidenschaftslosigkeit

tat-paraṃ puruṣa-khyāter guṇa-vaitṛṣṇyam || 1.16 ||

Deren höchste Ausprägung [entsteht] für den, der die Erkenntnis des Purusha [hat, und sie bedeutet] Freiheit vom Durst nach den Gunas, (den Eigenschaften der materiellen Natur).

tat- das, deren param nom n vorzüglichster, bester, höchster Zustand puruṣa- bewusstes Prinzip im Menschen, Wesenskern khyāteḥ gen m für den Erkenntnishabenden guṇa- Eigenschaften der materiellen Natur vaitṛṣṇyam nom n Durstlosigkeit

Die ersten Erklärungen zu Samādhi

vitarka-vicārānandāsmitā-rūpānugamāt saṃprajñātaḥ || 1.17 ||

Durch das Nachfolgen der Form von Vermutung, Prüfung, Wonne, Ichhaftigkeit [entsteht der Samādhi] mit [Subjekt-Objekt]-Unterscheidung.

vitarka- Vermutung, Zweifel, Hinundherüberlegen vicāra- Verfahren, Prüfung ānanda- Wonne, Glückseligkeit asmitā- Ich-heit rūpa- Gestalt, Wesen, Form anugamāt abl m durch das Nachfolgen saṃprajñātaḥ nom m der mit unterseheidender Einsicht versehene

virāma-pratyayābhyāsa-pūrvaḥ saṃskāra-śeṣo 'nyaḥ || 1.18 ||

Durch vorhergehende Übung der Gewissheit der Gedankenstille, [entsteht, während nur] latente Eindrücke verbleiben, der andere [Samādhi].

virāma- das zur Ruhe kommen pratyaya- Glaube, Gewissheit, Vorstellung, Idee abhyāsa- Übung, Wiederholung pūrvaḥ nom m vorherig, vorangegangen saṃskāra- Eindrücke durch vergangene Geistestätigkeit śeṣaḥ nom m Übriggelassenes, Rest anyaḥ nom m der andere

bhava-pratyayo videha-prakṛti-layānām || 1.19 ||

Gewissheit von Geburt an [bewirkt Samādhi] für unverkörperte [himmlische Wesen] und die in der undifferenzierten Urnatur aufgegangenen [Wesen].

Zwei Arten von Yogīs werden unterschieden, die Bhava-pratyata-s, welche Samādhi von Geburt an erfahren, und die Upāya-pratyata-s, die Samādhi durch "geeignetes Vorgehen" (upāya) erreichen. Bhava-pratyaya-s sind Wesen, die einen unverkörperten (videha) Status oder Vereinigung mit der undifferenzierten Urmaterie (prakṛti-laya) erreicht hatten, aber noch keine Vollkommenheit. Sie müssen nur noch einmal wiedergeboren werden, um zur Vollkommenheit zu gelangen. In dieser Wiedergeburt haben sie von Kindheit an spontane Samādhi-Erfahrungen.

bhava- Entstehung, Geburt, das Dasein pratyayaḥ nom m Vertrauen, Gewissheit [für die videha- körperlos prakṛti- undifferenzierte Urnatur layānām gen pl m eingegangen in]

śraddhā-vīrya-smṛti-samādhi-prajñā-pūrvaka itareṣām || 1.20 ||

Bei anderen gehen [dem Samādhi] vertrauensvoller Glaube, tapfere Bemühung, das sich Erinnern und Samādhi-Einsichten voraus.

śraddha- Vertrauen, Glaube vīrya- Heldenhaftigkeit smṛti- Erinnerung samādhi- Extase, tiefste Andacht prajñā- Einsicht pūrvakaḥ nom m vorangehend itareṣām lok pl m in anderen

tīvra-saṃvegānām āsannaḥ || 1.21 ||

Für diejenigen mit heftigem Verlangen nach Erlösung ist [Samādhi] nah.

tīvra- scharf saṃvegānām gen pl m bei denen mit Verlangen nach Erlösung āsannaḥ nom sg m nah

mṛdu-madhyādhimātratvāt tato 'pi viśeṣaḥ || 1.22 ||

Durch schwaches, mittelmäßiges oder übermäßiges [Verlangen] gibt es da allerdings einen Unterschied.

[durch mṛdu- weich madhya- mittel adhimātratvāt abl sg m Übermäßigkeit tataḥ von da her, dann, darum, deshalb api auch viśeṣaḥ nom sg m Unterschied

Eine Abstecher zu Bhakti-Yoga

īśvara-praṇidhānād vā || 1.23 ||

Alternativ [entsteht Samādhi] durch Gottergebung.

iśvara- Gottesperson praṇidhānāt abl sg m durch Ergebung, Aufmerksamkeit, Dienstbeflissenheit oder, fakultativ

kleśa-karma-vipākāśayair a-parā-mṛṣṭaḥ puruṣa-viśeṣa īśvaraḥ || 1.24 ||

Die Gottesperson ist ein besonderes Geistwesen, unberührt von Plagen, Handlungen, Resultaten und Charakteranlagen.

kleśa- Plage karma- Handlung, Tun vipāka- Resultat āśayair inst pl m durch die Charakteranlage mit der man zur Welt kommt a- un parā- weg, ab, fort mṛṣṭaḥ nom sg m aufgestrichen, berührt puruṣa- Wesen, Seele, Urwesen viśeṣaḥ nom sg m besonders īśvaraḥ nom sg m Gottesperson

tatra nir-ati-śayaṃ sarva-jña-bījam || 1.25 ||

In ihr [ist] die unübertroffene, allwissende Keimzelle.

tatra dort nir-ati-śayam nom sg n unübertroffen sarva-jña- allwissend bījam nom sg n Keinzelle, Samen

sa pūrveṣām api guruḥ kālenānavacchedāt || 1.26 ||

Sie ist auch der Lehrer der Vorfahren, da sie der Trennung durch Zeit nicht unterliegt.

saḥ nom sg m er (d.h. Īśvara, die Gottesperson) pūrveśām gen pl m von den Vorfahren api auch guruḥ nom sg m Lehrer kālena inst sg m durch Zeit an-ava-cchedāt abl sg m wegen keiner Trennung

tasya vācakaḥ praṇavaḥ || 1.27 ||

Das sie bezeichnende Wort ist OM.

tasya gen sg m dessen vācakaḥ nom sg m bezeichnend, ausdrückend praṇavaḥ nom sg m die Silbe OM

taj-japas tadartha-bhāvanam || 1.28 ||

Dessen Wiederholung bringt die dazu gehörende Bedeutung ans Licht.

tat- dessen, seine japa- meditative Wiederholung tat-artha- dessen/seine Bedeutung/ Nutzen/ Zweck bhāvanam nom n sg das zur Erscheinung bringen, Vergegenwärtigung

tataḥ pratyak-cetanādhigamo 'py antarāyābhāvaś ca || 1.29 ||

Anschließend [kommt es] auch zum Erlangen der inneren Aufmerksamkeit und zur Vernichtung von Hindernissen.

tataḥ dann, darauf pratyak- im Innern cetanā- Bewustsein, Besinnung adhigamaḥ nom m sg Erlangung api auch antarāya- Hindernis abhāvaḥ nom m sg Vernichtung ca und

Hindernisse auf dem Weg zu Samādhi und deren Beseitigung.

vyādhi-styāna-saṃśaya-pramādālasyāvirati-bhrānti-darśanālabdha-bhūmikatvānavasthitatvāni citta-vikṣepās te 'ntarāyāḥ || 1.30 ||

Krankheit, Apathie, Zweifel, Rausch und Unaufmerksamkeit, Mangel an freudiger Energie, Hängen an Sinnesgenüssen, irrige Ansichten, Nichterlangen von Entwicklungsstufen und Unbeständigkeit sind die Hindernisse, die den denkenden Geist zerstreuen.

vyādhi- Krankheit styāna- Apathia saṃśaya- Zweifel pramāda- Rausch, Unaufmerksamkeit ālasya- Trägheit, Mangel an Energie a-vi-rati- Unenthaltsamkeit, Hängen an Sinnesobjekten bhrānti- Umherirren, Wahn darśana- Schau a-labdha- das Nichterreichen bhūmika-tva- Stufe an-ava-sthita-tvāni nom n pl Unbeständigkeit citta- Geist, Psyche vi-kṣepās nom pl m Zerstreutheiten te nom pl m diese antarāyāḥ nom pl m Hindernisse

duḥkha-daurmanasyāṅgamejayatva-śvāsa-praśvāsā vikṣepa-sahabhuvaḥ || 1.31 ||

Unbehaben, Niedergeschlagenheit, Zittern des Leibes, Seufzen und [schweres] Einatmen begleiten die Zerstreuung.

duḥkha- Unbehagen, Leid daurmanasya- Niedergeschlagenheit,Traurigkeit aṅgam-ejaya-tva- das Zittern des Leibes śvāsa- Schnaufen, Seufzen praśvāsā nom pl m das Einatmen viksepa- Zerstreuung saha-bhuvaḥ nom pl m zusammen erscheinend mit

tat-pratiṣedhārtham eka-tattvābhyāsaḥ || 1.32 ||

Zu deren Vertreibung [dient] die Eka-Tattva-Übung.

Die klassischen Kommentatoren verstehen Eka-Tattva als andere Bezeichnung für Īśvara, im Sinne von "die eine göttliche Wahrheit". Ein alternatives Textverständnis wäre "Konzentrationsübung auf ein einzelnes Daseinsprinzip".

tat- deren, dessen prati-ṣedha- Abwehr, Vertreibung einer Krankheit artham nom n sg Zweck eka- eins, einzig tat-tva- die Dasheit, das wahre Wesen/Verhältnis, Wahrheit, Realität, Grundprinzip abhyāsaḥ Übung

maitrī-karuṇā-muditopekṣāṇāṃ sukha-duḥkha-puṇyāpuṇya-viṣayāṇāṃ bhāvanātaś citta-prasādanam || 1.33 ||

Folgende Betrachtungsweise bringt den Geist in eine heitere gnädige Stimmung: Freundschaft zu glücklichen Sachverhalten, Mitgefühl zu unglücklichen, Frohsinn über tugendreiche [Dinge] und Nichtbeachtung von tugendlosen.

[bezüglich maitrī- Freundschaft karuṇā- Mitleid mudita- sich erfreuend upekṣāṇām gen f pl Nichtbeachten] [bezüglich sukha- angenehm, glücklich duḥkha- unangenehm, leidvoll puṇya- tugenhaft apuṇya- tugendlos, lasterhaft viśayānām gen m pl Bereiche] bhāvanātaḥ adv vergegenwärtigend, stetiges Denken an citta- Geist prasādanam nom n sg Klarheit, Reinheit, Heiterkeit des Gemüts, Gnade

pracchardana-vidhāraṇābhyāṃ vā prāṇasya || 1.34 ||

Alternativ [wird dies erreicht] durch Ausstoßen und Unterdrücken des Atems.

[durch das pracchardana- Ausstoßen vidhāraṇābhyām inst dual n Unterdrücken, Weghalten] oder, alternativ prāṇasya gen m sg des Atems

viṣayavatī vā pravṛttir utpannā manasaḥ sthiti-nibandhanī || 1.35 ||

Oder [wenn sich] eine sinnliche Erfahrung ereignet, die für das Gemüt so fesselnd ist, dass [die Gedankenwellen] stehen bleiben.

viṣaya-vatī nom f sg den Sinnesbereich betreffend oder, alternativ pravṛttiḥ nom f sg Hervorkommen, Entstehung utpannā nom f sg eingetroffen manasaḥ gen n sg für das Gemüt, den denkenden Geist sthiti- das Stillstehen nibandhanī nom f sg Fessel

viśokā vā jyotiṣmatī || 1.36 ||

Oder [wenn sich] eine Kummer beseitigende lichtvolle [Erfahrung ereignet].

viśokā nom f sg Kummerbeseitigung oder, alternativ jyotiṣmatī nom f sg lichtvoll

vīta-rāga-viṣayaṃ vā cittam || 1.37 ||

Oder [wenn] der Geist auf einen Bereich mit fortgegangener Leidenschaft [ausgerichtet ist].

vīta- fortgegangen rāga- Leidenschaft viṣayam nom n sg Bereich oder cittam nom n sg Geist

svapna-nidrā-jñānālambanaṃ vā || 1.38 ||

Oder auf Grundlage von Erkenntnis in Traum und Schlaf.

svapna- Traum nidrā- Schlaf jñāna- Erkenntnis ālambanam nom n sg Grundlage, Stütze oder, alternativ

yathābhimata-dhyānād vā || 1.39 ||

Oder durch Meditation in der Art und Weise, wie man sie gerne mag.

yathā- wie abhimata- erwünscht, genehm, lieb dhyānāt abl n sg durch Meditation oder

Nachdem die Methodern der Hindernisbeseitigung abgeschlossen sind, folgt eine abschließende Beschreibung der nötigen Selbsteinschätzung des Yogis

paramāṇu-parama-mahattvānto 'sya vaśīkāraḥ || 1.40 ||

Vom Kleinsten bis zum Größten [reicht] seine (d.h. des Yogis) [Selbst-]Bemeisterung.

paramāṇu- kleinstes Teil, Atom parama- höchte mahattva- Größe antaḥ nom m sg Grenze, bis zu asya gen m sg seine vaśī-kāraḥ nom m sg Unterwerfung, Bezwingung

Hier geht es jetzt weiter mit der Erläuterung der verschiedenen Samādhis.

kṣīṇa-vṛtter abhijātasyeva maṇer grahītṛ-grahaṇa-grāhyeṣu tat-stha-tad-añjanatā samāpattiḥ || 1.41 ||

Durch das Schwinden von Gedankenwellen [entsteht] – wie bei einem Kristall edler Herkunft – bei Wahrnehmer, Wahrnehmung und Wahrgenommenem eine Einswerdung mit Annahme der Färbung der jeweiligen Grundlage.

"samāpatti" ist schon im Pāli-Kanon ein bei den Buddhisten vielgenutzer Begriff

[durch kṣīṇa- vermindert vṛtteḥ abl f sg Gedankenwelle] abhijātasya des von edler Herkunft iva wie. quasi, sozusagen maṇeḥ gen m sg des Juvels [in grahītṛ- Wahrnehmer grahaṇa- das Wahrnehmen grāhyeṣu lok m pl Wahrzunehmendes] tat-stha-tad-añjanatā nom f sg das Annehmen der Färbung von dem, worauf etwas steht samāpattiḥ nom f sg Zusammenfallen, Zusammentreffen, Erreichen, Vollenden

tatra śabdārtha-jñāna-vikalpaiḥ saṃkīrṇā savitarkā samāpattiḥ || 1.42 ||

Dabei [handelt es sich um] die Einswerdung mit Argumentabwägung (savitarka), wenn sie mit Bezeichnungen, Sachverhalten, Erkenntnissen und Vorstellungen vermischt ist.

tatra dort śabda- Laut, Sprach artha- Zweck, Bedeutung, Sache jñāna- Erkenntnis vikalpaiḥ inst pl m mit Vorstellungen saṃkīrṇā nom f sg gemischt sa-vitarkā nom f sg mit Argumentabwägung samāpattiḥ nom f sg Zusammenfallen

smṛti-pariśuddhau sva-rūpa-śūnyevārtha-mātra-nirbhāsā nirvitarkā || 1.43 ||

Ist die Erinnerung völlig [von Selbstbezug] gereinigt, [und ist die Einswerdung,] wie ohne eigene Wesensgestalt [des Meditierenden,] nur das bloße Leuchten der Sache selbst, dann ist es eine [Einswerdung] ohne Argumentabwägung (nirvitarka).

smṛti- Erinnerung pariśuddhau lok f sg in vollkommenem Reinwerden sva-rūpa- die eigene Gestalt, das eigene Wesen śūnyā nom f sg leer iva wie, sozusagen artha- Sache, Zweck mātra- nur nirbhāsā nom f sg Schein nirvitarkā nom f sg ohne Argumentabwegung

etayaiva savicārā nirvicārā ca sūkṣma-viṣayā vyākhyātā || 1.44 ||

Analog wird auch [die Einswerdung] im subtilen Bereich erklärt: mit Selbstreflexion (savicāra) und unreflektiert (nirvicāra).

etayā inst m sg hiermit, mit dieser eva wahrlich savicārā nom f sg die mit Überlegung, Unterscheidung, prüfender Betrachtung nirvicārā nom f sg die ohne prüfende Betrachtung ca und sūkṣma- feinstofflich, subtil viṣayā nom f sg Bereich vyākhyātā ppp nom f sg erklärt, erläutert, benannt

sūkṣma-viṣayatvaṃ cāliṅga-paryavasānam || 1.45 ||

Der subtile Bereich selbst erstreckt sich bis zum Merkmallosen.

sūkṣma- feinstofflich viṣayatvam nom n sg Bereich ca und, und zwar, auch, sogar, selbst aliṅga- merkmallos pary-ava-sānam nom n sg seinen Abschluss finden, hinaus laufen auf

tā eva sa-bījaḥ samādhiḥ || 1.46 ||

Diese [Einswerdung] ist allerdings der Samādhi mit Samen.

nom f sg diese eva wahrlich sa- mit bījaḥ Samen samādhi Versenkung

nirvicāra-vaiśāradye 'dhyātma-prasādaḥ || 1.47 ||

Ist man vertraut mit der unreflektierten (nirvicāra) [Einswerdung, entsteht] die heitere gnadenvolle Stimmung des höheren Selbstes.

[bei nirvicāra- prüfungslos vaiśāradye lok n sg Erfahrenheit] adhyātma- höchstes Selbst prasādaḥ nom m sg gnadenvolle Stimmung

ṛtaṃ-bharā tatra prajñā || 1.48 ||

Die Weisheitseinsicht trägt dort die Wahrheit in sich.

ṛtaṃ-bharā nom f sg die Wahrheit in sich enthaltend tatra dort prajñā nom f sg Einsicht

śrutānumāna-prajñābhyām anya-viṣayā viśeṣārthatvāt || 1.49 ||

Durch ihre besondere Zielsetzung hat sie einen anderen Bereich als die Einsicht von Gelehrsamkeit und Schlussfolgerung.

[als śruta- Gehörtes anumāna Geschlussfolgertes prajñā inst f dual Einsicht] anya- anders viṣayā nom f sg Bereich [wegen viśeṣa- besonders arthatvāt abl n sg Zielsetzung]

tajjaḥ saṃskāro 'nya-saṃskāra-pratibandhī || 1.50 ||

Die daraus entstandene Denkgewohnheit (Saṃskāra) hemmt andere Gewohnheiten.

tat- daraus jaḥ nom m sg entstanden saṃskāraḥ nom m sg Denkgewohnheit anya- anders saṃskāra- Denkgewohnheit pratibandhī nom m sg hemmend

tasyāpi nirodhe sarva-nirodhān nirbījaḥ samādhiḥ || 1.51 ||

Wenn sogar diese zur Stille gebracht wird, [entsteht] durch die Verstillung aller [Geistesfunktionen] der samenlose Samādhi.

tasya dessen, darauf bezüglich api sogar nirodhe lok m sg bei der Niederhaltung [durch sarva- alles nirodhāt abl m sg Niederhaltung] nirbīja- samenlos samādhiḥ nom m sg Versenkung

iti patañjali-viracite yoga-sūtre prathamaḥ samādhi-pādaḥ

So [endet] im von Patañjali verfassten Yoga-Leitfaden das erste Viertel, [genannt] Samādhi.

द्वितीयः साधनपादः

dvitīyaḥ sādhana-pādaḥ

Zweites Viertel: zum Ziel Führendes

tapaḥ-svādhyāyeśvara-praṇidhānāni kriyā-yogaḥ || 2.1 ||

Anfachen innerer Glut, Selbstrezitation und Gottergebung [sind] der praktische Yoga.

tapaḥ- Glut, Askeseübung svādhyāya- Rezitation heiliger Texte für sich selbst īśvara- die Gottesperson praṇidhānāni nom n pl Dienstbeflissenheit, Aufmerksamkeit gegen, Ergebung in kriyā- Tätigkeit yogaḥ nom m sg Yoga

samādhi-bhāvanārthaḥ kleśa-tanū-karaṇārthaś ca || 2.2 ||

[Sein] Zweck ist, Samādhi zu bewirken und Plagen zu verringern.

samādhi- Versenkung bhāvana- das Bewirken arthaḥ nom n sg Zweck kleśa- Plage tanū-karaṇa- dünn machen, Verringern arthaḥ nom n sg Zweck ca und

avidyāsmitā-rāga-dveṣābhiniveśāḥ kleśāḥ || 2.3 ||

Irrige Ansichten, Ichhaftigkeit, Verlangen, Abneigung, Klammern am Dasein sind die Plagen.

avidyā- Unwissen, irrige Ansicht asmitā- Ichhaftigkeit rāga- Verlangen dveṣa- Abneigung abhiniveśāḥ nom m pl Hängen am Dasein kleśāḥ nom m pl die Plagen

avidyā kṣetram uttareṣāṃ prasupta-tanu-vicchinnodārāṇām || 2.4 ||

Irrige Ansichten [sind] das Feld für anschließend entstehende schlafende, schwache, weggedrückte und akute [Plagen].

avidyā nom f sg Unwissen, irrige Ansichten kṣetram nom n sg Feld uttareśām gen m pl für folgende [für prasupta- eingeschlafene tanu- schwache vicchinna- unterbrochene udārāṇām gen m pl akute, wirkende]

anityāśuci-duḥkhānātmasu nitya-śuci-sukhātma-khyātir avidyā || 2.5 ||

Irrige Ansichten [sind:] Vergängliches für ewig zu halten, Unreines für rein, Leid für Glück und das, was man nicht ist, für sich selbst.

[im a-nitya- vergänglich a-śuci- unrein duḥkha- leidvoll an-ātmasu lok m pl Nicht-Selbst] nitya- ewig śuci- rein sukha- angenehm ātma- Selbst khyātiḥ nom f sg Auffassung avidyā nom f sg irrige Ansicht

dṛg-darśana-śaktyor ekātmatevāsmitā || 2.6 ||

Die Kräfte von Wahrnehmer und Wahrgenommenem als identisch [anzusehen ist] Ichhaftigkeit.

[bezüglich dṛk- Wahrnehmer darśana- Wahrgenommenes śaktyoḥ gen dual f Kraft, Fähigkeit, Vermögen, Wirkung] ekātmatā nom f sg ein-und-desselben Wesens iva wie asmitā nom f sg Ichhaftigkeit

sukhānuśayī rāgaḥ || 2.7 ||

Verlangen ist das Hängen am Glück.

sukha- Angenehmes, Glück anuśayī nom m sg treu anhängend rāgaḥ nom m sg Verlangen

duḥkhānuśayī dveṣaḥ || 2.8 ||

Abneigung ist das Hängen am Leid.

duḥkha- Unangenehmes, Leid anuśayī nom m sg treu anhängend dveṣaḥ nom m sg Abneigung

svarasa-vāhī viduṣo 'pi tathārūḍho 'bhiniveśaḥ || 2.9 ||

Klammern am Dasein ist das innewohnende Gefühl für die eigene Person, was sogar im Wissenden entsprechend entwickelt ist.

sva-rasa- der eigene Saft, das Hängen an der eigenen Person vāhī nom m sg mit sich führend viduṣaḥ gen m sg für den Wissenden api sogar tathā so, auf diese Art ārūḍhaḥ nom m sg entwickelt abhiniveśaḥ nom m sg Klammern am Dasein

te pratiprasava-heyāḥ sūkṣmāḥ || 2.10 ||

Diese [Plagen] sind durch entgegengesetzte Anregung aufzugeben, [denn sie sind] subtil.

te nom m pl diese pratiprasava- Gegenanregung, Rückkehr in den Urzustand heyāḥ nom m pl aufzugeben, zu lassen sūkṣmāḥ nom m pl subtil

dhyāna-heyās tad-vṛttayaḥ || 2.11 ||

Gedanken darüber [sind] durch Meditation aufzugeben.

dhyāna- Meditation heyāḥ nom m pl aufzugeben tat- darüber vṛttayaḥ nom m pl Gedankenwellen

kleśa-mūlaḥ karmāśayo dṛṣṭādṛṣṭa-janma-vedanīyaḥ || 2.12 ||

Die Wurzel der Plagen [ist] das Karmakonto, [dessen Resultat man] im diesem oder einem anderen Leben zu erfahren hat.

kleśa- Plagen mūlaḥ nom m sg Wurzel karma- Handlungs, Karma āśayaḥ nom m sg Karmakonto, Anlage, mit der man zur Welt kommt dṛṣṭa- gesehen, vorliegend adṛṣṭa- ungesehen, unbekannt janma- Leben, Geburt vedanīyaḥ nom m sg zu erfahren

sati mūle tad-vipāko jāty-āyur-bhogāḥ || 2.13 ||

Solange diese Wurzel besteht, [bewirkt] das Heranreifen des [Karmas] das Erfahren von Wiedergeburten [entsprechender] Lebensdauer.

sati lok n sg wenn besteht mūle lok n sg wenn die Wurzel tat- dessen (bezieht sich auf Karma) vipākaḥ nom m sg Heranreifen jāti- Wiedergeburt āyuḥ- Lebensdauer bhogāḥ nom m pl das Erleben

te hlāda-paritāpa-phalāḥ puṇyāpuṇya-hetutvāt || 2.14 ||

Diese [Geburten beinhalten] Heiterkeit und Seelenschmerz als Frucht, aufgrund guten und schlechten Karmas.

te nom m pl diese hlāda- Heiterkeit paritāpa- Seelenschmerz phalāḥ nom m pl Früchte puṇya- gutes Karma apuṇya- schlechtes Karma hetutvāt abl n sg durch die Ursache

pariṇāma-tāpa-saṃskāra-duḥkhair guṇa-vṛtti-virodhāc ca duḥkham eva sarvaṃ vivekinaḥ || 2.15 ||

Durch das Unbehagen von Wandlungsprozessen, Schmerzen und Denkgewohnheiten und aufgrund der Feindseligkeit zwischen Eigenschaften der Natur und den Gedankenwellen ist für den Unterscheidenden allerdings alles unangenehm.

[durch pariṇāma- Wandlungsprozesse tāpa- Schmerzen, Qualen saṃskāra- Denkgewohnheiten, Geisteseindrücke duḥkhaiḥ inst n pl Unbehagen, Schmerz, Leid] [durch guṇa- Natureigenschaften vṛtti- Gedankenwellen virodhāt abl m sg Feindschaft, Unvereinbarkeit] ca und duḥkham nom n sg unangenehm, widerwärtig eva wahrlich, allerdings sarvam nom n sg alles vivekinaḥ gen m sg für den Unterscheidenden

heyaṃ duḥkham anāgatam || 2.16 ||

Bevorstehendes Leid ist zu vermeiden.

heyam nom n sg zu vermeiden duḥkham nom n sg Leid an-ā-gatam nom n sg noch nicht angekommen

draṣṭṛ-dṛśyayoḥ saṃyogo heya-hetuḥ || 2.17 ||

Die Vereinigung des Wahrnehmenden mit der sichtbaren Welt ist die zu vermeidende Ursache.

[von drṣṭṛ- Seher, Wahrnehmer dṛśyayoḥ gen n dual zu sehendes, Wahrgenommenes] saṃ-yogaḥ nom m sg Verbindung, Vereinigung heya- zu vermeiden hetuḥ nom m sg Ursache

prakāśa-kriyā-sthiti-śīlaṃ bhūtendriyātmakaṃ bhogāpavargārthaṃ dṛśyam || 2.18 ||

Mit den Charaktereigenschaften leuchtend, aktiv oder träge zu sein, und aus stofflichen Elementen und Sinneswahrnehmungen zu bestehen, dient die sichtbare Welt der Genusserfahrung und der abschließenden Loslösung.

prakāśa- leuchtend kriyā- aktiv sthiti- fest, stillstehend śilam nom n sg Charakter, Gewohnheit bhūta- stoffliches Element indriya- Sinnesorgan, Sinneskraft ātmakam nom n sg als Natur der Sache bhoga- Genuss, Empfindung von Freude oder Schmerz apa-varga- Abschluss, Erlösung, letzte Befreiung der Seele artham nom n sg Zweck dṛśyam nom n sg das zu sehende, die sichtbare Welt

viśeṣāviśeṣa-liṅga-mātrāliṅgāni guṇa-parvāṇi || 2.19 ||

Die Manifestationsstufen der Gunas, (der Eigenschaften der materiellen Natur) [sind] ausdifferenziert, undifferenziert [als Ausgangsmaterial], nur feinstofflich [als Ideenmaterial] und merkmallos [als unmanifestierte Vorstufe].

viśeṣa- mit spezifischer Eigenschaft a-viśeṣa- ohne spezifische Eigenschaft, Urstoffe liṅga- Merkmal, feinstofflich mātra- nur, nichts als a-liṅgāni nom n pl merkmallos guṇa- Grundeigenschaften allen materiellen Seins parvāni nom n pl Knoten an Pflanzenstengeln, Abteilung, Abschnitt

draṣṭā dṛśi-mātraḥ śuddho 'pi pratyayānupaśyaḥ || 2.20 ||

Der Wahrnehmer ist ausschließlich das Schauvermögen, und obwohl er rein ist, betrachtet er die Gewissheiten [des denkenden Geistes].

draṣṭā nom m sg der Wahrnehmer dṛśi- das Schauvermögen mātraḥ nom m sg bloß, nur śuddhaḥ ppp nom m sg rein api hingegen pratyaya- Vorstellungen. Überzeugungen anu-paśyaḥ nom m sg betrachtend

tadartha eva dṛśyasyātmā || 2.21 ||

Das Wesen der sichtbaren Welt ist nur zu seinem Nutzen da.

tad- zu seinem arthaḥ nom n sg Nutzen eva wahrlich dṛśyasya gen n sg des Sichtbaren, Wahrnehmbaren ātmā nom m sg Wesen

kṛtārthaṃ prati naṣṭam apy anaṣṭaṃ tad-anya-sādhāraṇatvāt || 2.22 ||

Obwohl [die sichtbare Welt] für den [Yogi], der sein Ziel erreicht hat, zu nichts geworden ist, ist sie nicht verschwunden, weil sie für andere eine gemeinsame Sache ist.

kṛtārtham akk m sg den, der sein Ziel erreicht hat prati für, gegenüber naṣṭam ppp nom n sg untergegangen api obwohl a-naṣṭam nom n sg nicht untergegangen, nicht verschwunden [weil tat- sie anya- für andere sādhāraṇatvāt abl n sg Gemeingut, gemeinsam teilhabend]

sva-svāmi-śaktyoḥ sva-rūpopalabdhi-hetuḥ saṃyogaḥ || 2.23 ||

Die Verbindung [mit der sichtbaren Welt ist] die Ursache für das Erfassen der wahren Natur ihrer Fähigkeiten und der ihres Herrn, [dem Wahrnehmenden].

sva- ihre svāmi- der Herr, Eigentümer, der Puruṣa śaktyoḥ gen dual f Fähigkeiten svarūpa- ihre Gestalt upa-labdhi- Erfassen, Wahrnehmung hetuḥ nom m sg Grund saṃyogaḥ nom m sg Vereinigung

tasya hetur avidyā || 2.24 ||

Deren Ursache sind irrige Ansichten.

tasya gen m sg dessen hetuḥ nom m sg Ursache avidyā nom f sg Unwissen, irrige Ansichten

tad-abhāvāt saṃyogābhāvo hānaṃ tad-dṛśeḥ kaivalyam || 2.25 ||

Durch deren Abwesenheit unterbleibt die Vereinigung. Das Aufhören des Sehens der [sichtbaren Welt] ist Kaivalya.

tat- deren abhāvāt abl m sg durch Abwesenheit saṃyoga- Verbindung abhāvaḥ Abwesenheit hānam nom n sg Aufhören, Aufgeben [von tat- dessen dṛśeḥ gen f sg Sehen] kaivalyam nom n sg Ausschließlichkeit, Alleinheit, absolute Unabhängigkeit

viveka-khyātir aviplavā hānopāyaḥ || 2.26 ||

Die ununterbrochene unterscheidende Sichtweise ist das Mittel zum Aufhören.

viveka- Unterscheidung khyātiḥ nom f sg Auffassung, Einsicht aviplavā nom f sg ununterbrochen hāna- Aufhören, Aufgeben upāyaḥ nom m sg Mittel

tasya saptadhā prānta-bhūmiḥ prajñā || 2.27 ||

Siebenfach ist dessen (d.h. des Yogis) Unterscheidung in der letzten [Entwicklungs-]Stufe.

tasya gen n sg seine sapta-dhā adv siebenfach pra-anta- Rand, Grenze bhūmiḥ nom f sg Boden, Stufe prajñā nom f sg Unterscheidung, Einsicht, Vorsatz, Entschluss

yogāṅgānuṣṭhānād aśuddhi-kṣaye jñāna-dīptir ā-viveka-khyāteḥ || 2.28 ||

Wenn Unreinheit durch das Praktizieren der Yoga-Teildisziplinen geschwunden ist, [lodert] die Flamme der Erkenntnis bis hin zur unterscheidenden Sichtweise.

[durch yoga- Yoga aṅga- Glieder anuṣṭhānāt abl n sg Ausführen, Verrichten] [wenn a-śuddhi- Unreinheit kṣaye lok m sg Verminderung] jñāna- Erkenntnis dīptiḥ nom f sg Flamme ā adv hin zu [bis zur viveka- Unterscheidung khyāteḥ abl f sg Auffassung, Einsicht]

yama-niyamāsana-prāṇāyāma-pratyāhāra-dhāraṇā-dhyāna-samādhayo 'ṣṭāv aṅgāni || 2.29 ||

Die acht Teildisziplinen sind [innere] Haltung, Übungsregeln, Sitzhaltung, Atemkontrolle, Zurückziehen, Konzentration, Meditation, Samādhi.

yama- Halten, Haltung, Zügel niyama- Niederhalten, feste Regel, Gelübde āsana- Sitzen prāṇāyāma- Atemkontrolle pratyāhāra- Zurückziehung dhāraṇā- Konzentration dhyāna- Meditation samādhayaḥ- Versenkung_nom m pl aṣṭau nom pl acht aṅgāni nom n pl Glieder

ahiṃsā-satyāsteya-brahmacaryāparigrahā yamāḥ || 2.30 ||

Nichtschädigen, Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Enthaltsamkeit und Nichtgüteranhäufung [sind die inneren] Haltungen.

a-hiṃsā- Nichtschädigen satya- Wahrhaftigkeit asteya- Nichtstehlen brahma-carya- sich als Veda-Schüler betragen, sexuell enthaltsam leben a-pari-grahāḥ nom m pl Nicht-Besitzergreifung, Nichtentgegennehmen yamāḥ nom m pl die Haltungen

jāti-deśa-kāla-samayānavacchinnāḥ sārvabhaumā mahā-vratam || 2.31 ||

Universell, ohne Ausnahme durch Stellung, Ort, Gelegenheit oder Umstände, [sind sie] das große Gelübde.

jāti- Stellung, Kaste, Rang, Familie deśa- Ort, Gegend, Land kāla- Zeit, Gelegenheit samaya- Vereinbarung, Umstände an-avacchinnāḥ nom m pl un-unterbrochen sārvabhaumāḥ nom m pl über die ganze Erde herrschend mahā- groß vratam nom n sg Gelübte

śauca-saṃtoṣa-tapaḥ-svādhyāyeśvara-praṇidhānāni niyamāḥ || 2.32 ||

Reinheit, Zufriedenheit, Anfachen innerer Glut, Selbstrezitation, Gottergebung [sind] die Übungsregeln.

śauca- Reinheit saṃtoṣa- Zufriedenheit tapaḥ- Glut, Askeseübung svādhyāya- Rezitation für sich selbst īśvara- Gottesperson praṇidhānāni nom n pl Ergebung niyamāḥ nom m pl die festen Regeln, Gebote, Versprechen

vitarka-bādhane pratipakṣa-bhāvanam || 2.33 ||

Bei Peinigung durch Zweifel [hilft] Vergegenwärtigung des Gegenteils.

vitarka- Vermutung, Zweifel, Hinundherüberlegen bādhane lok m sg bei Peinigung, Bedrängung prati-pakṣa- die entgegengesetzte Seite bhāvanam nom n sg Vergegenwärtigung

vitarkā hiṃsādayaḥ kṛta-kāritānumoditā lobha-krodha-moha-pūrvakā mṛdu-madhyādhi-mātrā duḥkhājñānānanta-phalā iti pratipakṣa-bhāvanam || 2.34 ||

Zweifel, und zwar [an den inneren Haltungen und Übungsregeln] angefangen [mit dem Impuls] Schaden zuzufügen, eigenhändig, beauftragt oder ermunternd, wobei Gier, Wut oder Verwirrung vorausgegangen sind, leicht, mittel oder stark, mit Leid und Unwissen als endloser Konsequenz, also [bei solchen Problemen ist] die Vergegenwärtigung des Gegenteils [anzuwenden].

vitarkāḥ nom m pl Vermutung, Zweifel, Hinundherüberlegen hiṃsā nom f sg Schädigen ādayaḥ nom m pl mit … beginnend, usw kṛta- getan kārita- bewirkt anu-moditāḥ nom m pl ermutigt lobha- Gier krodha- Wut moha- Verwirrung pūrvakāḥ nom m pl vorangehend mṛdu- sacht madhya- mittel adhi-matrāḥ nom m pl übermäßig duḥkha- Leid ajñāna- Unwissen ananta- endlos phalāḥ nom m pl Früchte iti also, und zwar prati-pakṣa- die entgegengesetzte Seite bhāvanam nom n sg Vergegenwärtigung

ahiṃsā-pratiṣṭhāyāṃ tat-saṃnidhau vaira-tyāgaḥ || 2.35 ||

Feindschaft verschwindet in Gegenwart dessen, in dem Nichtschädigen gefestigt ist.

ahiṃsā- Nichtschädigen pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung [in tat- dessen saṃnidhau lok m sg Gegenwart] vaira- Feindschaft tyāgaḥ nom m sg Verlassen, Aufgeben

satya-pratiṣṭhāyāṃ kriyā-phalāśrayatvam || 2.36 ||

Bei Gefestigheit in Wahrhaftigkeit das unmittelbare Anschließen der Handlungsfrüchte.

satya- Wahrhaftigkeit pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung kriyā- Handlungs phala- Früchte. Resultate āśrayatvam nom n sg woran sich etwas anschließt, Anlehnung, Abhängigkeit

asteya-pratiṣṭhāyāṃ sarva-ratnopasthānam || 2.37 ||

Bei Gefestigtheit in Nichtstehlen das Hinzutreten aller Gaben.

asteya- Nichtstehlen pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung sarva- alle ratna- Gabe, Besitz, Juwel, Perle upa-sthānam nom n sg Hinzutreten, Erscheinen

brahmacarya-pratiṣṭhāyāṃ vīrya-lābhaḥ || 2.38 ||

Bei Gefestigtheit in Enthaltsamkeit das Erlangen von Tatkraft.

brahmacarya- Enthaltsamkeit pratiṣṭhāyām lok f sg bei Festigung vīrya- Tatkraft, Männlichkeit lābhaḥ nom m sg das Erlangen

aparigraha-sthairye janma-kathaṃtā-saṃbodhaḥ || 2.39 ||

Bei Standhaftigkeit in Nichtgüteranhäufung erwacht die Erkenntnis wie [man in diese] Geburt [gelangte].

aparigraha- Nichtbesitzergreifung sthairye lok n sg bei Standhaftigkeit janma- Geburt, Leben, Wiedergeburt kathaṃ-tā- die Art und Weise saṃbodhaḥ nom m sg Verstehen, Einsicht

śaucāt svāṅga-jugupsā parair asaṃsargaḥ || 2.40 ||

Durch Reinheit [entsteht] Widerwille gegenüber dem eigenen Körper und Nichtberührung mit anderen.

śaucāḥ abl m sg durch Reinheit sva-aṅga- eigener Körper jugupsā nom m sg Widerwille, Abscheu paraiḥ inst m pl mit anderen a-saṃsargaḥ nom m sg Nichtberührung

sattva-śuddhi-saumanasyaikāgryendriya-jayātma-darśana-yogyatvāni ca || 2.41 ||

Außerdem [entstehen] Wesensreinheit, gute Laune, Zielgerichtetheit, Sieg über die Sinne und Befähigung zur Selbstwahrnehmung.

sattva- Wesen, Seinsheit śuddhi- Reinheit saumanasya- Frohsinn, gute Laune aikāgrya- auf einen Punkt gerichtete Aufmerkwsamkeit indriya- Sinne jaya- Sieg ātma- das Selbst darśana- Sehen, Wahrnehmen, Schau yogyatvāni nom n pl Befähigung ca und

saṃtoṣād anuttamaḥ sukha-lābhaḥ || 2.42 ||

Aus Zufriedenheit [entsteht] das Erlangen unübertrefflichen Glücks.

saṃtoṣāt abl m sg durch Zufriedenheit anuttamaḥ nom m sg unübertrefflich sukha- Glück lābhaḥ nom m sg das Erlangen

kāyendriya-siddhir aśuddhi-kṣayāt tapasaḥ || 2.43 ||

Körperliche und sinnliche paranormale Kräfte [entstehen] durch Vernichtung von Unreinheit durch Erzeugen innerer Glut.

kāya- Körper indriya- Sinne siddhiḥ glücklicher Erfolg, Zaubermacht aśuddhi- Unreinheit kṣayāt abl m sg durch Vernichtung tapasaḥ durch Glut, durch Askeseübung

svādhyāyād iṣṭa-devatā-saṃprayogaḥ || 2.44 ||

Durch Selbstrezitation [kommt es zur] Verbindung mit der erwählten Gottheit.

svādhyāyāt sbl m sg durch Rezitation für sich selbst iṣṭa- erwünscht devatā- Gottheit saṃprayogaḥ nom m sg Verbindung

samādhi-siddhir īśvara-praṇidhānāt || 2.45 ||

Durch Gottergebung [kommt es zum] Gelingen von Samādhi.

samādhi- Versenkung siddhiḥ nom f sg Erfolg īśvara- Gottesperson praṇidhānāt abl n sg durch Ergebung, Dienstbeflissenheit, die Aufmerksamkeit reichten auf

sthira-sukham āsanam || 2.46 ||

Feste und angenehme Sitzhaltung [entsteht] …

sthira- fest sukham nom n sg angenehm āsanam nom n sg das Sitzen

prayatna-śaithilyānanta-samāpattibhyām || 2.47 ||

… durch Lösung von Willenstätigkeit und Aufgehen im Unendlichen.

prayatna- Willenstätigkeit, Bemühung, Eifer, Anstrengung śaithilya Lockerheit, Verringerung ananta Unendlich samāpattibhyām inst f dual durch Zusammenfallen, Zusammentreffen, Aufgehen des Subjekts im Objekt

tato dvandvānabhighātaḥ || 2.48 ||

Dann [gibt es] keine schädliche Einwirkung der Gegensatzpaare mehr.

tataḥ dann dvaṃdva- Gegensatzpaar an-abhighātaḥ nom m sg keine schädliche Einwirkung

tasmin sati śvāsa-praśvāsayor gati-vicchedaḥ prāṇāyāmaḥ || 2.49 ||

Ist dies erreicht, [möge man] die Hemmung des Gangs der Aus- und Einatmung [praktizieren, also die] Atemkontrolle.

tasmin lok n sg wenn dies sati ppr lok n sg existiert, gegenwärtig ist, angetroffen wird [des śvāsa- Atmen praśvāsayoḥ- gen m dual Einatmen] gati- der Gang vicchedaḥ nom m sg Unterbrechung, Hemmung prāṇayāmaḥ Atemkontrolle, Atemhemmung

bāhyābhyantara-stambha-vṛttir deśa-kāla-saṃkhyābhiḥ paridṛṣṭo dīrgha-sūkṣmaḥ || 2.50 ||

Der aus-, ein- und angehaltene [Atem-]Rhythmus [ist] unter Beachtung von Körpergegend, Zeiten und Zählweise lang andauernd und kaum hörbar [zu üben].

bāhya- nach außen abhyantara- innerlich stambha- Anfüllung vṛttiḥ das Rollen, Verfahren. Tätigkeit, Tempo, Rhythmus [mit Hilfe von deśa- Ort, Land, Körpergegend kāla- geeignete Zeit, passender Zeitpunkt saṃkhyābhiḥ inst f pl Zählung, Bestimmung der Anzahl, Berechnung] pari-dṛṣṭaḥ ppp nom m sg betrachtet, ausfindig gemacht, erkannt dīrgha- lange dauernd sūkṣmaḥ nom m sg subtil, fein, kaum hörbar

bāhyābhyantara-viṣayākṣepī caturthaḥ || 2.51 ||

Den Bereich von Aus- und Ein-[Atmen] verlässt der vierte [Atemaspekt].

bāhya- außerhalb abhyantara- innerlich viṣaya- Bereich ākṣepī nom m sg ablegend, sich entfernend caturthaḥ nom m sg der vierte

tataḥ kṣīyate prakāśāvaraṇam || 2.52 ||

Dann nimmt die Verhüllung des Lichts ab.

tataḥ dann kṣīyate 3p sg präs medium nimmt ab, hört auf prakāśa- Licht āvaraṇam nom n sg Verhüllung

dhāraṇāsu ca yogyatā manasaḥ || 2.53 ||

Und die Befähigung des Gemüts für Konzentrationen [entsteht].

dhāraṇāsu lok f pl zur Konzentrationen ca und yogyatā nom f sg Befähigung manasaḥ gen n sg des Gemüts, des diskursiven Denkens

sva-viṣayāsaṃprayoge citta-sva-rūpānukāra ivendriyāṇāṃ pratyāhāraḥ || 2.54 ||

Wenn sie getrennt sind von ihren Sinnesbereichen, gleichsam in Nachahmung des Wesens des denkenden Geistes [der sich anschickt zu meditieren, entsteht die] Zurückziehung der Sinne.

[bei sva- eigen viṣaya- Bereich a-samprayoge lok m sg Trennung] citta- denkender Geist svarūpa- Eigennatur anukāraḥ nom m sg Nachahmung iva wie, gleichsam indriyānām gen n pl der Sinne pratyāhāraḥ nom m sg Zurückziehung

Tataḥ paramā vaśyatendriyāṇām || 2.55 ||

Dann [entwickelt sich] höchste Folgsamkeit der Sinne.

tataḥ dann paramā nom f sg die höchste vaśyatā nom f sg Unterwürfigkeit, Folgsamkeit indriyānām gen n pl der Sinne

iti patañjali-viracite yoga-sūtre dvitīyaḥ sādhana-pādaḥ

So [endet} im von Patañjali verfassten Yoga-Leitfaden das zweite Viertel, [genannt] zum Ziel führendes

तृतीयो विभूतिपादः

tṛtīyo vibhūti-pādaḥ

Drittes Viertel: Machtentfaltungen

deśa-bandhaś cittasya dhāraṇā || 3.1 ||

Die Bindung des denkenden Geistes an eine Stelle [ist] Konzentration.

deśa- Ort, Stelle bandhaḥ Bindung cittasya gen n sg des denkenden Geistes dhāraṇā nom f sg Konzentration

tatra pratyayaika-tānatā dhyānam || 3.2 ||

[Ist] dort die Gewissheit ganz auf eins ausgerichtet [ist es] Meditation.

tatra dort pratyaya- Vorstellung, Gewissheit eka- eins tānatā nom f sg Ausdehnung, Erstreckung dhyānam nom n sg Meditation

tad evārtha-mātra-nirbhāsaṃ sva-rūpa-śūnyam iva samādhiḥ || 3.3 ||

Dasselbe, wenn es nur das [Meditations-]Ziel zum Bewusstsein bringt, quasi ohne Eigenart [des denkenden Geistes, ist] Samādhi.

tat nom n sg das eva eben, in der Tat artha- Ziel, Zweck, Sache mātra nur nirbhāsam nom n sg Schein, Leuchten, zum Bewusstsein bringen svarūpa- Eigentümlichkeit, Wesen, Natur śūnyam nom n sg leer iva wie, gleichsam samādhiḥ nom m sg Versenkung

trayam ekatra saṃyamaḥ || 3.4 ||

Diese drei bei einer Sache vereinigt [heißen] Samyama, Sammlung.

trayam nom n sg Dreiheit ekatra an einer Stelle, vereinigt saṃyama

taj-jayāt prajñālokaḥ || 3.5 ||

Durch seine Bemeisterung [kommt es zur] Weisheitsschau.

[durch tat- dessen jayāt abl m sg Besiegung prajñā- Weisheit ālokaḥ nom m sg Anblick, Erblicken

tasya bhūmiṣu viniyogaḥ || 3.6 ||

Seine Anwendung [geschieht] in [aufeinander folgenden] Stufen.

tasya dessen, seine bhūmiṣu lok f pl in Stufen, graduell viniyogaḥ nom m sg Anwendung

trayam antar-aṅgaṃ pūrvebhyaḥ || 3.7 ||

Diese Drei sind der innere Teil verglichen mit den bereits aufgeführten [fünf der acht Teildisziplinen des Yoga].

trayam nom n sg Dreiheit antaḥ- in Mitten, innen aṅgam nom n sg Glied, Bestandteil pūrvebhyaḥ abl m pl von den vorherigen

tad api bahir-aṅgaṃ nirbījasya || 3.8 ||

In Bezug auf den samenlosen [Samādhi] sind sogar sie ein äußerer Bestandteil.

tat das api sogar bahiḥ- draußen, äußerer aṅgam nom n sg Bestandteil nirbījasya gen m sg für den Samenlosen

vyutthāna-nirodha-saṃskārayor abhibhava-prādurbhāvau nirodha-kṣaṇa-cittānvayo nirodha-pariṇāmaḥ || 3.9 ||

Die Überwältigung von nach außen gehenden und das Aufkommen von zur Stille gehenden Denkgewohnheiten [bedeutet die] Verbindung des denkenden Geistes mit Stillemomenten [und die] Entwicklung auf Gedankenstille hin.

[von den vyutthāna- weg nach außen drängend nirodha- verstillend, bezwingend saṃskārayoḥ gen m dual Denkgewohnheiten] abhi-bhava- das Überwältigt-Werden prādur-bhāvau nom m dual das in Erscheinung treten nirodha- Verstillung, Bezwingung kṣaṇa- Momente citta- denkender Geist anvayaḥ nom m sg Verbindung, Anziehung nirodha- Verstillung pariṇāmaḥ nom m sg Entwicklung

tasya praśānta-vāhitā saṃskārāt || 3.10 ||

Deren ruhiges Fließen [entwickelt sich] durch Denkgewohnheit.

tasya deren praśānta- beruhigt, ruhig, still vāhitā nom f sg Fließen saṃskarāt abl m sg durch Denkgewohnheiten

sarvārthataikāgratayoḥ kṣayodayau cittasya samādhi-pariṇāmaḥ || 3.11 ||

Die Versiegen aller weltlichen Ziele und das Hervortreten von Einsgerichtetheit [ist] die Entwicklung des denkenden Geistes auf Samādhi hin.

[bezüglich sarva- alle arthatā- Zweckheit, das Dienen zu ekāgratayoḥ gen f dual Einsgerichtetheit] kṣaya- Abnahme udayau nom m dual das Aufsteigen, Hervortreten cittasya gen n sg des denkenden Geistes samādhi- Versenkung pariṇāmaḥ nom m sg Entwicklung

tataḥ punaḥ śāntoditau tulya-pratyayau cittasyaikāgratā-pariṇāmaḥ || 3.12 ||

Dann wiederum, wenn versiegende und aufkommende Gewissheiten im denkenden Geist die gleichen sind, [ist das] die Entwicklung auf Einsgerichtetheit hin.

tataḥ dann punaḥ wieder(um), abermals, außerdem śānta- aufgehört uditau nom m dual aufgekommen tulya gleich pratyayau nom m dual Vorstellung, Gewissheit cittasya des denkenden Geistes

etena bhūtendriyeṣu dharma-lakṣaṇāvasthā-pariṇāmā vyākhyātāḥ || 3.13 ||

Analog werden Veränderungen von Aufgaben, Gelegenheiten und Zustand in Dasein und Sinneserleben [des Yogis] erklärt.

etena inst n sg damit [bei bhūta- Gewordenes, Seiend, Tatsache, Dasein,materielles Grundelement indriyeṣu lok m pl Sinne] dharma- Funktion, Aufgabe lakṣaṇa- Zeichen, glückliches Merkmal, günstiges Zeichen, Gelegenheit avasthā nom f sg Zustand pariṇāmāḥ nom m pl Entwicklungen. Verä#derungen vyākhyātāḥ ppp nom m pl erklärt

śāntoditāvyapadeśya-dharmānupātī dharmī || 3.14 ||

Beendete, aufkommende und noch nicht zugewiesenen Aufgaben folgen dem Träger der Aufgaben.

śānta beruhigz, erloschen udita aufgestiegen, gesteigert, zu Tage getreten a-vy-apa-deśa unbezeichnet, kein Gemeintsein dharma- Bestimmung, Pflicht, Natur eines Dinges, charakteristisches Merkmal anupātī nom m sg folgend als Konsequenz oder Resultat dharmī nom m sg seiner Pflichten sich bewusst, mit besonderen Eigenschaften versehen

kramānyatvaṃ pariṇāmānyatve hetuḥ || 3.15 ||

Unterschiede der Schritte sind Ursache der Entwicklungsunterschiede.

krama- Schritte, Reihenfolge anyatvam nom n sg andere Beschaffenheit, Verschiedenheit pariṇāma- Entwicklung anyatve lok n sg Verschiedeneheit hetuḥ nom m sg Ursache

pariṇāma-traya-saṃyamād atītānāgata-jñānam || 3.16 ||

Durch Saṃyama über die Veränderungen dieser Drei (d.h. Aufgaben, Gelegenheiten und Zustände) [entsteht] Erkenntnis über Vergangenes und Kommendes.

pariṇāma Entwicklung traya- Dreiheit saṃyamāt abl m sg durch Sammlung atīta- vergangenes anāgata- zukünftiges jñānam nom n sg Erkenntnis

śabdārtha-pratyayānām itaretarādhyāsāt saṃkaras tat-pravibhāga-saṃyamāt sarva-bhūta-ruta-jñānam || 3.17 ||

Durch gegenseitige Überlagerung von Wortlaut, Sachverhalt und Gewissheit [entsteht] eine Vermischung. Durch Samyama über deren Aufschlüsselung [ensteht] das Verständnis der Rufe aller Wesen.

śabda- Wort, Laut artha- Zweck. Sache, Gegenstand, Angelegenheit pratyaya Gewissheit, Vorstellung itara-itara gegenseitig adhyāsāt abl m sg durch falsche Übertragung saṃkaraḥ nom m sg Vermischung tat- das, dessen pravibhāga- Einteilung, Sonderung saṃyamāt abl m sg durch Sammlung sarva- alle bhūta- Wesen ruta- Gebrüll, Geschrei jñānam nom n sg Erkenntnis

saṃskāra-sākṣat-karaṇāt pūrva-jāti-jñānam || 3.18 ||

Durch das sich vor Augen Führen von Denkgewohnheiten [entsteht] die Kenntnis früherer Geburten.

saṃskāra- Denkgewohnheit sākṣat- vor Augen karaṇāt abl m sg durch Machen, tun pūrva- vorherig jāti- Geburt jñānam nom n sg Erkenntnis

pratyayasya para-citta-jñānam || 3.19 ||

[Durch Samyama] über Gewissheit das Verständnis für den denkenden Geist anderer.

pratyayasya gen m sg bezüglich der Überzeugung, dem Vertrauen, Glauben, der Vorstellung para- fremd citta- denkender Geist jñānam.Kenntnis nom n sg

na ca tat sālambanaṃ tasyāviṣayī-bhūtatvāt || 3.20 ||

Das aber ohne [Erkenntnis der jeweils auslösenden] Grundlage weil es nicht der Bereich war [auf den sich der Yogī gerichtet hatte].

na nicht ca und, sogar, dagegen, aber tat nom n sg das sa- mit ālambanam nom n sg Stütze, Grundlage tasya gen m sg dessen, darauf bezüglich a-viṣayī bhūtatvāt adv+abl n sg weil es nicht zum Bereich wurde

kāya-rūpa-saṃyamāt tad-grāhya-śakti-stambhe cakṣuḥ-prakāśāsaṃprayoge 'ntar-dhānam || 3.21 ||

Durch Samyama auf die Gestalt des Körpers [entsteht] Unsichtbarkeit bei Hemmung der Fähigkeit ihn zu erfassen und Trennung der Verbindung von Sehkraft und Licht.

kāya- Körper rūpa- Form, Gestalt saṃyamāt durch Sammlung auf tat- das,ihn grāhya- zu erfassen śakti- Fähigkeit stambhe bei der Hemmung, Bannung cakṣuḥ- Sehkraft, Anblick, das Helle, der Schein, dasAuge prakāśa- Licht a-saṃprayoge lok n sg bei Trennung der Verbindung antardhānam nom n sg das Bedecken, Verschwinden

etena śabdādy-antardhānam uktam || 3.22 ||

Damit [wird auch] das Verschwinden von Lauten usw. ausgedrückt.

etena inst n sg damit śabda- Laut ādi- als Anfang habend, usw. antardhānam nom n sg das Bedecken, Verschwinden uktam nom n sg Ausdruck für, ausgesprochen

sopakramaṃ nirupakramaṃ ca karma tat-saṃyamād aparānta-jñānam ariṣṭebhyo vā || 3.23 ||

Karma schreitet rasch oder langsam an einen heran. Durch Samyama darüber [erlangt man] das Wissen über den [eignen] Todeszeitpunkt, alternativ [erlangt man es] durch [Beachtung} Unheil verheißender Vorzeichen.

sa- mit upakramam nom n sg Antritt, Beginn, Herannahmung niḥ- ohne, Gegenteil von upakramam nom n sg Antritt ca und karma nom sg n Karma [durch tat- darüber saṃyamāt abl m sg Samyama, Sammlung] aparānta Ende, Schluss, Tod jñānam nom n sg Erkenntnis ariṣṭebhyaḥ abl m pl durch Unglück verheißender Vorzeichen, Omen oder

maitryādiṣu balāni || 3.24 ||

[Durch Samyama] auf Freundschaft und andere [Themen, entstehen entsprechende] Fähigkeiten.

maitrya- Freundschaft ādiṣu lok pl m mit x als Anfang und weitere, usw balāni nomn pl Kräfte, Stärke, Gewalt

baleṣu hasti-balādīni || 3.25 ||

[Durch Samyama] auf Kräfte [entstehen] Elefantenkräfte und dergleichen.

baleṣu lok n pl auf Kräften hasti- Elefant bala kräfte ādīni nom n pl mit x als Anfang und weitere, usw.

pravṛtty-āloka-nyāsāt sūkṣma-vyavahita-viprakṛṣṭa-jñānam || 3.26 ||

Durch das Anheften des Blicks auf Entfaltung [entsteht] Wissen von Subtilem, Verborgenem und weit Entferntem.

[durch pravṛtti- Entfaltung, Auftreten, Erscheinen, Tätigkeit āloka- das Hinsehen nyāsāt abl m sg Hinsetzen, heften an] sūkṣma- subtil vyavahita- der Wahrnehmung entzogen viprakṛṣṭa- entfernt jñānam nom n sg Erkenntnis, Wissen

bhuvana-jñānaṃ sūrye saṃyamāt || 3.27 ||

Durch Samyama über die Sonne [entsteht] Wissen über die Welt.

bhuvana- Welt jñānam nom n sg Wissen sūrye nok m sg über die Sonne saṃyamāt abl m sg durch Samyama, Sammlung

candre tārā-vyūha-jñānam || 3.28 ||

[Durch Samyama] über den Mond [entsteht] Wissen über die Anordnung der Sterne.

candre lok m sg über den Mond tārā- Sterne vyūha- Anordnung jñānam nom n sg Wissen

dhruve tad-gati-jñānam || 3.29 ||

Wissen über deren Bewegung [entsteht durch Samyama] über den Polarstern.

dhruve lok m sg über den Polarstern tat- deren gati- Gang, Bewegung, Art zu gehen jñānam nom n sg Wissen

nābhi-cakre kāya-vyūha-jñānam || 3.30 ||

[Durch Samyama] über das Nabel-Chakra das Wissen über die Anordnung des Körpers

[über nābhi- Nabel cakre lok sg n Chakra kāya- Körper vyūha- Anordnung jñānam nom sg n Wissen

kaṇṭha-kūpe kṣut-pipāsā-nivṛttiḥ || 3.31 ||

[Durch Samyama] über die Grube unter der Kehle das Aufhören von Hunger und Durst.

[über kaṇṭha- Kehl kūpe lok m sg Grube kṣut=kṣudh- Hunger pipāsā- Durst nivṛttiḥ nom f sg das Aufhören, Verschwinden

kūrma-nāḍyāṃ sthairyam || 3.32 ||

[Durch Samyama] über die Schildkröten-Energiekanal (unterhalb der Kehlgrube), [entsteht] Ausdauer.

[über kūrma- Schildkröte nāḍyām lok f sg Energikanal sthairyam nom n sg Festigkeit, Ausdauer

mūrdha-jyotiṣi siddha-darśanam || 3.33 ||

[Durch Samyama] über das Licht im Stirnbereich [gelangt man zur] Wahrnehmung vollendeter Yogīs.

[über mūrdha- Stirn, Schädel jyotiṣi lok n sg Licht siddha- Vollendeter, Seliger darśanam nom n sg das Sehen, Schau, Anblick, Wahrnehmung

prātibhād vā sarvam || 3.34 ||

Oder alles durch Intuition.

prātibhāt abl n sg durch Intuition oder sarvam nom n sg alle, alles

hṛdaye citta-saṃvit || 3.35 ||

[Durch Samyama] über das Herz Verstehen des denkenden Geistes.

hṛdaye lok n sg über das Herz citta- denkender Geist saṃvit nom f sg Erkenntnis, Empfindung, Plan

sattva-puruṣayor atyantāsaṃkīrṇayoḥ pratyayāviśeṣo bhogaḥ parārthatvāt svārtha-saṃyamāt puruṣa-jñānam || 3.36 ||

Genuss-und Leid-Erfahrungen geschehen bei Gewissheit der Unterschiedslosigkeit von Sattva und Purusha, [obwohl] beide völlig unvermischt sind. Da [diese Erfahrungen] für etwas anderes da sind, [entsteht] durch Samyama über das was für sich selbst da ist, die Erkenntnis des Purushas.

Genuss-und-Leid-Erfahrungen dienen nicht sich selbst sondern dem Purusha. Sattva, die reflektierende Eigenschaft der Materie, herrscht vor in der Buddhi, der Einsicht des denkenden Geistes.

[von beiden sattva- Seinsheit, reinste materielle Eigenschaft puruṣayoḥ gen dual m und Purusha] [von den beiden atyānta- vollständig, übermäßig a-saṃ-kīrṇayoḥ gen dual m nicht verunreinigten, unvermischten] pratyaya- Gewissheit aviśeṣaḥ nom m sg kein Unterschied bhogaḥ nom m sg Erfahrung, Genuss parārthatvāt abl n sg weil um eines anderen willen geschehend svārtha- seiner selbst wegen saṃyamāt abl m sg durch Samyama, Sammlung puruṣa-jñānam nom n sg Erkenntnis des Purushas

tataḥ prātibha-śrāvaṇa-vedanādarśāsvāda-vārtā jāyante || 3.37 ||

Dann kommt es zu Aktivierungen von intuitivem Hören, Empfinden, Schauen und Geschmack.

tataḥ dann prātibha intuitiv, Intuition śrāvaṇa Hören vedanā Emfpindung ādarśa Abbild, Spiegel āsvāda Schmecken vārtāḥ nom m pl Aktivierungen (nicht im Wörterbuch gelistet, m.E. abgeleitet aus √vṛt sich drehen, passieren) jāyante 3p pl präs entstehen

te samādhāv upasargā vyutthāne siddhayaḥ || 3.38 ||

Diese sind im Samādhi Ablenkungen, richtet man sich nach außen, sind es paranormale Kräfte.

ta nom m pl diese samādhau lok sg m im, für Samādhi upasargāḥ nom m pl Ablenkungen, Neben-Entlassung vyutthāne lok n sg beim sich nach außen Richten siddhayaḥ nom f pl paranormale Kräfte

bandha-kāraṇa-śaithilyāt pracāra-saṃvedanāc ca cittasya para-śarīrāveśaḥ || 3.39 ||

Durch Lösung der Bindungsursache [an den eigenen physischen Körper] und Bewusstmachung des Austretens [aus dem physischen Körper entsteht die Fähigkeit zum] Eindringen des denkenden Geistes in andere Körper.

[durch bandha- Bindung kāraṇa- Ursache śaithilyāt abl n sg Lösung, Lockerung] [durch pracāra- Hinausgehen saṃvedanāt abl n sg Bewusstwerden] ca und cittasya gen n sg des denkenden Geistes para- fremd, andere śarīra- Körper āveśaḥ nom m sg Eintreten

udāna-jayāj jala-paṅka-kaṇṭakādiṣv asaṅga utkrāntiś ca || 3.40 ||

Durch Meisterschaft über den Udāna-Prāṇa [erlangt der Yogi] das Nichthaften an Wasser, Matsch, Dornen und dergleichen und das [willentliche] Aufsteigen [aus dieser Welt ins Jenseits].

[durch udāna- die sich von unten nach oben bewegende Lebenskraft im Körper jayāt abl m sg Sieg] jala- Wasser paṅka- Matsch kaṇṭaka- Dornen ādiṣu lok m pl und dergleichen asaṅgaḥ nom m sg das Nichthaften utkrāntiḥ das Hinaufschreiten

samāna-jayāj jvalanam || 3.41 ||

Durch Meisterschaft über den Samāna-Prāṇa entsteht Brenn- und Leuchtkraft.

[durch samāna- Lebenskraft, die in Magen und Darm das Verdauungsfeuer bewirkt jayāt abl m sg Sieg] jvalanam nom n sg in Flammen stehen

śrotrākāśayoḥ saṃbandha-saṃyamād divyaṃ śrotram || 3.42 ||

Durch Samyama über die Verbindung von Gehör und Luftraum [entsteht] himmlisches Gehör.

[von śrotra- Gehör ākāśayoḥ gen dual m und Raum saṃbandha- Verbindung saṃyamāt durch Samyama, Sammlung divyam- nom n sg himmlisch śrotram nom n sg Gehör

kāyākāśayoḥ saṃbandha-saṃyamāl laghu-tūla-samāpatteś cākāśa-gamanam || 3.43 ||

Durch Samyama über die Verbindung von Körper und Luftraum und die geistige Einswerdung mit einer leichten Baumwollrispe [entsteht die Fähigkeit] durch den Luftraum zu fliegen.

[von kāya- Körper ākāśayoḥ gen dual m und Raum] saṃbandha- Verbindung saṃyamāt abl sg m durch Samyama, Sammlung laghu- leicht tūla- Baumwollrispe samāpatteḥ abl f sg durch Zusammenfallen, durch Aufgehen des Subjekts im Objekt ca und ākāśa- Luftraum gamanam nom n sg Gehen, das sich Bewegen

bahir akalpitā vṛttir mahā-videhā tataḥ prakāśāvaraṇa-kṣayaḥ || 3.44 ||

Die außerhalb [des Körpers] nicht [nur] vorgestellte Gedankenwelle [ist] die „große Körperlosigkeit“. Dann nimmt die Verschleierung des Lichts ab.

bahiḥ außerhalb akalpitā nom f sg nicht nur vorgestellte vṛttiḥ nom f sg Gedankenwelle mahā- große videhā nom f sg Körperlosigkeit tataḥ dann prakāśa- Licht āvaraṇa- Verschleierung kṣayaḥ nom m sg Verminderung

sthūla-svarūpa-sūkṣmānvayārthavattva-saṃyamād bhūta-jayaḥ || 3.45 ||

Durch Samyama über grobstoffliche [Erscheinung], ursprüngliche Form, feinstoffliche [Essenz], logischen Zusammenhang und Wirkfaktor [entsteht] Meisterschaft über materielle Elemente.

sthūla- grobstofflich svarūpa- ursprüngliche Form, Eigennatur sūkṣma- feinstofflich anvaya- Verbindung, logischer Zusammenhang arthavattva- Bedeutsamkeit, Zweckmäßigkeit saṃyamāt abl m sg durch Samyama, Sammlung bhūta- gewordenes, stoffliches Element jayaḥ nom m sg Sieg

tato 'ṇimādi-prādurbhāvaḥ kāya-saṃpat tad-dharmānabhighātaś ca || 3.46 ||

Dann kommen Aṇima und weitere [paranormalen Kräfte] zum Vorschein sowie glückliche Beschaffenheit des Körpers und Nichthemmung durch dessen Eigenschaften.

tataḥ dann aṇimā- Fähigkeit, sich unendlich klein zu machen ādi- usw. prādurbhāvaḥ nom m sg das zum Vorschein Kommen kāya- Körper saṃpat nom f sg glückliche Beschaffenheit tat- dessen dharma- Eigenschaften an-abhi-ghātaḥ nom m sg Nichthemmung ca und

rūpa-lāvaṇya-bala-vajra-saṃhananatvāni kāya-saṃpat || 3.47 ||

Glückliche Beschaffenheit des Körpers [sind] schöne Gestalt, Anmut, Kraft und diamantene Festigkeit.

rūpa- äußere Erscheinung, Gestalt, schöne Gestalt lāvaṇya- Anmut bala- Kraft, Stärke, Gewalt vajra- Blitzstrahl, Diamant saṃhananatvāni nom n pl Festigkeit, fester, kräftiger Körperbau kāya- Körper saṃpat nom f sg glückliche Beschaffenheit

grahaṇa-svarūpāsmitānvayārthavattva-saṃyamād indriya-jayaḥ || 3.48 ||

Durch Samyama über Wahrnehmungsablauf, ursprüngliche Form, Ichhaftigkeit, logischen Zusammenhang und Wirkfaktor [entsteht] Sieg über die Sinne.

[durch grahaṇa- Sinnesorgan, das Ergreifen svarūpa- urspründliche Gestalt asmitā- Ichhaftigkeit anvaya- Verbindung, logischer Zusammenhang arthavattva- Bedeutsamkeit, Wirkfaktor saṃyamāt abl m sg Samyama indriya- Sinne, Sinnesverlangen jayaḥ nom m sg Sieg

tato mano-javitvaṃ vikaraṇa-bhāvaḥ pradhāna-jayaś ca || 3.49 ||

Dann [entstehen] Gedankenschnelligkeit, ein Lebensgefühl jenseits von [Wahrnehmungs- und Tätigkeits-]Organen, und Sieg über die Basismaterie.

tataḥ dann manaḥ- Gemüt, diskursives Denken javitvam nom n sg Schnelligkeit vikaraṇa- organlos bhāvaḥ nom m sg Daseins-Gefühl pradhāna- Urmaterie, Ausgangsmaterie, Grundmaterie, Basismatereie jayaḥ nom m sg Sieg ca und

sattva-puruṣānyatā-khyāti-mātrasya sarva-bhāvādhiṣṭhātṛtvaṃ sarva-jñātṛtvaṃ ca || 3.50 ||

Nur für den, der die Erkenntnis der Andersartigkeit von Sattva und Purusha hat, [entstehen] Oberaufsicht über alle Gemütszustände und Allwissentheit.

[für denjenigen sattva- reflektierende Eigenschaft puruṣa- eigentliches Wesen anyatā- Andersartigkeit khyāti- Erkenntnis, Einsicht mātrasya- gen m sg nichts als], nur sarva- all bhāva- das Werden, Art und Weise zu sein, Gemütszustand adhi-ṣṭhātṛ-tvam nom n sg Vorsteherschaft sarva- all jñātṛ-tvam nom n sg Erkennerschaft ca und

tad-vairāgyād api doṣa-bīja-kṣaye kaivalyam || 3.51 ||

Durch Leidenschaftslosigkeit sogar dem gegenüber, [entsteht] beim Verlust des Keims ungünstiger Eigenschaften, Kaivalya.

[durch tat- davon, dessen vairāgyāt abl n sg Leidenschaftslosigkeit, Abneigung api sogar, aber doṣa- schlechte schädliche Eigenschaft, Fehlerhaftigkeit bīja- Keim, Samen kṣaye lok m sg bei Schwund, Verlust kaivalyam Alleinheit

sthāny-upanimantraṇe saṅga-smayākaraṇaṃ punar-aniṣṭa-prasaṅgāt || 3.52 ||

Bei Einladung durch Hochgestellte [ist] das Unterlassen der Berührung mit staunendem Hochmut [geboten] wegen [der Gefahr von] erneutem Hängen an unerwünschten [Eigenschaften].

sthāni- eine hohe Stellung einnehmend upa-ni-mantrane lok n sg bei Einladung saṅga- Anhaftung, Berührung smaya- Staunen, Hochmut akaraṇam nom n sg das Unterlassen punar- wieder, erneut an-iṣṭa- unerwünscht pra-saṅgāt abl m sg durch Hängen an, sich Beschäftigen mit

kṣaṇa-tat-kramayoḥ saṃyamād vivekajaṃ jñānam || 3.53 ||

Durch Samyama auf den Moment und den ihm folgenden, [entsteht] aus Unterscheidung geborene Erkenntnis.

[über kṣaṇa- Augenblick tat- den kramayoḥ lok dual m und Schritt, Reihenfolge saṃyamāt durch Samyama viveka- Unterscheidungsfähigkeit -jam nom n sg geboren aus jñānam nom n sg Erkenntnis

jāti-lakṣaṇa-deśair anyatānavacchedāt tulyayos tataḥ pratipattiḥ || 3.54 ||

Dann [entsteht[ durch Samyama auf zwei gleiche [Dinge, die] durch Gattung, Charakter und Ortununterscheidbar sind, das Verständnis.

[durch jāti- Gattung lakṣaṇa Markmal, Charakter deśaiḥ inst m pl Ort] anyatā- anavacchedāt abl m sg Unbestimmtheit tulyayoḥ lok dual m auf zwei gleiche tataḥ dann pratipattiḥ nom f sg Erkenntnis

tārakaṃ sarva-viṣayaṃ sarvathā-viṣayam akramaṃ ceti vivekajaṃ jñānam || 3.55 ||

Die aus Unterscheidung entstandene Erkenntnis ist das Rettende auf jedem Gebiet und in jeglicher Weise, [und zwar] nicht schrittweise [sondern in einem Mal].

tāraka rettend sarva- alle, jede viṣayam Bereich, Gebiet sarvathā auf jeglicheWeise, vollständig akramam nom n sg nicht allmählich erfolgend, mit einem Mal erfolgend ca und iti also, steht am Ende einer Rede oder eines Gedankengangs viveka- Unterscheidungsfähigkeit jam nom n sg geboren aus, entstanden aus jñānam nom n sg ERkenntnis

sattva-puruṣayoḥ śuddhi-sāmye kaivalyam iti || 3.56 ||

Bei übereinstimmender Reinheit von Sattva [als reflektierendes Element in der Buddhi] und Purusha [entsteht] Kaivalya. Also ist es.

Das Wort "iti" am Ende des Satzes deutet eigentlich darauf hin, dass die Yoga-Sūtras hiermit abgeschlossen sind.

[bei sattva- Sattva, das reflektierende Element in der Buddhi puruṣayoḥ lok dual m und dem eigentlichen Wesen des Menschen] śuddhi- Reinheits sāmye lok m sg Gleichheit kaivalyam nom n sg Alleinheit, vollkommene Erlösung iti also, am Ende von Gesprochenem oder Gedachtem stehend, gesprochenes Ausführungszeichen

iti patañjali-viracite yoga-sūtre tṛtīyo vibhūti-pādaḥ

So [endet] im von Patañjali verfassten Yogaleitfaden das dritte, Machtenfaltung [genannte,] Viertel

चतुर्थः कैवल्यपादः

caturthaḥ kaivalya-pādaḥ

Viertes Viertel: Kaivalya

Dieses Kapitel ist eine Art Nachtrag und stammt wahrscheinlich von einem gelehrten Schüler oder Bewunderer Patañjalis, der es nach dessen Tod verfasste.

janmauṣadhi-mantra-tapaḥ-samādhijāḥ siddhayaḥ || 4.1 ||

Durch Geburt, Heilkräuter, Mantras, Erzeugen innerer Glut und Samādhi kommt es zu paranormalen Kräften.

Dieselbe Liste findet sich auch bei Vasubandhu.2 Sie gehört thematisch eigentlich in Kapitel 3, was ein Hinweis darauf ist, dass dieses Kapitel später hinzugefügt wurde.

janma- Geburt oṣadhi- Kraut, Planze, Heilkraut mantra- Mantras tapaḥ- Glut, Askeseübung samādhi- Extase jāḥ nom f pl entstanden aus siddhayaḥ nom f pl paranormale Kräfte

jāty-antara-pariṇāmaḥ prakṛtyāpūrāt || 4.2 ||

Entwicklung zu anderen Daseinsformen [entsteht] aus der Fülle der Natur.

jāti- Geburt, Daseinsform antara- andere pariṇamaḥ nom m sg Umwandlung, Entwicklung prakṛti- materielle Natur āpūrāt abl m sg aus der Fülle, Überfluss

nimittam aprayojakaṃ prakṛtīnāṃ varaṇa-bhedas tu tataḥ kṣetrikavat || 4.3 ||

Die auslösende Ursache der Naturerscheinungen ist nicht die schöpferische Ursache, sondern es ist das Durchstechen eines verhüllenden Damms an entsprechender Stelle, wie ein Bauer [sein Feld durch das Durchstechen eines Damms bewässert, statt Wasser zum Feld zu tragen].

nimittam nom n sg Veranlassung aprayojakam nom n sg nicht bewirkend prakṛtīnām gen f pl von den natürlichen varaṇa- Damm bhedaḥ nom m sg Durchbrechen tu jedoch tataḥ dann kṣetrika- Bauer, Landwirt -vat adv in der Art und Weise von

nirmāṇa-cittāny asmitā-mātrāt || 4.4 ||

Der geschaffenen denkenden Geistinstanzen [der multiplen Körper mit denen der Yogī gleichzeitig an verschiedenen Orten erscheint] bestehen aus bloßer Ichhaftigkeit.

nirmāṇa- Gebildet, Erschaffen cittāni nom n pl denkende Geister durch asmitā- Ichheit mātrāt abl n sg nur, allein

pravṛtti-bhede prayojakaṃ cittam ekam anekeṣām || 4.5 ||

Ein einzelner denkender Geist ist der Antreiber für die zahlreichen [anderen vom Yogī geschaffenen Wesen], die unterschiedliche Entfaltungen haben.

pravṛtti- Entstehung, Vonstattengehen, Hervortreten bhede lok m sg bei Verschiedenheit prayojakam nom n sg bewirkend, Urheber cittam nom n sg denkender Geist ekam nom n sg einer anekeṣām lok n pl unter zahlreichen

tatra dhyānajam anāśayam || 4.6 ||

Bei den aus Meditation entstandenen [Wesen, Kräften usw. gibt es] keinen Karmakontoeintrag.

Bezieht sich wohl auf 4.1 und besagt, dass es bei den anderen Ursachen paranormaler Kräfte, also Geburt, Heilkräuter, Mantras oder Tapas normale Karma-Konzequenzen gibt.

tatra dort dhyāna Meditation -jam nom n sg geboren aus an-āśayam nom n sg kein Karmakonto

karmāśuklākṛṣṇaṃ yoginas trividham itareṣām || 4.7 ||

Das Karma des Yogis ist weder günstig noch ungünstig, das von anderen [Menschen] ist von dreierlei Art (d.h. günstig, gemischt und ungünstig).

Der Yogī bewertet alles, was ihm zustößt, als Hilfe auf dem Weg zum Ziel, statt als günstiges oder ungünstiges Karma.

karma- Karma a-śukla nicht hell a-kṛṣṇam nom n sg nicht dunkel yoginaḥ gen m sg des Yogīs trividham nom n sg dreiartig itareṣām lok m pl in anderen

tatas tad-vipākānuguṇānām evābhivyaktir vāsanānām || 4.8 ||

Von diesen [dreierlei Karma-Arten] erfolgt entsprechend ihrer Reifung die Aktivierung schlummernder Denkgewohnheiten.

tataḥ dann tat- dessen vipāka- Reifung anuguṇānām gen der entsprechenden eva in der Tat abhi-vyaktiḥ nom f sg Offenbarwerdung vāsanānām nom f sg schlummernder Eindruck, Wunsch

jāti-deśa-kāla-vyavahitānām apy ānantaryaṃ smṛti-saṃskārayor eka-rūpatvāt || 4.9 ||

Auch wenn sie von Ursprung, Ort und Zeit getrennt sind, folgen Erinnerung und Denkgewohnheit unmittelbar aufeinander. weil sie eine gemeinsame Gestalt haben.

jāti- Geburt, Daseinsform deśa- Ort kāla- Zeitpunkt vyavahitānām gen pl für die unterbrochenen, getrennten api obwohl ānantaryam nom n sg unmittelbares Aufeinanderfolgen [für smṛti- Erinnerung saṃskārayoḥ gen dual m und Denkgewohnheit] ekarūpatvāt abl n sg durch eine Form

tāsām anāditvaṃ cāśiṣo nityatvāt || 4.10 ||

Von den [schlummernden Denkgewohnheiten] gibt es auch keinen Anfang, wegen der Ewigkeit des Wunsches [nach Leben].

tāsām gen f pl von ihnen anāditvam nom n sg Anfanglos ca und, auch, sogar āśiṣaḥ gen f sg des Wunsches nityatvāt wegen der Ewigkeit, abl n sg

hetu-phalāśrayālambanaiḥ saṃgṛhītatvād eṣām abhāve tad-abhāvaḥ || 4.11 ||

Wegen dem Zusammenwirken von Auslöser, Frucht, Subjekt und wahrgenommenem Objekt ist bei Abwesenheit einer dieser [Faktoren] die betreffende [Denkgewohnheit] abwesend.

[von hetu- Ursache phala- Frucht āśraya- Subjekt ālambanaiḥ inst n pl wahrgenommene Objekte saṃgṛhītatvāt abl n sg durch Zusammenfassung, ~wirkung eṣām gen m pl von denen abhāve lok m sg bei Abwesenheit tat- das abhāvaḥ nom m sg Abwesenheit

atītānāgataṃ sva-rūpato 'sty adhva-bhedād dharmāṇām || 4.12 ||

Vergangenes und Zukünftiges existieren in ihrer eigenen Form durch den Unterschied der Zeitabfolge ihrer Eigenschaften.

atīta- Vergangenes anāgatam nom n sg noch nicht gekommenes, Zukünftiges sva-rūpataḥ adv von Natur aus, von Haus aus, von selbst asti 3 sg präs es ist, existiert adhva- Weg, Reise, Entfernung, Zeit bhedāt abl m sg durch den Unterschied dharmāṇām gen m pl der Eigenschaften, der Art und Weise der Dinge

te vyakta-sūkṣmā guṇātmānaḥ || 4.13 ||

Diese [Eigenschaften] sind sichtbar entfaltet oder [nicht wahrnehmbar] subtil und die Guṇas sind ihr Wesen.

te nom m pl diese vyakta- sichtbar entfaltet sūkṣmāḥ subtil guṇa- Guṇa ātmānaḥ nom m pl aks Wesen habend

pariṇāmaikatvād vastu-tattvam || 4.14 ||

Wegen der Einheit hinter den Umwandlungen [besteht] die Realität von Gegenständen.

pariṇāma- Veränderungen, Umwandlungen ekatvāt abl n sg durch Einheit vastu- Gegenstand tattvam nom n sg Realität

vastu-sāmye citta-bhedāt tayor vibhaktaḥ panthāḥ || 4.15 ||

Wenn der gleiche Gegenstand durch den denkenden Geist verschiedener [Menschen wahrgenommen wird, müssen] bei beiden [d.h. Gegenstand und denkender Geist] verschiedene Vorgänge [vorliegen, d.h. der Gegenstand existiert unabhängig vom denkenden Geist].

vastu- Gegenstand sāmye lok n sg bei Gleichheit citta- denkender Geist bhedāt abl m sg durch den Unterschied tat nom n sg das vibhakta- Trennung panthāḥ nom m sg Weg, Weise

na caika-citta-tantraṃ vastu tad-apramāṇakaṃ tadā kiṃ syāt || 4.16 ||

Ein Gegenstand ist auch nicht von denkenden Geist eines einzelnen [Menschen] abhängig, was wäre sonst bei Nichtwahrnehmung dieses [Gegenstands]?

na nicht ca und, auch eka- ein, einzeln citta- denkender Geist tantram nom n sg Webstuhl, das sich hindurchziehende, das wovon etwas anderes abhängt vastu nom n sg Gegenstand tat- diesen a-pramaṇa-kam nom n sg nicht erfassen, nicht verstehen tadā dann, in dem Fall kim was syāt 3 sg opt wäre

tad-uparāgāpekṣatvāt cittasya vastu jñātājñātam || 4.17 ||

Durch die Färbung des denkenden Geistes bei Betrachtung [eines Gegenstands], wird vom ihm [dieser] Gegenstand erkannt oder nicht.

tat- durch das, von dem upa-rāga- Färbung, Einfluss apa-īkṣatvāt durch Betrachtung, Beachtung cittasya gen n sg des denkenden Geistes vastu nom n sg Gegenstand jñāta- erkannt ajñātam nom n sg nicht erkannt

sadā jñātāś citta-vṛttayas tat-prabhoḥ puruṣasyāpariṇāmitvāt || 4.18 ||

Gedankenwellen im denkenden Geist werden immer erkannt vom Gebieter des [denkenden Geistes], dem Purusha, da dieser ohne Veränderung ist.

sadā immer jñātāḥ nom f pl erkannt citta- denkender Geist vṛttayaḥ nom f pl Gedankenwellen tat- von dessen prabhoḥ gen m sg vom Herrn, Gebieter, der Macht hat über puruṣasya gen m sg des Purusha a-pari-ṇamitvāt abl n sg durch Veränderungslosigkeit

na tat svābhāsaṃ dṛśyatvāt || 4.19 ||

Er (d.h. der denkende Geist) ist nicht aus sich selbst bewusst, da er ein Objekt der Wahrnehmung [durch den Purusha] ist.

na nicht tat nom n sg er sva- selbst ābhāsam Leuchtend dṛśyatvāt abl n sg wegen Wahrnehmbarkeit

eka-samaye cobhayānavadhāraṇam || 4.20 ||

An ein und demselben Ort und Zeitpunkt [gibt es] auch keine klare Bestimmung von beidem, (d.h. dem durch den denkenden Geist wahrgehommenen Gegenstand und dem denkenden Geist selbst).

Der denkende Geist verändert sich durch Wahrnehmung, diese Veränderung benötig aber den Vergleich mit etwas Unveränderten um wahrgenommen zu werden.

eka- ein, einzig samaye lok m sg beim Ort, Gelegenheit, zur Zeit des Zusammentreffenans ca und, auch ubhaya- beide an-ava-dhāraṇam nom n sg keine genaue Bestimmung, Bestätigung, Bejahung

cittāntara-dṛśye buddhi-buddher atiprasaṅgaḥ smṛti-saṃkaraś ca || 4.21 ||

Wenn der denkende Geist von einem anderen wahrgenommen [würde], und Einsicht von Einsicht, [wäre] das endlose Regression und auch Erinnerungsvermischung.

Angenommen, die Veränderung im denkenden Geist würde von einem anderen Teil oder höherem Teil des denkenden Geistes wahrgenommen, dann würde dieser höhere Teil sich verändern und diese Veränderung müsste von einem noch höheren Teil wahrgenommen werden, und das wiederum von einem noch höheren, usw., was kein Ende hätte.

citta- denkender Geist antara- verschiedener dṛśye wenn sichtbar, wahrzunehmen buddhi- Einsicht buddheḥ abl f sg durch die Einsicht atiprasaṅgaḥ nom m sg endlose Regression smṛti- Erinnerung saṃkaraḥ nom m sg Vermischung ca und, auch

citer aprati-saṃkramāyās tad-ākārāpattau sva-buddhi-saṃvedanam || 4.22 ||

Für das reine unbewegte Bewusstsein [entsteht] bei Veränderung in der Gestalt des [denkenden Geistes] seine eigene Wahrnehmungsbewusstwerdung.

Der denkende Geist, Citta, reflektiert das reine Bewusstsein des Purusha, etwa wie der Mond im Wasser reflektiert wird. Gibt es Wellen im Wasser, sieht es aus als würde sich der Mond bewegen. Ebenso erscheint das Bewusstsein sich zu bewegen bei Gedankenwellen im Citta. Der Purusha betrachtet sich selbst im Spiegel des denkenden Geistes und glaubt, er bewege sich. Durch diese falsche Identifikation wird er sich der Erlebnisse des denkenden Geistes bewusst und hält sie für seine eigenen Erlebnisse.

citeḥ gen f sg des reinen Bewusstseins a-prati-saṃkramāyāḥ gen f sg des unbeeindruckten tat- dessen ākāra- Aussehen āpattau lok f sg bei Ereignis, Umwandlung sva- eigen, selbst buddhi- Einsicht, Verständnis, Wahrnehmung saṃvedanam nom n sg Erkennen, Bewusstwerden

draṣṭṛ-dṛśyoparaktaṃ cittaṃ sarvārtham || 4.23 ||

Der vom Wahrnehmer (d.h. dem Purusha) und dem Wahrgenommenen (d.h. der inneren und äußeren Welt) gefärbte denkende Geist nutzt allem.

draṣṭṛ- Seher, Wahrnehmer dṛśya- das zu Sehende, Wahrzunehmende uparaktam nom n sg gefärbte cittam nom n sg denkender Geist sarva- alles, jeder artham nom n sg Zweck, Nutzen

tad-asaṃkhyeya-vāsanā-citram api parārthaṃ saṃhatya-kāritvāt || 4.24 ||

Auch wenn er unzählige wunderbare schlafende Denkgewohnheiten [enthält], [existiert der denkende Geist] zum Nutzen anderer durch sein Zusammenwirken.

tat- dessen a-saṃ-khyeya- unzählbar, zahllos vāsanā- schlafende Denkgewohnheiten, Wünsche citram nom n sg allerlei, wunderbare api obwohl para- andere, Fremder artham nom n sg Zweck, Nutzen saṃ-hatya-kāritvāt wegen des Zusammenwirkens

viśeṣa-darśina ātma-bhāva-bhāvanā-vinivṛttiḥ || 4.25 ||

Bei dem, der den Unterschied erkennt, hört die ständige Beschäftigung mit der eigenen Geschichte auf.

viśeṣa- Unterschied darśinaḥ für den Einsicht habenden, Sehenden ātma-bhāva- das eigene Werden, die eigene Geschichte bhāvanā- Vergegenwärtigung, stetiges Denken an vinivṛttiḥ nom f sg das Aufhören, Unterbleiben

tadā viveka-nimnaṃ kaivalya-prāgbhāraṃ cittam || 4.26 ||

Dann ist der denkende Geist, der von Unterscheidung gekennzeichnet ist, nicht [mehr] fern von Kaivalya.

tadā dann viveka- Unterscheidungsfähigkeit nimnam Vertiefung kaivalya- All-Einheit prāg-bhāram nom n sg Neigung, Hang, nicht fern sein von cittam nom n sg denkender Geist

tac-chidreṣu pratyayāntarāṇi saṃskārebhyaḥ || 4.27 ||

Bei Unterbrechungen davon durch [alte] Denkgewohnheiten [kommt es zu] anderen Gewissheiten.

tat- das, dessen chidreṣu lok n pl bei Unterbrechungen pratyaya- Gewissheiten antarāni nom n pl andere saṃskārebhyaḥ abl m pl durch Denkgewohnheiten

hānam eṣāṃ kleśavad uktam || 4.28 ||

Deren Beseitigung [wird] wie die der Plagen [gehandhabt], wie besprochen.

hānam nom n sg das Verlassen, Aufgeben eṣām gen m pl dieser kleśa- Plagen -vat adv in der Art wie uktam ppp nom n sg gesagt, besprochen

prasaṃkhyāne 'py akusīdasya sarvathā viveka-khyāter dharma-meghaḥ samādhiḥ || 4.29 ||

Für den, der beim Zusammenzählen nicht nach Zinsen fragt und überall die Einsicht der Unterscheidung hat, [entsteht] die erfrischende Regenwolke spiritueller Tugend, Dharmamegha, die Samādhi ist.

"dharmamegha" ist ein buddhistischer Begriff, der u.a. in Milindapañha (12-16, gekürzt) erklärt wird: Wie Regen, der herumwirbelnden Staub zu Boden bringt, sollte der Yogī den Staub schlechter Gewohnheiten die in ihm aufkommen, zu Boden bringen. Das ist die erste Eigenschaft des Regens, die er haben sollte. Wie der Regen die Hitze des Bodens lindert, so sollte der Yogī die ganze Welt von Göttern und Menschen mit seiner Liebe besänftigen. Das ist die zweite Eigenschaft des Regens, die er haben sollte. Wie der Regen alle Arten von Pflanzen zum Wachsen bringt, so sollte der Yogī, vertrauensvollen Glauben in allen Geschöpfen zum Wachsen bringen. Das ist die dritte Eigenschaft des Regens, die er haben sollte. Wie die Regenwolke in der heißen Jahreszeit Gras, Bäume, Ranken, Büsche und Heilpflanzen Schutz bietet, so sollte der Yogī durch seine Aufmerksamkeit seinen Mönchsstatus schützen, denn in Aufmerksamkeit haben alle guten Eigenschaften ihre Wurzel. Dies ist die vierte Eigenschaft des Regens, die er haben sollte. Wie der Regen Flüsse und Seen, Bäche und Teiche, Wasserbehälter und Brunnen mit Wasser füllt, so sollte der Yogī, den Regen des Dharma wie überliefert verteilen und die Herzen derer, die nach Anleitung dürsten, zufriedenstellen. Das ist die fünfte Eigenschaft des Regens, die er haben sollte. 2

pra-saṃkhyāne lok n sg beim Zusammenzählen, Überlegen api sogar a-kusīdasya gen m sg für den der keine Zinsen nimmt, fordert sarvarthā überall viveka- Unterscheidungskraft khyāteḥ gen m sg für den Einsichtigen dharma- Tugend meghaḥ nom m sg Wolke samādhiḥ nom m sg Versenkung, Andacht

tataḥ kleśa-karma-nivṛttiḥ || 4.30 ||

Danach verschwinden Plagen und Karma.

tataḥ dann kleśa- Plagen karma- Karma nivṛttiḥ nom f sg Verschwinden, Aufhören

tadā sarvāvaraṇa-malāpetasya jñānasyānantyāj jñeyam alpam || 4.31 ||

Dann ist das, was [noch] erkannt werden muss, gering, wegen der Unendlichkeit der [bereits erlangten] Erkenntnis, von der jeder verhüllende Makel gewichen ist.

tadā dann sarva- alles, jedes āvaraṇa- verhüllend mala- Makel apa-itasya ppp gen m sg dessen, von dem weggegangen, gewichen ist jñānasya gen n sg von der Erkenntnis ānantyāt wegen, durch Unendlichkeit jñeyam nom n sg was erkannt werden muss alpam nom n sg klein, gering

tataḥ kṛtārthānāṃ pariṇāma-krama-parisamāptir guṇānām || 4.32 ||

Dann [sind] für Gunas, deren Zweck erreicht ist, die Entwicklungsschritte abgeschlossen.

tataḥ dann kṛtārthānām gen n pl für die ihren Zweck erreicht habenden pariṇāma- Umwandlung, Entwicklung krama- Schritte pari-sam-āptiḥ nom h sg Abschluss guṇānām gen n pl der Gunas, der Eigenschaften der materiellen Natur

kṣaṇa-pratiyogī pariṇāmāparānta-nirgrāhyaḥ kramaḥ || 4.33 ||

Der Verlauf [durch die Zeit] entspricht [einer Serie von] Momenten, die beim Abschluss der Entwicklung verständlich [werden].

kṣaṇa- Augenblick, Moment prati-yogī nom m sg Korrelation, Gegenüberstellung pariṇāma- Umwandlung, Entwicklung apara-anta Schluss, letzten Grenze nirgrāhyaḥ nom m sg herauszufinden, zu erkennen kramaḥ nom m sg Schritt, Verlauf

puruṣārtha-śūnyānāṃ guṇānāṃ pratiprasavaḥ kaivalyaṃ sva-rūpa-pratiṣṭhā vā citi-śaktir iti || 4.34 ||

Die Rückkehr der Guṇas, die keinen Nutzen mehr für den Purusha haben, zu ihrem Urzustand ist Kaivalya, oder in anderen Worten, es ist die in ihrem eigenen Wesen fest gegründete Bewusstseinskraft.

puruṣa- das eigentliche Wesen artha- Nutzen, Zweck śūnyānām gen n pl leer, nicht, Null guṇānām gen n pl für die Gunas, die Eigenschaften der Materie pratiprasavaḥ nom m sg Gegenbefehl, Rückkehr in den Urzustand kaivalyam nom n sg Alleinheit, vollkommene Erlösung svarūpa- die eigene Gestalt, die eigene Beschaffenheit pratiṣṭhā nom f sg das Feststehen, Beharren, Fundament, Heimat oder citi- reines Bewusstsein śaktiḥ nom f sg Kraft, Fähigkeit iti also

iti patañjali-viracite yoga-sūtre caturthaḥ kaivalya-pādaḥ

So [endet] im von Patañjali verfassten Yoga-Leitfaden das vierte, Kaivalya [genannte,] Viertel.

iti śrī-pātañjala-yoga-sūtrāṇi

Also [enden] die Yoga-Leitfäden nach Patañjali

    Referenzen

  1. Textgrundlage: Pātañjalayogaśāstra (Yogasūtra with Bhāṣya) transcribed by Philipp Maas from the Āgāśe 1904 Ānandāśrama edition. Published by SARIT: Search and Retrieval of Indic Texts, 2013-2016. Copyright Philipp Maas 2013. Refactored to follow example 3 of the SARIT guidelines by Dominik Wujastyk.
  2. Wujastyk, Dominik: Some Problematic Yoga Sūtra-s and Their Buddhist Background. In: Karl Baier/Philipp A. Maas/Karin Preisendanz (eds.), Yoga im Transformation. Vienna University Press 2018 V&R unipress Göttingen
  3. Anacker, Stefan: Seven Works of Vasubandhu, the Buddhist Psychological Doctor. Delhi, Motilal Banarsidass 2005
  4. Maas, Philipp A.: A Concise 'Historiography of Classical Yoga Philosophy in: Eli Franco (ed.). Periodization and Historiography of Indian Philosophy. Vienna: Sammlung de Nobili, Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien, 2013.
  5. Zum Vergleich hinzugezogen: Bryant, Edwin F.: The Yoga Sūtras of Patañjali. North Point Press 2009 New York